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Die unsichtbaren Frauen

Männer sind die Norm. Caroline Criado-Perez macht mit ihrem Buch die Folgen für Frauen sichtbar. - btb Verlag/Random House
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Corona ließ tief blicken. Vieles muss in der Krise neu justiert werden. Atemschutzmasken zum Beispiel. Denn die sind für ein männliches Gesicht entworfen, auf Frauengesichtern halten sie nicht so gut. Die Frauen haben kleinere Nasen und zierlichere Wangenknochen. Zu blöd für die Millionen von Frauen, die sie gerade brauchen, um „den Laden am Laufen zu halten“.

Blöd, das ist so einiges. Zum Beispiel, dass Frauen nicht nur kleine Nasen, sondern auch größere Brüste haben und der Anschnallgurt im Auto weniger gut sitzt; dass die durchschnittliche Temperatur am Arbeitsplatz für Frauen um fünf Grad zu kalt ist; dass die Tasten vom Smartphone für die männliche Handspannbreite ausgelegt sind. Oder auch, dass Spracherkennungssysteme mit 70 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit männliche Stimmen richtig verarbeiten und Millionen von Autos nicht auf ihre Besitzerinnen hören. Dass öffentliche Freizeitangebote für „Jugendliche“ weltweit hauptsächlich aus Skateboardfahren, Kletterabenteuern und Graffitisprayen bestehen, was aber nur zehn Prozent aller Mädchen nutzen. „Die männliche Norm ist so tief verwurzelt, dass wir oft gar nicht merken, wie stark sie unseren Alltag und unser Denken prägt“, sagt die Britin Caroline Criado-Perez, Autorin eines Buches über „Unsichtbare Frauen“. Ihre zentrale These: Männer sind die Norm, Frauen sind die Abweichung.

Der Gedanke ist nicht neu, er spiegelt sich schon in Simone de Beauvoirs Titel vom „Anderen Geschlecht“, in dessen Relation die Männer die Einen sind, also die Norm. Aber die Journalistin belegt diese feministische Urthese mit einer überwältigenden und oft überraschenden Fülle von konkreten Beispielen aus unserem Alltag. Es gibt DIE Fußballnationalmannschaft, und dann gibt es noch die Frauen-Fußballnationalmannschaft. Für die Präsenz von Frauen müssen sie also neben dem Eigentlichen extra benannt werden.

Criado-Perez hat dieses Verschwinden der Frauen, ihre Benachteiligung auf der Basis von Daten, Statistiken und menschlichen Erfahrungen drei Jahre lang gründlich erforscht. Sie beweist auf 400 Seiten, wie Frauen im Alltagsleben, in der Arbeitswelt, in der Medizin, im öffentlichen Leben, in Kunst und Design, ja selbst bei Katastrophen systematisch unbeachtet bleiben, ausgeklammert werden.

Der „Gender-Data-Gap“ ist riesig. Entweder werden Daten von Frauen gar nicht erst erhoben, oder es wird einfach nicht nach Geschlecht unterschieden, obwohl der Unterschied gewaltig zum Tragen kommt. Diese Ignoranz des „kleinen Unterschieds“ ist oft nicht nur ärgerlich, sie kann sogar tödlich sein. Zum Beispiel, wenn Medikamente die Gesundheit von Frauen gefährden oder sie sogar umbringen, weil sie nur an männlichen Probanden getestet wurden (die werden schließlich nicht schwanger und versauen die Versuchsreihe). Oder weil Autos für den durchschnittlichen männlichen Körper entworfen werden: Deshalb haben Frauen eine 47 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit bei einem Autounfall zu sterben. Autositze katapultieren Frauen schneller nach vorn, weil Rückenlehnen den meist leichteren weiblichen Körpern nicht nachgeben. Fehldiagnosen nach einem Herzinfarkt sind bei Frauen um 50 Prozent wahrscheinlicher als bei Männern, weil sie andere Symptome entwickeln. Oder zwei Bereiche, in denen auch EMMA seit Jahrzehnten um Sichtbarkeit kämpft: die Wahlstatistiken und Hassmorde gegen Frauen. Obwohl Frauen über Jahrzehnte anders gewählt haben als Männer – letztere zum Beispiel doppelt bis dreimal so häufig Rechts – hat man zwar immer wieder den Wahlmotiven vieler Bevölkerungsgruppen nachgespürt (Städtern und Landbevölkerung, Alten und Jungen, Armen und Reichen), aber fast nie den Wahlmotiven der Frauen.

So konnten ihre Entscheidungen auch nicht zum Thema werden, geschweige denn zum Machtfaktor. Oder die Anzahl der Hassmorde gegen Frauen. Seit der Wiedervereinigung sind 122 Menschen Opfer rechter Gewalt geworden. Mindestens die gleiche Zahl Frauen wird aber JEDES Jahr Opfer von tödlicher Beziehungsgewalt.

Zurecht gibt es Proteste und Demonstrationen gegen den Fremdenhass. Aber der Frauenhass? Den machte erst 2019 endlich eine breitere Bewegung von Frauen endlich öffentlich sichtbar: #MeToo. Das sei alles keine böse Absicht, erläutert Criado-Perez, sondern das Ergebnis eines Frauen- Nicht-Mitdenkens, das schon ewig vorherrsche: „Schon im Geschichtsunterricht bringen wir Kindern fast nichts über das Leben von Frauen bei. Wenn Kinder einen Wissenschaftler malen sollen, malen 72 Prozent einen Mann. Frauen sind unsichtbar – außer, wenn es um Prostitution und Care-Arbeit geht.“ „Warum kann eine Frau eigentlich nicht etwas mehr so sein wie ein Mann?“, beschwert sich Henry Higgins in dem Musical „My fair Lady“ von 1956. Er kommandiert die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle herum und will sie nach seinem Bild einer Lady formen, bis sie sich endlich wehrt. Der „Higgins-Effekt“ tritt für Criado-Perez immer dann ein, wenn Frauen sich einer Welt anpassen sollen, die voll und ganz auf Männer ausgerichtet ist. „Das, was wir Kultur nennen, entsteht aus marginalen Momenten, aus unwichtigen Dingen, die sich zusammenfügen“, sagt sie.

Ihr Ziel: Umdenken und Frauen sichtbar machen. Vor sieben Jahren hatte die Feministin das schon einmal geschafft: Mittels einer regelrechten Kampagne hat sie durchgesetzt, dass Jane Austen auf den britischen Zehn-PfundNoten abgedruckt wurde – als einzige Frau (neben der Queen) im gesamten Geldscheinsortiment. Die größte englische Schriftstellerin wurde endlich für alle sichtbar. Und Criado-Perez war es auch, die dafür gesorgt hat, dass auf dem Parliament Square nicht mehr nur ausschließlich männliche Statuen stehen. Über das erste Buch von Criado-Perez, „Do it like a woman“, schrieb der Guardian 2015: „Alle jungen Mädchen und Frauen sollten ein Exemplar besitzen.“ Das gilt auch für ihre „Unsichtbaren Frauen“. Die sind nicht nur ein gewaltiger Augenöffner, sondern auch ein Plädoyer für einen Systemwandel. Criado-Perez zeigt, dass Frauen nicht mehr vergessen werden können, wenn sie sichtbar gemacht werden. Dieses Buch ist systemrelevant.  

Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Ü: Stephanie Singh (btb, 15 €)

 

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