Margitta Hösel: Die rechte Hand
Am 14. September 1981. Vor mir liegt der handgeschriebene Brief einer 19-Jährigen an die „liebe Alice“. Er ist ungewöhnlich souverän und authentisch zugleich. Ich bin spontan hingerissen und lese den Brief in der Redaktionsküche vor. Die Kolleginnen gucken mich skeptisch an. Eine 19-Jährige aus dem Emsland, auch wenn sie EMMA liest?
Margitta hatte eine Ausbildung als „Großhandelskaufmann“ gemacht und war Allroundkraft in einem Großhandel in Osnabrück. Ihre Arbeit gefiel ihr nicht mehr, auch weil „die Geschäftemacherei, insbesondere auch meines Chefs, immer härter wird“. Sie liest eine Stellenanzeige in der von ihr abonnierten EMMA und ist „sofort begeistert“ darüber, „dass die geforderte Arbeit nach meinem Gelernten ausschaut und ich mich bei euch für die Arbeit einsetzen könnte, und nicht nur zwischen Feierabend und Arbeitsanfang lebe“. Kurzum: das Gegenteil von Work/ Life-Balance.
Und so sollte es kommen. Am 2. Januar 1982 fing Margitta bei EMMA an. Zunächst als allgemeine Bürokraft. Nach einigen Jahren dann als meine „rechte Hand“. Ich weiß, sie hört diese Formulierung nicht gerne, aber ich kann es nicht treffender sagen. Denn Margitta ist verantwortlich für das „Büro Schwarzer“ (die Formulierung war eigentlich ironisch gemeint und spielte an auf das „Büro Augstein“, aber sie hat sich bis heute erhalten).
Margitta ist das Nadelöhr, durch das alles geht, was zu mir will. Die Post an die Verlegerin und Chefredakteurin ebenso wie die Briefe an die öffentliche Alice Schwarzer. Im Guten wie im Bösen. Sie trifft das Interesse und die Liebe, aber auch die Häme und der Hass, die mich meinen, also als erste. Sie legt mir auch im größten Redaktionsstress noch den Brief einer verzweifelten Frau stumm auf den Schreibtisch und weiß, welchen Anruf sie fraglos durchstellt. Und sie sagt auch schon mal: „In die Sendung solltest du auf keinen Fall gehen.“ Oder aber: „Die Lesung würde ich machen.“ (Das sind dann gerne kleine Orte in der Provinz). Einmal hat der Kulturbeauftragte einer Kleinstadt, der mich unbedingt wollte, angefangen, Margitta Postkarten aus seinem Urlaub zu schicken. Ich bin schließlich hingegangen. Es war eine besonders lebendige Lesung.
Selbst wenn ich überlastet bin oder nicht da, ist da seit 40 Jahren immer eine, die alles weiß, alles einschätzen kann und immer den richtigen Ton trifft. Egal, ob da eine verzweifelte Hausfrau am Telefon ist oder Frau Baumann vom Vorzimmer Merkel.
Am Telefon ist Margitta hoch charmant. In der Redaktion kann sie manchmal morgenmuffig sein, und auch streng. Das kann einschüchternd wirken. Die Neuen fürchten sie schon mal als „graue Eminenz“. Doch in Wahrheit ist Margitta schüchtern.
Seit 2007 schultert Margitta noch eine zweite, nicht leichte Aufgabe: Sie ist halbtags Geschäftsführerin des 1984 von mir gegründeten feministischen Archivs, der gemeinnützigen Stiftung FrauenMediaTurm (FMT), die heute in dem historischen Bayenturm logiert. In dieser zu Intrigen neigenden Stadt Köln kein leichter Job. Seit 2004 logiert auch EMMA im Turm, wir haben den zweiten Stock gemietet. Margitta hat also einen kurzen Weg – und noch weniger Chancen, im Privatleben zu versinken.
Dasselbe nutzt Margitta für ihre Leidenschaften. Sie ist eine Catlady, also kinderlos und Katzenliebhaberin, aber zurzeit ohne Katze. Die zwei Katzen von den Hausnachbarn lümmeln sich nur auf ihrem Sofa, wenn die Nachbarn verreist sind. (Die Catlady hat ihr Wortschöpfer J.D. Vance übrigens inzwischen zurückgenommen. Er „bereue es sehr“.) Margitta ist auch eine leidenschaftliche Leserin, vor allem „gute Krimis“ und Avantgardeliteratur, auch von Männern. Und sie ist eine Kunstliebhaberin, nur von Künstlerinnen, von Louise Bourgeois bis Maria Lassnig. Niemand in der Redaktion versteht so viel von Bildern wie sie.
Über die ganz und gar unentbehrliche Margitta gäbe es noch viel zu erzählen. Aber mehr verrate ich nicht. Nur, dass sie die Geschäftsführerin des FMT bleibt und auch meine rechte Hand. Danke, Margitta!
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