In der aktuellen EMMA

Wenn aus Pride Hass wird

FOTO: Christian Spicker/IMAGO
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Da wehte es wieder auf den CSDs, das Fahnenmeer aus „Progressive Flags“. In die einst schlichte Regenbogenfahne haben sich Schwarz und Braun für „People of Color“, sowie Hellblau, Rosa und Weiß für Transgender hineingeschoben. Ein spitzes Dreieck, das einen Keil in die Community treibt. Genau dieses Gefühl haben viele Lesben und Schwule gerade. Ihr Kampf um Sichtbarkeit und Respekt ist gekapert worden. 

Nirgendwo wird es deutlicher als auf den CSDs selbst. Die Umzüge sollen an die Nacht zum 28. Juni 1969 in der Christopher Street in New York erinnern. Da stürmte die Polizei das Stonewall Inn, eine Schwulen-Bar. Erstmals setzten sich Homosexuelle zur Wehr gegen die Schlagstöcke der Polizei – die allseits so verachteten „Tunten“, also die effeminierten Männer, allen voran. Seither erreichten homosexuelle Männer und Frauen in der gesamten westlichen Welt nicht nur gleiche Rechte, sondern auch Respekt in weiten Teilen der Bevölkerung. Die 1969 noch ganz und gar undenkbare Homo-Ehe ist ein Ausdruck davon. 

Es dürfte auf den CSDs also fröhlich gefeiert werden. Stattdessen aber wird gehasst. 

Auf so manchem CSD 2026 wehen mehr Palästinenserflaggen als Regenbogenflaggen. Und die ganz normale Homosexualität gerät in den Schatten von Transflaggen und sexuellen Fetischen, mit denen sie eigentlich so gar nichts zu tun hat. Auf ihrer eigenen Party schlagen Schwulen und Lesben nun Aggression und Hass entgegen. 

„90 Prozent der Schweine im UK werden vergast. Aber Terfs existieren immer noch?“ lautete ein Spruch, der auf dem Pride in London herumgetragen wurde und international durch die Medien ging. Für Uneingeweihte: Terf bedeutet Trans Exclusionary Radical Feminist. Es ist in der Szene ein Schimpfwort für Frauen, die den Slogan „Transfrauen sind Frauen“ nicht mittragen. Und für Lesben, die sich dagegen verwahren, dass sie biologische Männer als Sexualpartner akzeptieren sollen. Dagegen, dass sie, wenn sie sich weigern, von Transaktivisten als „Genitalfaschistinnen“ diffamiert werden. 

„Im gesamten Westen haben Schwule und Lesben wie ich in einer der erfolgreichsten Kampagnen dieses Jahrhunderts die rechtliche Gleichstellung mit Heterosexuellen erreicht. Wenn ich aber heute beim Pride March in London mitlaufe, werde ich angegriffen.“ Das sagte die britische Feministin und Autorin Julie Bindel in einer Fernsehsendung zum „Pride Month“. Auch Bindel gilt als „Terf“, weil sie öffentlich immer wieder kritisiert hat, dass heterosexuelle Männer sich laut Transideologie durch einen reinen Sprechakt zur „Lesbe“ erklären können. „Und weißt du was, liebe Julie, das wurde dir von den Menschen angetan, die dort umherlaufen und ‚Love is Love‘ singen“, antwortete der Moderator, selber schwul. Beide müssen bitter lachen. 

Plakate wie „Punch a Terf!“, „Kill Terfs!“ oder „Terfs can suck my huge trans cock!“ (Terfs können meinen großen Trans-Schwanz lutschen!) werden auch auf deutschen CSDs regelmäßig gesichtet. Protest gegen diese Hassbotschaften? Fehlanzeige. 

Aber auch immer mehr homosexuelle Männer wenden sich ab. „Ich kann und will mich nicht mit all diesen sogenannten sexuellen Identitäten identifizieren. Der CSD war mal dazu da, um homosexuelle Menschen sichtbar zu machen und für Respekt zu werben. Das wird hier verspielt. Warum braucht jeder Fetisch plötzlich gesellschaftliche Anerkennung?“ Das fragt Florian Greller. Er ist Initiator und Leiter der Initiative „Just Gay Germany“ und setzt sich für die Belange von schwulen Männern ein. Er findet, dass die „queere“ Szene den Bogen überspannt habe und den Backlash geradezu herbeirufe: „Was da als Fortschritt verkauft wird, läuft auf die Zerstörung schwulen und lesbischen Lebens heraus. Damit erreichen wir keine Akzeptanz, sondern ganz oft Ablehnung.“ 

„Hass ist Teil der Party geworden“, resümiert Greller, der selbst fortwährende Ausgrenzung und Diffamierung erfährt. Seit 2020 kritisiert „Just Gay Germany“ die queere Identitätspolitik und den Transaktivismus. „Etliche NGOs, die sich für queere Identitätspolitik einsetzen, werden staatlich finanziell gefördert, während schwulen oder lesbischen Initiativen der Hahn abgedreht wird!“, sagt Greller. Die klassische Definition von „Mann liebt Mann“ oder „Frau liebt Frau“ werde gar nicht mehr repräsentiert. „Für mich und viele andere schwule Männer bleibt Schwulsein aber ein biologisches Faktum.“

In Deutschland ist auch der Varieté-Künstler und Kabarettist Kay Ray eine vernehmbare Stimme gegen die Vereinnahmung von LGBTQ+ geworden. Kay Ray, gebürtig Kai Lüdke, war zwölf Jahre lang mit einem Mann zusammen, verliebte sich dann in eine Frau, mit der er mittlerweile verheiratet ist und seit 2011 eine gemeinsame Tochter hat. In den 1990er Jahren eroberte er die Kleinkunstbühnen als „schräger Travestie-Künstler“, hatte in Hamburg bald eine eigene „Late Night Show“ und riss als grell geschminkte Tunte derbe Schwulenwitze. Und heute? Da wird Kay Ray von der „queeren Szene“ gecancelt. Vom CSD Hamburg wurde er sogar offiziell ausgeladen. 

Warum? Weil er „mit seinen Ansichten Teil des Problems“ sei, sagte der Veranstalter. Was für Ansichten? „Zum Beispiel, dass es nur zwei Geschlechter gibt!“, sagt Kay Ray im Gespräch mit EMMA. Der kritische Blick auf queer, LGBTQ+ und den Transaktivismus sind längst auch Teil seines Bühnenprogramms geworden. „Ich erlebe die Trans-Szene als eine der aggressivsten Gruppen überhaupt, und ich wehre mich gegen die von dort verordnete orwellsche Gleichmacherei“, sagt Kay Ray, der übrigens selbst ein Transmädchen in seinem nächsten Umfeld hat. „Selbst sie hat die Nase voll von LGBTQ+. Sie will einfach ihr Leben leben“, sagt er.

Die großen Häuser wie das Schmidt-Theater in Hamburg haben Kay Ray ausgeladen, auch die Fernseh-Auftritte sind weniger geworden. Dafür sind nun die kleinen Theater voll. „Das Publikum habe ich eigentlich immer auf meiner Seite. Transsexuelle und Travestie-Künstler aus meinen Anfangszeiten kommen manchmal nach einem Auftritt zu mir hinter die Bühne und sagen: Sehen wir genauso! Ich habe das Gefühl, dass es heute wieder die Randgruppen sind, die dafür sorgen müssen, dass die Meinungen gegen den woken Mainstream offenbleiben“, beobachtet Kay Ray. Das Fernsehen vermisst er nicht. „Die Öffentlich-Rechtlichen sind sowieso tot. Kein Kabarettist kann dort noch auftreten, ohne vorher seine Texte eingereicht zu haben. Das ist Orwell pur und killt die Kunst.“ 

Die LGB Alliance, die 2019 in Großbritannien gegründet wurde, hat sich komplett aus der Buchstabengruppe LGBTQAI* ausgeklinkt. Die Initiative ist der Ansicht, dass Lesben, Schwule und Bisexuelle wieder eine eigene Interessenvertretung brauchen. Denn sie verorten eine „neue Homophobie“: Weil T und Q mit dem Geschlecht qua Selbstdefinition die Relevanz des biologischen Körpers in Frage stellen und damit Homosexualität an sich. Und weil viele Jugendliche, die heute mit Pubertätsblockern behandelt und zu Heterosexuellen „transitioniert“ werden, eigentlich homosexuell seien. „Stop transing the Gays away!“ lautet ein Slogan derer, die vor den übereilten Transitionen warnen. Der Hass ließ nicht lange auf sich warten. Aufgrund ihrer Kritik wird die LGB Alliance in queeren Kreisen als „transphob“ und „Hassgruppierung“ gelistet.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Ableger der LGB Alliance, auch in Deutschland und der Schweiz. Sie alle kritisieren die Trans- und Queer-Bewegung. Für die aktuelle Kampagne „Don’t call me queer“ haben sie eine repräsentative Umfrage unter Lesben, Schwulen und Bisexuellen gemacht, wie sie den Begriff „queer“ finden. Ergebnis: 94 % fühlten sich unwohl, unter dem LGBTQ+-Schirm kategorisiert zu werden.

87 % fühlten sich unwohl, als „queer“ kategorisiert zu werden.

In der New York Times sprach Matthew Vines zu einem Millionen-Publikum: „I am Gay. Not Queer.“ Vines erklärte: „Queer ist laut Eigendefinition alles, was auf Kriegsfuß mit dem Normalen, dem Legitimen, dem Dominierenden steht. Demnach können gleichgeschlechtliche Beziehungen queer sein, aber auch offene Ehen, Prostitution oder Sex in der Öffentlichkeit, sogar, wenn er heterosexuell ist.“ Vines, der selbst mit einem Mann verheiratet ist, sorgt sich, dass mit der Subsumierung aller möglichen Identitäten, Praktiken und Fetische unter dem Begriff „queer“ die Akzeptanz für Homosexuelle sinkt.

Es gibt ein weiteres Problem mit dem Begriff „queer“: Er verwässert und er entpolitisiert. „Gefährdet leben. Queere Menschen 1933 – 1945“ heißt eine Wanderausstellung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Was aber heißt hier „queer“? Den Begriff gab es damals noch nicht. Sind die über 50.000 homosexuellen Männer gemeint, die nach dem § 175 verurteilt wurden? Die lesbischen Frauen, die nicht unter den „Schwulenparagrafen“ fielen, aber unter Vorwänden als „Asoziale“ oder „Prostitutierte“ inhaftiert wurden? Wie viele Transvestiten oder Transsexuelle in der NS-Zeit verfolgt wurden, ist hingegen weitgehend unerforscht. Wovon sprechen wir also, wenn wir alle unter dem queeren Dach vereinen? 

Der Kölner Ex-Muslim Ali Utlu kritisiert die CSDs und Queer-Bewegung aus einer weiteren Perspektive. „Als Schwuler habe ich keine Angst vor Rechten oder AfD-Wählern. Die pöbeln mich im Alltag nicht an. Wir haben Angst vor ganz anderen Gruppen: vor arabischen und afghanischen Muslimen. Seit über zehn Jahren können wir in Köln nicht mehr wirklich frei leben“, schrieb er in einem Kommentar für die Welt. Und das Schlimmste daran sei das Redeverbot, das genau von denjenigen auferlegt würde, die sich als „unsere größten Retter inszenieren. Vor allem SPD, Grüne und Linke schmücken sich mit uns, nutzen uns als Deko für ihre vermeintliche Progressivität. Dieselben Parteivertreter sind es, die uns über den Mund fahren, wenn wir offen aussprechen, wovor wir wirklich Angst haben“, klagt Utlu.

Genauso lief es nach dem Attentat auf dem Berliner CSD. Der Täter passte nicht ins multikulturelle Wunschbild. CSDs und Prides waren mal ein Aufschrei gegen Unterdrückung. Heute muss die Frage geklärt werden, wer unterdrückt. Insbesondere, wenn er/sie/es eine „Progressive Flag“ in der Hand hält.

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