Ein Leuchtzeichen gegen Missbrauch
Maria Mesrian und Angelika Voge sind sich zum ersten Mal in einem Gerichtssaal begegnet. „Den Tag werden wir nicht vergessen! Nicht, Maria?“ Maria Mesrian lächelt und sagt: „Nein, ganz bestimmt nicht.“ Es war in der Tat ein denkwürdiger Tag.
Am 25. Februar 2022 wurde der Pfarrer Hans Ue. vom Kölner Landgericht wegen sexuellen Missbrauchs in 122 Fällen zu zwölf Jahren Haft verurteilt.
Drei seiner Opfer: seine Nichten. Eine von ihnen: Angelika Voge. Gemeinsam mit den anderen acht Nebenklägerinnen wartet die 35-Jährige im Gericht auf den Urteilsspruch. „Sie waren ein Täter in der Maske des Seelsorgers“, sagt Richter Christoph Kaufmann. Damit könnte die Verhandlung zu Ende sein.
Aber Angelika Voge möchte, genau wie eine ihrer beiden Schwestern, noch etwas sagen. Sie steht auf und verliest im Foyer des Gerichtsgebäudes ein Statement. „Ich kann und darf hier heute mit einer Stimme, mit meiner Stimme stehen. Einer Stimme, die sich gehört fühlt und wahrgenommen wurde“, sagt sie. „Dabei ist das Strafmaß für mich erstmal zweitrangig, denn von größerer Bedeutung ist für mich die Tatsache, dass ich als Opfer gesehen wurde und mir vermittelt wurde, dass ich keine Schuld gehabt habe. Dass ich nicht hätte Nein sagen können gegen einen Menschen, einen Priester, meinen Onkel, der das Vertrauen so vieler sowie mein eigenes missbraucht und somit zerstört hat.“ Sie schließt mit den Worten: „Danke für Ihren Respekt und Ihre Wertschätzung – was beides nicht immer selbstverständlich ist.“
Maria Mesrian, die an jedem Prozesstag im Gerichtssaal gesessen hat, ist „total beeindruckt“ von der jungen Frau. „Angelika hat sich dahin gestellt und wie Gisèle Pelicot gesagt: Schuld und Scham liegen nicht bei uns!“ Nach der Verhandlung geht Maria auf Angelika zu und fragt sie, ob sie nicht mitmachen will bei dem neuen Projekt, das sie gerade ins Leben gerufen hat. Es heißt „Leuchtzeichen“.
Die Idee: Eine Anlauf- und Beratungsstelle für Menschen, die von katholischen Kirchenmännern missbraucht wurden. Diese Stelle soll weder von der Kirche finanziert noch in kirchlichen Räumen angesiedelt sein. Denn es braucht dringend eine unabhängige Anlaufstelle. Das hat Maria Mesrian inzwischen verstanden.
Die katholische Theologin hatte sich 2019 den Kirchenrebellinnen von Maria 2.0 angeschlossen, die in der katholischen Kirche den Frauenaufstand probten. Die unzähligen Missbrauchsfälle und die Blockadetaktik der Kirche bei der Aufarbeitung hatten bei den ohnehin schon empörten Frauen das Fass zum Überlaufen gebracht. Maria Mesrian war Sprecherin der Marias im Kölner Raum geworden. „Und nach jeder Veranstaltung von Maria 2.0 haben uns Missbrauchsopfer angesprochen“, erzählt sie. „Und die haben uns erklärt, warum sie sich nicht an die Täterorganisation wenden können. Wir waren entsetzt, dass es keine unabhängige, professionelle Beratungsstelle für Betroffene gab. Das war der Auslöser, ‚Leuchtzeichen‘ zu gründen.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte Maria Mesrian, gemeinsam mit MitstreiterInnen, bereits einen Verein gegründet: „Robin Sisterhood – Umsteuern!“ Wie Robin Hood, der das Geld den Reichen nahm und es an die Armen verteilte, sollten wütende KatholikInnen, die aus Protest massenweise aus der Kirche austraten, ihre bis dato gezahlten Kirchensteuern an den Verein „umsteuern“. Robin Sisterhood würde mit dem Geld die Betroffenen unterstützen. Comedian Carolin Kebekus erspielte bei einer Fernsehshow 50.000 Euro als Startkapital.
Am 8. März 2022, dem Internationalen Frauentag, ging „Leuchtzeichen“ an den Start, zunächst mit einer Beraterin auf Minijobbasis. Außerdem konnten in dem Raum in der Markmannsgasse in der Kölner Altstadt Betroffene andere Betroffene treffen und sich mit ihnen austauschen.
Diese Idee der sogenannten „peer-to-peer“-Beratung gefiel Angelika Voge. Als Maria Mesrian sie im Februar 2022 im Kölner Landgericht ansprach, war sie zunächst etwas eingeschüchtert. „Ich hatte Maria schon im Fernsehen gesehen, sie war ja fast eine Berühmtheit“, erzählt sie. „Aber ich wusste daher auch: Das ist eine starke Frau!“ Als „Leuchtzeichen“ eröffnete, war Angelika mit im Boot und machte Telefonberatung für andere Betroffene.
Gut vier Jahre später, im Sommer 2026, sitzen nun beide Frauen in den neuen Räumen von „Leuchtzeichen“ im dritten Stock des Kölner Filmhauses in der Maybachstraße. Genauer gesagt ist es nur ein Raum und der ist ziemlich klein, aber er hat ein großes Fenster mit einem schönen Ausblick auf Wiesen und den „Herkulesberg“, ein begrünter Hügel, der aus Trümmern des Zweiten Weltkriegs besteht. Das passt. Hier wissen alle nur zu gut, wie viel Zerstörung und Schmerz unter einer vermeintlich heilen Fassade liegen kann.
„Unser Onkel als Pfarrer war heilig“, erzählt Angelika. In der Gemeinde in Gummersbach war Hans Ue. hoch angesehen. Ein empathischer, nahbarer, immer gut gelaunter Mann. Und er stellte es geschickt an. Er bestellte seine drei Nichten immer einzeln zu sich, um sie zu missbrauchen. „So in der ersten, zweiten Klasse ging es los. Und irgendwann hat es sich normal angefühlt.“ Außerdem hatte der Onkel mit ihr einen Film angeschaut, in dem ein Mädchen missbraucht wird, das am Ende stirbt. „Seitdem hatte ich Todesangst.“ Angelika sprach mit niemandem darüber, was bei diesen Besuchen passierte, „und irgendwann habe ich sowieso fast nicht mehr gesprochen“. Dass auch ihre Schwestern Opfer des Onkels werden, weiß sie nicht. Auch die schweigen.
Aber eines Tages spricht eine der Schwestern doch. Die Mutter stellt den Onkel zur Rede und bricht den Kontakt zu ihm ab. Aber die Sache soll ein Geheimnis bleiben. „Die Oma wird sterben, wenn sie das erfährt“, droht die Familie den Schwestern. Die glauben das und schweigen weiter.
Als Angelika 2007 eine Ausbildung zur Erzieherin beginnt, erklärt eine Lehrerin, was es mit einem Trauma auf sich hat. „Sie hat gesagt, das ist wie ein Rucksack, den man mit sich herumschleppt und in den immer mehr Steine dazukommen. Und dass man die Steine aus dem Rucksack ausräumen muss, weil er sonst immer schwerer wird.“ Angelika, jetzt 23 Jahre alt, begreift, dass auch sie einen tonnenschweren Rucksack mit sich herumträgt. Sie beschließt, Steine auszuräumen und ihren Onkel anzuzeigen. Wieder interveniert die Familie. Angelika zieht die Anzeige zurück.
Doch jemand aus der Staatsanwaltschaft gibt dem Kölner Generalvikariat einen Hinweis. Spätestens jetzt wissen die Kirchenherren, was der Pfarrer in seiner Gemeinde treibt. Es passiert: quasi nichts. Hans Ue. wird für drei Monate suspendiert und dann versetzt. Er macht weiter. Mit anderen Mädchen. Die letzte Tat, die ihm nachgewiesen werden kann, begeht er 2018. Vier Jahrzehnte lang konnte Hans Ue. Mädchen missbrauchen. Vor Gericht wird später ein ehemaliger Kirchenrichter aussagen, er habe „die Unterlagen in den Giftschrank eingeschlossen und ganz aus dem Blick verloren“.
Im Jahr 2015 wagt Angelika Voge einen neuen Anlauf, diesmal gemeinsam mit ihren beiden Schwestern. Während des Prozesses wird klar, dass alles noch grauenvoller war als gedacht. Immer neue Opfer von Hans Ue. melden sich. „Als wir die Liste der geladenen Zeuginnen gesehen haben, ist uns schlecht geworden.“ Es stehen auch die beiden Pflegekinder von Hans Ue. drauf. Die Pflegetochter, Melanie F., wird das Erzbistum Köln später in einem Zivilverfahren auf Schmerzensgeld verklagen. Die Kirche lehnt ab. Begründung: Hans Ue. habe den Missbrauch schließlich nicht in seiner Funktion als Pfarrer, sondern in seiner Freizeit begangen.
Das Thema Schmerzensgeld ist für viele Betroffene eine Katastrophe. Seit 1. Januar 2021 können Frauen und Männer, die sexuelle Gewalt durch Kirchendiener erlitten haben, einen Antrag auf Entschädigung stellen, bei der „Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen“ (UKA). „Das Wort ‚Schmerzensgeld‘ oder ‚Schadenersatz‘ vermeiden sie tunlichst“, spottet Maria Mesrian. Wenn sie über all diese Dinge spricht, die Brutalität der Täter und die Ignoranz der Kirchenmänner, wird sie nie laut. Stets bleibt sie ruhig und lächelt ihr typisches süffisantes Lächeln. Dieses Lächeln sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein „unbedingter Wille nach Gerechtigkeit“ am Werk ist. „Ich kann Ungerechtigkeit nicht aushalten“, sagt Maria Mesrian, „und ich kann nicht aushalten, dass die christliche Botschaft, in deren Zentrum Gerechtigkeit steht, von diesen Männern in den Dreck gezogen wird. Das hat mir in den letzten Jahren die Kraft gegeben, dagegen anzugehen.“
Angelika Voge hat zunächst eine „Anerkennungsleistung“ von 5.000 Euro bekommen. Warum diese lächerliche Summe? „Auch bei uns haben sie gesagt, es wäre ja nur ‚familiärer Missbrauch‘ gewesen.“ Später hat sie dann noch einmal einen Antrag bei der Kommission gestellt. Auch Angelika hat für das Verfahren nur Spott übrig. „Wenn man Glück hat, kriegt man nach einem Jahr eine Eingangsbestätigung.“ Wie und wann es dann weitergeht und wie viel Geld man bekommt, weiß der Himmel. „Das ganze Verfahren ist überhaupt nicht transparent, das ist megafrustrierend. Auch die Summe, die man bekommt, ist völlig willkürlich“, sagt Angelika. Die Folge: „Man fühlt sich wieder total machtlos.“ Bis heute, sagt sie, „hat immer noch niemand von denen gefragt, wie es mir geht.“
Für viele Betroffene ist das alles schwer auszuhalten. Deshalb hilft „Leuchtzeichen“ ihnen auch dabei, die Anträge an die Kommission zu stellen. Das tun Jasmin Zimmermann und Ulrich Irro. Die Psychologin und der Sozialarbeiter und systemische Therapeut sitzen heute auch mit in dem Beratungsraum. Schon bald nach der Gründung im März 2021 wandten sich so viele Betroffene an die Beratungsstelle, dass „wir das Ganze professionalisieren mussten“, erzählt Maria Mesrian. Zunächst kam mit Marie Casper eine Fachfrau für Psychotraumatologie, die mit einer halben Stelle nicht nur Menschen aus ganz Deutschland beriet, sondern zusammen mit den EhrenamtlerInnen auch Fachtage und Ausstellungen organisierte. Seit April 2025 sind Jasmin Zimmermann und Ulrich Irro mit zwei 24-Stunden-Stellen für die Betroffenen da. Sie beraten telefonisch, online und natürlich persönlich.
Immer wieder erzählen ihnen diejenigen, die zu ihnen kommen, warum es so wichtig ist, dass es diese von der Kirche unabhängige Beratungsstelle gibt. Weil sie nicht vor imposanten Gebäuden stehen wollen, die Geld und Macht der „Täterorganisation“ ausstrahlen. Und weil sie die Beschreibungen der Taten nicht an Mailadressen schicken wollen, die den Namen des Bistums tragen, in denen ihnen so viel Leid und oft auch so viel Ignoranz widerfahren ist. „Sie fragen sich dann: Wer liest denn da alles mit?“, erklärt Ulrich Irro. Womöglich ein Vertuscher von damals?
In den Beratungen bei der Psychologin und dem Therapeuten begreifen die Betroffenen oftmals erst, wie viele ihrer heutigen Probleme mit dem Missbrauch von damals zu tun haben. Angelika Voge zum Beispiel wäre gern Lehrerin geworden, scheiterte aber nach ein paar Semestern Studium an ihrer wahnsinnigen Prüfungsangst. Heute arbeitet die alleinerziehende Mutter zweier Kinder als Erzieherin.
Für viele Betroffene sind gesunde Beziehungen schwierig, eine erfüllende Sexualität sowieso. Ein ganz schwieriges Thema: Arztbesuche. „Für manche Betroffene ist es unmöglich, sich bei der Hausärztin auszuziehen oder sich vom Zahnarzt in den Mund fassen zu lassen“, erklärt Jasmin Zimmermann. „Das hat dann wiederum zur Folge, dass Krankheiten lange unerkannt bleiben.“
Jasmin Zimmermann und Ulrich Irro unterstützen die Betroffenen dabei, das alles zu formulieren, damit das ganze Ausmaß der Folgeschäden im Antrag deutlich wird. „Im Antragsformular ist dafür nur ein kleines Kästchen vorgesehen“, sagt Irro. „Nach dem Motto: Schreibt da bitte nicht so viel hin.“
Auch für Melanie Peters war das Kästchen im Antragsformular viel zu klein. Sie trägt auch an diesem heißen Sommertag ein hellblaues Leinenhemd mit langen Ärmeln, damit niemand die vielen kleinen Narben an ihren Armen sieht, die vom Ritzen kommen. Mit 20 hat sie das erste Mal versucht, sich umzubringen. Sie hat ihren Kummer lange in sich hineingefressen, bis sie „den doppelten Umfang von dem hatte, wie ich jetzt hier sitze“. Jetzt sitzt hier eine schlanke, adrette Frau mit langen, blonden Haaren und schicker Sonnenbrille. Man käme nicht drauf, dass sie nachts oft schweißgebadet wach wird, weil sie wieder Alpträume vom Täter hatte. Und dennoch: Es geht ihr besser. „Ich habe erst seit ein paar Jahren das Gefühl, dass ich irgendwie am Leben teilnehme“, sagt Melanie Peters, die ebenfalls als Erzieherin arbeitet. „Ich war vorher nur im Überlebensmodus und habe versucht zu funktionieren.“
Das Funktionieren hat Melanie sehr früh gelernt. Ihre Mutter war schwere Alkoholikerin. Aber das sollte in der kleinen Ortschaft bei Aachen niemand merken. Melanie durfte mit niemandem darüber sprechen, dass sie ihre Mutter nicht anders kannte als betrunken. In der Schule war sie supergut, damit sie bloß nicht auffiel. Ihre ganze Freude war, dass sie in der Kirchengemeinde Messdienerin sein durfte. Als sie neun war, kam ein neuer Pfarrer in die Gemeinde. Als er ihr die Beichte abnahm, schüttete sie ihm ihr Herz aus. „Ich dachte, jetzt darf ich endlich alles erzählen.“ Sie konnte nicht wissen, dass Pfarrer K. sein Wissen um die Not des Mädchens aufs Widerlichste ausnutzen würde.
Er missbrauchte und vergewaltigte das Mädchen. Und drohte damit, „es im ganzen Dorf zu erzählen, wenn ich nicht mitmache“. Wenn sie sich doch einmal wehrte, sperrte er sie ein. „Irgendwann wehrt man sich nicht mehr. Und die Starre, die man da entwickelt, hält Jahrzehnte an“, erklärt Melanie. „Außerdem wusste ich: Wenn ich es erzählt hätte, hätte man auf dem Dorf mir als Mädchen die Schuld gegeben.“
Nahezu täglich fand der Missbrauch statt, der Pfarrer nahm die Messdienerin mit zu Taufen und Hochzeiten und verging sich ständig an ihr. Das ging so, bis sie 18 wurde. Da wurde der Pfarrer versetzt. Aber er hörte nicht auf. „Er hat mir immer noch geschrieben, dass er mich überall finden wird. Da dachte ich: Wenn du dich jetzt nicht wehrst, hört das nie auf! Entweder du stirbst daran oder du stehst mit letzter Kraft auf.“ Melanie entschied sich, aufzustehen. Sie erzählt dem neuen Pfarrer, zu dem sie Vertrauen hat, was sein Vorgänger getan hat. Der ist entsetzt. Der Fall landet beim Kölner Generalvikariat. Dort entscheidet man, dass Pfarrer K. sich Melanie Peters nicht mehr nähern darf und eine Therapie machen muss. Aus dem Dienst entfernt wird der Täter nicht. Stattdessen wird er in die Krankenhausseelsorge versetzt und darf weiter praktizieren. Als sich Melanie Peters mit 32 entscheidet, den Pfarrer anzuzeigen, sind die Taten verjährt.
Im Jahr 2021 sieht Melanies Vater im Fernsehen einen Bericht über Maria 2.0 und rät seiner Tochter: „Schreib die doch mal an!“ So begegnet Melanie Peters schließlich Maria Mesrian und dem Projekt „Leuchtzeichen“. „Wenn ich euch nicht gehabt hätte, weiß ich nicht, ob ich jetzt hier sitzen würde“, sagt Melanie und fängt an zu weinen. „Was soll ich mit einer Beratungsstelle der Kirche? Da sitz ich doch vielleicht wieder einem Täter gegenüber!“
Ulrich Irro hat Melanie geholfen, als es nach ihrem Antrag an die „Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen“ ein Jahr lang stockte. Er hakte mehrmals beim Bistum nach, half bei der Kommunikation und unterstützte dann bei den Informationen, die noch nachgeliefert werden mussten.
Melanie Peters hat 8.000 Euro bekommen. 8.000 Euro für fast zehn Jahre tägliche Übergriffe inklusive Vergewaltigung, Erpressung und Freiheitsberaubung. Sie haben Widerspruch eingelegt.
Und noch etwas ist enorm wichtig für Melanie, die schon mehrere Klinikaufenthalte hinter sich hat: „Dass ich Dinge einfach mal abgeben kann.“ Zum Beispiel die Post vom Erzbistum. Als der letzte Brief ankam, „hatte ich einen Schweißausbruch und habe am ganzen Körper gezittert“. Es ist gut, wenn eineR der beiden „Leuchtzeichen“- MitarbeiterInnen die Briefe öffnet und ihr behutsam erklärt, was drinsteht.
Seit 2022 ist Melanie Peters’ Vergewaltiger im Ruhestand. Unbehelligt lebt er in seinem Ort, wo immer noch niemand von seinen Taten weiß, und darf dort sogar seelsorgerisch tätig sein. „Wie die Kirche mit den Betroffenen umgeht, hat mit Nächstenliebe nichts zu tun,“ sagt Melanie. „Aber ich setze meine Wut jetzt positiv um, indem ich nicht mehr schweige.“
Als „Leuchtzeichen“ im Frühjahr 2026 eine Lesung mit Carolin Kebekus als Benefiz-Veranstaltung organisiert, stellt sich Melanie Peters im Kölner Filmhaus vor das Publikum und erzählt ihre Geschichte. „Da hättest du eine Stecknadel fallen hören können“, sagt Maria Mesrian. „Frauen wie Melanie oder Angelika sind für mich Heldinnen, denen wir einen Raum geben können.“
Dieser Raum allerdings muss Jahr für Jahr aufs Neue finanziert werden. Auch Psychologin Zimmermann und Therapeut Irro werden ausschließlich aus Spenden bezahlt. Diese Spenden zu organisieren, ist der Job von Maria Mesrian. Die Vereinsvorsitzende ist das Gesicht von „Robin Sisterhood“. Sie organisiert Benefiz-Aktionen mit bekannten Kölner Persönlichkeiten. Annette Frier war schon dabei, die Deutschlandfunk-Journalistin Christiane Florin gastierte mit einem Hildegard-Knef-Abend. Der Verein organisiert die Wanderausstellung „SHAME“ des italienischen Fotografen Simone Padovani, der Missbrauchsopfer porträtiert hat. An den jeweiligen Gastorten gibt es Diskussions-Veranstaltungen, manchmal besuchen ganze Schulklassen die Ausstellung.
Rund zehn EhrenamtlerInnen sorgen dafür, dass „Robin Sisterhood“ und „Leuchtzeichen“ bekannt werden. Zum Beispiel Doro Arbogast-Bücken, ihres Zeichens Leiterin des „Teams Marktstände“. Jeden Samstag zieht Doro mit weiteren EhrenamtlerInnen und ihrem Bollerwagen auf Kölner Wochenmärkte, baut dort ihre Aufsteller auf und spricht mir den BesucherInnen, die eigentlich Tomaten oder Forellen kaufen wollen, über sexuellen Missbrauch.
„Ihr habt so viel Arbeit und trotzdem lächelt einen jeder an und sagt: Du bist willkommen!“, sagt Melanie. „Mir hat es unheimlich Kraft gegeben, dass ich diesen Verein an meiner Seite habe.“ Und Angelika bestätigt: „Man darf nicht vergessen: Wir Opfer fühlen uns manchmal sehr klein. Immer wieder sagen Leute zu uns: Jetzt müsste doch endlich mal alles gut sein. Ist es aber nicht. Es ist ein lebenslanger Prozess.“
Der Blick aus dem kleinen Büro, in dem so viel Großes passiert, fällt übrigens auch auf ein hohes pinkes Gebäude, das sich hinter all dem Grün erhebt. Es ist das „Pascha“, Kölns Großbordell. Es erinnert Maria Mesrian und alle, die in diesem Raum beraten oder beraten werden, daran, dass der sexuelle Missbrauch von Frauen auch dort stattfindet, ganz offen, staatlich und städtisch geduldet, Tag für Tag. Maria Mesrian kommentiert das mit der ihr eigenen feinen Ironie: „Dieser Blick motiviert uns jeden Tag, gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung zu kämpfen.“
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