Daniel Cohn-Bendit: Ich hatte Lust

Ich hatte schon lange Lust gehabt, in einem Kindergarten zu arbeiten. Die deutsche Studentenbewegung hat ihre eigenen antiautoritĂ€ren KindergĂ€rten hervorgebracht, die von den Stadtverwaltungen mehr oder weniger unterstĂŒtzt wurden. Ich habe mich dann 1972 beim Kindergarten der Frankfurter UniversitĂ€t beworben, der in Selbstverwaltung der Eltern ist und vom Studentenwerk und der Stadt unterstĂŒtzt wird.

Meine Entscheidung, mich mit Kindern zu befassen, hat Überraschung ausgelöst. Ich habe lange Diskussionen mit den Eltern gefĂŒhrt, die zum teil Linke, zum Teil Linksliberale waren. Sie wollten meine Motive kennen lernen. Ich habe ihnen gesagt, dass die BedĂŒrfnisse der Kinder bei den Linksradikalen immer vernachlĂ€ssigt worden sind. (...)

Bei den Kindern ist mir bewusst geworden, dass dieses BedĂŒrfnis, den anderen von mir abhĂ€ngig zu machen, tatsĂ€chlich in allen meinen Beziehungen vorhanden ist. Mein stĂ€ndiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische ZĂŒge an. Ich konnte richtig fĂŒhlen, wie die kleinen MĂ€dchen von fĂŒnf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben. Meist war ich ziemlich entwaffnet. Es waren alles Kinder von Intellektuellen, von Studenten, also von Leuten, die viel gelesen haben. Die Kinder hatten eine FĂ€higkeit, sich ĂŒberlegt auszudrĂŒcken, was auf Kosten einer gewissen emotionalen AusdrucksfĂ€higkeit ging. (...)

Die meisten von ihnen lebten im traditionellen Familienzusammenhang und wollten sich im Kindergarten austoben. Montags war die Hölle los. Sie schlugen um sich und zerbrachen alles, nachdem sie den Sonntag in der Familie verbracht hatten. Es gab auch so etwas wie besondere FĂ€lle. Ich erinnere mich an einen Jungen, der regelrechte sadistische Krisen hatte. Er geriet außer sich und schlug die anderen mit dem Hammer.

Er brachte Tiere um, er schnitt einem Meerschweinchen die Pfote ab. Einmal hat er beim Spielen im Sand einen anderen Jungen vollstĂ€ndig begraben. Er hatte große Probleme mit seinen Eltern. Bis zum Alter von drei Jahren hatte er bei seiner Großmutter gewohnt und glaubte, dass seine Eltern ihn nicht haben wollten.

Sein Vater war Sozialdemokrat und machte Politik. Er wollte von dem Kleinen nicht gestört werden. Als er den Jungen eines Tages abholen wollte, hĂ€ngte sich dieser an mich und schrie: „Du bist mein Papa, Dany, ich will keinen anderen haben!“ Mit einer solchen Situation wird man schlecht fertig. Ich war mit meinem Latein am Ende, ich musste das Kind zurĂŒckweisen und meine Beziehung zu ihm abbrechen. Anderenfalls wĂ€re es zwischen zwei Beziehungen hin- und hergerissen worden, die einander ausschließen. (...)

Konflikte mit den Eltern blieben nicht aus. Einige Kinder haben ihren Eltern oft beim Vögeln zugesehen. Eines Abends hat ein kleines MĂ€dchen seine Freundin zu Hause besucht und sie gefragt: „Willst du mit mir vögeln?“ Und sie hat vom Bumsen, Vögeln usw. gesprochen. Daraufhin sind die Eltern der Freundin, praktizierende Katholiken, gekommen, um sich zu beschweren; sie waren aufs Äußerste schockiert.

Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den UmstĂ€nden unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: „Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewĂ€hlt und nicht andere Kinder?“ Wenn sie dar- auf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.

Da hat man mich der „Perversion“ beschuldigt. Unter Bezug auf den Erlass gegen „Extremisten im Staatsdienst“ gab es eine Anfrage an die Stadtverordnetenversammlung, ob ich von der Stadtverwaltung bezahlt wĂŒrde. Ich hatte glĂŒcklicherweise einen direkten Vertrag mit der Elternvereinigung, sonst wĂ€re ich entlassen worden.

Die antiautoritĂ€re Bewegung hat in Deutschland am stĂ€rksten in der KinderÂŹerziehung eingeschlagen. Die Kommunebewegung war mit der Entstehung der antiautoritĂ€ren KinderlĂ€den verbunden. Reich und Marx waren die theoretischen GrundÂŹpfeiler der Bewegung in Deutschland. Weniger Freud, denn Freud hat die SexualitĂ€t objektiv untersucht, wĂ€hrend Reich den Kampf fĂŒr die SexualitĂ€t verkörpert, vor allem fĂŒr die SexualitĂ€t der Jugendlichen.

Eines der Probleme im Kindergarten war, dass die Liberalen die Existenz der SexualitÀt allenfalls anerkannten, wÀhrend wir versucht haben, sie zu entwickeln und uns so zu verhalten, dass es den Kindern möglich war, ihre SexualitÀt zu verwirklichen.

Auszug aus: Daniel Cohn-Bendit, „Der große Basar“ (Trikont Verlag, 1975)

Mehr: In der Vergangenheit liegt die Gegenwart (EMMA 3/2001).

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