In der aktuellen EMMA

Von Instagram in die Porno-Szene

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Kulleraugen, Pastellperücken und Kostümchen: Auf den ersten Blick ist die Inszenierung des Instagram-Stars Belle Delphine als fleischgewordene Manga-Figur beinahe niedlich. Man muss aber nicht lange durch ihren Feed scrollen, um auf Verstörendes zu stoßen: Kindchenschema trifft auf Fetisch. Mal schmust Delphine mit einem toten Oktopus, mal begibt sie sich nackt in Pornopose, ihr Geschlechtsteil nur knapp mit Emojis bedeckt.

Die Online-Persona der 21-jährigen Südafrikanerin basiert auf einer in Japan entstandenen Spielart des Lolita-Kults namens „Lolicon“. Das ist die Darstellung fiktiver Charaktere als vorpubertäre Mädchen, die in sexuelle Handlungen involviert sind.

Belle Delphine hat sich mit Haut und Haaren der E-Girl-Ästhetik verschrieben. E-Girls (und E-Boys) sind Personen, die im Netz auf zahlreichen Online-Plattformen wie Instagram, YouTube und Twitch aktiv sind. Ihr gesamtes Leben scheint sich online abzuspielen; ihr Look verweist häufig auf die japanische Popkultur, eine Mischung aus unschuldig-kindlichem Auftreten und Flirtverhalten ist dabei typisch. Belle Delphine aber treibt das Spiel mit kindlicher Unschuld auf die Spitze, indem sie offen eine pädosexuelle Ästhetik bedient.

Belle Delphine alias Mary-Belle Kirschner wird 1999 in Kapstadt geboren. Nach der Trennung der Eltern geht Kirschner mit ihrer britischen Mutter nach England. Mit 14 verlässt sie die Schule und schlägt sich mit Nebenjobs durch. Auf Instagram erscheint Belle Delphine erstmals als Fünfzehnjährige. Anfangs kündet noch nichts davon, dass sie eines Tages mit ihren Bildern Hunderttausende Pfund verdienen wird. Heute ist Belle Delphine Millionärin.

Ab 18 werden ihre Bilder sexuell explizit. Sie posiert mit Teddybär und Dildo, trägt Zahnspange und Lackledergeschirr und zeigt den typischen „Ahegao“ – einen Gesichtsausdruck mit ausgestreckter Zunge und verdrehten Augen, der im Hentai sexuelle Verzückung signalisiert (Hentai ist die pornografische Version von Manga- und Anime-Comics). Als Instagram nach vielen Beschwerden den Account löscht, existieren längst unzählige Online-Kopien, die auf diversen Fan-Accounts geteilt werden. Schon vor der Sperrung war Belle Delphine auf den Plattformen Patreon und OnlyFans aktiv, wo User Bild- und Videomaterial gegen Geld herunterladen können.

Belle Delphine wurde jahrelang innerhalb der Netzkultur scharf kritisiert, weil sie Bildmaterial von anderen Erotikmodels klaute. Neuerdings erntet sie immer mehr Anerkennung. Man betrachtet sie als Online-Performance-Künstlerin oder gar als „Troll“. Dieses Trolling schien auch der Grund für ihre berüchtigte Badewasseraktion zu sein: Als Belle Delphine ankündigte, sie wolle ihr Badewasser verkaufen, katapultierte diese Nachricht sie an die Spitze der Nachrichten von Online-Portalen weltweit. Der PR-Stunt schien nur noch einmal zu unterstreichen, dass hier ein etwas „seltsames Mädchen“ mit aller Macht nach virtueller Aufmerksamkeit gierte.

Die Aufmerksamkeit für das Instagram-Starlet wuchs, als sie ihren ersten Pornofilm ankündigte, den sie mit ihrem Freund drehte. Das Abwandern von Instagram zu Pornhub verweist auf ein generelles Problem sogenannter „Erotikmodels“ in sozialen Netzwerken: Angesichts einer Abermillion von pornografischen Bildern, die gratis im Netz kursieren, reichen einige erotische Bilder nicht mehr, um berühmt zu werden. Instagram verschafft den Models einen gewissen Bekanntheitsgrad und eine Fanbasis – die aber verlangt bald nach explizitem Material. Der Unterschied zwischen den gängigen Porno-Erzeugnissen und dem Material, das Influencerinnen für den Verkauf über Patreon oder OnlyFans produzieren, liegt auf der Hand: Der User glaubt, er gehe eine persönliche Bindung zu „seinem“ Star ein.

Wer aber sind überhaupt die Konsumenten kostenpflichtiger Inhalte, die einen intimen Kontakt mit deren Produzentinnen wollen? In der Sprache der Online-Welt handelt es sich um SIMPs. „SIMP“ ist eine Bezeichnung für Männer, die als Idioten verschrien sind, weil sie ihren Online-Heldinnen bedingungslos folgen (also auch ihr Badewasser kaufen würden).

Wie fließend die Grenze zwischen Fan, SIMP und Stalker ist, zeigt der Fall der Gamerin Bianca Michelle Devins, die von ihrem Stalker umgebracht wurde. Via Discord, einem Sofortnachrichtendienst, der es Gamern erlaubt, untereinander Kontakt aufzunehmen, spürte der Stalker das Mädchen auf und enthauptete sie. Die Bilder der Tat teilte er im Anschluss via 4Chan, weltweit eines der wichtigsten Foren zum Teilen von Bildinhalten. Dort zirkulieren sie bis heute.

Auch Belle Delphine wurde von 4Chan-Usern gestalkt, weswegen sie eine Zeitlang abtauchte. Auf der Suche nach einem Comeback-Skandal lud sie eine Serie von Bildern mit dem Titel „Erstes Date“ auf Twitter hoch, die sie in einem Kleinmädchenoutfit in einen Kofferraum eingesperrt zeigten. Was sie dort inszenierte, war die Entführung und Vergewaltigung eines Kindes, Pädokriminalität in Reinform.

Delphine führt die schockierende Wirkung einer Pornokultur in Dauerschleife vor Augen, in der als Lolita verkleidete Frauen lediglich als leicht deviantes Pläsier oder Fetisch betrachtet werden. So als hätte all das rein gar nichts mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern zu tun. 2019 übrigens zählten „Hentai“ und „Teen“ zu den meistgesuchten Pornokategorien auf Pornhub, Delphine produziert also potenziell für einen riesigen Markt.

Die Produktion von Entführungs- und Vergewaltigungsbildern ist ein Spiel mit dem Feuer. Mit Blick auf die Netzkultur zeigt sich: Man kann Prostitution nicht simulieren. Man kann das Spiel mit pädosexuellen Fantasien nicht simulieren. Bildern folgen Taten. Wenn nicht für Belle Delphine selbst, so doch für andere.

MARLEN HOBRACK

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