CSD-Saison: Lesben wieder unsichtbar?

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Als Jóhanna Sigurðardóttir im Februar 2009 die erste offen homosexuelle Regierungschefin der Welt wurde, gelang den deutschen Medien ein Kunststück: Obwohl es sich hier um eine mittelschwere Sensation handelte, tauchte in keiner Überschrift das Wort „lesbisch“ auf. Einzige Ausnahme: Welt online. Sie titelte: „Weltpremiere – Lesbe wird Regierungschefin in Island“. Aber kurz darauf strich Welt online den Titel wieder. „In diesem Text“, erklärte sie dem „lieben Leser“, „geht es nicht um die sexuelle Orientierung von Frau Sigurðardóttir. Daher sollte sich auch die Überschrift nicht darauf beziehen.“

Man (und frau) erinnert sich an die Schlagzeilen nach dem Coming Out von Wowereit. Oder Westerwelle. Der erste schwule Regierende Bürgermeister der Hauptstadt, der erste schwule Außenminister – kein Thema? Doch, und wie! Denn die Medien sind voll von „Schwulenehen“, „Schwulenparaden“, „Schwulenfeindlichkeit“; von „Schwulenrechten“, „Schwulenvierteln“, „Schwulenprotesten“. Voll von „Schwulsein im Fußball“, „Schwulsein in islamischen Ländern“, „Schwulsein in der Kirche“. Lesben? Fehlanzeige. „Denn die Welt der Zeitungen kennt keine lesbischen Frauen“, schreibt Elke Amberg.

Die Münchner Journalistin ist die erste, die diese Offensichtlichkeit mit harten Fakten belegt – in ihrer Studie „Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in den Medien (nicht) dargestellt werden“.

Diese „Nichtdarstellung“ funktioniert zum Beispiel so: Anlässlich des Christopher Street Days bringt die Süddeutsche einen wohlwollenden Artikel über die erfreuliche Tatsache, dass nun auch in Bayern homosexuelle Paare die Eingetragene Lebenspartnerschaft auf dem Standesamt schließen dürfen. O-Ton: „Von August an dürfen Bayerns Schwule eine Lebenspartnerschaft schließen, der Ehe ist diese allerdings nicht gleichgestellt. Schwulen Paaren ist es zudem nicht erlaubt, Kinder zu adoptieren.“ Titel der Geschichte: „Politik auf Pumps“. Und das Homobild ohne Dame hat System. Die meisten der von ihr untersuchten Artikel, erklärt Amberg, suggerieren „das Bild einer ‚homosexuellen Welt‘ ohne Frauen.“

Die Autorin hat Artikel über homosexuelle Themen untersucht, die zwischen dem 1. Juli und dem 31. Dezember 2009 in vier Münchner Zeitungen erschienen sind: Süddeutsche Zeitung, Münchner Merkur, Abendzeitung und Tageszeitung. Sie beschränkte sich dabei auf die Berichterstattung zum Christopher Street Day und zu rechtlichen Gleichstellungsfragen. Insgesamt 81 Artikel analysierte sie. Ergebnis: „In jedem dritten Artikel stehen schwule Männer im Mittelpunkt.“

Lesbische Frauen hingegen werden nur in jedem elften CSD-Artikel überhaupt erwähnt. Wenn es um ihre Rechte geht, sind sie sogar nur in jedem 25. Artikel Thema. „Bayern will Gleichstellung für schwule Beamte“ heißt es dann oder „Ehegatten-Splitting für Schwule“. Besonders absurd wird die Schieflage da, wo es um Familienfragen geht. Obwohl die sogenannten Regenbogenfamilien laut einer Studie des Justizministeriums zu 93 Prozent aus lesbischen Frauen plus Nachwuchs bestehen, tauchten lesbische Mütter nur in drei von 21 Artikeln zum Thema auf.

Da, wo es besonders ins Auge springt, sind homosexuelle Frauen nahezu unsichtbar: in den Überschriften und auf den Fotos. In keinem einzigen der 81 Artikel sind Lesben in der Überschrift erwähnt. Schwule Männer hingegen stehen in jeder sechsten Schlagzeile. Zwei von drei Artikeln sind mit homosexuellen Männern bebildert, aber nur jeder siebte mit Frauen. „Lesben sind in den Medien bis zu Unsichtbarkeit unterrepräsentiert“, folgert Elke Amberg.

Das gilt übrigens nicht nur für die Mainstream-Medien, sondern auch für die homosexuelle Szenepresse. Auch hier seien lesbische Frauen „marginalisiert“. Ihr Fazit: „Der schwule Mann avanciert letztlich zum Prototyp des homosexuellen Menschen.“ Dabei hatten wir die alte Gleichung Mensch = Mann doch eigentlich auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Oder?

Weiterlesen
Elke Amberg: Schön! Stark! Frei! Wie Lesben in der Presse (nicht) dargestellt werden (Ulrike Helmer Verlag, 20 €).

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