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Ruth Häckh: Die Hüterin

Foto: Oliver Vogel
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"Der Herr ist mein Hirte“ heißt es im Psalm 23. Einen biblischeren Beruf als den des Schäfers gibt es nicht. Der Hüter im Himmel und auf Erden, der Urvater, die Gestalt, die Gott den Menschen begreifbar machen soll. Ein biblischeres Tier als das Schaf gibt es übrigens auch nicht. Es ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt.

Das heutige Schäferleben hat weniger mit Glauben und mehr mit Schuften zu tun. Vor allem, wenn man als Schäferin 100 Kilo schweren Merino-Schafen die Klauen schneiden muss. Obwohl: der wallende dunkle Umhang, der Hirtenstab, der breitkrempige Hut, der wachsame Blick auf die Herde. Wenn da nicht ein Pferdeschwanz über die Schulter fallen würde, wäre das Bildnis des biblischen Hirten auch im Fall von Ruth Häckh erfüllt.

„Das ist ja eine Frau!“, schallt es ihr immer von weitem ans Ohr, wenn WanderInnen ihren Weg kreuzen. Über ihr Frau-Sein denkt Ruth Häckh gar nicht nach, eher über Philosophisches. „Ich bin nicht sonderlich religiös, doch empfinde ich auf der Wiese mit meinen Schafen so etwas wie ­Seelenfrieden“, sagt die 57-jährige Sontheimerin, Hüterin von 350 Schafen. 

Ruth Häckh entstammt einer Familiendynastie von Wanderschäfern. In der vierten Generation hütet sie nun Schafe auf der Schwäbischen Alb. Als Kind und Jugend­liche zog sie mit ihrem Vater und den Schafen jeden Winter 200 Kilometer von der Schwäbischen Alb runter an den milden Bodensee – und im Frühjahr wieder zurück.

Früher in den 70er-, 80er-Jahren war Ruth Häckh nicht nur allein unter Schafen, sondern vor allem allein unter Männern. Die Schäfer der Region mussten sich an die Schäferin erst gewöhnen. Wenn sie als Frau auf dem Bockmarkt einen Schafbock ersteigerte, war das für die alten Böcke eine mittlere Sensation. Ruths persönliche Sternstunde schlug 1987 in der Schäferhochburg Heidenheim, als sie als erste und einzige Frau am „Leistungshüten“ teilnahm. Dabei geht es darum, eine Herde zu dirigieren, in Formation zu bringen, den Zug den Geländegegebenheiten anzupassen, die Hunde nur mit Blicken an die richtigen Stellen zu schicken. Ruth Häckh holt nicht den ersten, aber den dritten von vier mög­lichen Plätzen. Seither sind Frauen beim Leistungshüten mit dabei. „Vielleicht habe ich der Emanzipation in Schäferkreisen in dem Jahr zum Durchbruch verholfen“, lacht sie heute. Als junge Frau verstieß sie immer wieder gegen die Regeln. Eine Zeit lang gehörten „Ritterspiele“ zu ihrer Freizeit. Und Ruth hüllte sich nicht etwa in die seidenen Roben eines Burgfräuleins, sondern in die Rüstung eines Ritters. Mit der Lanze kämpft sie zu Pferde gegen andere Ritter. Immer ging ein Raunen durch das Publikum, wenn sie das Visier hochklappte – und die Preise entgegennahm. Auf einem Ritt durch die Dolomiten lernte sie ihren Mann Francesco kennen.

Kämpfen musste Ruth schon früh. Das Leben in einer Schäferfamilie mag nach Heidi-Romantik klingen, fordert in Wahrheit aber viel innere und äußere Kraft sowie Durchhaltevermögen. Wenn Ruth nicht spurte, half die Mutter schon mal mit dem Kochlöffel nach. Das Laufen lernt sie im Lämmerstall. Seit ihre Füße an die Pedalen reichen, fährt sie Traktor. Auch bei Regen, Schnee und Eis lebt sie mit den Schafen draußen. Seit 1989 führt sie ihre eigene Schäferei im schwäbischen Sontheim. Anders als früher ist sie heute aber abends zu Hause, anstatt bei Bauern oder in Gasthöfen zu übernachten. Häckhs zwei Söhne wollen nicht in die harten Fußstapfen der Mutter treten.

Doch was die Schäferin noch mehr beunruhigt, ist die Veränderung der Natur. „Die Artenvielfalt nimmt rapide ab, die Landwirtschaft wird immer intensiver.“ 

Geht es den Schafen nicht gut, geht es auch ihr nicht gut. Die Schäferin zieht schwache Lämmer mit der Flasche groß, rettet ihre Schafe schon mal aus Bachläufen, stellt sich vor sie, wenn wartende Autofahrer durchdrehen. Doch Ruth Häckh schlachtet die Tiere auch. „Ich tue es nicht gern, aber es ist das fairste Ende, das ich ihnen bieten kann. Ich würde es nicht ertragen, sie zitternd vor Angst auf dem LKW zum Schlachthof zu wissen.“

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