In der aktuellen EMMA

Chantal Louis: Die Bescheidene

Foto: Bettina Flitner
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Als Chantal Louis 25-jährig zu EMMA kam, hatte sie ein Volontariat bei den Ruhr-Nachrichten absolviert und 1992 in Dortmund „Homo Laber“ gegründet, ein „Schwulen- und Lesbenradio“. Und hatte als Freie für EMMA geschrieben, u. a. über eine fußballernde Pastorin und lesbische Mütter. 

Die Diplom-Journalistin war also schon vor EMMA auf dem Weg. Wir erwischten sie gerade noch rechtzeitig, baten sie zum Kennenlernen in die Redaktion und sodann um eine Bewerbung. In der Bewerbung schrieb Chantal, dass sie sich freue, dass EMMA „offener, peppiger, humorvoller“ geworden sei, sie allerdings manchmal ein „Sowohl-als-auch“ vermisse statt des „Entweder-oder“. Aha. 

Seither war es in den letzten 32 Jahren oft Chantal, die in EMMA entscheidende politische Ak-zente setzte und die zentralen Themen umfassend und differenziert umsetzte. So zeichnete sie Anfang 2020 verantwortlich für ein Dossier über „Transsexualität“. Zwei Jahre später gaben wir zusammen ein Buch zu dem Thema heraus, das in der öffentlichen Debatte immer mehr Raum einnahm. Das Buch, zu dem TherapeutInnen und WissenschaftlerInnen wie Betroffene beigetragen haben, setzt bis heute Maßstäbe. Titel: „Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“ 

Chantal ist definitiv eine Frau. Eine freie Frau. Das hat viel damit zu tun, dass sie bei der „Omma“ aufgewachsen ist, in der Bergmannssiedlung Nordstraße in Gelsenkirchen. Diese „Omma“, klaglos selbstbewusste Ehefrau eines LKW-Fahrers, ist der Schlüssel zu Chantals Charakter. Sie hat ihr 2015 ein Denkmal gesetzt mit ihrem so sinnvollen wie anrührenden Buch „Ommas Glück. Das Leben meiner Großmutter in ihrer Demenz-WG“. Die Omma hat es sogar noch erlebt, dat ihr Chanti so richtig wat geworden is und nicht nur in EMMA schreibt, sondern auch Bücher. 

Das ist Chantal Louis im Alter von 23 Jahren.
Das ist Chantal Louis im Alter von 23 Jahren.

Das über die Omma war schon das dritte Buch. In ihrem zweiten, zusammen mit Tissy Bruns, ging es um „Damenwahl. Vom Kampf um das Frauenwahlrecht bis zur ersten Kanzlerin“. Das stellte dann die Kanzlerin persönlich in Berlin zum 90. Jahrestag des Frauenwahlrechts vor. 

Einen ihrer schönsten Texte in EMMA hat Chantal beim Wettbewerb zum „Internationalen Journalistenpreis der Ruhr 2010“ eingereicht. Sie erzählt darin die Geschichte der vier Frauengenerationen ihrer Familie und dem Matriarchat, das in ihrer Bergmannssiedlung herrschte. Chantal hat den Preis gekriegt. Klar. 

Bei all dem ist ein Charakterzug von Chantal bemerkenswert: Sie ist die bescheidenste von uns allen. So manches Mal vergisst sie auch bei wichtigen Texten, ihren Namen drunter zu setzen. Und niemals würde sie sich in größerer Runde besonders hervortun. Das hat sie von Omma: stolz und bescheiden. 

Bei diesem durchaus nicht ereignislosen Leben ist es bemerkenswert, dass Chantal noch die Zeit und Energie für Hobbys findet. Sie verpasst kaum ein aufregendes Konzert in Köln, von Folk bis zu experimenteller Musik und legt selbst als DJane auf; sie spielte viele Jahre lang Volleyball mit ihrer Frauschaft; sie schreibt Sketche für das feministische Karnevalskabarett „Schnittchensitzung“ und sie tauscht Pflanzen aus mit ihren Nachbarn in dem kleinen Dorf am Rhein. Das Backsteinhäuschen, das sie da bewohnt, sieht aus wie versetzt aus der Bergarbeitersiedlung und steht eine halbe Autostunde entfernt von der Redaktion. 

Die November/Dezember-Ausgabe als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop
Die November/Dezember-Ausgabe als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop

Apropos Auto. Chantal ist eine leidenschaftliche Autofahrerin. Wenn es ihr dann doch nicht zu blöd wäre, würde sie ihren dunkelgrünen Mazda MX-5 Sportwagen mit offenem Verdeck wohl frisieren lassen, damit er so richtig aufheult, wenn sie startet. 

Nach 30 Jahren EMMA war Chantal Louis die erste, die aussteigen wollte. Es tat ihr leid und fiel ihr schwer, aber … sie wollte unbedingt noch die schon lange geplante Weltreise machen. Der Schock war groß. Doch dann nahmen Chantals Kolleginnen sie ins Gebet: Das kannst du uns nicht antun! Wir wollten doch zusammen die 50 rund machen! Chantal ließ sich beschwatzen. Sie blieb. Sie macht mit uns zusammen die 50 rund. Und danach die Weltreise.

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