Therapeutin Esther Mujawajo. Foto: Bettina Flitner
Therapeutin Esther Mujawajo. Foto: Bettina Flitner

20 Jahre Ruanda: Und die Frauen?

Es h├Ątte nicht viel gefehlt und sie w├Ąre wahnsinnig geworden. Das Gef├╝hl, verr├╝ckt zu werden, setzte ein, als ihr klar wurde, dass sie sich hatte retten k├Ânnen.

Zwei Monate nach Beginn des V├Âlkermords ist Esther Mujawayo mit ihren drei T├Âchtern in Kabuga angekommen: in sicherem, von der Armee kontrolliertem Gebiet. Aber die anderen sind tot. Esthers Eltern: mit Kn├╝ppeln und Hacken erschlagen.

Ihr geliebter Mann Innocent: erschossen. Ihre Cousine: mit abgehackten Armen in einer Latrinengrube erstickt. Allein in Esthers Familie sind 17 Menschen ermordet worden. ÔÇ×Mir passiert etwas, das ich nicht vorhergesehen habe, auf diesem H├╝gel von Kabuga", wird sie sp├Ąter in ihrem Buch schreiben. ÔÇ×Ich f├╝rchte langsam, ich k├Ânnte den Verstand verlieren."

Die n├Ąchste Station auf Esthers Flucht ist das Hotel ,Mille Collines' - jenes belgische Hotel in Kigali, deren ruandischer Gesch├Ąftsf├╝hrer Paul Rusesabagina als "afrikanischer Schindler" bekannt wurde, weil er ├╝ber zw├Âlfhundert Tutsi aufnahm und so vor dem sicheren Tod rettete. Rusesabaginas Geschichte wurde verfilmt und l├Ąuft gerade als ,Hotel Ruanda' in den Kinos.

Wenn man Esther Mujawayo fragt, warum sie doch nicht wahnsinnig geworden ist ├╝ber all dem Grauen, sondern ein Ausbund an Energie und Lebensfreude, lacht Esther Mujawayo laut und herzlich und sagt: ÔÇ×Das kommt vom Tanken!" Das ist ihr Bild daf├╝r, dass ÔÇ×ich so viel Gl├╝ck gespeichert habe in meinem Leben."

Gl├╝ck hatte die 46-j├Ąhrige Ruanderin mit ihrem Vater, der seine vier T├Âchter nie sp├╝ren lie├č, dass sie ÔÇ×nur" M├Ądchen waren. Wenn die Nachbarn ├╝ber Esthers Mutter l├Ąsterten, die keinen Jungen zustande brachte und die man deshalb versto├čen m├╝sse, dann ÔÇ×hat er sie in Schutz genommen und gesagt: ,Lasst meine Frau in Ruhe! Gott hat Pl├Ąne mit meinen T├Âchtern.'"

Das Dorf Mwirute, in dem die Familie lebte und der Vater Grundschullehrer und Geistlicher war, liegt eine halbe Autostunde von Kigali entfernt. Es war selbstverst├Ąndlich, dass Esther, die J├╝ngste, aufs Gymnasium gehen und studieren durfte. Mit 21 bricht sie auf nach Belgien, mit 27 kehrt sie als Soziologin zur├╝ck. Sie wird Landeskoordinatorin f├╝r die britische Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam. Mit ihrem Mann Innocent, der ein Gymnasium in Kigali leitete, bekommt sie Anna, Amelia und Amanda.

Am 7. April 1994 beginnt das Schlachten. Wie so viele "ethnische Konflikte" in Afrika, war auch dieses Massaker der Hutu an den Tutsi von den Ex-Kolonialherren provoziert. Seit den 20er Jahren hatten die belgischen Besatzer nach dem Motto ,Teile und herrsche' Feindschaft gesch├╝rt: Sie privilegierten die Tutsi und degradierten die Hutu-Bauern. Als Ende der 50er Jahre die gest├Ąrkten Tutsi die Unabh├Ąngigkeitsbewegung gegen die Belgier aufbauten, drehten die den Spie├č um. Jetzt hetzten sie Hutu gegen die Tutsi auf. 1959 gibt es ein erstes gro├čes Massaker, 1973 ein zweites. Im April 1994 beginnt das Morden erneut. Bis Juli sterben eine Million Menschen.

Die Zahl der Witwen steigt ins Unermessliche. Esther Mujawayo ist eine von ihnen. Zun├Ąchst treffen sie sich reihum in den H├Ąusern, die das W├╝ten ├╝berstanden haben, und ÔÇ×reden, reden, reden". Dabei gibt es in Kinyarwanda, der Sprache Ruandas, f├╝r so vieles gar keine Worte. Einer vergewaltigten Frau bleibt nichts anderes ├╝brig als zu sagen, man habe sie ÔÇ×befreit". 80 Prozent der ├╝berlebenden Frauen wurden vergewaltigt, die H├Ąlfte haben die Vergewaltiger bewusst mit dem t├Âdlichen HI-Virus infiziert.

Die Frauen beschlie├čen, ihren Gespr├Ąchsrunden ÔÇ×einen formellen Rahmen zu geben". Sie mieten einen Raum in Kigali und gr├╝nden die Witwenorganisation ,Avega', die heute 35.000 Mitglieder hat. Das ist unerh├Ârt, denn: ÔÇ×Witwen bringen Pech", sagt der Volksmund. Diese Ungl├╝cksbringerinnen ma├čen sich nun an, gemeinsam zu melken und zu mauern - alles ÔÇ×M├Ąnnerarbeit". Alles, auch die therapeutische Arbeit von ,Avega', wird skeptisch be├Ąugt. ÔÇ×In der ruandischen Kultur bekommst du immer zu h├Âren, du sollst deinen Schmerz f├╝r dich behalten."

Dass aus der Traumatisierten selbst eine Therapeutin wurde, ist folgender Begebenheit zu verdanken: Bei einem Treffen debattieren europ├Ąische ├ärzte und Psychologen ├╝ber Methoden der Traumatherapie bei Kindern. Esther, die Soziologin, meldet sich zu Wort: ÔÇ×Entschuldigen Sie", sagt sie. ÔÇ×Diese Kinder haben Hunger. Sollten Sie ihnen nicht auch etwas zu essen geben?" Irritierte Blicke. Sie sei nicht vom Fach und habe keine Ahnung. Ein Jahr sp├Ąter kehrt Esther Mujawayo mit einer Zusatzausbildung aus London zur├╝ck.

Auf die Entwicklungshilfe ist Esther bis heute nicht gut zu sprechen. ÔÇ×Wie kann es sein", fragt sie, ÔÇ×dass es elf Jahre nach dem Genozid immer noch Witwen gibt, deren H├Ąuser nicht wieder aufgebaut sind? Und wie kann es sein, dass die infizierten Frauen sterben, weil wir kein Geld f├╝r Medikamente haben, w├Ąhrend die T├Ąter, die vor dem Kriegverbrechertribunal in Tansania angeklagt werden, diese Medikamente von der UNO bekommen?"

1999 ist selbst Esther Mujawayos Tank leer. Sie geht mit ihrem neuen Mann Helmut, einem Pfarrer vom Niederrhein, und ihren drei T├Âchtern nach Deutschland. Esther f├╝llt ihren Tank wieder auf und macht weiter: im ,Psychosozialen Zentrum f├╝r Fl├╝chtlinge' in D├╝sseldorf. In der hellen Etage am Carlsplatz brauchen nun wieder vergewaltigte Frauen Esthers Hilfe. Sie kommen aus dem Kosovo, Kurdistan oder Afghanistan.

Esther hilft ihnen, nicht wahnsinnig zu werden.

Mehr zum Thema
Esther Mujawayo: Ein Leben mehr (Peter Hammer Verlag)

www.avega-ruanda.net
www.sevota.org

 

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Kommentare

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Es f├Ąllt mir sehr schwer, Artikel ├╝ber den V├Âlkermord in Ruanda zu lesen, weil sie von einer Grausamkeit und Brutalit├Ąt sprechen, die kaum zu ertragen ist. Und das schlimmste ist, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt
Der V├Âlkermord in Ruanda, das dritte Reich, die Sklaverei, s├Ąmtliche vergangenen und gegenw├Ąrtigen Kriege... die Liste lie├če sich endlos fortsetzen - ganz zu schweigen von der unertr├Ąglich vielen Gewalt au├čerhalb gro├čer Schaupl├Ątze. Und jedes Mal wenn ich etwas ├╝ber eines dieser Themen lese, frage ich mich, wie es sein kann, dass Menschen so grausam und frei von Mitgef├╝hl sind? Was f├╝r ein Monster muss man sein, um Frauen, M├Ąnner, Kinder und auch Tiere zu vergewaltigen, zu foltern, zu qu├Ąlen und zu t├Âten? Und wie kann es sein, dass es so entsetzlich viele Menschen gibt, die genau solche Monster sind?

Deine dr├Ąngenden Fragen h├Âren sich so oder so ├Ąhnlich ja auch in den medien an.

Eines wird dabei fast immer ├╝bersehen: Das enorm gro├če Ausma├č von Kindesmisshandlung in gesamt Afrika, die Wahrnehmung dessen, dass Eltern oftmals unglaubliche/unvorstellbare Gewalt gegen ihre Kinder anwenden und das wissen ├╝ber die m├Âglichen Folgen von (schwerer) Kindesmisshandlung

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