In der aktuellen EMMA

"Pornos sind ihm wichtiger"

Foto: Marcus Brandt/dpa
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SARAH 
Am Anfang unserer Beziehung stand das, was die Küchen-Psychologie „Love Bombing“ nennt: großes Interesse und immerzu Aufmerksamkeit. Dadurch hatte ich das Gefühl, er sei anders als andere Männer. Ich bin Buddhistin, auch er kam aus einem buddhistischen Elternhaus. Von daher setzte ich einfach voraus, dass unsere Werte übereinstimmten: Dass er – wie ich – Pornografie ablehnte. 

Als ich die Wahrheit erfuhr, waren wir bereits verlobt: Er hatte Jahre zuvor eine starke Pornosucht gehabt, die sein Frauenbild und seine Weltsicht prägte. Und ich ging davon aus, dass ich ohnehin keinen jungen Mann finden würde, der keine Pornos konsumiert. Und ich wollte zu dem Zeitpunkt unbedingt heiraten, um nicht länger Außenseiterin in meinem Freundeskreis zu sein, der nur aus Paaren bestand.

Doch je mehr ich bei ihm nachfragte, desto verstörender wurde es: Er hatte als Jugendlicher angefangen, auf dem Computer seines älteren Bruders Pornos zu konsumieren. Er wurde schnell süchtig und schaute mehrmals täglich, jeden Tag, mindestens vier Jahre lang – inklusive Masturbation auf Toiletten während seiner Arbeitsschichten. Er lieh sich Rechner von Freunden, um auch im Ausland Pornos anzusehen. Er kam keinen Tag ohne aus. 

Mir fiel auf, wie er andere Frauen anschaute. Als ich ihn darauf ansprach, stritt er es ab, gab es später zu und bestritt es dann wieder. In Restaurants fiel sein Blick sofort auf jede Frau, die Shorts oder einen Rock trug und ihre Beine zeigte. Schließlich gab er zu, dass er gezielt nach Pornos mit Frauen gesucht hatte, die mir ähnlich sahen. Und erzählte mir, dass er bei der Arbeit die Körper anderer Frauen ansah und sie mit meiner Figur und Größe verglich. Er schaute auch mich auf eine Weise an, bei der ich mich unwohl fühlte – wie ein Objekt. Ich wurde enorm ängstlich.

Als Kind war er mit einem Mangel an emotionaler Zuwendung aufgewachsen. Gleichzeitig wurde ihm das Gefühl gegeben, dass er etwas Besonderes sei. Das verstärkte seine narzisstischen Tendenzen. Die Pornografie aber verdrehte seinen Kopf so, dass er nun glaubte, alle Frauen wollten mit ihm Sex haben!

Vieles davon kam erst auf unserer Hochzeitsreise heraus. Mir wurde klar, dass ich einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Es war schmerzhaft, dass er vor der Hochzeit gelogen hatte – eine der belastendsten Erfahrungen meines Lebens. Wir begannen eine Paar-Therapie. Die Therapeutin sagte, er hätte mit mir von Anfang an ehrlich sein müssen, sah aber grundsätzlich kein Problem mit Pornografie. 

Mein Mann war nicht wirklich an Veränderungen interessiert – etwa in Bezug auf emotionale Offenheit, Ehrlichkeit und all das, was Heilung hätte ermöglichen können. Als angehende Psychologin war ich selbst mit der Fachliteratur zu Pornografie vertraut. Doch viele meiner FreundInnen und Familienmitglieder fanden sein Verhalten normal. Seine Mutter erklärte mir, ich solle mich eben unattraktiver machen, zum Beispiel meine Haare anders färben, wenn ich nicht wolle, dass Männer mich ansehen. Oder: Ich sei das Problem, weil ich die einzige Frau in seinem Leben sein wolle. 

Meine Mutter unterstützte zwar meine Haltung, konnte mir aber keine konkreten Ratschläge geben. Doch ich wusste: So konnte und wollte ich nicht leben! Acht Monate nach der Hochzeit ließ ich mich scheiden.

Auch meine Schwester fand übrigens heraus, dass ihr Mann heimlich Pornos konsumierte, nachdem ihr erstes Kind geboren war. Sie war zutiefst traumatisiert; ihre psychische Gesundheit war deutlich stärker beeinträchtigt als meine. Ich hatte mehr Unterstützung und ohne Kinder war es leichter für mich, zu gehen. Sie ließ sich erst nach dem zweiten Kind scheiden. Ihre Alkoholsucht und Essstörungen verschlimmerten sich, und sie begann, sich stark zu objektifizieren (Botox, Lippenaufspritzungen usw.).

Viele meiner Freundinnen hatten ihre Partner anfangs nie nach deren Pornokonsum-Vergangenheit gefragt. Nach meinen Erfahrungen haben einige von ihnen das nachgeholt. 
 

FLORENCE 
Ich war über zehn Jahre mit meinem Mann zusammen, sieben Jahre waren wir verheiratet. Wir haben zwei Töchter.

Als ich damals bei ihm einzog, fand ich Pornovideos. Er erklärte, sie gehörten seinen Mitbewohnern und er würde sie wegwerfen. Einige Wochen später erwischte ich ihn beim Porno schauen. Er behauptete: „Das war nur ein Pop-up-Fenster!“ Wir stritten heftig. Ich sagte ihm, dass es sich für mich anfühlte, als würde er mich betrügen. Er verstand nicht, dass ich so stark darauf reagierte, versprach aber, es nie wieder zu tun. 

In den folgenden Jahren gab es keine weiteren Pornovorfälle. Bis zur Geburt unserer ersten Tochter. Er reagierte sehr eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die ich ihr schenkte. Er zog sich immer mehr zurück und benahm sich zunehmend kindisch – zu einer Zeit, in der ich einen erwachsenen Partner an meiner Seite gebraucht hätte. Wenn unsere Tochter weinte, ignorierte er sie. Ich ging früh ins Bett, um den Anforderungen als unerfahrene Mutter gewachsen zu sein, während er lange wach blieb und bis spät in die Nacht „arbeitete“ (er schaute Pornos, wie ich später erfuhr). Der Mann, den ich einst kennengelernt hatte, der sich fürsorglich um mich kümmerte, in unsere Intimität investierte und Wert auf unsere Beziehung legte, verschwand. 

Ich mochte unser Sexualleben nicht mehr – es war nicht mehr liebevoll. Er wurde zunehmend distanziert, aggressiv, ja, ich bekam sogar Angst vor ihm. Er wollte nur noch seine Fantasien an mir ausleben und behandelte mich wie eine aufblasbare Puppe. Während des Geschlechtsverkehrs sprach er laut aus, was er gerne mit anderen Frauen tun würde. 

Unsere Ehe fühlte sich bald wie eine Geschäftsbeziehung an. Unsere unausgesprochene Vereinbarung: die Kinder großziehen und unsere finanziellen Ziele erreichen. Er wurde auch nachlässiger, was das Verstecken betraf. So wachte ich manchmal auf und sah, wie er neben mir auf dem Handy Pornos schaute. Manchmal schlief er dabei ein, und das Gerät spielte weiter. Doch er hatte immer irgendeine Ausrede parat. Ich ignorierte es. Ich hatte keine Ahnung, welch monströse Sucht daraus geworden war. Dass er täglich, sogar wenn er beruflich auf Baustellen unterwegs war, auf öffentlichen Toiletten Pornos ansah und dabei masturbierte. 

Seine Pornosucht hatte, wie ich später erfuhr, schon mit acht Jahren begonnen. Er hat Tausende Pornovideos gesehen, die alle in seinem Gedächtnis gespeichert sind. Er konnte nicht schlafen, denn wenn er die Augen schloss, spielten sich die Pornofilme wieder und wieder ab. Was ich auch nicht wusste: Er verabredete sich mit anderen Frauen, ging in Stripclubs und bekam dort „Happy-Endings“.

Er konsumierte immer gewalttätigere Pornografie: Dominanz- und Vergewaltigungspornos. Ich wachte mehrmals auf, als er versuchte, seine Finger oder seinen Penis in mich einzuführen. Er wurde insgesamt rauer, was ich nicht mochte und ihm auch deutlich sagte. Einmal drückte er mein Gesicht in das Kissen und begann von hinten meinen Hals zuzudrücken. Dabei lag er mit seinem ganzen Körpergewicht von 90 kg auf meinem 50 kg-Körper. Das machte es mir fast unmöglich zu atmen. Ich erstarrte in Todesangst, lag einfach da, reglos, und hoffte, dass es aufhörte. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich immer noch die Verzweiflung dieses Moments. Als ich ihn konfrontierte und fragte, ob er das, was er gerade getan hatte, aus Pornofilmen kannte, leugnete er. 

Als ich schließlich Nachrichten zwischen ihm und einer anderen Frau fand, warf ich ihn hinaus. Erst als er seine Familie verloren hatte und fast ein Jahr bei seinen Eltern lebte, schloss er sich einer Selbsthilfegruppe (Sex Addicts Anonymous, SA) an. Dann versuchte er es bei Sex and Love Addicts Anonymous, wo er sich weniger „abartig“ fühlte, weil es dort „liebessüchtig“ statt „sexsüchtig“ hieß. Doch auch bei dieser Gruppe blieb er nicht.

Ich habe viel zu spät erkannt: Männer, die Pornografie schauen und Gefallen an sexueller Gewalt finden, behandeln Frauen, als seien sie wertlos. Sie glauben, das Recht zu haben, Macht über uns auszuüben. Ich absolvierte ein Zwölf-Schritte-Programm und suchte mir eine Therapeutin, die für Frauen von Sexsüchtigen spezialisiert ist. Mir wurde klar: Ich steckte – wie jede Frau, die ich kennengelernt habe und die mit einem Pornografie- und/oder Sexsüchtigen zusammen war – in einer missbräuchlichen Beziehung. Ich versuche, mich zu heilen, auch von Kindheitstraumata, und zu verstehen, wie ich bei einem Mann wie ihm landen konnte. Angesichts des Doppellebens, das er geführt hatte, verspürte ich keinerlei Wunsch, die Ehe zu retten. Ich wollte nicht, dass meine beiden Mädchen mit ihm aufwachsen. Ich werde ihnen von seinem Pornokonsum erzählen, wenn sie alt genug sind, und sie über das Thema aufklären. Meine Mädchen und ich verdienen Besseres! Ich habe meine Kinder zu 90 Prozent der Zeit bei mir. Ich bin froh, dass sie bei mir sind – aber es ist hart, alles allein zu schaffen.

CERATONIA 
Mein Ex-Mann hatte eine Sammlung alter Vinylplatten auf CD überspielt. Als ich sie eines Nachmittags in meine iTunes-Mediathek importieren wollte, öffnete sich statt der Musiksammlung das DVD-Laufwerk – und eine Parade von Teenagerinnen erschien auf dem Bildschirm. Der Inhalt der Disc war akribisch katalogisiert – „Asian“, „Latina“, „hot“, „teen“, „gang bang“ etc. Die Mädchen sahen aus wie seine Studentinnen.

Ich spürte, wie ich in einen Schockzustand geriet. Die Bilder passten überhaupt nicht zu dem Bild, das ich von diesem Mann hatte. Und doch ergab ihre Existenz mit der Zeit immer mehr Sinn, wenn ich an bestimmte Aspekte seines Lebens dachte, die mich immer irgendwie gestört hatten. Ich habe die Inhalte der CDs nie überwunden – die schiere Gewalt, die sie zeigten, und das Alter der Mädchen … Ich vermutete, dass sie Opfer von Menschenhandel waren. 

Mein Mann und ich waren beide in Studierendenprogrammen engagiert, in Ländern, in denen es viel Menschenhandel gibt, was das alles noch schlimmer machte. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass Pornoproduzenten – wie auch der Großteil der Gesellschaft – meinem Ex-Partner vermittelten, dass er „normal“ sei und ich nicht. Öffentlich war er ein Vorbild an Tugend, aber privat lebte ich mit einem anderen Menschen.

Als ich ihm sagte, wie widerwärtig diese Bilder waren, war seine lahme Ausrede: „Ach, ich habe früher Pornos gesammelt.“ Er erklärte sich bereit, zu einer Therapeutin zu gehen. Ich forderte ihn auf, alle Discs zu vernichten, aber beim Räumen in unserer Wohnung (wir vermieteten sie zeitweise an Studierende) fand ich eine CD, versteckt hinter ein paar Büchern. Ich ließ sie in einem verschlossenen Schrank zurück, damit er sie mit zu seiner Therapeutin nehmen konnte, wenn wir in die Wohnung zurückkehrten. Inzwischen war ich pragmatischer geworden und dachte, es wäre gut, wenn die Therapeutin wüsste, um welche Art von Pornografie es sich handelte. Er bekam Panik und sagte: „Willst du mich in Schwierigkeiten bringen?“

Nachdem er später einen Internetanschluss bekommen hatte, war sein Suchverlauf vermutlich voller Links zu jeder Pornoseite, die es gibt. Dann kamen „Ashley Madison“ – eine Online-Dating-Plattform für Verheiratete oder Menschen in Beziehungen, die fremdgehen wollen und andere Datingseiten dazu – und das Eingeständnis, dass er auf der Straße nach Frauen und Mädchen Ausschau hielt.

Ich konnte die Last der Erkenntnisse über seinen Pornokonsum nicht mehr tragen. Die Therapeutin hatte ihm geraten, sich einen „Accounta­bility Buddy“ zu suchen, weil er seine „Recovery-Arbeit“ nicht machte; also jemanden, der ihn auf der Spur, weg von den Pornos hielt. Ich sprach einen gemeinsamen Freund an, aber er wollte sich nicht ein­mischen.

Nach fünf Jahren Beziehung kam der Bruch. Von einem Tag auf den anderen ghostete er mich. Er wechselte die Schlösser unserer Wohnung aus und ließ mich auf der Straße stehen. Freunde nahmen mich auf. Er wollte meine Existenz auslöschen. Er zog es vor, den Teil seines Lebens loszuwerden, der ihn dazu zwang, sich der Tatsache zu stellen, dass die Pornografie sein Leben kontrollierte.

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Die Texte sind leicht gekürzte Auszüge aus dem Buch von Melinda Tankard Reist (Hrsg.): „He chose porn over me – Women harmed by men who use porn“.

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