Bauhaus-Frauen: Gunta Stölzl

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Stölzl hatte sich 1919 bei Walter Gropius, dem Leiter des Bauhauses, mit einer Mappe beworben, die auch Zeichnungen vor allem aus der Zeit ihres Einsatzes als Rotkreuzschwester im Ersten Weltkrieg enthielt. Gropius nahm Stölzl sofort auf. Ihre Tagebücher und Briefe spiegeln ihre lebenslange kritische Bemühung um echte Gefühle und um Wahrhaftigkeit wider – verbunden mit ihrer Fähigkeit zur Begeisterung bis hin zur Schwärmerei. Im Oktober 1919 schrieb sie in ihr Tagebuch: "Nichts Hemmendes ist an meinem äußeren Leben, ich kann mir’s gestalten wie ich will." Und ein paar Tage später: "Ein neuer Anfang. Ein neues Leben beginnt."

Feste standen im Bauhaus von Anfang an im Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens, sie hatten fast den gleichen Stellenwert wie der Unterricht. Am 8. Oktober 1919 notierte Stölzl in ihr Tagebuch: "Am ersten Abend ein wundervolles Fest, man spürte gleich, was für ein Geist da weht, Eröffnungsfeier des Speisehauses. Eine große Halle mit weißgedeckten Tischen, grüne Wände, Musik, fröhliches Spielen dringt uns entgegen, die Menschen die alle hergekommen sind, hier ernst zu schaffen, sind sich noch ganz fremd, sie wollen sich aber näher treten, gibt es da eine bessere Idee als bei fröhlichem zwecklosen Zusammensein, Tanz und Spiel?"

In der ersten Zeit gab es kaum strukturierten Unterricht, auch wenig Betreuung, dafür waren Kreativität und Eigeninitiative gefragt. Stölzl rückblickend 1969: "So ein Atelier ist schon gestaltet: Das Bett ultrablau gestrichen, der Tisch zinnoberrot, die unmöglichen Stühle verbrannt, wir sitzen auf Kisten, farbig gestrichen, an den Wänden hängen Radierungen, Holz- und Linolschnitte, Aquarelle, am Atelierfenster ein Gebilde aus farbigem Glas, Flaschenböden und Scherben verbleit, ganz abstrakt."

Diese Art der Raumkunst ging im Wesentlichen auf die Anregungen Johannes Ittens zurück, den Stölzl besonders schätzte, weil er alle Sinne ansprach und ihre individuellen Kräfte förderte. Sie notiert: "Geheimnisse, große Zusammenhänge werden sichtbar. Erst muss man seine Hand ausbilden, ebenso wie der Klavierspieler Fingerübungen macht, machen auch wir Fingerübungen. Zeichnen ist nicht Gesehenes wiedergeben, sondern das, was man spürt durch äußere Anregung, durch den ganzen Körper strömen lassen, dann kommt es als etwas unbedingt Eigenes wieder heraus."

In Raum 10 des Werkstattgebäudes entwickelte sich ab 1920 eine spezielle Frauenklasse, unterstützt von Gropius. Die Techniken dieser Werkstatt, die bald auch Weberei genannt wurde, waren zunächst begrenzt. Neben Applikation und Stickerei, Gobelintechnik und einfachen Flachgeweben wurden Knüpftechniken angewandt. Dafür war die Formgebung neu, es herrschten geometrische Formen und abstrakte Bildkompositionen vor, die Farbgebung wurde sensibel geschult, die Materialwahl war unkonventionell.

Ab 1920 wurde die Arbeit in der Weberei straffer organisiert, die Arbeitszeit auf täglich sechs Stunden festgesetzt. Die Produkte sollten verkauft werden, um die Kosten des Bauhauses zu senken. Im Winter 1920 erhielt Gunta Stölzl eine Schulgeldfreistelle, später auch ein Stipendium. 1921 kam Paul Klee ans Bauhaus, und Gunta Stölzl belegte sofort seine "Bildnerische Formlehre". Nach einer gescheiterten Verlobung schrieb sie im Mai 1920 in ihr Tagebuch: "Wir Menschen von heute haben einfach noch nicht die Form gefunden für Liebe und Ehe, dasselbe Suchen, das sich in allen unseren Werken ausdrückt, ist eben das verzweifelte Sehnen nach einer neuen Lebensform. Alle die Ehen scheitern oder sind unglücklich, Gropius wird sich scheiden lassen, Feininger quält sich, Itten wird von einem Vampyr beherrscht."

Gunta Stölzl entschloss sich, von nun an alle Kraft der Arbeit am Bauhaus zu widmen. Sie ergriff das "Seil der Betriebsamkeit" und arbeitete an vielen großen Projekten. Von nun an wurde sie zur prägenden Persönlichkeit der Textilwerkstatt. Gemeinsam mit Marcel Breuer, einem der ideenreichsten Studenten aus der Tischlerei, erarbeitete Stölzl Bespannungen für Sitzmöbel, zunächst in freier abstrakter Weberei, dann mit strengen Gurten in wenigen Farben. Diese Arbeiten waren der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Weberei und Tischlerei, in deren Folge Bespannstoffe für moderne Latten- und Stahlrohrstühle entwickelt wurden.

1923 trat das Bauhaus mit einer Ausstellung an die Öffentlichkeit. Für das Musterhaus, das "Haus Am Horn", webte Gunta Stölzl einen der viel beachteten Teppiche. In diesem Jahr entstanden auch drei der erhaltenen großen Wandbehänge der Weimarer Zeit, die sich heute in Museen in Basel, New York und Cambridge/USA befinden. Im Herbst 1924 wurde sie als Gesellin in der Bauhausweberei angestellt.

In der Produktivwerkstatt der Weberei entstanden nun auch Meterwaren, von denen einige schon als Prototypen an die Industrie verkauft wurden. Die ersten Firmen orderten Bauhausstoffe. In Weimar verweigerten ab Mitte der 20er Jahre rechte politische Kräfte eine weitere Unterstützung des Bauhauses, sodass Gropius zur Auflösung seiner Schule gezwungen war. Der Umzug nach Dessau begann, und Gunta Stölzl wurde gemäß einem Vertrag mit dem Magistrat der Stadt Dessau als Werkmeisterin der Webabteilung an das neue Bauhaus verpflichtet. Sie übernahm 1927 als erste weibliche Lehrkraft die gesamte Leitung der Weberei am neu gebauten Bauhaus Dessau. In einem Artikel von 1931 kommentierte Stölzl die künstlerische Neuorientierung: "die parole dieser neuen epoche: modelle für die industrie!"

Ein Ereignis jedoch veränderte Gunta Stölzls Leben grundlegend: ihre Reise zum internationalen Architekturkongress in Moskau im Mai 1928. Auf dieser Reise verliebte sie sich in Arieh Sharon, der schon 1926 als Student ans Bauhaus gekommen war. Er stammte aus Galizien, war Jude und hatte sechs Jahre in Palästina gelebt, bevor er in die Bauabteilung des Bauhauses eintrat. 1928 übertrug Hannes Meyer ihm den Posten des leitenden Architekten beim Bau der Gewerkschaftsschule in Bernau.

Anfang August heirateten Gunta Stölzl und Arieh Sharon. Sie musste ihre deutsche Staatsangehörigkeit aufgeben und die Palästinas annehmen. Im Oktober kam ihre Tochter Yael in Berlin zur Welt. Das Paar führte in Dessau eine Wochenendehe, denn Sharon arbeitet noch in Bernau. Ihrem Bruder schrieb Gunda: "wir sind eine glückliche familie! aber wie das mit der arbeit am bauhaus werden wird ist mir noch rätselhaft, zunächst frisst sie mich auf."

Inzwischen wuchsen die inneren Schwierigkeiten am Bauhaus. Rechte und linke Kräfte standen einander feindlich gegenüber, die gesamte politische Lage verändert sich. Sharon verlor seine Arbeit. Auch in der Webwerkstatt nahmen die Intrigen zu: Drei Studierende übten erst verdeckt, dann offen Kritik an Gunta Stölzl, ihrem Privatleben wie ihrem Unterricht. In ihrem Schreiben an die Schulleitung hieß es: "frau sharon hat in pädagogischen, künstlerischen, organisatorischen dingen vollkommen versagt. sie ist absolut unsicher und unwissend in allen technischen fragen, z.b. materiallehre, sie kann wolle nicht von baumwolle unterscheiden."

Gunta Stölzl fühlte sich machtlos gegenüber dem "persönlichen Machthunger und den Eifersüchteleien" – und dem Antisemitismus. Sie entdeckte eines morgens an ihrer Tür ein Hakenkreuz. Im März 1931 spitzte sich ihre Situation so zu, dass sie kündigte – bevor ihr gekündigt werden konnte.

Am 7. Juli 1931 verließ Gunta Stölzl Dessau für immer. Sie emigrierte in die Schweiz, wo sie bis zum Alter von 70 Jahren eine eigene Handweberei führte. Stölzl starb 1983 im Alter von 86 Jahren in Küsnacht.

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