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Die geplante Gewalt der Hamas

7. Oktober 2023. Hamas-Terroristen fallen in ein israelisches Musikfestival und mehrere Kibbuzim ein.
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Sie schaute durch ein kleines Fenster nach draußen, sah den blauen Himmel, hörte Vögel zwitschern. Doch sie war gefangen – „hier in diesem Badezimmer, diesem Dreck, dieser Brutalität, diesem Ekel“. Fast ein Jahr nach ihrer Freilassung sprach die ehemalige israelische Hamas-Geisel Romi Gonen über den Horror, den sie in Gaza erlebte. In dem Interview für den israelischen TV-Sender Kanal 12 berichtete die Israelin, wie sie von mehreren Terroristen sexuell missbraucht worden sei.

Am 7. Oktober 2023 war sie während des Hamas-Massakers, bei dem mehr als 1.200 Menschen ermordet und 251 verschleppt wurden, vom Nova-Musikfestival entführt worden. Erst am 19. Januar 2025 kehrte die heute 26-Jährige nach 471 Tagen aus der Geiselhaft zurück.

„Die Frage, über die wohl jeder nachdenkt, ist: Wurdest du sexuell missbraucht? Doch niemand spricht sie aus, weil niemand die Antwort hören will“, sagte Romi Gonen und legte vier Fälle sexuellen Missbrauchs durch verschiedene Männer offen. 

Bereits am vierten Tag in Gaza nach ihrer Verschleppung sei sie vergewaltigt worden – durch einen Krankenpfleger. „Ich ging duschen, und er kam mit mir, weil er mir angeblich helfen sollte. Ich war verletzt, hatte keine Kraft. Ich war in einer Situation, in der ich nichts tun konnte.“ Zeitweise habe sie geglaubt, die Terroristen würden „mich für immer als Sex-Sklavin festhalten“.

Die Aussagen von Romi Gonen gehören zu den eindringlichsten Zeugnissen, die nun im bislang umfassendsten Bericht über die systematische sexualisierte Gewalt der Hamas dokumentiert werden. Die israelische Zivilkommission „Civil Commission on October 7th Crimes by Hamas against Women and Children“ hat mehr als zwei Jahre lang Beweise gesammelt und ausgewertet. Das Ergebnis ist der Report „Silenced no more. Sexual Terror Unveiled“ (Nicht länger zum Schweigen gebracht. Sexueller Terror offengelegt), der nachweist, dass sexualisierte Gewalt von der Terrororganisation Hamas sowohl während der Massaker vom 7. Oktober als auch in der Geiselhaft gezielt als Kriegswaffe eingesetzt wurde.

Der 65-jährige Keith Siegel sitzt still vor einer Kamera. Die Hände liegen ruhig im Schoß, die Stimme bleibt kontrolliert. Doch immer wieder bricht etwas durch, wenn er über die Gefangenschaft in Gaza spricht – Momente der Erniedrigung, der Angst, des völligen Ausgeliefertseins, die sich nicht in einfache Sätze pressen lassen. 484 Tage war er Geisel der Hamas. Auch er berichtet von sexuellem Missbrauch durch die Terroristen.

Diese Szenen sind in einem Trailer auf der Website der israelischen Zivilkommission zu sehen.

Für den Bericht der von der Juristin Cochav Elkayam-Levy gegründeten unabhängigen Kommission wurden mehr als 10.000 Fotos und Videosequenzen, rund 1.800 Stunden Bildmaterial sowie mehr als 430 Zeugenaussagen, Interviews und forensische Analysen ausgewertet. Viele der Aufnahmen stammen von den Tätern selbst: Videos von Handykameras und Bodycams, Livestreams, Aufnahmen aus Telegram-Kanälen und sozialen Netzwerken.

Die Kommission kommt zu dem klaren Schluss: Die Übergriffe seien weder zufällig noch vereinzelt gewesen. Vielmehr habe es wiederkehrende Muster gegeben, die auf einen organisierten und koordinierten Einsatz sexualisierter Gewalt als Waffe hindeuteten. Der Bericht identifiziert 13 Formen solcher Verbrechen – darunter Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, sexuelle Folter, Verstümmelungen, erzwungene Nacktheit sowie Misshandlungen vor Angehörigen.

In mindestens einem Fall seien Familienmitglieder gezwungen worden, sexuelle Gewalt gegeneinander auszuüben. Dafür prägte die Kommission einen neuen Begriff: „kinozidale sexuelle Gewalt“, also Gewalt, die gezielt familiäre Bindungen zerstören soll.

Eindringlich schildert der Bericht, wie die Gewalt nach dem 7. Oktober weiterging. Freigelassene Geiseln berichteten von sexuellen Übergriffen, Erniedrigung und sexualisierter Folter während der Gefangenschaft, teilweise über Monate hinweg. Davon betroffen waren sowohl Frauen als auch Männer. Besonders offen über das, was ihm angetan wurde, spricht Keith Siegel. Der amerikanisch-israelische Staatsbürger wurde gemeinsam mit seiner Frau Aviva aus dem Kibbuz Kfar Aza verschleppt. Nach seiner Freilassung schilderte er wiederholt die psychischen, physischen und sexuellen Misshandlungen während seiner Gefangenschaft. Im Video für den Bericht sagt er: „Der Terrorist legte seine Faust auf meine Brust. Dann machte er ein Zeichen, dass ich still sein soll, und sagte: ‚Zieh deine Unterhose aus‘.“ 

Der Bericht nennt Siegels Fall beispielhaft für die systematische Entmenschlichung der Geiseln durch die Terroristen. Viele hätten in ständiger Angst, Isolation und mit sexueller Erniedrigung leben müssen. Zeugenaussagen zufolge wurden sie gezielt gedemütigt, bedroht und in die totale Abhängigkeit gezwungen. 

Genau dieses Muster beschreibt auch Romi Gonen in ihren Schilderungen der Gefangenschaft. Sie berichtete von permanenter Kontrolle, davon, niemals sicher zu sein und ständig mit neuen Übergriffen rechnen zu müssen. Auch andere Geiseln haben mittlerweile ausführlich über sexuelle Gewalt in der Gefangenschaft in Gaza gesprochen, darunter die jungen Männer Guy Gilboa Dalal und Alon Ohel. 

Die heute 42-jährige Rechtsanwältin Amit Soussana, die aus ihrem Haus im Kibbuz Kfar Aza gekidnappt wurde, war die erste, die öffentlich über den sexuellen Missbrauch und die Folter sprach, die ihr von Terroristen der Hamas ange tan wurde. In einem Interview in der New York Times berichtete sie im März 2024 von den schockierenden Details ihrer fast zweimonatigen Geiselhaft im Gazastreifen. 

Zudem wird in dem Bericht der Kommission eine weitere Dimension der Gewalt beleuchtet: deren digitale Verbreitung. Täter hätten ihre Übergriffe bewusst gefilmt, weitergeleitet und veröffentlicht, um Terror, Angst und Demütigung maximal zu verbreiten. Bilder von Opfern seien an Angehörige verschickt oder massenhaft online verbreitet worden. 

Die Sichtbarkeit selbst sei Teil der Waffe geworden. Die Autoren des Berichts sprechen deshalb von einem „fortgesetzten Verbrechen“: Die Gewalt ende nicht mit dem eigentlichen Übergriff, sondern werde durch die ständige Verbreitung der Bilder verlängert. Für Überlebende und Angehörige bedeute dies eine immer neue Konfrontation mit dem Trauma. 

Direkt nach den Hamas-Massakern waren 2023 Berichte über sexualisierte Gewalt immer wieder angezweifelt oder relativiert worden. In der Folge warfen Opfer und israelische Organisationen internationalen Institutionen vor, zu lange geschwiegen zu haben. Denn erst Monate später reagierten Vertreter der Vereinten Nationen deutlicher auf Hinweise auf sexuelle Gewalt während des Angriffs und in der Gefangenschaft der Geiseln. 

Der Bericht erhebt schließlich schwere Vorwürfe: Die dokumentierten Taten erfüllten die Kriterien für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und teilweise auch genozidale Handlungen nach internationalem Recht. Darum versteht sich der Bericht auch als Grundlage für mögliche künftige Strafverfahren gegen Täter, Mittäter und Unterstützer der terroristischen Verbrechen. 

„Wir haben zwei Jahre lang Überlebenden und Zeugen zugehört und Material untersucht, das oft kaum zu ertragen ist“, sagte Cochav Elkayam-Levy anlässlich der Veröffentlichung. „Der Bericht zeigt, dass sexuelle Gewalt bewusst als Strategie eingesetzt wurde – mit außergewöhnlicher Grausamkeit.“ Dies zu verschweigen, zu leugnen oder zu relativieren, verhindere nicht nur die Aufarbeitung, sondern auch die Prävention zukünftiger Verbrechen. 

Die Veröffentlichung dürfte die Debatten über die Aufarbeitung des 7. Oktober erneut verschärfen. Denn der Bericht ist nicht nur eine Dokumentation von Zeugenaussagen, er ist auch ein politisches Dokument gegen das Vergessen und damit gegen jene, die Berichte über sexualisierte Gewalt bis heute als Lügen und Propaganda abtun. 

Für viele Israelis ist dies ein zentraler Punkt. Die Bilder der Massaker haben sich tief in ihr kollektives Gedächtnis eingebrannt: die verkohlten Häuser in den Kibbuzim, die unerträglichen Aufnahmen von ermordeten jungen Menschen auf dem Nova-Musikfestival, die verzweifelten Nachrichten der Verschleppten. Der neue Bericht fügt diesen Bildern eine weitere, besonders verstörende Ebene hinzu, zeigt er doch, dass sexualisierte Gewalt nicht Begleiterscheinung der Massaker war, sondern Teil ihrer Methode. 

Für Romi Gonen ist diese Erkenntnis keine juristische oder politische Debatte, sondern gelebte Erfahrung. Lange schwieg sie über das, was ihr in Gaza widerfahren war. Erst viele Monate nach ihrer Freilassung fand sie ihre Stimme wieder. Der Trailer auf der Website der Kommission endet mit einem Schwarzbild und dem Satz: „The truth must be told“ – Die Wahrheit muss erzählt werden. Romi Gonen hat ihren Teil dazu beigetragen. 

 

 

 

 

 

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