Alice Schwarzer schreibt

Editorial von Alice Schwarzer: Zurück

Artikel teilen

Am Ende des Interviews stellt der Journalist der Schweizer Weltwoche dem Herausgeber der deutschen FAZ und Autor des letzten unter den periodisch erscheinenden Hilfe-die-Deutschen- sterben-aus!-Frauen-kriegt-mehr-Kinder!-Aufschreis die Frage: „Wie hat Ihre neue Lebenspartnerin das Buch aufgenommen? Fühlt sie sich nun nicht unter Druck gesetzt, schleunigst Kinder auf die Welt zu stellen?“ (In der Schweiz scheint man die Kinder schon gleich auf die Welt zu „stellen“, statt sie, wie in Deutschland, zu setzen). Und der Familien-Apologet, der ohne schleunigst steigende deutsche Geburtenrate das Ende der Menschlichkeit und des Abendlandes nahen sieht, antwortet entwaffnend offen: „Wieso? Es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Was mich betrifft, denke ich heute schon anders darüber als noch vor einigen Jahren.“

Was ihn betrifft. Nur: Was betrifft sie? Er ist 47 und Vater eines 14-jährigen Sohnes aus erster Ehe. Die Tatsache, dass er ein Kind hat, schlägt sich mit Gewissheit anders auf sein beruflich so erfolgreiches Leben nieder, als auf das seiner Kollegin Iris Radisch von der Zeit zum Beispiel. Die hat drei Kinder und wusste jüngst in einer fulminanten Reaktion auf sein Mutter-Courage-Pamphlet, ihren Alltag als fürsorgliche deutsche Mutter eindrücklich zu schildern: Der hat offensichtlich einen 24-Stunden-Tag und dürfte nur bei heroischsten Anstrengungen noch Zeit für den ja ebenfalls nicht anspruchslosen Job einer Zeit-Redakteurin lassen.

Kollege Schirrmacher ist wohl im besten Falle Feierabendvater und seine Exfrau vielleicht Teilzeit-Berufstätige, denn sie hat sich ja Vollzeit um ein minderjähriges Kind zu kümmern. Das ist nicht immer einfach und die Lage von Müttern wie sie wird sich sehr bald drastisch verschärfen. Wie auch Schirrmachers FAZ am 5. April auf Seite 1 vermeldete, verabschiedete das Kabinett ein neues Unterhaltsrecht. Danach haben Mütter minderjähriger Kinder in Zukunft kein „erstrangiges Unterhaltsrecht“ mehr, adieu „Statussicherung auf Lebenszeit“ (Justizministerin Zypries). Es wird von nun an von Müttern erwartet, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Was die gesellschaftliche Realität spiegelt.

Seit Anfang der 70er Jahre, seit dem Aufbruch der Frauen, steigt in der Tat trotz aller Hindernisse die Berufstätigkeit von Frauen in der gesamten westlichen Welt. In Deutschland sind inzwischen 43 Prozent aller Berufstätigen weiblich – darunter zwei von drei Mütter minderjähriger Kinder. Verständlich also, dass ein heute 47-jähriger Mann, der beim Aufbruch der Frauenbewegung elf war (also als Kind vermutlich noch in einer traditionellen Familie aufgewachsen ist), sich nach Ruhe sehnt. Und Ordnung. Ich Mann. Du Frau. Da Kinder. Hier Familie.

Doch hat sich so einiges geändert seit 1864. Das ist das Jahr, in dem der von Schirrmacher in seinem Essay "Minimum" exemplarisch beschriebene Siedlertreck durch die Sierra Nevada zog, die im plötzlich einbrechenden Winter zur Eiswüste wurde, und in der die "lonesome heroes" als erste auf der Strecke blieben. Nur die Familien überlebten, denn sie wurden von tapferen, selbstlosen Müttern geschützt. Wer möchte bei solchen Heldinnen nicht Mann sein oder Kind? Vor allem in der Not.

Doch im 21. Jahrhundert sind Familien in Europa keine Produktionsgemeinschaften mehr wie die amerikanischen Pioniere im 19. Jahrhundert. Frauen haben seither auch verlernt, Blockhäuser zu bauen und Bären zu schießen – und die meisten Männer haben immer noch nicht gelernt, zu kochen und zu wickeln.

Nein, Familien heute sind eine Emokiste, die auf wackeligen Füßen steht. Denn wirklich moderne Frauen heiraten nicht mehr aus Berechnung (um versorgt zu sein), sondern aus Liebe. Und Liebe ist ein weicherer Kitt als Hunger. Sie müssen keine Feministinnen sein, um im 21. Jahrhundert zu der Auffassung zu gelangen: Eine Frau kann im Prinzip alles, was ein Mann kann – und sich immer öfter zu fragen: Warum nur kann ein Mann im Alltag nicht alles, was eine Frau kann?

Diese Entwicklung, lieber Kollege Schirrmacher, ist irreversibel. Auch wenn Schlaumeier aus Amerika, wie Phillip Longman, zu vermelden wissen, dass das Patriarchat schon deswegen überleben wird, weil die emanzipierten Frauen weniger oder keine Kinder kriegen. Denn auch konventionelle Mütter haben, Doppelbelastung hin oder her, längst Flausen im Kopf. Auch sie können – Dank Pille, Emanzipation und eigenem Geld – letztendlich selbst bestimmen, wie viele Kinder sie bekommen.

Doch weder sie noch irgendein Mensch bekommt ein Kind, um die Rente zu sichern oder das Abendland zu retten. Denn Kinderkriegen, das ist eine verdammt folgenreiche, persönliche Angelegenheit, wenn auch von gesellschaftlicher Relevanz. Worum geht es also wirklich bei dieser Kriegt-mehr-Kinder-Kampagne? Und ist es ein Zufall, dass in den vergangenen Wochen das ganze Medien-Boys-Network, von FAZ über Spiegel bis Bild, dafür mobilisierte? Nein, das ist kein Zufall.

Es geht nicht um die Hausfrau von gestern. Längst sind auch Kapitalismus und Patriarchat auf das weibliche Potenzial in der Wirtschaft angewiesen, das füllt Firmenkassen wie Haushaltskassen. Es geht darum, dass Frauen weiterhin den Löwenanteil der Haus- und Kinderarbeit schultern – dafür werden sie in Wechselbäder aus schlechtem Gewissen und besserem Geschlecht gesteckt – und gleichzeitig Zuarbeit im Beruf leisten, ohne den Herren zur ernsthaften Konkurrenz zu werden versteht sich! Und in der Tat: Die Zahl der Teilzeit arbeitenden Frauen steigt.

Darum die so billige Verherrlichung der Mütter, deren andere Seite die Verteufelung der Nichtmütter ist. Die kommen so manchen Mann im Beruf schon jetzt teuer zu stehen und sollen darum zur Strafe möglichst nur noch „die halbe Rente“ erhalten, räsonieren die Verwegensten. Kriegen zum Ausgleich Väter, die zwar Kinder gezeugt, aber nicht erzogen haben, dann die ganze Rente?

Apropos Rente. Habe ich richtig verstanden, dass beim Thema Rente Vater Staat so handelt, wie die Geldtransportfirma, die jüngst des Betruges überführt wurde? Ihr Vergehen: Die Manager bunkerten das am Montag abgeholte Geld bis Dienstag und legten es bestverzinst an oder verkimmelten es. In der Gewissheit, dass am Mittwoch ja wieder das am Dienstag anvertraute Geld abgeliefert werden könnte undsoweiterundsofort. Das ganze flog auf, als die Geldmenge vom Dienstag eines Tages niedriger war, als die vom Montag …

Was mich persönlich angeht, so habe ich, wie die meisten Kinderlosen, ein Leben lang gearbeitet und erkleckliche Summen für die Rente eingezahlt, in dem Glauben, dass Vater Staat mein Geld nicht verkimmelt. Für eine wie mich braucht kein Kind sein sauer Erarbeitetes an fremde Alte zu zahlen. Im Gegenteil: Ich zahle als Alleinstehende seit Jahrzehnten bei Rente und Krankenkasse für Familien mit. Und ich tue das gerne. Ehrlich.

Zwangsläufig folgt der Mütterdebatte die Abtreibungsdebatte auf dem Fuße. Zwar haben wir Frauen schon vor über dreißig Jahren auch darüber eigentlich alles gesagt (und ich persönlich habe gleich ein Buch dazu geschrieben und danach ein zweites über den Konflikt zwischen Familie und Beruf). Doch scheint es einer der Lieblingstricks des Patriarchats zu sein, uns alle paar Jahre wieder bei Null anfangen zu lassen. Zurück, marsch, marsch.

Als der 67-jährige CSU-Abgeordnete Norbert Geis (vier Kinder und eine Ehefrau, die „mithelfende Familienangehörige“ in seinem Anwaltsbüro ist) mir jüngst in ‚Berlin Mitte‘ live vorwarf, ich ganz persönlich sei dafür verantwortlich, dass in Deutschland 300.000 Kinder im Jahr zu wenig zur Welt kommen, weil sie abgetrieben würden und ich ja immer „für die Abtreibung gewesen sei“, da war ich nicht wirklich überrascht. Doch als ich in der Frankfurter Allgemeine Zeitung – schon wieder die FAZ, was ist da eigentlich los? – aus der Feder des laut offiziellem Lebenslauf ehe- und kinderlosen 38-jährigen, Feuilleton-Chefs Patrick Bahners einen Jubelbericht las über den amerikanischen Gouverneur Rounds, da musste ich schon schlucken.

Rounds hat gerade im Staate South Dakota ein Gesetz zum Verbot der Abtreibung erlassen, dass den Eingriff noch nicht einmal mehr bei Vergewaltigungen zulässt. Rounds Begründung: „Das Leben des Kindes (ist) nicht der Willkür der Mutter auszuliefern“, sondern unterstehe „dem Willen des Staatsvolkes“. Eine Auffassung, die Feuilleton-Chef Bahners flammend sekundiert: „Der amerikanische Kampf um die Abtreibung ist ein Streit über die Grenzen der Demokratie, und es sind nicht die Apologeten der Abtreibungsfreiheit, die für die demokratische Sache stehen.“ Sic. Nochmal lesen, diesen ungeheuerlichen Satz!

Einer wie Bahners war vier Jahre alt, als Frauen in Deutschland nach jahrzehntelangem Schweigen wieder einmal die Stimme gegen das Abtreibungsverbot erhoben. Es bedeutete für sie Demütigung und Angst plus Lebensgefahr bei einem illegalen Eingriff: Verbluten auf dem Küchentisch. Denn Frauen, die nicht Mutter werden wollen, werden es nicht. Und sie wissen, warum. Darum treiben die meisten Frauen in katholischen Ländern ab (wo sie dank schlechter Verhütung öfter ungewollt schwanger werden).

Aber das ist ein zweites Thema, dazu später mehr.

Doch eine Frage bewegt mich doch noch, Herr Schirrmacher: Wer gehört eigentlich zu Ihrer „Familie“? Auch die geschiedene Ex-Frau? Und was ist, wenn eine zweite Bindung trotz ebenfalls noch minderjähriger Kinder ebenfalls zu Ende geht und nun die Neue zur Alten wird? Ist die dann noch Teil der „Familie“ – oder nur die potenzielle Dritte? Und was ist mit den Kindern aus den diversen Verbindungen? Die Antworten auf diese Fragen bleiben Sie uns schuldig.

Aber eines ist schon klar: Mindestens jede zweite dieser vielgepriesenen Mütter, wird eines Tages eine Frau sein, die für ihre „Statussicherung auf Lebenszeit“ selber zu sorgen hat. Oder sie wird ein Fall für die Sozialhilfe. Das sagt uns nicht das Feuilleton. Das sagen uns die Zahlen des Statistischen Bundesamts.
 

Weiterlesen
Alice Schwarzer: "Frauen gegen den § 218" (1971) und "Frauenarbeit – Frauenbefreiung" (1973, neu aufgelegt 1985 unter dem Titel ‚Lohn: Liebe‘). Beide Edition Suhrkamp.

 

Artikel teilen