Wir sind alle Marie!

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Sie war auf dem Weg nach Hause, als ihr etwas passierte, was fast alle Frauen auf der Welt kennen: Ein Mann zischelte hinter ihr her und machte erniedrigende und obszöne Bemerkungen. Daraufhin sagte sie: „Halt die Schnauze!“ und setzte ihren Weg fort. Er lief ihr hinterher, warf erst einen Glasaschenbecher nach ihr und schlug ihr dann hart ins Gesicht. Das alles auf offener Straße und vor einem Straßencafé. Ohne diese Öffentlichkeit wäre es wohl noch ganz anders zur Sache gegangen.

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Marie Laguerre, 22, will das nicht hinnehmen. Sie hat nun den Hashtag #NousToutesHarcelement (Wir werden alle belästigt) sowie eine Petition an die Frauenministerin Schiappa gestartet. Jetzt geht es nach der sexuellen Belästigung im Beruf (#MeToo) um die sexistische Belästigung im öffentlichen Raum. Zur Unterstützung der empörten Studentin hat sich inzwischen eine Frauengruppe gebildet. Denn die Reaktionen kommen nicht nur tausendfach aus Frankreich, sondern aus der ganzen Welt, auch aus Japan oder Chile.

„Ich weiß“, schreibt Marie, „dass die Erniedrigung und die Gewalt nicht mein persönliches Problem sind.“ Es ginge diesen Belästigern schließlich nicht um Verführung, sondern um Erniedrigung und Dominanz. „Sie zwingen uns, weniger auszugehen, früher nach Hause zu gehen, Angst zu haben.“

Marie und ihre Unterstützerinnen verlangen vom Staat: mehr Aufklärung gegen den Sexismus in der Schule, eine nationale Kampagne zur Sensibilisierung und – wie in Spanien – eine Milliarde Euro zur Aufklärung von u. a. Lehrern, Polizisten, Richtern.

www.noustoutesharcelement.fr

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Marlène Schiappa: Die Unerschrockene

© Aurelien Meunier/Getty Images
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Als Frankreichs neue Regierung im Mai antrat, gab es nicht viele Namen und Gesichter, die den Franzosen vertraut waren. Aber ein Gesicht, ein Name hat sich sofort eingeprägt: Marlène Schiappa, Staatssekretärin für Gleichberechtigung.

Lag das daran, dass Schiappa, Bloggerin und Mutter zweier Töchter im Alter von fünf und zehn Jahren, eine der wenigen Figuren der neuen Regierung ist, die tatsächlich aus der vielbeschworenen Zivilgesellschaft kommt? Dass sie eine junge Frau ist, die die Haare offen, die Röcke kurz trägt? Waren es ihre unter Pseudonym veröffentlichten erotischen Romane? Oder hing es womöglich doch mit den Fragen zusammen, die sie ansprach und mit der Art und Weise, wie sie es tat?

Denn innerhalb von nur wenigen Wochen schritt Schiappa das ganze Feld der Themen ab, die in Frankreich lange unter den Teppich gekehrt wurden: Von der Gewalt im Kreißsaal über die sexuelle Aggression auf der Straße bis hin zum Anrecht auf künstliche Befruchtung für gleichgeschlechtliche Paare. Sie tat es nicht ­immer geschickt, aber stets lautstark und medienwirksam.

Schnell wurde die „Königin der Schlampen“ zur Zielscheibe der Verteidiger eines konservativen-katholischen Frankreichs und all derjenigen, die bei der „Manif pour tous“ gegen die ­Homoehe auf die Straße gegangen waren (erfolglos).

Sie fällt auf. Sie fällt auf, wenn sie in der Nationalversammlung vor das Mikrofon tritt und die französischen Journalisten vor allem ihre lackierten Fingernägel („Krallen“) oder ihre offenen, langen Haare („Löwenmähne“) bemerken. Sie fällt auf, wenn sie nachts mit Minirock in eines der „heißen Quartiers“ im Norden von Paris fährt, nachdem sich Frauen darüber beschwert haben, dass sie dort systematisch angemacht werden. Sie steht im Mittelpunkt, weil ihr Amt durch die weltweite Welle, die der Weinstein-Skandal ausgelöst hat, von einem politischen Nebenschauplatz plötzlich zum Schlüsselposten wurde.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Gleichberechtigung zum „großen Staatsanliegen“ seiner Amtszeit erklärt – und gleich als erstes das Budget des Ministeriums gekürzt. Schiappa stehen nur 0,0006 Prozent des Gesamthaushaltes zur Verfügung. Lächerlich? Unsinn, sie werde trotzdem effektiv sein!

Marlène Schiappa empfängt zum Gespräch in ihrem Ministerium. Sie trägt die Haare jetzt konsequent hochgesteckt, „brav wie Simone Veil“, sagt sie selbstironisch. Zwei Hauptanliegen will die Staatssekretärin verfolgen: den Kampf gegen sexuelle Gewalt und die berufliche Gleichstellung. Sie will die franzö­sischen Väter dazu bewegen, Elternzeit zu nehmen. Ein regelrechter „Kulturkampf“ schwebt ihr vor. Auch will sie mit einem neuen Gesetz die sexuelle Belästigung auf der Straße unter ­Strafe stellen.

Im Oktober hatte Schiappa eine „Tour de France“ lanciert, mit Beratungsstellen im ganzen Land, die Frauen wie Männer in Sachen Gleichstellung sensibilisieren sollen. Alle drei Tage wird in Frankreich eine Frau von ihrem Ehemann oder Lebensgefährten totgeschlagen. 84.000 Frauen sind in den vergangenen fünf Jahren Opfer von Vergewaltigung oder anderer sexueller Gewalt geworden. 80 Prozent kennen den Täter. Nicht einmal jede ­achte erstattet Anzeige.

Seit dem Weinstein-Skandal ist die Zahl der Anzeigen allein im November um 30 Prozent gestiegen. Schiappa begrüßt die Kampagne in den sozialen Netzwerken: „In Wahrheit versuchen die Frauen seit Jahren darüber zu sprechen. Nicht die Zungen haben sich gelöst, sondern die Ohren: Die Gesellschaft ist endlich so weit, sich die Aussagen der Frauen anzuhören“, sagt sie. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat unlängst ein ganzes Buch der Omertà gewidmet („Wo sind die Vergewaltiger?“)

Für die Gleichberechtigung tritt Schiappa seit vielen Jahren ein, vor allem seit sie mit 24 ihr erstes Kind bekam und schockiert feststellen musste, dass es auch in Frankreich für eine Frau gar nicht so einfach ist, wie immer alle taten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie arbeitete damals für eine große Agentur für Kommunikation, wo das Sitzungsleben erst richtig losging, wenn die Kinderkrippe schloss. Schiappa schuf einen Blog, Maman travaille, Mama arbeitet. Ein Riesen­erfolg. Schnell wurde daraus ein ganzes Netzwerk, ja eine ­Lobby für arbeitende Mütter.

Die junge Frau hielt Vorträge, schrieb Bücher. Der Bürgermeister von Le Mans wird auf sie aufmerksam, einer 150.000-Einwohner-Stadt 200 Kilometer südwestlich von Paris. Er macht sie zur beigeordneten Bürgermeisterin für Gleichberechtigung. Zu Sitzungen nach 18 Uhr bringt sie Malzeug und ihre beiden Töchter mit. Ihr Mann, ein Manager, arbeitet in ­Paris und kommt erst spät mit dem Zug nach Hause.
Zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht ein Frauenmagazin zum ersten Mal ein langes Porträt von ihr: „Marlène Schiappa ist ­weder Sheryl Sandberg noch Hillary Clinton noch Beyoncé. Aber es ist ihr gelungen, die Anliegen der Frauen weiterzubringen“, urteilt die Kollegin damals.

Ist es hart, Frankreich zu modernisieren, als junge Frau? ­Schiappa lächelt. Ein Politiker, so glaubten die Franzosen lange, müsse „männlich, weiß, älter sein, eine Eliteschule besucht und mehrere Mandate hinter sich haben“. An das Gegenbild müssen sie sich in Frankreich jetzt erst gewöhnen.

Martina Meister

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