Afghanistan: Der Widerstand

Welch ein Mut! Die wahren Kämpferinnen Afghanistans.
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Sie haben nichts zu verlieren. Und sind todesmutig. Immer mehr Afghaninnen wagen den Widerstand. Zumindest in der Metropole, unter den Augen der letzten Westmedien. Über 1.000 haben sich am Dienstag im Zentrum von Kabul den Taliban entgegengestellt – unbewaffnet. „Der Widerstand ist weiblich“, titelte der Spiegel. Spiegel-Reporter Thore Schöler ist vor Ort in Kabul und berichtet: „Die Demonstrantinnen stoßen auf Taliban, bewaffnet mit Knüppeln und Gewehren. Davon unbeeindruckt drängen sie nach vorn, strecken den Sturmtruppen das Victoryzeichen entgegen und skandieren: Lang lebe Afghanistan! Wir wollen Freiheit!“

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Wir sind da. Wir gehen raus. Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Bereits wenige Tage nachdem die Taliban-Kommandeure sich triumphierend am Schreibtisch des geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani filmen ließen, sind in Kabul Frauen auf die Straße gegangen. Am 19. August trugen sie die Flagge Afghanistans; es war der Unabhängigkeitstag. Jeder einzelne Schritt ist ein Symbol des Widerstands: Wir sind da. Wir gehen raus. Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Was für ein Mut! Auf einem Video, das sich im Internet verbreitet, schreit eine Frau in ihr Handy: „Sie sind keine Menschen, sie sind keine Muslime!“ Es tauchten auch Aufnahmen auf, die zeigen, wie Frauen mit Gummiknüppeln geprügelt und in ein Parkhaus gedrängt werden. Und dann sind da die vielen, die sich in Keller verkrochen haben, und die wir nicht sehen.

Die Taliban, die sich anfangs – zumindest für die ausländischen Medien – noch bemühten, keine Eskalationen von Gewalt vor den Kameras zu zeigen, werden zunehmend aggressiver. Die Stimmung in Kabul scheint zu kippen. Mit diesen todesmutigen und vor allem unbewaffneten Frauen kommen die Taliban nicht zurecht. Sie kennen nur Einschüchterung und Terror, Schläge und Schüsse, um die Bevölkerung niederzuhalten. Das aber sollen die ausländischen Medien nicht zu sehen bekommen - sonst könnten  die erhofften Milliarden an Hilfsmitteln nicht fließen, die die Taliban dringend brauchen, um das Land halbwegs in Schach halten  zu können.

„Wir kämpfen jetzt für alle Frauen“, sagt die 24-jährige Protestführerin, Sediqa Latifi dem Spiegel, „vor allem für die Frauen, die gar keine Stimme mehr haben.“ Die Studentin für ökologische Landwirtschaft organsiert den Widerstand seit die Taliban in Kabul sind. Seite an Seite mit immer mehr jungen Frauen, die wissen, dass sie jetzt kämpfen müssen – oder es nie wieder können.

Die Welt darf nicht wegschauen! Wir haben ein Recht auf Leben!

Fauzia Azadi, eine 28-jährige Jura-Studentin sagt: „Wir alle werden sterben, nach der Scharia sind wir alle sündig. Die Taliban werden uns auf grausamste Weise umbringen. Und selbst, wenn wir überleben, steht uns ein entrechtetes unmündiges Leben bevor. Männer dürfen auf uns einprügeln, uns umbringen, nur weil wir Frauen sind. Wir werden unsichtbar gemacht, ausgelöscht, wir haben keine Zukunft. Das ist kein Leben, nicht für uns und nicht für unsere Töchter. Die Welt darf jetzt nicht wegschauen! Wir haben ein Recht auf Leben!“

Fauzia hat seit Jahren Frauen geholfen, die auch von ihren eigenen Männern geprügelt wurden und untertauchen mussten. Diese Männer sinnen nun auf Rache. Fausia und viele ihrer Kommilitoninnen stehen auf den Todeslisten der Taliban. Es wurden bereits Mädchen verschleppt, Frauenrechtlerinnen, Richterinnen, Anwältinnen, Polizistinnen und Lehrerinnen ermordet, Mädchenschulen geschlossen. Alle Frauen müssen sich verhüllen, die einzig zulässige Kleiderfarbe ist schwarz.

Eine 17-Jährige erzählt deutschen Journalisten unter Tränen, aber mit fester Stimme: „Unsere Mütter flehen uns an, zu flüchten, das Land irgendwie zu verlassen, auch wenn wir uns nie wieder sehen. Die Männer sind feige, sie haben Angst, sie laufen über. Viele finden es auch gut, wieder über die Frauen bestimmen zu können. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir Frauen müssen jetzt kämpfen! Lasst uns nicht allein!“ 

Jetzt kommt es darauf an, wie entschlossen der Westen ist, jedwede Hilfe strikt an die Bedingung der Respektierung der Frauenrechte zu binden - soweit das in so einem islamistischen Regime überhaupt vorstellbar ist.

 

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