Alice Schwarzer schreibt

Der AfD-Sieg ist keine Überraschung…

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Am gestrigen Wahlabend fiel, auch bei den Differenzierteren, immer wieder ein Satz: „Jetzt müssen wir Demokraten zusammenrücken.“ Wer ist „wir“? Sind die etablierten Parteien die Demokraten und die AfD ist das nicht? Aber dann hätte sie gar nicht zur Wahl antreten dürfen, denn das können in Deutschland nur demokratische Parteien.

Es ist diese vereinfachende Einteilung in Gut & Böse, die das aktuelle politische Klima so vergiftet. Das Schüren der Paranoia wird zurecht der AfD vorgeworfen – aber nun machen es die etablierten Parteien mit der unbequemen Konkurrenz nicht anders. Und genau das ist es, was die Menschen in die Arme der AfD treibt. Parteichefin Frauke Petry (Foto) triumphiert.

Das Problem
ist der
Gegensatz
Gut oder Böse

Bisher gab es Deutschland rechts von der konservativen Mitte keine ernstzunehmende politische Kraft. Zu nachhaltig war der Schock der Nazizeit. Nie wieder! So kam es, dass zwar unsere Nachbarländer – wie Frankreich, die Niederlande oder Dänemark – schon seit Jahren starke rechtspopulistische Parteien haben, Deutschland bisher jedoch davon verschont geblieben ist. Das ist nun, 71 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus, vorbei. 

Es sind nicht die Ewiggestrigen, es sind die Jungen, die die AfD wählen. So haben 29 Prozent der 25-34-Jährigen in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt, aber nur 18 Prozent der über 60-Jährigen.

Und  ja, es sind wie immer mehr Männer als Frauen, die rechts wählen. In Sachsen-Anhalt waren es bei 24 Prozent gesamt 29 Prozent Männer, aber nur 19 Prozent Frauen. Doch auch das könnte sich ändern. Denn das Hauptmotiv der Menschen, die AfD zu wählen, ist die Angst. Und das zentrale Angst-Thema der AfD ist nicht etwa zum Beispiel Armut, sondern ist „der Islam“ – und der betrifft die Frauen besonders.

Da rächt sich, dass in all diesen Ländern alle Parteien – von links bis konservativ – seit über einem Vierteljahrhundert das Problem ignoriert haben. Politik wie Medien haben bisher im Guten wie im Bösen nur selten eine Unterscheidung gemacht zwischen dem Islam als Glauben und dem Islamismus als politische Strategie; keine Unterscheidung zwischen der Mehrheit der demokratischen Muslime und der, dank Agitation, steigenden Minderheit der Scharia-Muslime auch mitten unter uns. Dabei sind eigentlich nur die es, die Probleme machen. Doch statt die agitierenden Islamisten zu bekämpfen, wurden sie beharrlich ignoriert oder verharmlost. So haben die jetzt angeschlagenen Parteien den Vereinfachern von AfD das Feld überlassen – und die Menschen im Stich gelassen (nicht zuletzt die nichtradikalen Muslime). 

In allen westeuropäischen Ländern, in denen die Rechtspopulisten erstarken – und das tun sie quasi überall – ist „der Islam“ ihr zentrales Thema. Es sind die Parallelgesellschaften, mit ihren verschleierten Töchtern; es ist die Offensive des Scharia-Islams, von der Abschaffung der Nikolaus-Feier im Kindergarten bis hin zu Akzeptanz der Burka; es sind die weltweit mordenden Gotteskrieger, die den Menschen Angst machen. Verständlicherweise.

Flüchtlings-Problem? Die Silvesternacht, in der der zentralste Platz einer deutschen Millionenstadt zehn Stunden lang ein rechtsfreier Raum war, hat die Willkommenskultur dann zum Kippen gebracht. Und seither wird noch nicht einmal differenziert, dass unter den 83 heute Beschuldigten dieser Nacht nur drei echte Flüchtlinge, nämlich Syrer, sind – jedoch 33 Marokkaner und 29 Algerier, die angereist waren, woher auch immer (vielleicht sogar aus Belgien und Frankreich). 

In Europa
herrscht die 
Angst vor
"dem Islam"

Eine fatale Rolle hat es auch gespielt, dass die Gewaltnacht von Köln zunächst von der Polizei verschwiegen und von der Politik verharmlost worden war. Das entsprach exakt dem Misstrauen und den Befürchtungen, die heute nicht nur Rechte, sondern auch ganz normale BürgerInnen in die Arme der AfD treiben: Man verheimlicht uns was! Die Politik nimmt uns nicht ernst! Lügenpresse! So ergab eine aktuelle Stern-Umfrage: 47 Prozent aller Deutschen glaubt, dass „man bei uns nicht alles sagen darf, weil man sonst Nachteile erleiden könnte“ – und bei den AfD-Anhängern sind sogar 83 Prozent davon überzeugt.

Ja, es gibt bei der AfD Rechtsradikale wie Höcke & Co. Aber noch sind sie in der Minderheit. Die Deutschen sollten endlich lernen, zwischen rechts und rechtsradikal zu unterscheiden. Und die selbstgerechten Demokraten der etablierten Parteien sollten nicht länger versuchen, sich die Konkurrenz vom Hals zu halten, sondern sich auseinandersetzen mit den Protest-Demokraten der AfD. Diese Anderen müssen eingeklagt werden. Und die Einen müssen es endlich selber besser machen!

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Die AfD und der Antifeminismus

Frauke Petry, Spitzenkandidatin der AfD in Sachsen, im Wahlkampf. - © imago
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Zugegeben: Eine große Überraschung ist es nicht. Die „Alternative für Deutschland“ stößt bei Männern auf erheblich größere Begeisterung als bei Frauen. Dennoch: So groß ist der „Gender Gap“, dass sogar die Forschungsgruppe Wahlen ihn diesmal ausdrücklich erwähnt. In allen drei Bundesländern besteht die Wählerschaft der zweistellig durchgestarteten AfD zu zwei Dritteln aus Männern, egal ob Brandenburg (Männer: 15%, Frauen: 10%), Thüringen (Männer: 13%, Frauen: 9%) oder Sachsen (Männer: 12%, Frauen: 8%).

Zwar war zumindest die sächsische AfD mit einer Spitzenkandidatin angetreten: Frauke Petry. Die allerdings erklärt: „Mann und Frau sind nicht gleich, auch wenn die Genderforschung das behauptet.“

Petry fordert die 3-Kind-Familie und will Abtreibungsrecht verschärfen.

Dabei hat es sich die 39-jährige promovierte Chemikerin mit dem emanzipierten Kurzhaarschnitt durchaus nicht nehmen lassen, eine „männliche“ Karriere zu machen. Sie entwickelte ein Reifendichtmittel, ließ es sich patentieren und wurde als innovative Unternehmerin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Jetzt propagiert die dreifache Mutter, die mit einem Pfarrer verheiratet ist, die Drei-Kind-Familie als Idealmodell und will das Abtreibungsrecht noch verschärfen. Als sei das Beratungsmodell nicht schon entmündigend genug. Doch schließlich müsse „das Überleben des eigenen Volkes, der eigenen Nation sichergestellt werden“.

Petrys Thüringer Kollege, AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke, ist ein erklärter Gegner des „Gender Mainstreaming“, das er in bester Maskulisten-Manier als „Sonntagskind der Dekadenz“ verhöhnt. Dabei hat er, wie fast alle Kritiker des Gender Mainstreamings, offenbar nicht verstanden, worum es dabei geht: Nämlich schlicht, alle politischen Maßnahmen auf ihre Auswirkungen auf Frauen - und Männer – zu überprüfen.

Schon bei der Europawahl im Juni 2014 hatte sich gezeigt, dass Bernd Luckes Anti-Euro-Partei auch offensiv auf Antifeminismus setzt. Die AfD nominierte die christliche Fundamentalistin und Abtreibungsgegnerin Beatrix von Storch für einen Spitzen-Listenplatz. Gleichzeitig startete die Parteijugend ihre Facebook-Kampagne „Ich bin keine Feministin, weil…“ Auf Plakaten erklärten junge Frauen (und Männer), warum der Feminismus überflüssig ist.

Die Folge des Antifeminismus der AfD: Jeder zehnte junge Mann zwischen 18 und 29 Jahren wählte die AfD – aber nur jede zwanzigste junge Frau. Die konnten sich mit Plakat-Sprüchen wie „Ich bin keine Feministin, weil mein Mann mein Fels in der Brandung ist“ wohl weniger anfreunden.

Bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen bevorzugte die Mehrheit der Frauen die Merkel-Partei. Die CDU hatte in Thüringen, wo seit 2009 Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht regiert, einen Frauenvorsprung von vier Prozent (Frauen: 36 %, Männer: 32 %), in Sachsen wählten sogar sechs Prozent mehr Frauen die Merkel-Partei (Frauen: 43 %, Männer: 37 %). In Brandenburg tendierten die Frauen stärker zur SPD (Frauen: 35 %, Männer: 29 %).

Die Medien erwähnen zwar den Rassismus der AfD - aber nicht den Sexismus.

Zurück zur AfD. Zwei Dinge sind an dem Mann-Frau-Gefälle in der AfD-Wählerschaft interessant:

1. Die Medien erwähnen es, wenn überhaupt, nur am Rande. Wie überhaupt der harte Sexismus und das Wettern gegen die „Gleichstellungsideologie“ (AfD-Wahlprogramm) im Themen-Ranking stets weit hinter der Euro-Frage und den Rassismus-Vorwürfen gegen die AfD firmiert.

2. Die AfD ist im europäischen Vergleich die einzige rechtspopulistische Partei, die sich den offenen Antifeminismus auf ihre Fahnen schreibt. Geert Wilders in Holland oder Marine Le Pen in Frankreich haben offenbar verstanden, dass sie mit solchen Parolen im 21. Jahrhundert beim weiblichen Wahlvolk keinen Blumentopf mehr gewinnen. Die französische Fristenlösung bei der Abtreibung anzutasten, liegt Marine Le Pen inzwischen ebenso fern wie Widerstand gegen die Homoehe. In Frankreich holte sie mit ihrem weichgespülten Programm bei den Europawahlen jede vierte WählerInnen-Stimme. Ist der Anti-Feminismus eine deutsche Spezialität?

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