In der aktuellen EMMA

Die Emanzen der Steinzeit

Diese Fundstücke zeigen: Frauen spielten in der frühen Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle.
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Frau möchte sie sofort in die Hand nehmen und über ihre Rundungen fahren. Den hervorquellenden Bauch, die schwellenden Brüste, die drallen Schenkel. Und was ist das da auf ihrem Kopf, eine Häkelmütze? 

Kein Wunder, dass die „Venus von Willendorf“ als „Mona Lisa von Wien“ gehandelt wird. Die 30.000 Jahre alte Skulptur, geformt aus Sandstein vom Gardasee, ist nicht nur das Aushängeschild des Naturhistorischen Museums in Wien, sie ist so etwas wie DIE Ikone der europäischen Eiszeit. 

Frauenidole werden diese Figuren aus Elfenbein, Kalk- oder Speckstein genannt. Über 200 von ihnen aus der Jägersteinzeit wurden von Westeuropa bis Sibirien gefunden. Die „Venus von Willendorf“ ist die beeindruckendste von ihnen (dicht gefolgt von der „Venus von Hohle Fels“, 40.000 Jahre alt). 

Aber was ist sie nun? Ein pornografisches Objekt, um den Steinzeitjäger auf Touren zu bringen? Eine Fruchtbarkeits- oder Muttergöttin? Ein Abbild des Ur-Weiblichen? Der Deutungen sind viele. Je nachdem, welcher Archäologe (die Archäologie war bis in die 1990er Jahre eine Männerdomäne) zu welcher Zeit darüber orakeln durfte. 

Das Orakeln in der Archäologie ist nun endgültig vorbei. Seit 2015 gibt es die Möglichkeit, mit handfesten Methoden zu arbeiten: zum Beispiel DNA. Die Analyse autosomaler DNA, Zeiteinordnungen mittels C-14-Isotopen sowie die Untersuchung von Phytolithen durch Rastertunnelelektroskope machen die genaue Bestimmung der Zeit möglich. Was klingt wie Raketenwissenschaft, ist heute der Status Quo in der archäologischen Forschung. 

Und die wird nun gehörig umgewälzt. Ganze Wissensbestände zur Ur- und Frühgeschichte brechen wie Kartenhäuser zusammen und müssen neu geschrieben werden. Warum? Weil die DNA-Forschung mit ihren Funden neue Daten ans Licht holt – und mit ihnen die Frauen. Die Geschlechterverhältnisse, ja die gesamten gesellschaftlichen Strukturen der Vorzeit werden neu erforscht. Skelette, Knochenreste, Textilfasern, Grabbeigaben, Keramikscherben, Zeichnungen, ganze Wohngemeinschaften und Siedlungen können analysiert werden. 

Hinzu kommt: Durch den tauenden Permafrost, bedingt durch den Klimawandel, kommen immer mehr Funde und Erkenntnisse aus dem ewigen Eis an die Oberfläche; wie beispielsweise Wanderrouten aus der Vorzeit, die die Migrationsgeschichte Europas neu justieren. 

Die Rekonstruktion der Menschheitsgeschichte wurde bislang mit der Feder des Patriarchats geschrieben. Von wegen Jäger und Sammlerinnen … Die neu erforschten Funde beweisen, wie gleichgestellt prähistorische Gesellschaften (= Gemeinschaften, die vor der Erfindung der Schrift lebten und sich durch Jagen, Sammeln und Ackerbau ernährten) gewesen sein müssen. 

Die schwedische Wissenschaftsjournalistin Karin Bojs trägt diese Ergebnisse aus den Fachdisziplinen Archäologie, Linguistik und Paläo-Genetik in ihrem Buch „Mütter Europas. Die letzten 43.000 Jahre“ zusammen – und sie setzt dabei den Fokus auf die Frauen. Denn „die wurden viel zu lange vergessen!“ 

Die Schwedin huldigt damit auch einer großen Pionierin: Marija Gimbutas (1921 – 1994). Die litauische Archäologin, Prähistorikerin und Anthropologin hatte schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die friedlichen und egalitären Strukturen der prähistorischen europäischen Zivilisationen analysiert, in der viele Gesellschaften von Frauen regiert und Naturgöttinnen verehrt wurden. Gimbutas stellte die These auf, dass die Menschen, die in Europa lebten, bevor die Indoeuropäer kamen – in Gesellschaften, die sie unter dem Begriff „Alteuropa“ zusammenfasste – ein großes Maß an Gleichstellung zwischen den Geschlechtern gehabt haben müssen, teilweise sogar matriarchale Strukturen. Zwecks eigenen Fortbestehens lag der Fokus in hohem Maße auf der Rolle der Frau als Mutter. Demnach verehrten die Menschen damals auch eher eine allmächtige Göttin als männliche Götter. 

Bis an die Grenze des Rufmords wurde die litauische Forscherin dafür diskreditiert und von der akademischen Welt verlacht. Bojs gleicht nun Gimbutas Thesen mit den aktuellen DNA-Ergebnissen ab, und siehe da: Sie hat in vielen Punkten recht, wenn auch nicht immer. 

Angefangen mit der Einteilung „Steinzeit – Bronzezeit – Eisenzeit“, die im Grunde unvollständig ist. Denn sie vernachlässigt die Bedeutung vergänglicher Materialien, die aber im alltäglichen Leben der Menschen eine weit größere Rolle gespielt haben dürften. Es liegt nun mal in der Natur der Sache, dass Stein, Knochen, Horn und Elfenbein Jahrtausende lang bewahrt werden, während weichere Materialien wie Pflanzenfasern und Textilien vermodern. Bojs: „So wird der Nachwelt ein schiefes Bild vermittelt.“ 

Die amerikanische Anthropologin Olga Soffer hat Beweise dafür gefunden, dass es zur Zeit der „Venus von Willendorf“ bereits aufwändige Textilien gab – zehntausende Jahre früher als bisher bekannt. Wohnplätze, die – etwa durch den Permafrost – komplett bewahrt wurden, offenbaren, dass Steinwerkzeuge nur einige wenige Prozent der Ausrüstung dieser Menschen ausmachten. Etwa 90 Prozent der Gegenstände bestanden aus Holz und Pflanzenfasern für Geflechte und Textilien. 

Wenn aber in der Forschung das Gewicht auf Waffen und Werkzeuge aus Stein gelegt wird, und diese auch noch ausschließlich mit Männern assoziiert werden, „entsteht die Schablone kräftiger Steinzeitmänner, die große Tiere mit Speeren jagen“, so Soffer. 

Ein großer Teil der ArchäologInnen steht heute auf dem Standpunkt, dass Steinzeitmänner wie -frauen welche Aufgaben auch immer erfüllen konnten. Inklusive Mammutjagd und Herstellung von Textilien und Keramik. Ausschlaggebend waren die Fähigkeiten und Begabungen, nicht das Geschlecht. Eine Gesellschaft konnte es sich gar nicht leisten, wegen etwaiger Geschlechter-Animositäten auf ihre fähigsten Leute zu verzichten. Hauptsache, es kommt was auf den Tisch! 

Allerdings scheinen Frauen sehr versiert in der Kleintierjagd mit Netzen gewesen zu sein, wie Funde zeigen.

Und noch eine überlebenswichtige Eigenheit lag in Frauenhand: die Herstellung von Milch. Milch war in prähistorischen Gesellschaften elementar. Getreide und Milch erhöhten die Überlebenschancen von Kindern und brachten der Bevölkerung Wachstum. Wie die Keramik brachte auch die Meierei entscheidende Veränderungen im Leben der prähistorischen Menschen. Beide Gewerke wurden in nahezu allen Kulturen überwiegend von der weiblichen Bevölkerung getragen – ein Machtfaktor.

Und auch für Weberei und Kupfergewinnung wurden in den letzten Jahren frühere Spuren sichtbar, die alle darauf hindeuten, dass es Frauen waren, die diese Techniken praktizierten. 

Etliche Grabfunde beweisen zudem, dass Frauen keine untergeordnete Stellung hatten, wie Männer sie ihnen in späteren Gesellschaften zuwiesen. Viele Frauen wurden opulent bestattet. In Massengräbern, oft fernab einer Siedlung, wurden hingegen ausschließlich männliche Skelette gefunden. 

Eine übergeordnete Stellung allerdings hatte vor allem eine Frau: die Großmutter. Wie Gimbutas stürzt sich auch die neue Forschung auf die Großmütter. Die sogenannte „Großmutter-Hypothese“ geht davon aus, dass Kinder bessere Überlebenschancen hatten – nur jedes zweite Kind erlebte in der Epoche seinen 15. Geburtstag –, wenn eine Großmutter da war. Die These ist in Studien von bäuerlichen Gesellschaften vom 17. bis 19. Jahrhundert in Quebec und Finnland bekräftigt worden. Vor allem die Mutter der Mutter war (überlebens)wichtig und hatte mehr Wert als die Mutter väterlicherseits und beide Großväter zusammen. Diese Studien sind vor allem unter dem Aspekt der Fruchtbarkeit interessant.

Während Anthropologen bis heute mit dem Klimakterium den Niedergang des weiblichen Körpers beschwören, muss genau diese Phase im Leben einer Frau in der Stein- und Bronzezeit von großer Wertigkeit für die Gemeinschaft gewesen sein. Wie Grabfunde sowie Knochen- und Zahnanalysen zeigen, sind vor allem ältere Frauen häufig in wertvollen Textilien und mit vielen Grabbeigaben in einer Art Ehrengrab beerdigt worden.

Die „Venus von Willendorf“, sie könnte also nicht die dralle „Fruchtbarkeitsgöttin“ sein, sondern viel eher eine Großmutter von Macht und Rang.

Ob letzten Endes wirklich das Matriarchat regierte, wie Gimbutas es vor Augen hatte, lässt sich nicht beweisen. Vielleicht waren es auch „nur“ gleichgestelltere Gesellschaften? Viele der archäologischen Funde weisen jedenfalls darau hin, dass es die patriarchale Dominanz späterer Jahrtausende damals, also vor ca. 11.000 Jahren, noch nicht gegeben hat.

Selbst die frühen Bauerngesellschaften, die vor ca. 8.600 Jahren auf die Balkanhalbinsel übersetzten und vor 7.000 Jahren in das heutige Gebiet Deutschland einwanderten, müssen noch relativ gleichberechtigt und geschlechterpolitisch gesehen friedlich gelebt haben.

Allerdings wurde mit der frühen Landwirtschaft (vor ca. 5.500 Jahren) das Saatkorn für das gelegt, aus dem einmal das Patriarchat wachsen sollte: Ein Joch, uns Frauen zu knechten, um genau zu sein. Denn Rad und Joch, mit dem fortan zwei Ochsen vor Pflug und Wagen gespannt werden konnten, wurden zur Männersache, und das in nahezu allen bekannten Landwirtschaftskulturen. Typische Frauenbeschäftigungen hingegen waren Korn mahlen, backen, die Herstellung von Keramik und Textilien sowie das Bewirtschaften eines kleinen Feldes. Kurzum: Tätigkeiten, die sich mit dem Stillen und der Betreuung von Kindern kombinieren ließen. 

Eine noch größere Bedeutung für die neue Machtverteilung zwischen den Geschlechtern jener Zeit hatte aber noch etwas anderes: die Gewinnung von Salz. Eine der ersten Währungen der Welt. Als Salz – wichtig für die Konservierung von Lebensmitteln – zur Handelsware wurde, bildeten sich gesellschaftliche Schichten heraus und die Gleichstellung nahm ab. Das scheint im Nordwesten Frankreichs passiert zu sein. Der Handel mit Salz machte reich. Und mit dem Reichtum bildete sich eine patrilineare Gesellschaft heraus. 

Familiengräber der Steinzeitbauern in Nordfrankreich deuten darauf hin. Beispielsweise stammen bis zu 15 Personen von ein und demselben Mann ab. Er scheint mit vier Frauen zusammen gewesen zu sein. Seine erwachsenen Söhne wurden mit ihm beerdigt, jedoch keine Tochter. Studien legen nahe, dass Töchter mit der Geschlechtsreife das Heim verlassen mussten.

Richtig bergab mit den Frauen ging es mit der Einführung der indoeuropäischen Kultur. Denn die war nun wirklich hierarchisch, gewaltsam und patriarchalisch. Beginnend vor knapp 5.000 Jahren fand eine umfassende Einwanderung aus den Steppen im heutigen Russland und der Ukraine nach Mitteleuropa, ins Baltikum und nach Skandinavien statt. Marija Gimbutas hatte mit dieser These recht. 

Anfangs waren die beiden sich mischenden Kulturen relativ gleichgestellt, doch die Männer, die Indoeuropäer aus dem Osten, gewannen mehr und mehr die Oberhand. Denn sie hatten einen treuen Helfer: das Pferd. Die zahmen Pferde der Indoeuropäer bewirkten vor 4.000 Jahren radikale Veränderungen. Ihre Ankunft hatte dramatische Konsequenzen für die Landwirtschaft sowie das Militär- und Transportwesen. Und beeinflusste damit die Völkerwanderungen. Die Männer konnten sich auf dem Pferd nicht nur schneller fortbewegen, sie konnten auch mehr Raum erobern. Es dauerte nicht lange, bis sie die ersten Streitwagen bauten. Die Indoeuropäer begannen, Westeuropa zu erobern. Die friedliche gleichgestellte Bauernkultur Europas wurde zu einer patriarchalen Kriegskultur. 

Die neue kriegerische Kultur legte den Fokus auch in der Sprache auf die Väter und Söhne. Die ersten Schriften, vedische Hymnen (Vorgänger des Sanskrit), zeugen davon. Sie sind ungefähr 3.000 bis 3.500 Jahre alt und beschreiben allesamt kriegerische Erlebnisse. Pferde und Streitwagen spielen zentrale Rollen darin. So war es auch die Sprache der Väter, die auf Dauer überlebte. Die alte Bauernsprache der Mütter ging verloren. Die Linguistik bestätigt diese Entwicklung. Männer mit Macht und männlicher Verwandtschaft durchsäuerten den Wortschatz.

Das Ende vom Lied: Das Patriarchat, das unsere Welt heute dominiert, ist also erst ein relativ junges Produkt in der Menschheitsgeschichte.

Es waren Archäologen aller Zeiten, die seinen Anfang vor- und vordatiert haben. Ihr männlicher Blick aus ihrer patriarchal geprägten Zeit war es, der Frauen zu Nebendarstellerinnen der Menschheit machte.

Doch seit 2018 – nach wieder neuen DNA-Erkenntnissen – muss auch die akademische Fachwelt Zugeständnisse machen. So leistete der 80-jährige Colin Renfrew, ein renommierter Archäologe aus Cambridge, auf einer Fachtagung in Uppsala 2018 umfassende Abbitte. Ein Bild von Marija Gimbutas wurde an die Wand projeziert. Und Renfrew begann mit den Worten: „Certainly I was wrong“. Nicht nur certainly. Und nicht nur er.

Für Marija Gimbutas kamen die neuen Erkenntnisse leider 20 Jahre zu spät. 1994 ist sie in Los Angeles gestorben. 

Übrigens: Nach Stand der aktuellen Forschung trägt die „Venus von Willendorf“ tatsächlich eine Mütze auf dem Kopf. Zuvor galt, dass es eine kunstvoll geflochtene Frisur sei. Neue Funde beweisen, dass Mützen wichtige Stildetails in der Kultur des „Gravettien“ waren – ein Accessoire von hohem Wert, das nur zu besonderen Anlässen getragen wurde. Und zwar besonders gern von alten Frauen. 

 

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