Frauen ins Militär: Es muss Schluss sein mit den Kriegen!

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Der Ausschluss von Frauen aus dem Militär wurde von Männern stets mit diskriminierenden Argumenten betrieben. Entweder hieß es, wir Frauen seien körperlich nicht zu militärischen Leistungen in der Lage. Das war die negative, biologische Diskriminierung. Oder es hieß, Frauen seien aufgrund ihrer l000jährigen waffenlosen Erziehung zu friedfertig. Das war die positive Diskriminierung mit ihrer sozialhistorischen Argumentation.
Während der nun fast zwei Jahre andauernden Debatte über Frauen und Militär, versucht Alice Schwarzer durch einfache Umkehrung beide Argumente zugleich zu entkräften. Sie sagt nämlich, Frauen müssten grundsätzlich die Möglichkeit haben, beim Militär zu dienen womit Frauen bewiesen hätten, dass sie biologisch dazu in der Lage sind. Sie, Alice Schwarzer, würde aber persönlich den Wehrdienst verweigern, weil sie gegen Krieg ist - womit bewiesen wäre, dass frau nicht zwangsläufig friedlich ist, sich aber dazu entscheiden kann.
Wenn man von den Widersprüchen absieht, in die man bei dieser Argumentation persönlich kommt, kann man theoretisch so argumentieren. Praktisch sind wir der Emanzipation damit aber um keinen Schritt näher gekommen.
Die Schlussfolgerung, dass das Gegenteil dessen, was jetzt ist, Emanzipation bedeute, kann mechanisch von jedem gezogen werden. Wird sie auch - von Verteidigungsminister Apel zum Beispiel. Der versucht wie einst der Rattenfänger zu Hameln - mit "emanzipativen" Berufsversprechen Frauen in Männerberufe - sprich: hinter die Kasernenmauern zu locken:
"Ich bin dafür, den Frauen in der Bundeswehr Berufschancen zu eröffnen. Warum sollen sie eigentlich nicht Transportfliegerinnen werden können. Ich weiß, dass da viele Männer Schreikrämpfe kriegen. Aber das stört mich nicht. Auch im Fernmeldewesen oder bei der Flugsicherung können Frauen beschäftigt werden." Bis 1988 sollen die fehlenden Männerrekruten, die dem Heer durch die Pillenemanzipation vorenthalten wurden, durch Frauen ersetzt werden. Nach dem Motto: Wer nicht gebiert, muss selber strammstehen.
Was hieße es, wenn sich tatsächlich Frauen freiwillig zur Bundeswehr meldeten? Es gibt heute etwa 47.000 Frauen, die bei der Bundeswehr angestellt sind. Sie arbeiten in den Bereichen, in denen nach den Erfahrungen anderer Länder auch Soldatinnen eingesetzt werden: in der Verwaltung, beim Putzdienst, in der Küche, im Krankendienst, im Fernmeldewesen und in der Datenverarbeitung.
Wenn sich heute 5.000 oder 10.000 Frauen fänden, die in der Bundeswehr dienen wollten, würden die aufgrund ihrer Vertrauensstellung übertariflich bezahlten Frauen entlassen, und die neugebackenen Soldatinnen würden für dieselben Arbeiten einen untertariflichen Sold bekommen. Das Verteidigungsministerium könnte mit der "Emanzipation" Geld sparen.
Es gibt ja inzwischen immer mehr Frauen, die rund um die Bundesrepublik strammstehen müssen. In Belgien sind es 2.900, in Holland 260, in Frankreich sind es sogar 13.800. Dort soll auch die erste weibliche Fallschirmjägereinheit gegründet werden, damit auch der letzte Mann aus der Elitetruppe den Absprung nicht mehr verweigern kann.
In Norwegen tragen Frauen Uniform, in der Schweiz wird es gerade diskutiert. In Jugoslawien ist es seit Juni dieses Jahres wieder einmal so weit - Partisaninnen gab es zuletzt während des Krieges. In der DDR ist seit 1962 bittere deutsche Realität. Frauen dort "dürfen", was uns - dem Grundgesetz sei Dank - verwehrt: das Vaterland verteidigen.
Es gibt Frauen, denen erscheint der Dienst mit der Waffe als ein Machtzuwachs. Sie denken, als Soldatin seien sie vor Belästigungen vor Männern sicher. Aus dem Grund werden ja auch manche Frauen Kriminalbeamtinnen. Die Erfahrungen der amerikanischen Armee sprechen aber sehr eindeutig gegen solche Hoffnungen.
Körperliche Nötigungen gehören in den Kasernen zur Tagesordnung. Es heißt, am harmlosesten seien noch die Belästigungen. In Kitzingen, wo eine amerikanische Einheit stationiert ist, sind 13 weibliche GIs vergewaltigt worden. 43 waren es zu Beginn des Jahres 1980 in allen amerikanischen Kasernen in der Bundesrepublik nach offiziellen Angaben.
Nach inoffiziellen Berechnungen ist jede Soldatin mindestens einmal vergewaltigt worden. Dachten hier noch einige amerikanische Soldatinnen, es liege am Ausland, zu Hause seien ‚die boys' doch anders, so gibt es in den Kasernen der USA einen ähnlichen Trend. Über 60 Vergewaltigungen kommen jährlich in Fort Dix im US-Bundesstaat in New Jersey vor. Fort Dix wirbt seine Soldatinnen als "Arbeitgeber der Chancengleichheit".
Ein amerikanischer Ausbilder hat ziemlich genau benannt, was es heißt, wenn Frauen in Uniform herumlaufen: Die Uniform erleichtere es, die Frauen wie die Männer zusammenzuschreien. Die Uniform bedeutet ein Mehr an Gewalt also. Und Männer hatten nie Schwierigkeiten, ihre Frauen zusammenzuschreien. Das wissen wir.
Kann die .militärische Emanzipation' der Frauen dann bedeuten, dass Männer künftig alle Frauen zusammenschreien können? So wie Männer unter .sexueller Emanzipation' einst verstanden, dass sie mit jeder Frau bumsen konnten und das auch taten?
Gegen den erhofften Machtzuwachs für Frauen spricht auch ein Urteil des Militärgerichts in Long Beach (Kalifornien). Im September wurden dort 8 Frauen ,fristlos und unehrenhaft' aus der Armee entlassen, weil sie lesbisch waren.
Die Frauenbewegung in den USA verteidigte die Frauen mit der Forderung nach mehr Liberalität in der Armee und dass ein zu großer Skandal um das Privatleben der Soldatinnen entfacht worden sei.
Mit dem letzten Argument hatten sie Erfolg beim Verteidigungsministerium: künftig sollen die Entlassungen "lautloser" vor sich gehen. "Lautlos" sind inzwischen mehr als 100 Lesben entlassen worden.
Die Armee fügt der Zahl der Diskriminierungen im Beruf lediglich neue hinzu: In Norwegen bekommen die Frauen ein Strumpfgeld von 15 Mark extra, Spindordnungen beschreiben das Stapeln von BHs in Körbchen. Frauen müssen sie tragen, so wie sie sich auch wieder schminken müssen.
Und vom See Genezareth bis zum Ontario-See werden die Frauen gelobt, dass sie ihre Pflichten genauso gut wie Männer erfüllen. Dass sie zuverlässiger seien, weil sie weniger Drogen nehmen, weniger rauchen und saufen. Sogar die .natürlichen Ausfallzeiten seien ausgeglichen: Frauen fehlten trotz Schwangerschaften nur halb so viel wie Männer.
Das und vieles mehr lässt sich vorbringen, wenn man sich auf das "Frau-ins-Militär"-Denken einlässt. Wir können immer neue Abgründe entdecken: danach streben, Maschinengewehre bedienen zu dürfen, einen Platz auf dem Leopard zu bekommen, auch Raketen abschießen zu dürfen. schließlich die ersten zu sein, die die Cruise missiles auf den Weg bringen.
Wir werden die ersten sein. die sich darum reißen, der Welt den Garaus zu machen. Was für eine Emanzipation? Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der wir die Chance hätten, den Krieg zu überleben, den Atomkrieg, der nach amerikanischen Militärexperten vor 1990 ausbrechen wird. In dem die vielleicht von Frauen abgeschossenen Raketen 7 Minuten brauchen, um ganz Europa zu zerstören.
Helen Caldicott hat versucht zu beschreiben, was eigentlich passiert, wenn wir einem Atomangriff ausgesetzt sind: "Was passiert, wenn eine 20-Megatonnen-Bombe auf Berlin z. B. fällt? Es entsteht ein Krater, der einen Durchmesser von 700 in hat und der 100 m tief ist.
In einem Umkreis von etwa 10 km löst sich jeder Mensch, jedes Gebäude in Gas auf. 30 km vom Zentrum des Aufpralls entfernt ist jede Person entweder sofort tot, oder die Haut löst sich vom Körper ab.
In 50-60 km Entfernung erblindet man, wenn man die Explosion auch nur sieht. Und wenn man in einem Atombunker Platz gefunden hat, erstickt man innerhalb einer Zone von 4.000-5.000 qkm, weil das Feuer, das sich bei der atomaren Explosion entwickelt, den gesamten Sauerstoff aufbraucht, so dass zum Atmen nichts mehr übrigbleibt. Das war auch in Dresden so, nachdem es bombardiert wurde. Auch dort sind die Leute in den Bunkern erstickt.
Wenn man nun in einem ländlichen Gebiet lebt, das nicht direkt Angriffsziel ist, dann hat man hier in Europa 7 Minuten Zeit, um in einen Bunker zu gelangen. Das heißt, man muss jetzt immer am Radio hängen, um zu wissen, wann man zum Bunker losgehen muss. Nach der Explosion muss man zwei Wochen im Schutzbunker bleiben, weil während dieser Zeit der radioaktive fall out so stark ist, dass man auf keinen Fall rausgehen darf.
Freunde und Verwandte hat man nicht mehr, weil man sie in den 7 Minuten nicht finden konnte. Wenn man in den 14 Tagen nicht verrückt geworden ist, kommt man raus aus den Bunkern, und überall liegen verwesende Leichen herum. Es breiten sich Epidemien aus.
Epidemien und Krankheiten, die eigentlich schon überwunden waren: Pest, Cholera, Typhus. Es wird nichts zu essen geben, und das Wasser wird radioaktiv verseucht sein. Ein Großteil der Ozonschicht, die einen Filter gegen die radioaktiven Strahlen der Sonne darstellt, wird zerstört sein, so dass man nicht länger als drei Minuten draußen bleiben kann. Sonst bekommt man Verbrennungen dritten Grades, und die sind auch tödlich.
Aber höchstwahrscheinlich ist der fall out so stark, dass man an Strahlenkrankheit, an Leukämie. sterben wird. Es wird geschätzt, dass innerhalb von 30 Tagen 90 Prozent der amerikanischen Bevölkerung tot sein werden. Ähnliches gilt für Europa. Ärztinnen oder Ärzte wird es kaum noch geben. Krankenhäuser gehören zu den Angriffszielen." (Courage, Sonderheft 3, Alltag im Krieg)
Es reicht. Es muss endlich Schluss sein mit dem Soldat/in-sein, Schluss mit den Kriegen. Statt dass wir uns den Kopf darüber zerbrechen, was daran fortschrittlich sei, den Beruf einer Soldatin auszuüben, sollten wir alles tun, damit Frauen bei den Abrüstungsverhandlungen vertreten sind. Denn dort brauchen wir Macht und Einfluss. Dort müssen wir den nächsten Krieg verhindern. Sonst werden wir nicht überleben.

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