Sex: Ist der Orgasmus überflüssig?

Abbildung der Serie "Last Supper" von Annique Delphine.
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Die explosive Entladung neuromuskulärer Spannung und der Höhepunkt der sexuellen Reaktion, ­klonische Kontraktionen der Hüft- und Unterleibsmuskulatur initiiert durch einen Reflex aus der Wirbelsäule“ ist „eine Kombination von Wellen großen Lustgefühls und ansteigender Anspannung, die in einem fantastischen Gefühl und körperlicher Entspannung gipfeln“. Das ist der weibliche Orgasmus, wie ihn Wissenschaftler beschreiben.

Es hängt nicht von der Penislänge ab ...

Ein krampfartiges Muskelspiel, das als mitreißend empfunden wird und sodann entspannend wirkt – so weit herrscht Einigkeit. Dann aber wird es bereits kompliziert. Welche Muskeln sind beteiligt? Welche Hormone haben welche Wirkung? Wie genau und warum die Frau kommt, ist eines der großen Mysterien der Menschheit. Darüber, wie der Orgasmus verläuft, gibt es mehr als zwanzig wissenschaftliche Theorien, die ernst genommen werden. Es kursieren Geschichten über G-Punkte, U-Punkte und A-Punkte, multiple Orgasmen und weibliches Ejakulat.

In Hollywood-Filmen wird die Schöne einfach mal schnell im Stehen gegen die Wand gehämmert und kommt doch immer spektakulär und lautstark ins Ziel. Was ist Wahrheit und was ist Fiktion?

Laut einer Studie der Berliner Charité täuschen 90 Prozent manchmal oder oft den Orgasmus vor. In einer Gesellschaft, in der Frauen viel weniger und weniger detailliert über Sex sprechen, wie TV-­Serien es nahelegen, und in der die allermeisten Frauen dem Mann nach wie vor im Bett einfach den Höhepunkt vortäuschen – ist die Frage nicht so leicht zu beantworten.

Die Wissenschaft zeichnet jedenfalls ein leiseres Bild vom Orgasmus der Frau, als die Pornoindustrie dies tut. Und gemäß Statistiken ist der weibliche Orgasmus ­allein durch Penetration die Ausnahme, nicht die Regel. Nur 24 Prozent der Frauen können laut eigenen Angaben ohne direkte Stimulation der Klitoris regelmäßig zum Orgasmus kommen, die Mehrheit von 76 Prozent braucht jedoch zusätzliche Streicheleinheiten per Hand, oral oder mittels einem ­Gegenstand.

Bereits Kleopatra soll die segensreiche Wirkung eines Vibrators gekannt haben. Neben aus Marmor gefertigten Dildos benutzte sie angeblich auch eine Papyrustüte gefüllt mit Bienen zur Erregung ihrer Klitoris.

Der Grund dafür, dass die reine Pene­tration bei den meisten Frauen nicht zum Orgasmus führen kann, hängt weder von der Penislänge noch von der Stellung oder der Ausdauer des Mannes ab. Es geht um schlichte Anatomie: Normalerweise liegt die Klitoris einfach zu weit von der Vagina entfernt. Und ob es neben dem klitoralen auch einen vaginalen ­Orgasmus gibt, ist bis heute wissenschaftlich sehr fraglich. Eventuell wird auch der Orgasmus bei der Penetration durch Nervenenden der Klitoris hervorgerufen, die bei wenigen Frauen in die Vagina hineinreichen. Im Endeffekt ist also auch der vaginale Orgasmus eher ein klitoraler.

Und von der Stellung beim Sex auch nicht.

Fakt ist: Der Orgasmus der heutigen Frau hat biologisch betrachtet keine zwingende Notwendigkeit. Eine Frau wird auch ohne ihn schwanger. Beim Mann ist der Orgasmus eine Art Fortpflanzungs­animateur und direkt mit der Reproduktion verbunden: Er soll den Mann dazu bewegen, häufig seinen Samen zu ergießen. Weil es so viel Spaß macht. Was ein Argument ist.

Der Eisprung der Frau hingegen ist keine große Party. Mit dem monatlichen Fruchtbarkeitszyklus verbinden viele Frauen allgemein eher Blut, mäßige Laune und Schmerzen.

Dass das womöglich einmal anders war, legt eine evolutionsbiologische Theorie nahe, die 2016 in der Fachzeitschrift Journal of Experimental Zoology veröffentlicht wurde. Eine Forschungseinheit der amerikanischen Eliteuniversität Yale und des Cincinnati Children’s Hospital kommt zu dem Ergebnis, dass der weib­liche Orgasmus bei den evolutionären Vorgängern des Menschen vor 150 Millionen Jahren den Eisprung ausgelöst hat. Das heißt: Die damaligen Säugetier-Weibchen hatten beim Sex mit dem Männchen einen Orgasmus und anschließend gleich den Eisprung – durch die praktische Verknüpfung konnten sie gleich schwanger werden. Bei Katzen läuft das heute noch so ab.

Vor 75 Millionen Jahren soll es dann in einer Art frühem evolutionsbiolo­gischem Emanzipationsprozess zur zyklischen Unabhängigkeitserklärung der Frau gekommen sein: Hormonell gesteuert und unabhängig vom Orgasmus oder anderen Einflüssen entwickelte der weibliche Körper den Eisprung, wie wir Frauen ihn bis heute kennen. Er setzt einfach ein. Ohne großes Trara, ohne Sex, meistens ganz unbemerkt.

Zudem gibt es Hinweise, dass sich die Klitoris früher einmal innerhalb der Vagina befand und erst im Laufe der Evolu­tion aus ihr herausgewandert ist. Ob die Notwendigkeit des unabhängigen Eisprungs mit der Wanderbewegung der Klitoris zu tun hat oder ob die Entwicklung andersherum ausgelöst wurde, können die ForscherInnen noch nicht beantworten.

Klar ist hingegen, dass der weibliche Orgasmus – einmal seiner reproduktiven Notwendigkeit beraubt – beim hetero­sexuellen Liebesspiel weniger selbstverständlich geworden ist. Übrigens: Fünf bis zehn Prozent der heutigen Frauen sind nicht fähig zu einem Orgasmus, egal mit welcher Technik man es versucht. Das kann körperlich oder seelisch bedingt sein.

Natürlich handelt es sich bei der Unabhängigkeit des weiblichen Eisprungs vom Mann um eine biologische Emanzipation und nicht um eine bewusst herbeigeführte. Außerdem muss gesagt werden: Die neue Theorie – so einleuchtend sie sein mag – beruht auf Herleitungen und ist noch nicht mit letzter wissenschaft­licher Härte bewiesen.

Durch Masturbation kommen Frauen genauso sicher und schnell zum Orgasmus wie Männer (durchschnittlich innerhalb von vier Minuten). Und bei lesbischem Sex, wo die Klitoris stärker miteinbezogen wird, haben die Frauen in der Regel auch einen Orgasmus. Zwischen Frauen muss der Höhepunkt nicht vorgetäuscht werden.

Wer lernen will, wie man Frauen zum Orgasmus bringt, dem hilft womöglich eine neue Website: www.omgyes.com. Das amerikanische Forschungsportal ist gegen eine Einmalzahlung von 39 Euro nutzbar, einige Probevideos sind gratis. Übersetzt heißt die Website „O mein Gott, ja!“. Sie trägt die neuesten Erkenntnisse zur weiblichen Lust zusammen und basiert auf den Erfahrungen von 2.000 Frauen zwischen 18 und 95 Jahren.

Es geht ganz einfach um Anatomie!

Via Videos teilen die Frauen ihre Tipps und Tricks zu Luststeigerung und Masturbation. Es geht dabei ums Umspielen, den richtigen Rhythmus, um Techniken wie Hochschaukeln oder die Bedeutung von Überraschungseffekten. Auch Techniken zum Erreichen multipler Orgasmen werden verraten. Außerdem bietet die Website eine virtuelle Vagina, an der man die Techniken üben kann.

Mediziner im alten Ägypten gaben Frauen Dildos offziell, damit sie Unterleibsschmerzen durch Selbstbefriedigung lösen konnten. Im 19. Jahrhundert therapierte man die damalige Modekrankheit Hysterie durch das maschinelle Herbeiführen von Orgasmen.

1869 erfand der US-Mediziner George Taylor den ersten Vibrator der Neuzeit, um Frauen „zu entspannen“. Der „Manipulator“ war eine Art Massagetisch mit dampfbetriebenem Stab, der Frauen angeblich innerhalb von zehn Minuten zum Orgasmus brachte. Ein paar Jahre später wurde der erste batteriebetriebene Vibrator erfunden.

In Werbeanzeigen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Vibratoren als medizinische Hilfsmittel „zur Linderung von Kopfschmerzen und Nervenleiden“ angepriesen. Etliche Jahrzehnte lang wurde der Vibrator als vorgeblich rein medizinische Apparatur vertrieben. Im Zuge der so genannten sexuellen Revolution kam er offen als Lustmittel in Umlauf.

Dass der weibliche Orgasmus sich positiv auf Wohlbefinden und Gesundheit der Frau auswirkt, wusste man schon in der Antike. Die moderne Wissenschaft hat bestätigt: Orgasmen regen die Hirn­aktivität an, helfen bei der Tiefenentspannung und kräftigen das Herz und das ­Immunsystem.

Na also. Viele gute Gründe, zum ­Orgasmus zu streben. Und es kommen in der Regel ja noch ein paar dazu.

Der hier leicht gekürzte Text erschien zuerst in der Schweizer Weltwoche.

 

Die Abbildung ist der Serie "Last Supper" von Annique Delphine entnommen. Zu sehen ab 22. März in der Ausstellung "Bitch-Material" in Berlin.

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