Meine Mutter war ein Mann
Meine Mutter war ein Mann. Wie es dazu kam? Ich war kein Wunschkind, meine 22-jährige biologische Mutter hat mich bei ihren Eltern zurückgelassen, in wirren Zeiten, mitten im Krieg. Meine Großmutter hatte schon bei ihrer eigenen Tochter nicht durch »Mütterlichkeit« geglänzt, also kümmerte sich mein Großvater um mich (»Gib sie her, du lässt sie fallen«). Ich nannte die beiden Papa und Mama, ich hätte eigentlich ihn Mama nennen müssen. Denn er war es, der mich in schwierigen Zeiten wickelte und ernährte. Er hat es gut gemacht. Die jungen Mütter in dem Dorf, in dem wir evakuiert waren, fragten ihn um Rat.
Seit einem halben Jahrhundert nun stehen »die« Männer auf dem Prüfstand. Sie sind irritiert. Sie wollen ihre über Jahrtausende liebgewordenen Privilegien nicht einfach aufgeben. Das versteht man. Aber sie sollen diese Privilegien nicht länger auf Kosten von uns Frauen haben! Sie sollen einfach aufhören, ignorant, unterdrückerisch und gewalttätig zu sein! Sie sollen uns Frauen endlich auf Augenhöhe begegnen! Das fordern nicht nur Feministinnen.
Mein »Papa« hatte das schon früh verstanden. Er ignorierte das traditionelle Mannsein. Er war sanft, einfühlsam, humorvoll und fleißig. Er hat mein Männerbild geprägt. Und immer, wenn sie nicht so sind wie er, die Männer, werde ich so richtig sauer!
Wie also steht es um die Millionen anderer Männer im Patriarchat? Müssen Männer nach 50 Jahren Feminismus immer noch Machos sein? Sie könnten auch anders. Studien zufolge ist jeder Dritte ein Macho. An uns Frauen, diese Sorte links liegenzulassen. Denn es existiert neben ihnen und dem weiteren, dem gleichgültigen Drittel, ja auch noch das positive Drittel: die Männer, die sich Mühe geben, keine Machos zu sein, die einfach Menschen sein wollen. Sie müssen wir Frauen bestärken.
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