Schwule Freunde & neue Gräben
Wissen Sie, was ein Goldstar Gay ist? Das ist ein Mann, der noch nie Sex mit einer Frau hatte. Und wissen Sie auch, was ein Platinum Gay ist? Das ist quasi die Königsklasse: ein Homosexueller, der per Kaiserschnitt entbunden wurde und noch nie Kontakt mit einer Vagina hatte.
Woher ich das weiß? Das erklärte Bill Kaulitz vor wenigen Wochen in seinem Podcast „Kaulitz Hills“ seinem Zwillingsbruder Tom, der darüber einigermaßen verdutzt war. Vor allem das Ranking lässt stutzig werden: Ein Leben, das ab Sekunde 1 mit einem Minimum an Weiblichkeit auskommt – das soll erstrebenswert sein?
Die oben genannten Begriffe werden zum Glück so selten verwendet, dass sie noch erklärungsbedürftig sind. Aber es gibt sie. Und das gibt zu denken: Nicht nur grenzen sie das andere Geschlecht aus, sie werten das eigene Geschlecht auch massiv auf.
Zwischen 700.000 und einer Million Menschen hören den Kaulitz-Podcast jede Woche. Soeben ist die dritte Staffel der Doku „Kaulitz & Kaulitz“ auf Netflix angelaufen. Für viele Frauen ist der homosexuelle Paradiesvogel Bill eine Art „beste Freundin“ und Inspiration. Sein heterosexueller Bruder Tom Kaulitz dagegen gilt als lässiger Gegenpart und – auch dank seiner Ehe mit Heidi Klum – als cooler Typ.
Ich war schon immer eine sogenannte Schwulenmutti, eine Frau mit vielen homosexuellen Freunden. Sie haben mich nicht nur stilistisch beraten, sondern mir auch oft geholfen, Männer zu verstehen: Wie ticken die? Was wollen die? Und was nicht? Ich habe mir Cruising- und Gruppensex-Stories angehört, Beziehungstipps gegeben und bekommen. Wir haben zusammen gefeiert, geshoppt und geweint. Jeder Schwule, den ich kenne, hatte eine oder mehrere „beste Freundinnen“. Jede Frau, die ihr Leben durch Witz und Klasse bereichern will, hat einen oder mehrere beste schwule Freunde.
Aber irgendetwas hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Aus Allies, also Unterstützerinnen, sind wir Frauen für manche homosexuellen Männer offenbar zu etwas Bedrohlichem geworden. Als ich vor zwei Jahren auf dem Münchner CSD-Wagen mitfuhr, wurde meine Sorte beschimpft: Da standen Menschen mit feindseligen Plakaten auf den Straßen: „Ihr Scheiß CIS-Ladies!“ stand auf einem, „TERFS raus!“, auf einem anderen. Wie bitte? Ich wollte Unterstützung zeigen, wollte Pride und Party – und war plötzlich ein Problem?
Auch die aktuelle Leihmutter-Debatte um Jens Spahn, seinen Mann Daniel und ein Baby namens Georg zeigt, welchen Stellenwert Frauen mittlerweile mancherorts zu haben scheinen: keinen. Politisch zeigt der Fall zudem, welchen Stellenwert Ehrlichkeit bei manchen Menschen zu haben scheint: keinen.
Kommt es nur mir so vor, oder werden Frauen von Teilen der Gay-Szene langsam aussortiert? Mit zunehmender Macht und Vernetzung einzelner Gruppen scheint sich eine Men-Only-Zone entwickelt zu haben. Eine, in der sich politisch und wirtschaftlich potente Männerpaare gegenseitig Jobs zuschustern und unter sich bleiben. Die Frauen werden kaltgestellt. Nur für die Reproduktion scheinen wir noch wichtig.
Doch ich horche auf, wenn mächtige Männerbünde ihre Reihen schließen. Wenn Jens Spahn und Palantir-Mitbegründer Peter Thiel rätselhafte Netzwerkarbeit machen: Fünfmal nahm Spahn zwischen 2018 und 2024 an der elitären Dialog-Veranstaltungsreihe des US-Milliardärs teil. Er will Thiel (der mit seinem Mann zwei Kinder per Leihmutterschaft hat) aber auf den Events nicht begegnet sein. Durch ein Datenleck wurden Teile des Programms bekannt: „How’s Your Sex Life?“ (Fragen und Austausch zum Sexleben) und „Build-a-Cult“ (Sitzung zum Aufbau von Sekten/Glaubensgemeinschaften). Ah ja.
Es scheint, als wären wir Frauen vor allem wichtig gewesen, solange die Homosexuellen in einer bedrohten Position waren. Jetzt, wo einige mächtig und vernetzt sind, können wir gehen. Es wirkt, als werde mancherorts sogar an der Eliminierung von Frauen aus dem eigenen Lebenslauf gearbeitet – und das immer schön unter dem Dach der Vielfalt.
Ich liebe meine schwulen Freunde. Und ich frage mich, ob wir die letzte Generation sind, die sich gegenseitig bereichert.
Ausgabe bestellen

