Eine Herde fürs Leben
"Du kannst sie rückwärts begleiten, damit aus dem Rückwärts ein Vorwärts wird!", ruft Kirsten Laura zu. Die zarte Achtjährige versucht gerade, das Pony Lissy dazu zu bringen, ihr zu folgen. Aber Lissy hat andere Pläne. Die braun-weiß gescheckte Islandstute biegt lieber zum Heuballen ab.
„Sie will dir vertrauen können, sie sucht Sicherheit. Dafür braucht sie deine Stärke und dein Selbstbewusstsein!“, ruft Kirsten, die einige Meter entfernt am Weidezaun lehnt.
Laura steht etwas verloren da. Stärke und Selbstbewusstsein, das wurde ihr nicht in die Wiege gelegt. Lauras Eltern waren drogenabhängig. Auf ihrer Haut wurden Zigaretten ausgedrückt, als sie noch ein Baby war. Sie wurde mehrfach sexuell missbraucht. Ihre Mutter hat sich prostituiert, wahrscheinlich auch das Mädchen an Kunden verkauft.
An all das erinnern kann Laura sich nicht. Ihre Erinnerung setzt erst ein, als sie fünf Jahre alt ist und in einer Pflegefamilie lebt. Dort wird sie vom Pflegevater geschlagen.
Als ein anderes Kind aus der Pflegefamilie vom Jugendamt abgeholt wird, sagt die Kleine: „Ich will hier auch weg.“ Sie landet im Kinderheim und dann im nächsten und wieder nächsten. Das Kind gibt sich auf. Als die BetreuerInnen nicht mehr weiterwissen, kommt eine auf eine Idee. Sie hatte von „diesem seltsamen Pferdehof im Osten“ gehört. Dieser „seltsame Pferdehof“ ist in Meuselko, einem winzigen Nest im tiefsten Sachsen- Anhalt, nächstgrößere Städte sind Torgau und Leipzig. Der Hof heißt „Maruschka“ und ist umgeben von endlosen Feldern und Wäldern. Es ist ein „heilpädagogischer Reithof“ mit acht stationären Jugendhilfeplätzen für traumatisierte Mädchen.
Erst seit wenigen Monaten ist Laura dort. Jetzt, im Paddock, einer eingezäunten großen Koppel, bei der Arbeit mit Lissy, drückt sie plötzlich ihren Rücken durch und sagt mit fester Stimme: „Komm Lissy, komm!“. Sie geht mit der Stute zwei Schritte rückwärts und dann selbstbewusst und hoch erhobenen Hauptes vorwärts. Das Pony folgt dem Mädchen. Laura kann sie durch den ganzen Paddock führen – wohlgemerkt ohne Halfter, allein durch ihre Körpersprache.
Kirsten strahlt, Laura strahlt, Lissy sucht Futter. Es war der erste Versuch, bei dem sie das Pferd frei anführen sollte. Ein voller Erfolg.
„Wenn ich bei Lissy bin“, antwortet Laura auf die Frage, wann sie die schönsten Momente auf dem Hof hat. Die Achtjährige wirkt etwas scheu, aber sobald Lissy sich zu ihr gesellt, wird sie fester in der Stimme und ruhiger. „Hier ist es gut. Ich fühle mich hier sicher“, sagt sie.
Lissy ist Lauras beste Freundin und Laura ist Lissys beste Freundin. Jedes der Mädchen hat hier ein Pferd, zu dem es eine besondere Beziehung hat. Auch Pony Lissy hatte sich mal aufgegeben. Sie stammt aus schlechter Haltung und hat viel zu früh ein Fohlen bekommen, um das sie sich nicht kümmern konnte. Die zwei wurden nach Meuselko gebracht, weil niemand sie wollte. Andere Stuten des Hofes haben das Fohlen übernommen, Lissy blühte auf.
Die Herde auf „Maruschka“ besteht aus 28 Pferden aller Couleur. Island-Pferde, Norweger, schwere Kaltblüter, Konik-Ponys, Tinker. Eines schöner und zutraulicher als das andere. Viele von ihnen kommen aus dem Tierschutz oder sollten geschlachtet werden. Doch das sieht man ihnen nicht mehr an. Ihr Fell glänzt, die Mähnen und Bäuche sind voll, die Hufe sehen gut aus und stehen fest auf dem sandigen Boden.
Wer ein bisschen was von Pferden weiß, spürt gleich, dass hier auf dem Hof irgendetwas grundsätzlich anders ist. Während die Pferde auf anderen Reiterhöfen auch gern mal weglaufen, wenn sich Fremde nähern, sind diese Pferde geradezu neugierig und strahlen etwas Friedliches, Gelassenes aus. Diese besondere Stimmung ist am deutlichsten abends zu spüren, wenn die Pferde auf die große Weide zum Grasen dürfen. Ein beruhigendes Malmen und Schnauben sind zu hören. Immer kommt eines herbei, will schnuppern und gestreichelt werden.
Manchmal kommen die Mädchen und reiten auf ihnen, ohne Sattel und Halfter. Einen größeren Vertrauensbeweis eines Pferdes gibt es nicht. Und auch für die Reiterin gehört Mut dazu.
Manchmal legen sich die Mädchen auch einfach nur auf das Tier und lassen sich tragen.
„Soll ich mal den Ostwind machen?“, ruft Ora, die sich gerade von einem großen schwarzen Pferd auf der Wiese tragen lässt. Ora wurde in der Ukraine, auf der Krim geboren. Ihre Mutter ist gleich nach der Geburt aus dem Krankenhaus verschwunden.
Bis heute fragt sich die 23-Jährige, warum ihre Mutter keinen Namen, keine Adresse, kein Garnichts hinterlassen hat. Was im Krankenhaus und im Kinderheim passiert ist, weiß Ora nicht. Sie wurde ein wütendes Kind und von allen Seiten gemobbt. In das Leben der Heime und Pflegefamilien hat sie nicht hineingepasst, sie wurde wegen ihrer Wutausbrüche oft in eine Klinik eingeliefert. „Irgendwie wollte mich niemand. Hier auf dem Hof hat sich zum ersten Mal jemand für mich interessiert“, sagt sie. Ora breitet die Arme aus und reitet freihändig auf Fahu, ganz wie die rebellische „Mika“ in „Ostwind“, dem legendären Pferdefilm von Katja von Garnier, den hier natürlich alle lieben.
Ora lebt seit sieben Jahren auf „Maruschka“, seit kurzem in einer eigenen Wohnung in der Nähe. Sie will demnächst eine Ausbildung anfangen. Ora ist sattelfest geworden. Das hat sie nicht nur durch ihr Pferd Fahu gelernt, einen schwarz glänzenden Wallach mit den liebevollsten Augen der Welt, sondern auch durch Kirsten, die hier alle nur Kaya nennen.
Kirsten „Kaya“ Bruchhäuser therapiert die Mädchen mit den Pferden, bringt ihnen bei, sie frei und nur via Körpersprache anzuführen. „Viele Mädchen lernen erst über das Pferd, wieder ein anderes Lebewesen zu berühren und sich berühren zu lassen“, sagt sie. Mit ihrer sogenannten „Leitstutenphilosophie“ hilft Kirsten den Mädchen zurück in den Sattel. „Eine Pferdeherde ist ohne menschliches Eingreifen matrilinear gegliedert, wie frühere Frauenkulturen. In ihr herrschen Gruppenregeln, an denen wir uns mit den Mädchen orientieren. Sie lauten im Kern: Du darfst. Du darfst nicht. Es gibt kein Du musst“, erklärt Kirsten. Kein Tier wird von anderen zu etwas gezwungen, sondern eingeladen, dem Leittier zu folgen. Die Leitstute hat die Gabe, den größtmöglichen Individualraum zu erkennen und als Schutzraum zu verteidigen.
Es dürfte klar sein, wer die menschliche Leitstute auf „Maruschka“ ist. Ihre Herde, acht Mädchen und ihre Betreuerinnen leben in einer bunten, großfamilienähnlichen Lebensgemeinschaft zusammen. Nur Frauen und Mädchen. Alle lernen, ein Nein zu akzeptieren und sich gegenseitig Grenzen zu setzen, so wie Pferde es auch tun. Die Pferde werden nicht zum Stillhalten gedrillt. Sie dürfen „Nein“ sagen. „Nur bei Pferden, die Nein sagen dürfen, können Mädchen Nein sagen lernen“, erklärt Kirsten die Leit-Maxime.
Das Prinzip färbt scheinbar auf alle Lebewesen auf „Maruschka“ ab. Hunde und Katzen sind entspannt, vor niemandem muss gewarnt werden. Und die sechs Ziegen des Hofes stoßen zwar einander mit ihren Hörnern, aber nie die Menschen, die zu ihnen ins Gehege kommen. Selbst die Gänse sind zahm und lassen sich streicheln. Als wäre das alles nicht genug, lebt auf dem Hof auch noch „die Wölfin“. Eine sogenannte Wolfhündin, die so sanftmütig ist, dass sie für einige der Mädchen zur Begleiterin geworden ist.
Zum Beispiel für Louisa, die so viel Angst vor der Welt hat, dass sie ihr Zimmer nicht verlassen kann. Nur die Wölfin darf zu dem menschlichen „einsamen Wolf“ hinein. Louisa wollte als Kleinkind ihre Mutter vor dem prügelnden Vater schützen. Sie hat Gewalt und Missbrauch von Menschen erlebt, die eigentlich zum Helfen da sind. Louisa hat bis heute Panikattacken und permanent Angst zu sterben. Manchmal kann sie ganze Nächte nicht schlafen. Seit drei Jahren lebt sie auf „Maruschka“. Sie arbeitet hart daran, dass aus dem Rückwärts ein Vorwärts wird. Die Wölfin hilft ihr dabei.
Und natürlich Kirsten, die anfängt, von innen zu leuchten, wenn Louisa es schafft, das Haus zu verlassen und sich traut, sich zu ihr auf die Gartenbank zu setzen. Für Louisa ist das wie Bungee-Jumping.
Das ist es wohl ein bisschen für alle Mädchen, die sich dazu bereit erklären, uns von EMMA für vier Tage in ihr Leben zu lassen und uns ihre Geschichte zu erzählen. Sie alle sind so unglaublich mutig.
Bei den meisten hat der Missbrauch angefangen, als sie noch im Baby- oder Kleinkind-Alter waren. Sie alle haben eine Odyssee an Kinderheimen, Jugendhilfe-Einrichtungen oder Pflegefamilien hinter sich. Niemand konnte ihnen helfen. Oft haben Behörden versagt. Manche Mädchen waren sogenannte „Systemsprenger“. Sie fielen durch alle Raster der üblichen Hilfsangebote, durch extreme Wutausbrüche oder so schwere Depressionen, die in Suizid enden können.
„Maruschka“ ist die letzte Station dieser Mädchen. Kirsten und ihr Team schaffen es zwar nicht, allen wieder aufs Pferd zu helfen, aber doch den meisten von ihnen. „Wer die Bindung zu uns auch im Erwachsenen-Alter noch braucht, der bekommt sie. Jedes Mädchen ist und bleibt auf Maruschka willkommen. Wir finden dann schon eine Lösung“, sagt Kirsten.
Die acht Mädels, die aktuell dort leben, wirken so gar nicht wie „Systemsprenger“. Sie sehen aus wie ganz normale Teenager, die sich nichts aus Markenklamotten oder langen Fingernägeln machen und vielleicht nur etwas schüchtern sind. Doch die vielen Narben auf ihren Armen lassen etwas anderes erahnen. Fast alle der Mädchen haben sich die Arme geritzt. Sie sind vom Handgelenk bis zum Ellenbogen übersät von dicken weißen Narben. Kirsten erklärt gelassen: „Viele bauen damit innere Spannungen ab oder versuchen, schlechte Gefühle abzuschwächen, sich selbst spüren und kontrollieren zu können. Deswegen muss man nicht in Panik verfallen.“ Ob die Pubertät die Sache noch verschärfe, frage ich. Ein Mädchen namens Persephone antwortet: „Pubertät? Die interessiert uns nicht. Erstmal überleben.“
Nach den ersten Gesprächen zeigen uns die Mädchen ihren sicheren Ort, ihr Zuhause. Ein Haus, das die „Villa Kunterbunt“ bieder aussehen lässt. Ein Altbau mit unzähligen Ecken und Winkeln, gestrichen in bunten Farben. Während andere Jugendhilfe-Einrichtungen oft einen Charme aus Jugendherberge und Krankenhaus vermitteln, wirkt die „Villa Maruschka“ wie ein Haus, das zu sich einlädt und vor Lebendigkeit platzt. Gesellschaftsspiele und Bücher quillen aus den Regalen, Fotos und selbstgemalte Bilder machen die bunten Wände noch bunter. Es gibt viele gemütliche Ecken, eine Katze auf dem Schaukelstuhl, ein Hund hat sich auf dem kalten Küchenboden ausgestreckt.
Beim sonntäglichen gemeinsamen Frühstück im Garten spielen die Mädchen schon mal Armdrücken gegen Kirsten. Noch gewinnt sie immer. Im Haus lernen sie das Zusammenleben in ihrer Herde und die Regeln, die dazu gehören. Sie kochen und essen zusammen, helfen gemeinsam bei der Hausarbeit und den Pferden. Nur die Pferde-Therapie ist individuell. In Gruppen machen sie Kurse wie Tanzen, Wendo oder Volleyball. Auch Trecker-Fahren und Heuballen transportieren können sie. Nur wenige der Mädchen schaffen es, die Schule zu besuchen. Die meisten lernen mit Lernbriefen über die „Flex-Fernschule“, die für Kinder da ist, die an einem sicheren Ort lernen müssen.
Manche Mädchen schaffen auch den Sprung in die Außenwelt. Persephone zum Beispiel, die gerade ein soziales Jahr in einer Kita macht. Sie ist jetzt sattelfest. Doch es war ein langer Ritt. Ihre Eltern gehörten zu einem Neonazi-Netzwerk. Ihr Vater hat angefangen, die Vierjährige zu missbrauchen, als die Mutter sich getrennt hat. Ein Richter hat trotzdem entschieden, dass Persephone jedes zweite Wochenende beim Vater verbringen muss – obwohl dieser längst als alkoholkrank und gewalttätig bekannt war. „Du hast mich jetzt lieb, sonst gibt es kein Frühstück“, solche Sätze hat der Vater bei ihren Besuchen gesagt. Vermutlich hat er Persephone auch an andere Männer des Netzwerks weitergereicht. Er hat erst von ihr abgelassen, als sie ihre Periode bekam. Persephones Mutter ist geistig eingeschränkt und selbst Opfer von schwerem Missbrauch aus dem Netzwerk ihres Mannes. Von ihr konnte keine Hilfe kommen. Und eigentlich fühlte sich das Mädchen immer mehr für die Mutter verantwortlich als umgekehrt. Mit 13 schafft sie es, sich an eine Familienhelferin zu wenden und zu sagen: „Ich will nicht mehr zuhause leben. Ich kann nicht mehr.“ Die Helferin handelt schnell und sucht drei Orte aus. Persephone nimmt den, der am weitesten vom Vater weg ist.
Dass „Maruschka“ ihre Rettung ist, spürt sie schon, als sie den ersten Fuß auf den Hof setzt. Nicht unwesentlichen Anteil daran hat Flora, eine treue Norwegerstute. Flora wurde vor ihrer Ankunft lange Zeit als Gebärmaschine eingesetzt und musste viel zu früh zu viele Fohlen kriegen. Sie ist unter der Last zusammengebrochen. Die neue Herde hat auch sie aufgefangen.
Persephone träumt davon, irgendwann nach Norwegen auszuwandern, denn „da kommt Flora her“. Persephones Vater sitzt in Bayern im Gefängnis, im Winter wird er entlassen.
Wie sie stellen sich fast alle der Mädchen die Frage: Warum hat er das getan? Warum missbraucht ein Vater sein eigenes Kind?
Dem ersten Missbrauch durch den Vater schließt sich oft ein weiterer an. Durch andere Verwandte oder Freunde oder gar durch organisierte Verbrechen. Auf „Maruschka“ waren auch schon Mädchen, die Kinderporno-Ringen zum Opfer gefallen sind. „Ich staune immer, wenn Menschen vom Netzwerk und den Taten von Jeffrey Epstein so geschockt sind. Das gleiche haben wir in Deutschland doch auch noch und nöcher. Auch hier geht Kindesmissbrauch im großen Stil bis in höchste gesellschaftliche Kreise“, sagt Kirsten nüchtern. Und sie fragt: „Was glauben die Menschen eigentlich, wo die Kinder landen, die von Prostituierten geboren werden? Der Menschenhandel macht doch vor Kindern nicht halt, im Gegenteil.“ Kirsten hat schon in viele Abgründe geblickt.
Einer davon tut sich auch bei Phoebe auf. Wenn die junge Frau eine Wutattacke hat, gehen Fenster und Regale zu Bruch. Dann muss der Krankenwagen kommen und eine Narkose- Spritze, „einen Dartpfeil schießen“, wie Phoebe abgeklärt sagt. Einmal hat sie sich so sehr gewehrt, dass ein „Dartpfeil“ im Körper des Rettungssanitäters landete und noch ein Krankenwagen kommen musste. Phoebe ist erst seit wenigen Wochen auf „Maruschka“ und macht ein Praktikum, weil sie für die Jugendhilfe mit 23 Jahren eigentlich zu alt ist.
Bei Phoebe haben alle Menschen um sie herum, alle Heime und Kliniken versagt. Mit drei Jahren wird das Kind zum ersten Mal in die Psychiatrie eingeliefert, weil sie nicht im Bett liegen will und eine panische Angst vorm Einschlafen hat. Ihr „Erzeuger“, wie sie ihn nennt, hat sie missbraucht. Was genau passiert ist, weiß Phoebe nicht. Auch stellt sich die Frage, ob sie an andere Männer verkauft wurde und Fotos und Videos von dem Missbrauch gemacht wurden. Ihre Mutter wurde als Kind vom Stiefvater missbraucht und wollte eigentlich nie ein Kind. Weil niemand Phoebe will, wird sie zwischen Psychiatrie, Kliniken und Heimen hin und her geschoben. Ihre Wutanfälle, die zu Krampfanfällen werden, werden immer schlimmer. Sie bekommt den Stempel einer „geistigen Behinderung“ aufgedrückt. Eine echte Diagnose dazu gibt es nicht. Und jeder, der sich mit ihr unterhält, merkt, dass das völliger Quatsch ist. Auch in den Einrichtungen wird das schutzlose Mädchen missbraucht, von einem Pfleger, von anderen Männern, die als Täter in der Psychiatrie sind. Als Phoebe mit 17 einen positiven Schwangerschaftstest hat, gibt ihr der Gynäkologe einer Klinik die Abtreibungspille – ohne mit ihr darüber zu sprechen. „Er hat gesagt, die sei gegen Zysten und das war’s.“ Als Phoebe volljährig allein in einer Wohnung lebt, wird der Nachbar zum Täter. Phoebe findet keinen Ort, nirgends. Dann hört ihre rechtliche Betreuerin von „diesem Pferdehof im Osten“ und bahnt ihr den Weg dorthin.
Auf „Maruschka“ fasst Phoebe Mut für einen Neuanfang, weil „dort nur Frauen leben“. „Ich will nie mehr mit Männern zusammenleben. Zu viele Täter, zu viele Trigger“, sagt Phoebe, klug wie sie ist.
Zusammen mit Kirsten kämpft die junge Frau nun gegen den Stempel der Behinderung, damit sie eine Berufsfähigkeit erlangen kann. „Ich möchte Tierpflegerin werden“, sagt Phoebe.
„Wir werden das schon irgendwie hinkriegen“, sagt Kirsten ruhig. Denn Kirsten hat immer alles irgendwie hingekriegt. Oft war das Geld für die Mädchen und Pferde knapp, der Hof kurz vorm Ende. „Aber plötzlich tauchte irgendeine Frau auf, die geholfen hat.“
Durch die Ernennung zur offiziellen Jugendhilfe-Einrichtung sind die acht Plätze für die Mädchen gesichert. Das zuständige Jugendamt ist der öffentliche Kostenträger. Für den Hof gibt es ein paar Fördergelder, auch der gemeinnützige Verein „Baba Yaga“ unterstützt. Aber knapp ist es immer. Besonders jetzt, wo sich die Kosten für Futter und Energie fast verdoppeln.
Das zehnköpfige Team um Kirsten verkörpert volle Pferdestärke. Da wären zum Beispiel Nicole und Meike, die mit den Mädchen zusammen im Haus leben und die Herde sichern. Die zwei sind tough. Keine Betulichkeit, kein Heititei. Hier sind Rebellinnen am Werk. Manche Mitarbeiterinnen sind festangestellt, manche arbeiten nur ein paar Stunden. Sie sind Heilerzieherinnen, Sozialpädagoginnen, Reittherapeutinnen, Tierpflegerinnen, Egotherapeutinnen, Kinderschutzfachkräfte oder Büro- und Hauswirtschaftskräfte. Die meisten sind irgendwie alles zusammen.
Die Hufpflegerin, die gelegentlich kommt, um die Hufe der Pferde zu schneiden (Eisen tragen sie nicht), ist auch eine Frau. Keine Männer, keine Trigger.
Und auch Kirstens Partnerin Sandra arbeitet mit auf dem Hof und nebenbei als Ergotherapeutin. „Unsere große Stärke ist, dass wir alle, Mädchen wie Betreuerinnen wie Pferde, so sein können, wie wir sind. Hier gibt es keine Schönfärberei und keine Geheimnisse.“ Die hat auch Kirsten nicht. Denn der Grund, warum sie selbst so souverän mit Abgründen umgehen kann, ist, weil sie selbst hineingeblickt hat.
Geboren wurde Kirsten 1968 in Kassel. Ihre Eltern gehörten zur „gehobenen Schicht“. Der Vater war Bürgermeister im Ort nebenan, die Mutter Amtsrätin im Bauamt und ehrenamtliche Schiedsfrau. Die Mutter wollte kein Kind und interessiert sich nicht für die Tochter. Sie will sie nicht einmal berühren. „Meine Mutter war selbst traumatisiert. Sie wurde als Kind auch vom Vater missbraucht“, erklärt Kirsten sich das.
Vom Geist der 68er geprägt, glauben die Eltern an „Laissez-Faire“ und überlassen das Kind viel sich selbst. Ein befreundeter Mann wird zum Babysitter erklärt und übergriffig, als Kirsten ein Kleinkind ist. Der Vater beginnt zu trinken, zu schlagen und die Tochter zu missbrauchen. Schon als Vierjährige will Kirsten weg von zuhause, packt ihren Spielkoffer und läuft immer wieder davon, sucht Anschluss bei anderen Familien. Manche schmieren ihr Schulbrote. Doch niemand hilft, niemand will sehen, was bei „Bruchhäusers“ passiert. Denn: Die Bruchhäusers sind beliebt im Ort, sie tun viel für die Gemeinschaft. Kirsten ist ein unangepasstes, rebellisches Kind. Oft kommen die Eltern abends betrunken von Gemeindesitzungen nach Hause. Bevor „es wieder losgeht“, haut Kirsten ab. „Da war eine Bank am Waldrand, von der ich auf die Wiesen und Felder schauen konnte. Dort habe ich dann geschlafen“, sagt sie.
Ihr einziger Trost und Halt: Gretchen, ihr Pony. Wenn sie mit Gretchen über die Wiesen von zuhause weggaloppiert oder in Reitferien darf, ist das die schönste Zeit ihres Lebens. „Pferde waren immer mein sicherer Ort“, sagt Kirsten.
Als sie in die Pubertät kommt, beginnt die Mutter, sich endlich ein bisschen für die Tochter zu interessieren, der Missbrauch des Vaters lässt nach. Die Mutter wird EMMA-Abonnentin, besorgt Kirsten feministische Mädchenbücher. „In der Theorie war meine Mutter Feministin“, sagt Kirsten.
Mit 16 geht Kirsten nach Berlin, hat dort ihr Coming Out und blüht in feministischen Frauenkreisen auf. Der Zusammenhalt unter den Frauen gibt ihr Kraft. „Ich habe damals entschieden, dass ich mich Männern nie mehr zur Verfügung stellen will“, sagt Kirsten. Sie macht eine Ausbildung zur Erzieherin, ihr Fachabi für Soziale Arbeit und startet im „Mädchenladen Wedding“ ihr Anerkennungsjahr. Nebenbei organisiert sie Mädchen-Reitferien.
Nach dem Mauerfall fließen Fördermittel für die Ost-West-Annäherung. Kirsten organisiert Reisen zwischen Ost und West im Umland von Berlin, immer spielen Pferde eine Rolle. Ihr Frauennetzwerk wächst und wächst. Kirsten schafft sich immer tiefer in die Arbeit mit Pferden hinein, ist fasziniert von dem, was Menschen von ihnen lernen können.
1992 kann sie ihren ersten Hof pachten und rettet 20 Pferde vor dem Schlachthof. 1995 kann sie den Hof in Meuselko kaufen. Auf einem Wanderritt von über 80 Kilometern reiten sie und ihre Helferin mit den Pferden über zwei Tage in die neue Heimat.
Die ist für die Pferde schnell ein Paradies, mit alten Schatten spendenden Bäumen, natürlichen Gewässern und Sandkuhlen zum Wälzen. Die Pferde können umherziehen und fast wild leben. Für die Menschen gibt es anfangs nur ein Plumpsklo, eine Ofenheizung und weder Strom noch Wasser. Nach und nach werden der Hof und die „Frauenwelt“ aufgebaut. Mädchen und Frauen aus Berlin kommen zum Reiten, Kirsten macht ein Zertifikat nach dem anderen: als Therapeutin und Heilpraktikerin. Ihr Erfolg als Therapeutin lässt das Jugendamt aufhorchen und bewilligt ihr schließlich Plätze als offizielle „Jugendhilfe“, die staatlich finanziert werden. Acht bis neun Mädchen können sie auf „Maruschka“ aufnehmen, nie bleibt ein Platz unbesetzt. Die Warteliste ist lang.
Als Kirsten klein war, hat sie gern mit Pferdefiguren und einem Reithof aus Holz gespielt. Mit acht Jahren beschließt sie beim Spiel: „Wenn ich groß bin, baue ich einen Reithof für alle Pferde und Mädchen, die sonst keiner will.“ Kirsten hat ihren Plan umgesetzt.
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