Die Würde alter Tiere

Foto: Isa Leshko
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Alles begann mit Petey. Fotografin Isa Leshko begegnete dem 34 Jahre alten Appaloosa Pferd im Jahr 2008. Da war sie selbst 37 Jahre alt. „Er hatte tiefe Höhlen über den vom grauen Star getrübten Augen und sein Rücken hing tief durch. Seit Fell war stumpf und rauh. Doch auch wenn seine Bewegungen steif waren, folgte er uns, als wir über die Weide spazierten. Er reagierte sanft auf die Kinder und störte sich nicht an ihren hektischen Bewegungen. Ich rannte zurück ins Haus, schnappte mir meine Holga. Was mich so faszinierte, wusste ich nicht genau. Aber ich fotografierte drauf los und war noch lange bei Petey, auch nachdem die Kinder längst wieder reingegangen waren.“

Isa, die aus einer italo-amerikanischen Arbeiterfamilie stammt, hatte gerade eine schwere Zeit durchgemacht. Ihr Vater kämpfte mit dem Krebs. Ihre Mutter hatte aufgrund ihrer Alzheimererkrankung wahnhafte Schübe entwickelt und war gewalttätig geworden, sodass sie in einem Pflegeheim untergebracht werden musste. All das hatte viel Kraft gekostet – und ihr die Freude am Fotografieren genommen. Aber nach ihrer Begegnung mit Petey war klar: Sie wollte alte Tiere fotografieren.

Neun Jahre lang ging Isa Leshko in sogenannte Gnadenhöfe in den USA. Sie begegnete Tieren, die in letzter Sekunde dem Schlachter entkommen oder langjährigen Peinigern entronnen waren; Tiere, die aus üblen Umständen befreit worden waren oder deren BesitzerInnen sich nicht mehr kümmern konnten. Und die nun auf den Höfen alt werden durften.

Wie Zebulon und Isaiah, zwei Finnschafe, beide 12 Jahre alt. Mit schwerer Arthritis verbrachten sie den Großteil des Tages damit, dicht aneinander gekuschelt in der Sonne zu dösen. „Ich entdeckte sie auf der Türschwelle einer Scheune, auf ihren Gesichtern lag die warme September-Sonne. Ich näherte mich vorsichtig, unsicher, was passieren würde. Sie blieben ruhig, also kam ich zentimeterweise näher. Sie rührten sich nicht. Ich ließ mich zu Boden gleiten, sodass ich ihnen direkt in die Augen blicken konnte, während ich sie fotografierte.“

Nicht immer war es so einfach. Oft musste die Fotografin sich das Vertrauen der Tiere über Tage erarbeiten. Denn: „Sie haben außergewöhnliche Leben gelebt, außergewöhnlich für ihre Spezie. Weil sie ihren missbräuchlichen Lebensbedingungen entkommen konnten – anders als die Millionen ihrer Art, denen das niemals gelingen wird.“

Teresa, ein 13 jähriges Yorkshire Schwein, war im Alter von sechs Monaten mit vielen anderen für die Fahrt ins Schlachthaus in einen Laster gepfercht worden. Weil der Fahrer unterwegs in einer Bar Pause machte, standen die Schweine stundenlang in der prallen Sonne. Ohne Belüftung. Ohne Wasser. Viele Menschen hörten das zunehmend verzweifelter werdende Quieken der Schweine, riefen die Tierschutzbehörden. Und schließlich konfiszierte die Polizei die Ladung und brachte den LKW samt Inhalt ins Poplar Springs Animal Sanctuary in Poolsville, Maryland.

Allein die Tiere aus dem Laster zu bekommen, war schwierig: Bedeckt mit Urin und Fäkalien, dehydriert und krank, zitterten sie unkontrolliert vor  Angst. Manche waren so fett, dass sie kaum die Rampe runter laufen konnten. 40 Schweine, darunter Teresa, fanden auf der Farm eine neue Heimat. Dort mussten sie echtes Schweineverhalten erst einmal lernen. Teresa hatte Angst, über Gras zu laufen, das sie nie zuvor gesehen hatte.

„Trauer war der Auslöser für mein Projekt und mein ständiger Begleiter“, schreibt die Fotografin, die heute mit Ehemann und zwei Katzen in Massachusetts lebt. Ihre Eltern starben. „Aber die Arbeit hat mir gezeigt, dass ein hohes Alter etwas Kostbares ist, kein Fluch. Ich möchte meinem Lebensende mit demselben Gleichmut und der Würde entgegengehen wie diese alten Tiere.“

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