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Lamia Messari-Becker: Baut fürs Leben

© Enrico Santifaller
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Und nun? Das fragen sich nicht nur die Menschen im Ahrtal, die ihr Haus verloren haben. Alle fragen sich: Was können wir tun, damit so etwas in Zukunft nicht wieder passiert? Lamia Messari-Becker hat Antworten.

Seit vielen Jahren plädiert die Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik der Uni Siegen für ein „anderes Bauen“, ein Bauen mit der – und nicht gegen die Natur. Es brauchte erst eine Flutkatastrophe, damit das Thema endlich ernst genommen wird. In den Medien fordert Messari- Becker einen „Masterplan 2050“ und ein eigenständiges Bauministerium. Auch via Talkshows regt sie an, dass PolitikerInnen sich nicht nur an E-Autos, Photovoltaik und Wind festbeißen, sondern auch über ganz konkrete Maßnahmen in der Lebensraum-Gestaltung nachdenken. „Was jetzt schlägt, ist die Stunde der IngenieurInnen!“, sagt die zweifache Mutter.

Da der Klimawandel nicht ganz aufzuhalten ist, ist Messari-Beckers Thema die Klima-Anpassung: also das Schaffen klima-resilienter Gebäude, Städte und Strukturen, die Menschen vor Ort vor Katastrophen bewahren – und das nicht erst in weit entfernter Zukunft.

Und ihre Konzepte für temperatur- und wassersensible Städte, katastrophensicheres Bauen durch Wasserbecken, Rückzugsflächen für Wasser oder größere Kanalisationen sind die praktikabelsten, die zurzeit vorliegen. Noch dazu sind es Pläne, die Nachhaltigkeit mit der Lebensrealität der Menschen vor Ort zusammenbringen und daraus keine kommunale, sondern eine nationale Aufgabe machen. Dass die Überlebenskonzepte von einer Frau stammen, ist ungewöhnlich, denn das Bauund Ingenieurwesen ist eine Männerdomäne. Messari-Becker ist oft die einzige Frau in Gremien und Expertenrunden. Der Weg dorthin war kein Spaziergang. „Immer, egal was ich erreichen wollte, sei es der Abschluss an der Technischen Universität, ob Diplom oder Promotion, hieß es, ‚Das reicht doch jetzt für jemanden wie Sie‘“, erzählt sie.

Lamia Messari-Becker wurde 1973 im marokkanischen Larache in einem liberalen Elternhaus geboren. Ihr Vater war Schuldirektor, die Mutter kümmerte sich um die Kinder und Haushalt. Doch es war für beide klar: Bildung ist der Schlüssel zur Welt, das Geschlecht spielt keine Rolle.

Mit 19 Jahren entschließt sich Messari-Becker, in Deutschland zu studieren – obwohl ihre Eltern Frankreich favorisierten, und es schon allein wegen der Sprache und des Abiturs die einfachere Wahl gewesen wäre. „Ich wollte aber in das Land der Ingenieure! Außerdem habe ich mich sofort in die deutsche Sprache verliebt. Es gibt einfach keine präzisere, schon gar nicht für das Bauwesen. Wörter wie Wasserdampfdiffusionswiderstandsbeiwert gibt es sonst nirgendwo auf der Welt!“

Ihre Karriere nimmt Fahrt auf: Sprachkurs, Studium und Promotion an der TU Darmstadt, danach Abteilungsleitung Nachhaltigkeit und Bauphysik eines internationalen Ingenieurbüros. 2013 wird sie als Professorin an die Universität Siegen berufen. Als erste Bauingenieurin berät sie im Sachverständigenrat für Umweltfragen vier Jahre lang bis 2020 die Bundesregierung zu Bauen und nachhaltiger Stadtentwicklung, 2020 wird sie in den „Club of Rome“ aufgenommen, wo sie auch globale Nachhaltigkeitsziele der UN im Blick hat.

Natürlich kennt auch sie Diskriminierung, auch in vermeintlich liberalen Kreisen: „Wie kommt jemand wie Sie zu so einer Berufung?“ Und: „Sie haben doch gar keine Ahnung von unseren Gesetzen!“ – hieß es und sie wurde ungläubig angeschaut. „Der Schlüssel ist, sich davon nicht beeindrucken zu lassen, sein Ziel immer weiter zu verfolgen. Aufstieg wird möglich durch Bildung, durch Leistung!“

Das gibt die Professorin auch ihren Studentinnen mit auf den Weg. Messari-Becker ist Vorbild, als Ingenieurin, als Wissenschaftlerin, als Regierungsberaterin, als Frau und berufstätige Mutter. Ihr Credo: „Vorbilder helfen besser als jede Quote!“

Sie hat zwei Kinder und lebt mit ihrem Mann, einem Weltraumphysiker, in Darmstadt. In einem Haus aus den 60er Jahren, das sie und ihr Mann nachhaltig und ressourcenschonend umgebaut haben.

ANNIKA ROSS

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