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Alleinerziehende haben keine Lobby

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Die gute Nachricht zuerst: Kindern von alleinerziehenden Müttern geht es genau so gut wie jenen, die mit beiden Eltern aufwachsen. Zu diesem Schluss kam eine aktuelle Studie von Mathilde Brewaeys von der Universitätsklinik Amsterdam. Sie untersuchte Kinder, deren Mütter sich bewusst dazu entschieden hatten, sie alleine aufzuziehen, und fand sie kein bisschen weniger glücklich, gesund und entwickelt als die Kontrollgruppe. Doch so weit Alleinerziehende offenbar das Fehlen eines zweiten Elternteils ausgleichen können, so sehr sind sie zusätzlichen Belastungen ausgesetzt und in Deutschland rechtlich auch noch schlechter gestellt.

Alleinerziehende haben kaum eine Lobby, weil Zeit in dieser Bevölkerungsgruppe ein rares Gut ist – und Geld auch. Wer seine Kinder allein großzieht, ist nämlich meist schon mit dem Alltag vollkommen ausgelastet. Auch ein Vollzeitjob ist für sie viel schwerer zu bewältigen, wenn sie sich nicht in der Kinderbetreuung mit einem Partner abwechseln können. Trotzdem müssen sie Sozialversicherungsbeiträge zahlen wie Singles, während kinderlose Ehepaare die finanziellen Vorteile des Ehegattensplittings genießen.

Das deutsche Gesetz zum Ehegattensplitting stammt aus dem Jahr 1958 und basiert auf dem Modell: Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter höchstens ein bisschen. Umgekehrt ist es natürlich auch möglich, aber das entsprach damals nicht der bundesrepublikanischen Norm. Es sind bis heute genau diese Paare, die vom Steuerrecht am meisten profitieren. Wenn beide gleich viel verdienen, ist der steuerliche Vorteil zu vernachlässigen. Schließlich war das nicht im Sinne der Bundesregierung, die damit der Rolle der Hausfrau staatliche Anerkennung verleihen wollte.

Doch das Splitting war nicht nur ein gesellschaftspolitisches Signal, sondern folgte durchaus einer eigenen fairen Logik: Weil Ehepaare gemeinsam veranlagt werden sollten, landeten sie mit ihrem aufaddierten Gehalt schnell in der höchsten Steuerklasse. Sie zahlten also mehr Steuern als vorher. Also halbierte man das gemeinsame Gehalt und verdoppelte die daraus errechnete Steuer. Damit genießen sie Steuervorteile. Anstatt ihnen also einfach nur die Benachteiligung zu erlassen, verschaffte man ihnen Privilegien.

Privilegien für Menschen, die Kinder großziehen – das klingt nach vernünftiger Politik. Nur dass dabei eben die Alleinerziehenden durchs Raster fielen. Sie bekamen dafür einen Haushaltsfreibetrag gutgeschrieben, der 2004 in „Entlastungsbetrag für Alleinerziehende“ umbenannt wurde. 1958 lag er bei 1.680 Mark im Jahr, dann stieg er kontinuierlich, bis er 2001 auf seinem -Höhepunkt in 2.916 Euro umgerechnet wurde. Anschließend sank er erst einmal dramatisch. Seit 2015 liegt der Entlastungsbetrag bei 1.908 Euro pro Jahr für das erste Kind. Für jedes weitere Kind kommen nur 240 Euro hinzu. Wie lächerlich gering dieser Freibetrag ist, lässt sich daran ablesen, dass 1982 die Diskussion aufkam, den Vorteil des Ehegattensplittings auf 10.000 Mark zu deckeln. Dieser Gesetzentwurf wurde nie umgesetzt. Die Gesetzlage ist also klar – nicht Familien werden in Deutschland gefördert, sondern Eheleute, deren Verdienste möglichst weit auseinanderklaffen, am meisten die klassische Konstellation: Einer geht arbeiten, einer macht die Wäsche.

Das ist doppelt irritierend. Die Förderung dieses Modells bildet nämlich weder die heutigen Bedürfnisse der Industrie noch die heutigen Bedürfnisse der meisten Menschen ab. Und auch längst nicht mehr die Linie der Regierung – schließlich hat die 2007 das Elterngeld eingeführt, um dafür zu sorgen, dass mehr Frauen arbeiten und zugleich Kinder haben können, weil damals schon längst klar war, dass sich manche Frauen sonst gegen Kinder entscheiden würden. Außerdem muss ein Paar sich dieses Modell leisten können. Leben ist teuer, Kinder sind es auch. Die Alleinverdienerehe wird mehr und mehr zum Nischenphänomen. Einer Studie des DIW zufolge verdiente im Jahr 2000 in gut einem Drittel der Ehen noch ausschließlich der Mann das Geld. 2011 war dieser Anteil bereits auf ein Fünftel gesunken. Bei Ehen mit Kindern liegt der Anteil etwas höher: 2015 hatte ein Viertel der klassischen Familien nur ein Einkommen.

Die Zahl der Alleinerziehenden hingegen steigt. Die ältesten vergleichbaren Zahlen gibt es von 1996, zuvor wurden Alleinerziehende mit Alleinstehenden einfach zusammengefasst – allein das ist schon absurd genug. 1996 also wurden vom Statistischen Bundesamt 1,3 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern gezählt. Die jüngsten Zahlen stammen von 2015 und nennen 1,644 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern. Insgesamt waren es 2,74 Millionen Alleinerziehende mit Kindern, die noch bei ihnen wohnten.

Wie es diesen Familien finanziell geht, zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2016: „Das Einkommensarmutsrisiko betrug bei Alleinerziehenden im Jahr 2014 nach den Ergebnissen des Mikrozensus 41,9 Prozent. Dabei ist das Armutsrisiko für Alleinerziehende seit 2005 um 6,6 Prozent gestiegen“, schreiben die Autorinnen der Studie. 2014 bekam die Hälfte der Alleinerziehenden für ihre Kinder gar keinen Unterhalt gezahlt. Ein Viertel bekommt ihn nur unregelmäßig oder weniger, als den Kindern laut Düsseldorfer Tabelle zusteht. Der Staat hilft mit dem Unterhaltsvorschuss aus, aber den gibt es erstens nicht in der gleichen Höhe wie normalen Unterhalt und zweitens erst seit dem 1. Juli länger als sechs Jahre.

Natürlich gibt es Alleinerziehende, bei denen ein Elternteil oder beide so viel verdienen, dass sie sich zwei Haushalte und steuerliche Nachteile locker leisten können. Aber das ist nicht die Regel. 37,6 Prozent der Alleinerziehenden beziehen laut Bertelsmann-Studie Hartz-IV-Leistungen. Alleinerziehende verdienen nicht nur besonderen Schutz, sie brauchen ihn auch. Unverheiratete Paare mit Kindern werden auch steuerlich benachteiligt, haben aber immerhin zwei Erwachsene, die finanziell zum Haushalt beitragen können – und im Gegensatz zu vielen Alleinerziehenden haben sie zumindest theoretisch jemanden zum Heiraten da.

Doch Alleinerziehende haben auch noch mit moralischer Verurteilung zu rechnen: Ein Kind habe doch das Recht auf Vater und Mutter, heißt es oft. Doch da müssten alle Beteiligten mitziehen, und das klappt oft nicht: Nach Angaben des Deutschen Jugendinstituts verlieren zwischen 17 und 33 Prozent der Kinder nach der Trennung der Eltern den Kontakt zum Vater – je nach Studie. Das liegt nicht nur daran, dass bei Trennungen gern Porzellan zerschlagen wird, sondern auch daran, dass deutsche Richter nicht darauf eingestellt sind, zwischen den Elternteilen zu vermitteln.

Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht: „Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.“ Doch gerichtlich durchgesetzt wird nicht das Umgangsrecht des Kindes, sondern nur das der Eltern. Manchmal, wie im bekanntgewordenen Fall des Mädchens Charlotte in Berlin, wundert man sich, wozu die Behörden da fähig sind: Charlotte wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Wochenenden bei ihrem Vater, der kaum Zeit für sie hatte, sondern sie meist bei seiner Lebensgefährtin ablieferte. Mit jeder erzwungenen Begegnung wuchs ihre Angst vor ihrem Vater. Nur der Mutter zuliebe sei sie noch hingegangen, sagte sie später der Berliner Zeitung. Der Vater hingegen witterte eine Manipulation der Mutter, beantragte erfolgreich das alleinige Sorgerecht, schloss Charlotte in seinem Haus ein und ließ sie nach ihrer Flucht in einem geschlossenen Heim unterbringen. Sie durfte mit niemandem Kontakt aufnehmen, auch nicht mit ihrer Mutter, nicht mal zur Schule gehen oder Bücher lesen oder mit einer Therapeutin sprechen. Da war das Mädchen neun Jahre alt.

Einem Kind dagegen, das seinen Vater sehen möchte, der kein Interesse hat – dem möchten alle Beteiligten die Enttäuschung eines erzwungenen Nachmittags mit einem unwilligen Elternteil ersparen. Vor allem aber ist niemand dafür zuständig, mit Kindern und Eltern ein Modell auszuhandeln, mit dem alle einigermaßen zufrieden sind. In Dänemark müssen Eltern sich erst auf ein Modell der Kinderbetreuung einigen, ehe sie die Scheidungspapiere erhalten. Hierzulande verlässt man sich darauf, dass erwachsene Menschen das schon irgendwie hinbekommen werden. Ein Irrtum, der viele Kinder von ihren Vätern entfremdet.

Was ist nun also eine Familie und verdient damit besondere Unterstützung? Alle Menschen, die Kinder aufziehen, oder manche von ihnen besonders? „Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“, heißt es im Artikel 6 des Grundgesetzes – ein sonderbares Relikt, dass hier nichts von Vätern steht. Sollte sich herausstellen, dass eine Konkretisierung des Grundgesetzes zur Ehe für alle doch notwendig ist, wäre das eine gute Gelegenheit: Auch diesen Passus muss man endlich ins 21. Jahrhundert holen.

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Der Vater? Eine Leerstelle.

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Eine Frau, die geduldig vier Kinder, drei davon Kleinkinder, anzieht. Bei vier Paar Skischuhen, acht Armen, acht Handschuhen, Helmen, Brillen fällt es schwer, nicht einzugreifen. Der untersetzte Mann, der fertig angezogen daneben wartet und gutgelaunt in sein Handy tippt, ist der Vater und nicht zuständig.

Würde ich die Familie nicht aus dem Frühstücksraum der Pension kennen, ich würde ihn als Fremden, Unbeteiligten einordnen. Wir sind in Mitteleuropa, in Schladming, 2016. Nicht in Afghanistan. Und die Frau sieht, zugegeben, gar nicht geknechtet aus. Das ginge mich gar nichts an, würde hier nicht – schon seit dem Frühstück – ein kleines Lehrstück darüber aufgeführt, was in ­diesem Land schief läuft.

Ich verzweifle an diesem Mann im Skistall, der in so einer Situation einfach nicht zuständig sein darf. Und ich ärgere mich über die Frau, die ihn so gottergeben und selbstgewiss aus der Pflicht nimmt. Ich will sie an den Schultern beuteln und sagen: Willst du den Erzeuger nicht ein bisschen einspannen? Stell dir vor, du kriegst Brustkrebs und dein Mann kann das alles nicht – willst du es ihm nicht beibringen? Wollt ihr nicht versuchen, ein besseres Vorbild für eure vier Kinder zu sein? Und zum Mann will ich sagen: Hilf deiner Frau gefälligst, du Arsch. Geht’s noch egoistischer?

Bei Egoismus kenne ich mich aus. Letztes Jahr hatte ich meinen egoistischen Höhenflug. Nicht nur das Herumjetten zu den Lesungen, 19 Tage war ich noch dazu in Italien, durchgehend, ein Stipendium einlösen, das ich wegen der Kinder schon oft aufgeschoben habe. Anfangs hielt ich es geheim, weil ich mich für ­meine lange Abwesenheit pflichtgetreu schämte. Aber der Egoismus war stärker als die Scham. Als ich meiner Umgebung mein Stipendium beichtete, löste es im bürgerlichen Speckgürtelmilieu einen kollektiven Ohnmachtsanfall aus. Die armen Kinder! Der Mann, sein Beruf! Muss denn das sein? Ohne Schreiben kein Buch, und ohne Buch kein Geld, erklärte ich. Aber wenn der Mann eh gut verdient?

Ich flog, mein Mann übernahm. Er wurde dafür bemitleidet und bewundert, beides uferlos. Er machte alles, was ich so mache, wenn ich nicht abwesend bin: ­arbeiten, einkaufen, Essen machen, Hausaufgaben, den Haushalt vernachlässigen. Während er Tag für Tag zwischen Beruf und Familie grätschte, saß ich in Italien und hatte ein schlechtes Gewissen, aber ich schrieb in den 19 Tagen mehr als im halben Jahr zuvor. Als ich zurückkam, hörte ich, dass ich viel verlange. Von unseren Kindern. Von dem Mann, der wirklich brav sei.

2016, Mitteleuropa. 19 Tage mütterliche Abwesenheit sind eine Art Naturkatastrophe. Die vielen Absenzen meines Mannes, der jahrelang nur am Wochenende da war, als das erste Kind noch klein war, können da nicht mithalten. Väterliche Abwesenheit und mütterliche Präsenz ist Norm, und Norm wird nicht hinterfragt.

Mir wird gerne vorgeworfen, meine Protagonistinnen seien nicht zeitgemäß. Die seien doch in den finsteren vorfeministischen Tiefen der 50er Jahre angesiedelt! Das Milieu sei längst ausgestorben, gähnten vor allem die Feministinnen, die mich als misogyn bezeichneten und lieber einen Roman über moderne Superheldinnen mit rezenten Problemen gelesen hätten. Und überhaupt: #regrettingmotherhood Schublade auf, Klemm rein, Schublade zu.

Aus meiner Schublade heraus muss ich heftig widersprechen.

Es ist schwierig, unbezahlte Arbeit zu beziffern, wenn sie in Liebe gemessen wird. Mutterliebe ist so österreichisch oder deutsch wie das Schnitzel. Dass das Private politisch ist, wissen wir seit ­Simone de Beauvoir, aber wie wir das ­Politische ins Privatleben hineinkriegen, bleibt ein Rätsel. Besonders schwierig wird es, wenn Frauen freiwillig weniger oder nicht berufstätig sind. Wenn sie aus Liebe zurückstecken. Wenn sie gerne dem Mann den Rücken frei halten. Wenn sie instinktiv die Alleinherrschaft über den Kinderkosmos inklusive aller Handschuhe und Windeln an sich reißen. Die unbezifferbare, weibliche Kinder- und Haushaltspflege, die oft weit von Brust und Nabelschnur entfernt ist. Ihre Bezifferung nimmt uns der Pensionsrechner ab, ihm entgeht keine Sekunde, die nicht in Erwerbsarbeit gesteckt wurde. Bezahlt wird mit mieser Altersvorsorge, vertanen Chancen auf beruflichen Erfolg und schlechtem Verdienst.

In Österreich heißt das: Trotz besserer Bildung der Frauen 18 % Gender Pay Gap bei Vollzeitbeschäftigten, 39 % weniger Bruttoeinkommen für Frauen, halb so hohe Frauenpensionen wie Männerpensionen, fast dreimal so viel Hausarbeit (27 zu 11 Stunden pro Woche). In Deutschland heißt das: 21 % Gender Pay Gap, 46 % der Frauen sind teilzeitbeschäftigt und verdienen nur die Hälfte des Bruttoeinkommens. Plus in beiden Ländern Armutsgefährdung bei alten und alleinerziehenden Frauen, frauenfreie Vorstandsetagen, sinkende Frauenanteile in den Parlamenten. Zum Trost gibt’s die allerbesten Chancen auf eine Beförderung in den unbezahlten, töchterlichen oder schwiegertöchterlichen Pflegedienst (73 % der privat pflegenden Angehörigen in Österreich sind weiblich, in Deutschland sogar 90 %). Wobei natürlich immer zu hoffen ist, dass einen der Mann, dem man den Rücken freigehalten hat, bis zum Tod durchfüttert.

Wenn wir schon bei den Zahlen sind: Die, die bei Befragungen angegeben werden (und auf die ist man ja angewiesen), stimmen nicht. Laut einer Studie von Sarah Speck belügen wir uns selbst und einander, was die Aufteilung der unbezahlten Tätigkeiten betrifft. Und je gebildeter, desto raffinierter und wortgewandter lügen wir. Auch wenn die Frauen das Haupteinkommen verdienen. Keine Ausrede ist zu blöd, wenn es darum geht, die immer noch aufrechten Machtverhältnisse schönzureden. Da werden unterschiedliche Sauberkeitsstandards zitiert, da halten „Kochen für Gäste“ und Wäsche-eines-Mehrpersonenhaushalts-Schupfen die Waage, da wird das wöchentliche Müll-Runtertragen als adäquate Gegenleistung für Einkaufen und Kochen gefeiert.

Da wird nach den Gesetzen der Homöopathie um Ursache und Wirkung geschachert, was im Alltag so aussieht: Gutausgebildete Frauen, die freiwillig zurückstecken, und zwar ein Leben lang. Die es nicht als Zurückstecken sehen, sondern als Mutterpflicht, als Liebesdienst. Frauen, die aus dem Beruf in den Kindergarten (so er Nachmittagsbetreuung hat!) hetzen, danach in den Supermarkt, und dabei immer schön die Kinder domptieren. Podiumsdiskussionen mit Expertinnen, die sich abmühen, die Unvereinbarkeit von weiblichem Beruf und Familie aufzudröseln. Omis, die es bei solchen Veranstaltungen immer gibt, die immer aufzeigen und entrüstet bestätigen, dass sie gerne und gut und voll der Mutterliebe gedient haben und nichts, aber auch wirklich nichts, bereuen.

Das könnte jetzt noch ewig so weitergehen, aber ich will es abkürzen. Der einzige Vater, der in diesem Text bis jetzt vorgekommen ist (meinen wirklich braven Mann ausgenommen), ist übrigens der Arsch, der Social Media Kontakte pflegt, während die Frau den Oktopus anzieht. Das Geldverdienen entbindet den Vater, der noch Ressourcen hat, von allem Unbezahlten; auch im Diskurs. Es gibt keine Vereinbarkeitsdebatte über Vaterschaft und Beruf, weil für Beides locker Platz ist, wenn einem der Rücken freigehalten wird.

Väter werden heute mehr in die Pflicht genommen, keine Frage. Aber in dem Artikel über das Burnout einer vollzeitbeschäftigten Mutter, die um 5 Uhr aufstehen muss und alles reinquetscht, was noch vor dem Arbeitsbeginn so anfällt – und der Rest wird dann reingequetscht, wenn die Kinder im Bett sind – kommt der Papi, der vielleicht auch ein bisschen früher aufstehen und Mami helfen könnte, quasi nicht vor. Auch nicht im Interview mit der Musikerin, die ihr Bedürfnis zu musizieren unterstreicht, gleichzeitig die Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf beklagt und zum Schluss die gute alte Mutterliebe auspackt und mit ihr all ihre Visionen vom Tisch fegt: Sie mache diese Abstriche gerne, denn die Zeit mit den Kindern würde man, wie Omi immer sagt, nie bereuen.

Mamis Visionen im Keller, Babys Bedürfnisse auf dem Podest, und zum Schluss die Absegnung des Missstandes mit dem obligatorischen Opferseufzer. Der Vater? Eine Leerstelle. Vielleicht bringt er sich ein, aber das ist, im Gegensatz zu Omis groooßer Hilfe, ohne die nix geht, keiner Erwähnung wert.

Wenn ich von der Realität genug habe, versuche ich mich abzulenken, aber die Realität holt mich überall ein. „Teile dies, wenn Du stolz auf Deinen Sohn bist.“ „Drei Boschihauben in einer Woche gehäkelt! Yeah!“ „Hilfe, der Zwergenclub hat zugesperrt! Wo kann ich mit meiner zweijährigen Maus Geburtstag feiern??“

Leck mich am Arsch, Facebook. Du bist das Gruselkabinett unserer Lebens­realitäten. Hier kann ich nicht nur mitverfolgen, wie sich berufstätige, intelligente Frauen mit Bastel- und Pädagogiktricks von jeglichem Verdacht auf Nichtmütter­licheit reinwaschen, ich kann auch zähneknirschend feststellen, wie sich dort Männer (sympathischerweise) raushalten.

In Schweden ist sie längst Alltag, die geschlechtergerechte Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Steuerpolitik, flächendeckende Kinderbetreuung und ein flexibler Arbeitsmarkt machen das hierzulande Undenkbare möglich – mit ansehn­lichen wirtschaftlichen und gesellschaft­lichen Konsequenzen. In Österreich oder Deutschland wird die Ressource Vater nicht einmal angedacht. Ist es Realitätsverweigerung oder Privilegien-Horten?

Hiesige Väter werden statistisch nur in Ausnahmesituationen in die Erziehungspflicht mit all ihren Konsequenzen genommen, während ihre Frauen sich trotz guter Ausbildung nicht als Ernährerinnen definieren. So betrügen beide sich selbst (und einander) um wichtige Facetten eines modernen Lebensprinzips, in dem wir kompetent in beidem sein könnten: als vollwertiger Elternteil und erwerbstätig – im Alltag und nicht nur im Notfall.

Es muss diese Abschottung vom Alltag mit Kindern sein, die solche Männer wie den Arsch im Skistall hervorbringt. Wie kann es sonst sein, dass nicht einmal im engsten Familienverband mit Mitgefühl gerechnet werden darf? Es sind Väter von Töchtern, die ich sagen gehört habe: Ich stell’ nie im Leben eine Frau in meine Firma ein. Es sind liebende Angehörige, die es mit dem Beschluss von Gesetzen ihren Töchtern, Schwestern, Müttern, Ehefrauen so schwer machen, gleichen Lohn für ­gleiche Arbeit zu bekommen.

Aber auch Frauen bringen nur wenig Empathie für ihr eigenes Geschlecht auf, wenn sie Parteien wählen, die sich an fundamentalen, mit Zähnen und Klauen erstrittenen Frauenrechten wie straffreiem Schwangerschaftsabbruch oder Schutz vor Gewalt vergreifen wollen – Situationen, in die jede einzelne Frau viel zu schnell hineingeraten kann.

Der Feminismus ist tot, und noch ein bissl toter, seit die hereinströmenden Muslime unsere schönen Frauenrechte untergraben. Die Rechtspopulisten reiben sich die Hände. Was sind schon 2/3 der Hausarbeit gegen das Autofahrverbot von Frauen in Saudi-Arabien? Was ist schon das bisschen ungleiche Bezahlung und Sexismus gegen Burka und Beschneidung? First World Problems!

Es ist leicht, über die Frauenrechts­bewegung die Nase zu rümpfen, wenn man nichts Anderes kennt als ihre Errungenschaften. Wenn man in eine Speckschwarte hineingeboren wird, wie soll man sich da den Hunger vorstellen?

Sich zu informieren, ist ein Anfang. Der Feminismus hat viel geleistet, aber er ist viel zu leise geworden und viel zu beschäftigt damit, seine Kinder zu fressen; noch dazu kann er politisch nicht lösen, was privat verabsäumt wurde. Er kann uns informieren, wachrütteln und uns die Prinzipien der Gleichberechtigung auf die Türmatte legen – den Konflikt müssen wir leider selber austragen, und zwar nicht auf der Straße oder in den Vorstandsetagen, sondern an den Tischen und in den Betten, die wir mit unseren Liebsten teilen. 

Nörgeln, keifen, jammern. Das ist das Vokabular, das uns die Gesellschaft für die Mitteilung von Geschlechterungerechtigkeit zur Verfügung stellt. Egoistinnen sind wir, karrieregeil, wehleidig, herzlos, selbstsüchtig. Rabenmütter. Mit diesen Zuweisungen lebt es sich leichter, wenn man ­ihnen konsequent die Ressource Vater ­gegenüberstellt und konstant hinterfragt: muss ich wirklich allen Kindern die Handschuhe alleine anziehen? Bricht unser Arbeitsmarkt wirklich zusammen, wenn wir ein schwedisches System andenken? Sterben die Kinder wirklich an Liebesentzug, wenn sie nachmittags fremdbetreut werden?

Im letzten Bericht des Jugendmonitors gaben 2/3 der jungen Männer an, sich um das Geldverdienen kümmern zu wollen und Frauen den Haushalt und die Kinder zu überlassen; 50 Prozent der weiblichen Jugendlichen bejahten das.

Zieht euch warm an, liebe Töchter.

Gertraud Klemm

 

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Von der Autorin erschien zuletzt: "Muttergehäuse" (Verlag Kremayr & Scheriau, 19,90€)
 

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