„Leben & lieben ohne Bevormundung!“

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Jahrelang konnten sie ihren „Marsch für das Leben“, der früher „Marsch der 1000 Kreuze“ hieß (jedes Kreuz ein „getötetes Kind“), unwidersprochen absolvieren. Jedes Jahr am vorletzten Samstag im September verkünden die so genannten „Lebensschützer“ auf Einladung des „Bundesverbandes Lebensrecht“ ihre frommen Wünsche: Ein „Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“, in dem Schwangere keine „Hilfe zum Töten“ mehr erhalten. Und wo wir schon beim Töten sind: Auch gegen die Sterbehilfe sind die „Lebensschützer“ kategorisch: „Jede Beihilfe zur Selbsttötung“ sei unter Strafe zu stellen, ausnahmslos. Und diesen Samstag ist es wieder soweit.

Doch seit 2012 hält ein breites Bündnis dagegen: von Terre des Femmes bis Pro Familia, vom Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF) bis zum Lesben- und Schwulenverband (LSVD), vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) bis zur Feministischen Partei. Ihr Motto in diesem Jahr: "Leben und lieben ohne Bevormundung“.

Das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ ruft zum bundesweiten Aktionstag gegen den „Marsch für das Leben“ auf. In Berlin startet die Demo um 12 Uhr Uhr mit einer Auftaktkundgebung vor dem Brandenburger Tor.

„Über das Jahr hinweg organisieren selbsternannte ‚Lebensschützer’ militante Aktionen wie ‚Gehsteigberatungen’ vor medizinischen Einrichtungen und schüchtern Frauen ein, die Hilfe suchen“, klagt das Bündnis. „Sie verbreiten Lügen über den Schwangerschaftsabbruch, biologische Fakten und die psychischen Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs. Sie üben – wie in Nordrhein-Westfalen – Druck auf Kliniken aus, so dass nach einer Vergewaltigung weder Untersuchungen noch ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden.“

Zehntausende tote Frauen - von Lebensschutz kann da nicht gesprochen werden

Das Bündnis beklagt auch, dass die Situation in anderen europäischen Ländern „noch weitaus repressiver“ ist als in Deutschland, beispielsweise in Polen oder Irland. „Restriktive Gesetze und die Illegalisierung sind eine direkte Gefahr für Leib und Leben der Betroffenen. Unter unsicheren Bedingungen durchgeführte Abbrüche bedrohen die Gesundheit der schwangeren Person – von Lebensschutz kann da nicht gesprochen werden.“

In der Tat: Jedes Jahr sterben zehntausende Frauen, weil sie keinen Zugang zu einem sicheren legalen Abbruch hatten. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Wer sind denn hier die Lebensschützer?

Start: Samstag, 16. September, 12 Uhr, am Brandenburger Tor, 14 Uhr Zwischenkundgebung am Pariser Platz, Abschlusskundgebung um 16 Uhr am Lustgarten. www.sexuelle-selbstbestimmung.de

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Polen: Save the Women!

Warschauer Pionierinnen des Frauenprotestes: Krystyna Kacpura, Kazia Szcuka und Agnieszka Graff.
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21. Januar. Auf der improvisierten Bühne in Washington steht Gloria Steinem, 82, mit Porschebrille und im Lederanzug vor über einer halben Million beim Women’s March. Sie ruft zum Widerstand gegen Trump auf und freut sich über die Frauensolidarität. Als ermutigendes Beispiel zitiert sie die Polinnen. Sie sagt: „Die Regierung wollte die Abtreibung ganz verbieten. Sechs Millionen Frauen haben dagegen protestiert – und sie mussten ihre Absicht zurücknehmen.“ Jubel auf der National Mall in Washington.

Jubel auch wenig zuvor auf dem Salzplatz in Warschau. Dort steht Marta Lempart auf der Bühne, eine junge Frau mit schwarzer Brille und in einer dicken Daunenjacke. „Seit einem Jahr demonstrieren wir gegen die PiS. Ein Jahr Opposition! Ein Jahr KOD (Anm. d. Red.: Komitee zur Verteidigung der Demokratie). Im Oktober haben wir mit den ‚Black Monday Protests’ unseren größten Erfolg erlebt. Vergesst das nicht. Vergesst die Frauenrechte nicht. Wir kämpfen weiter!“ Die Menge, eine kleine Menschentraube aus Frauen und Männern, die meisten um die fünfzig, die meisten Kinder der ehemaligen Volksrepublik Polen, jubelt. Marta Lempart ist zufrieden.

Lempart, die ein Bauunternehmen leitet, ist seit einigen Wochen zu einer kleinen Berühmtheit im oppositionellen Polen avanciert. Ihr ist zu verdanken, dass am 3. Oktober 2016 über 100.000 Frauen, und auch viele Männer, in 150 Städten Polens nicht zur Arbeit gingen, um mit dieser Arbeitsverweigerung gegen einen Gesetzesentwurf der PiS-Regierung zum totalen Abtreibungsverbot zu protestieren, erzählt sie, als wir uns am Vorabend in ihrer Wohnung am Stadtrand von Breslau treffen. Während ihre Lebensgefährtin uns Bier und Kekse serviert, eine weitere Frau Plakate für die kommenden Protestveranstaltungen rollt und zwei kleine Hunde sich um ihre Gunst streiten, erklärt Lempart, wie es dazu kam. Wie sie eines Nachmittags mit ihrer Freundin Nathalia dachte, man müsse es wie in Island 1975 machen: Einen landesweiten Frauenstreik organisieren, einfach nicht zur Arbeit gehen und stattdessen die Straßen der Städte blockieren. Betonung auf: landesweit. Wie sie sodann eine Facebook-Seite initiierten und es abging wie ein Lauffeuer.

„Das Erstaunliche“, sagt Marta, „war, dass viele Arbeitgeber den Frauen von sich aus frei gegeben haben. In vielen Cafés und Läden wurden die Schichten getauscht, sodass an den Streiktagen nur Männer arbeiteten und die Frauen auf die Straße gehen konnten. Eine solche Art der Solidarität hatten wir lange nicht gesehen.“ Zumal die Faustregel von „Polen A“ (das westliche, reichere, besser ausgebildete) und „Polen B“ (das süd-östliche, ärmere, reaktionäre) hier nicht zum Tragen kam. Alle machten mit, auch kleinere Orte im traditionell konservativen Süden.

Trotzdem – und hier tritt schon nach wenigen Minuten der interne Bruch dieser Bewegung zu Tage – dürfe man nicht glauben, was „die Feministinnen in Warschau“ behaupten, nämlich, dass alle Teilnehmerinnen dieser Protestmärsche „pro-choice“, also für das Recht auf Abtreibung seien. Im Gegenteil! Lempart hält diesen Ansatz für gefährlich, denkt, die Big-City-Girls, die Hardcore-Feministinnen würden damit die Frauen der kleinen Städte verschrecken: „Denn Polen ist ein sehr traditionalistisches Land. Die meisten Frauen wollen, dass die Dinge bleiben, wie sie sind, sie wollen keine radikale Veränderung. Sie sind für den so genannten ‚Kompromiss‘.“

Wie die Dinge sind, was der „Kompromiss“ bedeutet, hatten mir ein paar Tage zuvor jene Big-City-Girls erläutert, die Lempart so misstrauisch beäugt und die wiederum Lempart misstrauisch beäugen. „Am Ende haben wir diese Massendemonstrationen weder mir, noch Lempart, noch einer anderen zu verdanken, sondern Kaczyński“, sagt Barbara Nowacka, Vorsitzende der linksliberalen Twoj Ruch-Partei und Frauenrechtlerin, an einem kalten Morgen in ihrem Büro am Polnisch-Japanischen Institut für Technologie in Warschau.

Jarosław Kaczyński, Anführer der rechtskonservativen PiS-Partei, die seit 2015 das Land regiert, war mit dem Vorschlag eines kompletten Verbots der Abtreibung einen fatalen Schritt zu weit gegangen. Zumal der Gesetzesentwurf auch noch vorsah, dass alle Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden, unter Verdacht stehen und einer Untersuchung unterzogen würden. „Das wäre wie in Salvador, nur dass wir statt 20 nur drei Jahre weggesperrt würden“, kommentiert Nowacka und fügt bitter hinzu, „Es ist schön, in einem so zivilisierten Land zu leben.“

Im September trug Nowacka vor dem Parlament den Gesetzesvorschlag einer von ihr gegründeten Bürgerinitiative, die „Save the Women“-Petition vor. Die wurde umgehend abgelehnt. Ihr Antrag sah unter anderem die Lockerung des extrem rigiden Abtreibungsgesetzes, Kostenübernahme von Verhütungsmitteln und bessere Sexualerziehung vor. Sie hatten über 100.000 Unterschriften gesammelt. „Im ganzen Land“, betont Nowacka. „Es war nicht schlau von ihnen, es so schnell abzuschmettern. Das hat die Frauen aufgebracht, die sich durch unsere Initiative mit dem Thema beschäftigt hatten.“

Hier sollte jener „Kompromiss“ erklärt werden, von dem in Polen seit Oktober so viel die Rede ist. Vor 1993, unter den Kommunisten, galt die Fristenlösung, also das Recht auf Abtreibung in den ersten drei Monaten. Seit 1993 ist die Abtreibung in Polen nur noch in folgenden drei Fällen legal: bei Vergewaltigung, lebensbedrohlicher Gesundheitsgefährdung der Schwangeren, bei schwerer Missbildung des Fötus. So die Theorie dieses Kompromisses, der Anfang der neunziger Jahre zwischen der jungen postkommunistischen Regierung und der wiedererstarkten katholischen Kirche geplant wurde. In der Praxis, so versichert Krystyna Kacpura, Vorsitzende der Warschauer Federation for Women and Family Planning, sei die legale Abtreibung in Polen allerdings selbst in solchen Extremfällen quasi unmöglich. Grund: die so genannte „Gewissensklausel“. Sie ermöglicht es jedem Arzt, seiner Patientin eine Abtreibung zu verweigern, selbst wenn sie legal wäre – weil es, so wäre die Begründung, mit seinem Gewissen, seiner Religion, seiner Moral, nicht vereinbar sei.

„Die Ärzte“, erklärt Kacpura, die pro Woche mehrere solcher Fälle bearbeitet, „greifen immer mehr darauf zurück. Weniger aus Gewissensgründen, sondern eher aus Angst vor der Stigmatisierung. Noch schlimmer ist aber, dass sie ihre Diagnosen oft so lange hinausziehen, dass eine legale Abtreibung nicht mehr möglich ist, selbst wenn es notwendig wäre.“

Die Familienplanerin erzählt von einem jüngsten Beispiel: Ein junges Mädchen, 22, ist schwanger. Sie ist hochdepressiv, nimmt Psychopharmaka, ist in psychiatrischer Behandlung, hat mehrere Suizidversuche hinter sich. Ihr Psychiater hat einen Brief geschrieben und doch will man ihr keine legale Abtreibung gewähren. „Es müsste heißen: Sie stirbt daran, vielleicht würden sie es dann machen“, sagt Kacpura. Einer anderen Frau, die sich das Kind eigentlich wünschte, sagte man nach einer Untersuchung: „Sein Gehirn ist nur zur Hälfte ausgebildet aber, hey, er hat zwei Arme, zwei Beine, er ist so gut wie gesund!“

Für Krystyna Kacpura ist so etwas psychologische Misshandlung: „Man drängt die Frauen dazu, entweder um jeden Preis auszutragen oder aber ein Kind zu bekommen, das nicht lebensfähig ist. Die Situation ist schon schwer genug und dann geht man so mit ihr um. Das ist gegen die Menschenwürde.“ Insgesamt sei die Würde des ungeborenen Kindes in Polen schon lange mehr wert als die der Frau, in Schulen zeige man den Kindern Filme wie „The Silent Cry“, in denen man kleinen Mädchen eintrichtert, Abtreibung sei Mord.

Deshalb würden die meisten ungewollt Schwangeren gar nicht erst versuchen, eine legale Abtreibung zu bekommen, sondern direkt in den Untergrund gehen (in Zeitungen findet man recht einfach Annoncen à la „Gynäkologe. Bringt ihre Periode zurück“) oder ins Ausland, nach Deutschland, Slowenien, Österreich. 2015 fanden in Polen rund 2.000 legale Abtreibungen und zirka 150.000 im Rahmen des „Abtreibungstourismus“ statt. Kacpura lacht: „Es ist schon absurd. Im Kommunismus war die Abtreibung lange vor allen anderen legal, viele Europäerinnen, die Französinnen, Deutschen, kamen zu uns. Jetzt kommen wir zu euch.“

Agnieszka Graff ist es gar nicht zum Lachen. Sie sitzt an einem sonnigen Mittag, zwei Tage später, in einem holzvertäfelten Restaurant im „französischen Viertel“ von Warschau und wirkt eher ernüchtert, als vom Erfolg der massiven Frauenmärsche beflügelt: „Vielleicht bin ich eine muffige alte Veteranin, aber ich glaube, die Bewegung hat ihre besten Tage gerade hinter sich.“ Graff, Genderforscherin und Literaturprofessorin an der Warschauer Universität ist tatsächlich eine Veteranin. Sie war bereits in den neunziger Jahren Teil der Manifa, einer Gruppe junger Akademikerinnen, die ihren Unwillen gegen das Patriarchat durch Performances kundtat. Sie gehört zum Congress of Women, während der Streiks las sie aus ihren feministischen Büchern vor.

Natürlich findet auch sie die Streiks unglaublich, seit den Achtzigern hat es keine solche Solidaritätsbewegung mehr gegeben. Allerdings sieht die Akademikerin die Dinge ähnlich wie die Bauunternehmerin: „Die meisten Frauen sind nicht pro-choice. Das ist das dunkle Geheimnis der Bewegung. Wir versuchen ein pro-choice-movement in einem anti-choice-Land zu schaffen.“ Für sie liegt das Problem in der katholischen Kirche. Keiner möchte sich ihr widersetzen, ihre Macht, auch ihre politische, sei immens und unangefochten. Sie sei wie der Patriarch in einer traditionellen Familie: Vielleicht sind nicht alle einverstanden, aber man tut, was der Chef befielt, und hält seinen Mund.

„Die Leute in Polen sind ge-brain­washed. Stell dir vor: In der Grundschule hat man mehr Religionsunterricht als Biologie und Physik zusammen“, sagt sie. Überhaupt, und das sei sehr bedenklich, spiele sich hier an der Frage der Frauenrechte etwas viel Größeres ab. Es sei das Schlachtschwert eines neuen – von Russland und den USA beförderten – Reaktionismus, der im Kampf gegen die Geschlechtergleichheit seinen gemeinsamen Nenner findet: „Diese Fanatiker, und davon gibt es immer mehr, überall, nicht nur in Polen, für die sind wir Mörderinnen. Es heißt schon lange, wir Frauenrecht­lerinnen seien schlimmer als die Nazis, und Abtreibung sei schlimmer als der Holocaust. Jetzt haben wir erst verstanden, dass sie das verdammt ernst meinen.“ Graff ist tief besorgt. Während wir uns ein Tiramisu teilen, tippt sie lachend in ihr Telefon: „Willst du Kazia Szczuka treffen? Sie ist eine Star-Feministin!“

Wir verabreden uns zum Frühstück. Als Kazia Szczuka ankommt, eine halbe Stunde zu spät, wirkt sie erschöpft. Ihre Mütze hängt ihr im Gesicht, ihre Jacke ist um sie gerollt wie eine Decke, sie bohrt ihre Hände verschlafen in wollene Pulswärmer. Sie habe eine schlimme Nacht hinter sich, sagt Kazia, und beginnt dann doch sehr lebhaft zu erzählen. Von der Tradition des Leidens der polnischen Frau, der „Mutter Polen“, der „Matka Polska“. Darüber hat sie ihre Doktorarbeit geschrieben, bevor sie als Literaturkritikerin ins Fernsehen ging. Deswegen auch der Star: Man kennt ­Szczuka als „Bitch“ aus der polnischen Version von „The Weakest Link“, viele halten sie deshalb für eine Furie. „Die Leute hassen mich aus zwei Gründen: weil ich Feministin bin und weil ich Jüdin bin. Aber am meisten, weil ich Feministin bin“, sagt sie und lächelt müde.

Szczuka war gemeinsam mit Nowacka für die „Save the Women“-Petition verantwortlich. Anders als ihre Freundin Graff ist sie sehr optimistisch: „Auch wenn es in Polen quasi historisch zur Tradition gehört, dass eine Frau leidet, sich aufopfert, wurde durch diese große Bewegung doch ein gewisses Bewusstsein geweckt. Die Frauen haben verstanden, dass ihre Grundrechte, ihre elementare Freiheit in diesem Land mit Füßen getreten wird. Das hatten sie bisher übersehen. Ich denke, die Bereitschaft zu kämpfen, wächst.“ Szczukas nächster Kampf findet nicht in Polen, sondern auf EU-Ebene statt. Gemeinsam mit Nowacka und Kacpura arbeitet sie an einem Bürgervorschlag, der die Reproduktiven Rechte im EU-Recht verankern möchte: „Eine sehr komplizierte Angelegenheit, bisher ist jedes Land für diese Fragen selbst verantwortlich. Dabei geht es hier doch um Grundrechte.“

Der Weg dorthin könnte lang und beschwerlich sein, doch zumindest auf nationaler Ebene haben sie einen großen Sieg zu verbuchen: Am 6. Oktober 2016, drei Tage nach dem Streik, wurde der Gesetzesentwurf von der Regierung (in Einverständnis mit der Kirche) fallen gelassen. Anfang Januar wurden „Die Polinnen“, angeführt von Nowacka, in Paris mit dem „Simone de Beauvoir Preis“ ausgezeichnet. Denn, wie de Beauvoir schon zu ihrer Zeit sagte: „Es genügt eine kleine Krise, eine politische Veränderung, um die Frauenrechte in Frage zu stellen.“ Die Polinnen wissen das schon lange. Sie wollen es sich nicht länger gefallen lassen.

Annabelle Hirsch

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