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Was ist ein Frauenleben wert?

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Gebärmutterhalskrebs entwickelt sich meist unbemerkt und wird oft nur zufällig bei einer Untersuchung zur Krebsfrüherkennung erkannt. Jährlich erkranken bis zu 5.000 Frauen an dieser – unbehandelt – tödlichen Krankheit. Die Einführung des PAP-Tests (Papanicolaou-Test, eine mikroskopische Untersuchung in einem Zellabstrich vom Gebärmutterhals) hat wesentlich dazu beigetragen, die Heilungschancen zu verbessern. Neuerdings gibt es in der Krebsfrüherkennung aber ein Zwei-Klassen-System. Warum Frauen um einen jährlichen PAP-Test kämpfen sollten, erklärt Dr. Doris Scharrel, die Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte Schleswig-Holstein.

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Frau Dr. Scharrel, was ist neu in der Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung?
Für Frauen zwischen 20 und 34 ändert sich nichts. Die Kassen zahlen weiterhin jährlich den PAP-Test. Für Frauen ab 35 Jahren wird aber nur noch alle drei Jahre ein neuer Kombi-Test bezahlt. Wer trotzdem einen jährlichen PAP-Test will, zahlt 60 Euro selbst. Und dabei sind gerade diese Frauen in der größeren Risikogruppe für Gebärmutterhalskrebs.

Was ist das Problem?
Der längere Kontroll-Zeitraum ist fatal. Das vermittelt Frauen, dass Krebsfrüherkennung nicht so wichtig sei. Und: Wie oft wird bei so langen Zeitabständen ein Termin vergessen oder findet ein Arztwechsel statt? Besonders jetzt in Corona-Zeiten. Außerdem geht es hier um das Recht auf Krebsfrüherkennung. Jede Frau hat jedes Jahr Anspruch darauf, aber die Leistungen sind eingeschränkt worden.

Und was halten Sie vom neuen Kombi-Test?
Beim Kombi-Test wird die DNA auf Spuren von Humanen Papillomviren untersucht, das ist sehr gründlich. Werden bestimmte HP-Virentypen nachgewiesen, ist erhöhte Wachsamkeit geboten.

Aber das reicht nicht?
Nein, die engmaschige Kontrolle ist viel sinnvoller. Außerdem gibt es Schlupflöcher für die Krankenkassen. Es fängt schon bei den Frauen an, die keine Gebärmutter mehr haben. Die Krankenkassen zahlen den Abstrich und die Zelluntersuchung dann nicht mehr – kein Gebärmutterhals, kein Screening auf Gebärmutterhalskrebs. Diese Frauen können aber sehr wohl an Krebs erkranken, zum Beispiel am Scheidengrund.

Und wie läuft es in der Praxis?
Wenn eine Frau zu mir in die Praxis kommt, dann finde ich es nicht in Ordnung zu sagen: Kommen Sie in drei Jahren wieder oder zahlen Sie die Tests, die jetzt notwendig sind, doch selbst.

Welche Probleme gibt es noch?
Ein großes Problem ist auch die Abklärungskolposkopie (Anmerk. d. Red.: eine mikroskopische Untersuchung des Muttermundes) nach einem auffälligen Abstrich-Befund. Diese Untersuchung dürfen jetzt nur noch SpezialistInnen mit einer persönlichen Qualifikation und speziellen Geräten machen. Es ist zurzeit nicht bekannt, wie viele GynäkologInnen in Deutschland überhaupt diese Befähigung haben. Aber wir können schon sagen, wie viele Abklärungskolposkopien pro Jahr auflaufen werden: 220.000.

Was muss also passieren?
Natürlich versuchen wir vom Berufsverband der Frauenärzte politisch einzuwirken. Es sind aber vor allem die Frauen selbst, die sich wehren müssen. Zur Krebsfrüherkennung gehören die Tast-Untersuchung, die Beratung, die Abstriche, etc. Außerdem haben Frauen, die mit Pille etc. verhüten, das Recht auf einen zytologischen Abstrich einmal im Jahr. Das gleiche gilt für Frauen mit Kinderwunsch. Hier sind die Abstriche zwar im Leistungskatalog, Frauen müssen es aber einfordern. Wir Frauenärzte sind empört über diese Ungleichbehandlung!

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