9/11: Terror und Denkverbote
Wäre die Sache nicht so ernst, sie wäre komisch. Ich stand mit dem Interviewer in der Maske. Noch fünf Minuten bis Beginn der Live-Sendung. Da lässt er mich, so ganz en passant, noch schnell wissen: "Übrigens, Alice" - wir duzen uns hinter der Kamera - "Ich habe nichts dagegen, wenn du auch mal die Frauen erwähnst. Aber heute Abend soll es um was anderes gehen: um den Krieg."
Krieg? Hat der nichts mit Männern und Frauen zu tun? Eingeladen bin ich an diesem Abend - dem 30. Tag nach den Attentaten in Amerika und dem vierten Tag der Bomben auf Afghanistan - zu dem Thema "Islamischer Fundamentalismus". Allerdings: Ausgerechnet in diesem Zusammenhang die Frauen außen vor zu lassen, scheint mir, gelinde gesagt, noch absurder. Das wäre, wie wenn man über die Palästinenser spricht, ohne die Juden zu erwähnen.
Denn, bei aller Komplexität des Problems, ist eines doch klar: Der islamische Fundamentalismus ist eine Männersache, und seine allerersten Opfer sind die Frauen. Erst dann folgen die Juden, die Intellektuellen, die "Ungläubigen"... Aber warum?
Zur Zeit erscheinen viele kluge Texte, die besorgt den Stoff erforschen, aus dem Terroristen sind. Soziodemografische Daten werden herausgefiltert, psychologische Rückschlüsse gezogen. Nur den einen, den entscheidenden Faktor, den, der dafür verantwortlich ist, dass die andere Hälfte der islamischen Welt unter identischen Bedingungen ganz anders reagiert als die eine, den benennt niemand: die Männlichkeit.
Via Fernsehen sehen wir tagtäglich in der Öffentlichkeit der islamischen Welt: Männer, Männer, Männer. Und auf der Fahndungsliste des FBI mit den "weltweit gefährlichsten Terroristen" stehen: 22 Männer und keine einzige Frau. Sie alle sind durchdrungen vom Hass auf das Andere - und der erste Andere ist die Frau. Sie haben eine regelrechte Phobie vor dem Weiblichen - in ihnen selbst wie bei den Frauen - und da ist es nur konsequent, wenn Mohammed Atta, der mutmaßliche Kopf der Anschläge in Amerika, in seinem Testament verfügte: Frauen dürfen sich weder seinem Leichnam noch seinem Grab nähern, ja noch nicht einmal weinen sollen sie um ihn (was sie hoffentlich auch nicht tun). Warum aber sollten solche Frauenhasser Mitgefühl haben mit Fremden und "Ungläubigen", wenn sie schon keines haben mit ihren Nächsten und Gläubigen?
Nein, feige sind sie nicht, sie opfern immerhin ihr Leben; im Glauben an ein Leben danach, im Himmel mit 70 Jungfrauen und in Rufweite von Allah dem Allmächtigen. Dieser direkte Draht zwischen dem männlichen Geschlecht und dem göttlichen Prinzip ist allen drei monotheistischen Weltreligionen immanent. Und keine unter ihnen ist gefeit vor der Politisierung und Radikalisierung des Glaubens, und dem damit zwangsläufigen Kippen in den Männlichkeitswahn.
Auch der Islam stand schon mal ganz anders da, war eine Hochkultur. Und selbst das Christentum scheint mir keineswegs mehr sicher vor einem Rückfall. Der moderne islamische Fundamentalismus begann in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den (Ex)Kolonien, wo er zusammen fiel mit der Propagierung von Nationalismus und Gewalt durch die Befreiungsbewegungen. Der Startschuss für den Kreuzzug fiel 1979, als der Iran den ersten "Gottesstaat" ausrief.
Ironischerweise spielte dabei die Unterstützung aus Amerika, das die Ayatollahs und Talibane für den kalten Krieg gegen die Kommunisten aufrüstete, eine entscheidende Rolle. Dabei hätte schon damals jedem klar sein können und müssen, dass die Gotteskrieger eines Tages die ganze Menschheit bedrohen könnten. Ganz wie die Nazis. Doch solange "nur" die Frauen die Opfer waren...
Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, an das klamme Entsetzen, mit dem ich, zusammen mit einer Gruppe Französinnen, im Mai 1979 aus dem Iran zurückkam, gerufen von verzweifelten Iranerinnen. In diesen Tagen in Teheran hatte ich einerseits ein Volk kennengelernt, das ungewöhnlich liebenswürdig und gastfreundlich war. Aber ich hatte andererseits mit der von eben diesem Volk bejubelten Führungselite gesprochen, die enthemmt und selbstgerecht ankündigte, was dann tatsächlich folgte (in Hitlers "Mein Kampf" war das ja nicht anders).
Für Frauen bedeutet die Aufhebung der Menschenrechte und Einführung des Gottesgesetzes: Zwangsverschleierung, rechtliche Entmündigung, Berufsverbote und Steinigung u.a. bei (vorgeblichem) Ehebruch. Bei dem "weibischen" Verbrechen Homosexualität werden auch Männer gesteinigt. Die verschleierten Frauen, die uns das Horrorprogramm so freundlich erklärten, waren allesamt in der Opposition gegen den Schah gewesen und meist Intellektuelle, die im Westen studiert hatten. Eine hatte über Sartre promoviert.
Als ich zurückkam und schrieb: "Die Frauen waren gut genug, für die Freiheit zu sterben, sie werden nicht gut genug sein, in Freiheit zu leben" - da brach ein Sturm der Entrüstung los, vor allem bei Linken, aber auch bei so manchen Feministinnen (die sich hierzulande bisher kaum mit dem Problem auseinandergesetzt haben). Und bis heute gilt in Deutschland, der "europäischen Drehscheibe des islamischen Terrorismus" (Le Monde) jegliche Kritik am Islamismus als Rassismus und Hetzbeitrag
zum "Feindbild Islam".
Khalida Messaoudi, die todesmutige algerische Menschenrechtlerin, nennt genau das "die Kulturfalle" (LINK). Sie ist, wie Millionen Frauen und Männer in der muslimischen Welt, eine aufgeklärte Demokratin. Und sie verbittet sich die "Tolerierung" eines mittelalterlichen Islam, dessen erste Opfer die Musliminnen sind. Denn genau diese Art von falsch verstandenem "Respekt vor anderen Kulturen" schafft den Boden, auf dem die Terroristen wachsen.
Not tut nicht noch mehr "Dialog" - not tut Kritik. Und zwar Selbstkritik: sowohl innerhalb der islamischen Welt an der "Solidarität" mit den Terroristen, als auch innerhalb der westlichen Welt an der falsch verstandenen "Toleranz".
Integration statt Separation. Das muss das Ziel sein. Und auch darum - wenn schon nicht aus humanitären Gründen, die offensichtlich nicht mehr angesagt sind - sind die "klugen Bomben" auf Kabul so problematisch. Denn jeder Tote ist ein weiteres Bindeglied für die so gefährliche Komplizität zwischen Glaubens-Muslimen und Polit-Islamisten.
Und was wurde aus meinem TV-Interview? Kein Gespräch, sondern ein hermetischer Monolog des Interviewers, der 29 (von 30) Minuten lang versuchte, mich inquisitorisch festzulegen auf ein uneingeschränktes JA! zu den Bomben für die "dauerhafte Freiheit". Schon wieder Denkverbote? Ja, und sie nehmen erschreckend zu in diesem dank grüner Regierungsteilhabe oppositionslosen Deutschland.
Mein Kriegsfreund, für den ich außenpolitisch eine naive Muslimfreundin bin, hielt mich anscheinend gleichzeitig innenpolitisch für eine intolerante Muslimhasserin. Hätte er mich sonst, nicht minder inquisitorisch, gefragt, ob ich etwa die Koranschulen und den Schleier "verbieten" wolle?
Anscheinend hat dieser kleine Bruder vom Big Brother sich noch nie auch nur gefragt, was in den Koranschulen wirklich gepredigt wird. Und schon gar nicht, ob das Kopftuch nicht vielleicht doch mehr ist als nur ein privates "Stückchen Stoff" - nämlich die politische Flagge des islamischen Kreuzzuges.
ALICE SCHWARZER
