Die Feministin und der Sexualforscher

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Für Schwarzer ist die Sexualität seit ­Erscheinen des „Kleinen Unterschieds“ 1975 ein zentrales Thema geblieben, für Schmidt ist es der Lebensinhalt. Der ­inter­national anerkannte Sexualwissenschaftler hat die rasanten Veränderungen in wissenschaftlichen Studien veröffentlicht, zuletzt: „Das neue DER DIE DAS“ und „Spätmoderne Beziehungswelten“. Seine wissenschaftlich fundierten Texte bestechen nicht nur durch ihre lebendige Lesbarkeit, sondern auch durch ihre Offenheit und Menschlichkeit. Schmidt ist zum dritten Mal verheiratet und hat fünf Kinder.

Alice Schwarzer: Sie haben wiederholt ­gesagt und geschrieben, in diesen 40 Jahren, in denen Sie als Sexualtherapeut und Sexualforscher arbeiten, sei unendlich viel passiert – nur eines sei unerschüttert ­geblieben: die monosexuelle Ordnung.
Gunter Schmidt: Ja, die meisten Menschen halten sich unerschütterlich entweder für hetero oder homo. Und ganz ­wenige für bi, aber das setzt ja auch die Kategorien Hetero oder Homo voraus. Die Fixierung darauf hat sich nicht gelockert, sondern eher verstärkt. Dabei sind die Kategorien noch gar nicht so alt. Das Wortpaar Homo- bzw. Heterosexualität ist nicht älter als 100, 120 Jahre. Doch determiniert und bestimmt es heute unsere sexuelle Ordnung vollkommen.

Das Wortpaar Homo- bzw. Heterosexualität ist nicht älter als 100, 120 Jahre.

Und wie konnte es Ihrer Meinung nach zu dieser Fixierung kommen?
Das hat viele Gründe. Einer ist, dass wir stark in Identitäten denken. Diese Identitäten aber werden nicht mehr festgemacht an traditionellen Dingen wie Stand oder Beruf, sondern an individuellen Dingen; an dem, was wir erleben. So konnte es passieren, dass unsere sexuellen Akte nicht mehr schlicht als Akt verstanden werden, sondern verbunden sind mit unserem Wesen, mit unserer Persönlichkeit, bis hin – in manchen Theorien – in die biologische Person.

Diese biologistischen Erklärungen sexuellen Verhaltens sind heute ja wieder weit verbreitet. In den 70ern ging man – inspiriert von den 68ern und der Frauenbewegung – davon aus, dass der Mensch ein ­sexuelles Wesen sei und seine sexuellen Präferenzen das Resultat kultureller Prägungen. So sah es ja auch schon Sigmund Freud. Heute jedoch wird wieder unbekümmert verbreitet, Homosexualität oder Heterosexualität sei „angeboren“.
Man kann ja durchaus darüber reden, dass Menschen sexuelle Präferenzen haben, und die vielleicht sogar auch irgendwelche biologischen Grundlagen haben. Aber diese sexuelle Präferenz wird zur Identität – und damit ist die Sexualität und auch die Wahl von Beziehungen eingegossen in Beton. Es ist ganz klar, dass man nur das jeweils Eine macht – und alles andere gar nicht mehr infrage kommt.

Dabei wissen wir nur zu gut aus der eigenen Erfahrung, aus Beobachtungen und Forschung, dass das falsch ist: Dass auch heterosexuelle Frauen und Männer durchaus Beziehungen mit dem gleichen Geschlecht haben – und umgekehrt.
Das ist richtig. Aber erstaunlich viele Menschen leben heute strikt monosexuell. Bei den Frauen ist die monosexuelle Verbissenheit allerdings nicht ganz so groß.

Nach der Lektüre vom „Kleinen Unterschied“ haben mir in den 1970ern viele heterosexuelle Frauen geschrieben, sie hätten sich jetzt in eine Frau verliebt …
Das kann ich mir gut vorstellen. Ihr Buch hat sexuelle Verhaltensweisen revolutioniert. Auf jeden Fall die der Frauen. Wir haben 2003 in einer Studie Männer und Frauen gefragt, ob sie sich „ein lustvolles sexuelles Erlebnis mit einem gleichgeschlechtlichen Partner vorstellen können“. Also nicht so ein bisschen rummachen, sondern wirklich zur Sache gehen. Und da haben immerhin ein Drittel der Frauen gesagt: Ja. Die ­Männer waren weniger flexibel.

Hat die Liberalisierung der Homosexualität nicht gleichzeitig zur Zementierung der sexuellen Ordnung beigetragen? Also: Heute ist man entweder hetero – oder homo. Und das ist auch gut so.
Ja, die Liberalisierung der Homosexualität ist zwar nicht die Ursache der Verfestigung der sexuellen Ordnung, aber sie hat sie verstärkt. Man erkennt das schon daran, dass in den 1970er Jahren noch jeder fünfte Junge sexuelle Kontakte mit einem Gleichaltrigen gehabt hat, oft bis zum Orgasmus. Heute hat nur noch jeder zwanzigste oder gar dreißigste Junge gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen. Die lustvolle gegenseitige Onanie gerät in Verdacht, weil die Kategorie „schwul“ so präsent ist. Ich war in den 1950ern auf einem Jungengymnasium, und wir haben Tonio Krüger von Thomas Mann gelesen, ohne an etwas Böses zu denken bei der innigen Beziehung zwischen Hans und Tonio. Heute würden die Gymnasiasten schon auf der dritten Seite sagen: Das ist ‘ne schwule Kiste! Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Präsenz von neuen Kategorien zugleich eine einengende Wirkung haben kann.

Sie sind seit 1964 Sexualforscher. Sie haben also alle Wellen miterlebt: die ­sexuelle Revolution in den 60er Jahren, die feministische Revolution in den 70er und 80er Jahren – und heute sprechen Sie von einer sexuellen Revolution innerhalb der Beziehungen und Familie. Dabei schwanken Sie zwischen Hiobsbotschaften und guten Nachrichten. 
Und was ist für Sie eine Hiobsbotschaft?

Fangen wir mit den guten Nachrichten an. Sie sagen, die Sexualität zwischen Frauen und Männern sei friedlicher und kommunikativer geworden. Aber der Anspruch sei gestiegen. Ebenfalls positiv ist, dass die Frauen zunehmend ihre eigene Lust entdeckt haben. 
Die Veränderungen bei den Frauen sind wirklich erstaunlich. In den 1970ern, als wir 16/17-jährige Mädchen nach dem ersten Mal befragt haben: Wer hat das ­eigentlich gewollt? Wer hat die Initiative ergriffen? Antworteten 70 bis 80 Prozent: Das habe ich dem Mann zuliebe getan. Nur 20 Jahre später gab es diese Antwort praktisch nicht mehr. Wir können natürlich nicht genau sagen: Ist es wirklich eine reale Veränderung – oder spricht man nur anders darüber?

Die Verände-
rungen bei den
Frauen sind wirklich
erstaunlich.

Vermutlich beides. Denn einerseits sind Frauen selbstbewusster geworden – ande­rerseits wollen junge Mädchen nicht altmodisch sein, sondern „modern“.
Zweifellos. Aber es ist eben doch auch eine reale Veränderung. Ich war gerade an einer Studie über Jugendschwangerschaften ­beteiligt. Da ging es auch um die Sexualität und um „diskrepante sexuelle Wünsche“: also der eine will, der andere nicht. Und da schildert die Mehrheit dieser jungen Frauen sehr konkret, wie stark sie in der Lage sind, in der Sexualität ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Natürlich, es gibt viele Beispiele dafür, dass das auch misslingen kann: Sexueller Druck, Zwang, Vergewaltigungen etc. Aber die Tendenz und Power zur selbstbestimmten Sexualität hat bei Frauen enorm zugenommen.

Zweifellos. Doch haben wir nicht beide Entwicklungen zugleich? Einerseits die selbstbewusstere Sexualität der Frauen und friedlichere, kommunikativere Heterosexualität, weil sich ja auch das gesamte Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern verändert hat. Und andererseits und gleichzeitig eine Brutalisierung der Sexualität durch die pornografischen Einflüsse?
Ich teile nicht ganz Ihre Auffassung zur Pornografie, auch wenn eine Kritik wie die Ihre zu einer gewissen Zeit wichtig war. Es gibt ja nur wenige Werke, die in der Sexualität in den letzten Jahrzehnten diskursverändernd waren: Das war Günter Amendts „Sexfront“, ein Tabubruch; Ihr „Kleiner Unterschied“, ein gewaltiges, aufklärerisches Werk – und eben auch „Pornografie“ von Andrea Dworkin. Diese Impulse kamen ­übrigens alle nicht von Sexualwissenschaftlern, die stecken zu tief drin. Und heute sehen wir in der Tat trotz allen Fortschritts die Gefahr einer Brutalisierung, und vor allem einer Retraditionalisierung der ­Geschlechterverhältnisse. Das hat meiner Meinung nach weniger mit der Pornografisierung und mehr mit der steigenden ­Anzahl von Jugendlichen zu tun, die aus ­geschlechtertraditionellen Verhältnissen kommen, also Muslime oder Osteuropäer. Und je traditioneller das Verständnis der Geschlechterrollen, umso hierarchischer ist auch das sexuelle Verhältnis zwischen ­Frauen und Männern. Alle empirischen Untersuchungen beweisen, dass traditionelle Geschlechterverhältnisse einhergehen mit schlechter Verhütung, Zwang gegenüber Mädchen und Frauen in der Sexualität, ­ungewollten Jugendschwangerschaften etc. Zum zweiten müssen wir befürchten, dass immer mehr Jugendliche auf eine aussichtslose Zukunft zusteuern: Die haben eine schlechte Schulbildung und kaum noch ­Berufschancen. Und eine solche soziale Verelendung führt oft auch zu einer sexuellen Verelendung, zur verstärkten Herrschaft des Mannes über die Frau. Aber ich glaube, dass in der Mittel- und Oberschicht die Tendenz zur egalitären Sexualität vorherrscht. Vielleicht sehe ich das als Mann ja geschönt. Da unterscheiden wir uns vermutlich …

Nein, nicht unbedingt. Ich denke lediglich, dass Sie die Gefahr durch die Pornografie verharmlosen. Aber im Prinzip stimme ich Ihnen zu. 
Aber da ist dann doch ein Unterschied.

Ja, und vielleicht gibt es ja noch einen. Sie vertreten die These, dass bei den jungen Leuten, bei denen der soziale Unterschied geringer wird zwischen den Geschlechtern, eben darum jetzt sozusagen spielerisch das kulturelle Geschlecht stärker betont wird. Aber, frage ich Sie: Geschieht das wirklich freiwillig, dass Mädchen jetzt wieder „echte“ Frauen spielen und Jungen „echte“ Kerle – oder ist das nicht medial vorgegeben und handelt es sich dabei womöglich um die Strategie einer Rekonstruktion des traditionellen, kulturellen Geschlechts?
Ja, das ist die große, interessante Frage. Ich habe eine Tochter, die jetzt 20 ist, habe also in den letzten Jahren ganz viele Mädchen in dem Alter gesehen. Und da habe ich mir gesagt: Hey, das ist nicht alles fremdbestimmt. Die sind viel zu eigen, um sich nur von Bravo etc. etwas diktieren zu lassen. Diese Mädchen verändern auch diese Zeitschriften. Die Potenz des Individuums ist größer, als wir Sozialwissenschaftler und auch die Feministinnen es oft annehmen. Viele Mädchen erfinden ja ganz neue Geschlechtsinszenierungen. Dazu ­gehört auch die Schamhaarrasur …

… die ja ursprünglich aus dem Rotlicht­milieu kommt. 
Ursprünglich, ja. Aber jetzt ist es eine neue Mode …

Aber wenn wir genau hinsehen, müssen wir feststellen: Diese rasierten Vaginas sehen aus wie Kindermösen. Was will uns das sagen?                                                   Aber die Jungs machen es ja auch. Und die haben dann auch einen Kinderschwanz.

Doch woher kommen diese Bedürfnisse zur Betonung des Unterschiedes? Könnte es sein, dass das mit der Gleichheit der Geschlechter zu schnell gegangen ist – und dass diese jungen Frauen sich darum fragen: Wer bin ich? Bin ich noch eine Frau? Und nun diese ins Wanken geratene „Weiblichkeit“ kulturell betonen? Außerdem: Als erstes tauchten diese Inszenierungen doch in den Medien auf.
Aber ich denke, dass es zuerst bei den ­Jugendlichen passierte – und dann in den Medien beschrieben wird.

Das glauben Sie?
Sie glauben das nicht?

Ich weiß es nicht.
Die ersten, die mir von dieser Schamhaar­rasur erzählt haben, waren Gynäkologinnen. Die haben das Ende der 1990er bei den 20 bis 25-Jährigen gesehen und waren ganz erstaunt. Inzwischen ist es allgemein verbreitet. Übrigens rasieren die sich ja nicht nur blank, sondern machen auch Muster etc. Das Ganze erinnert mich an die Geschichte mit der Achselrasur, die ja früher bei uns überhaupt nicht üblich war. Ich habe das als junger Mann zum ersten Mal Anfang der 1960er in den USA gesehen.

Und ich Anfang der 1960er in Frankreich …
Früher war der Schambereich ja ein ­Bereich, dessen Anblick man mied. Vielleicht ist es ein Ausdruck neuer Wertschätzung, dass man diesen Bereich jetzt frisiert und schmückt …

Beschränken wir die kulturelle Geschlechts-Inszenierung mal nicht auf die Schamrasur, sondern sehen wir den ganzen Auftritt. Ein Beispiel: Es kann Ihnen heute auf den Kölner Ringen, die Einkaufs- und Ausgehviertel sind, aber wo es auch Prostitution gibt, passieren, dass ein junges Mädchen an der Ecke steht und Sie auch nach sehr langem Hinsehen nicht wissen: Wartet die jetzt auf ihren Freund oder auf einen Freier?
Ja, wenn dieses Aufdressen ins Karikaturhafte geht, dann hat es ja auch etwas Verzweifeltes. Aber das ist etwas anderes als die Lust am spielerischen Umgang mit den Geschlechtsunterschieden. Und trotzdem gibt es natürlich auch diese zwanghafte Identifizierung mit Frauenbildern und Männerbildern, die eigentlich nur noch Schablonen sind.

Widerspricht sich das nicht irgendwie: Sie beklagen einerseits die Zementierung der sexuellen Ordnung, die ja auch mit der ­Inszenierung von Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun hat – also der Theorie von den zwei Hälften, die nur zusammen ein Ganzes machen – und gleichzeitig sagen Sie: Ist doch alles ganz harmlos, die wollen ja nur spielen.
Man kann mit dem Spiel der Geschlechts­inszenierung die sexuelle Ordnung ja auch erschüttern. Es kann sich übrigens auch um eine sexuelle Inszenierung für das eigene Geschlecht handeln. Gehen Sie doch nur in die Lesbenszene.

Gewiss. Aber da spiegelt sich natürlich die heterosexuelle Ordnung. Homosexuelle sind ja nicht außerhalb der heterosexuellen Welt. Der kesse Vater, die männlich identifizierte Frau, muss verstärkt den Kerl raushängen lassen, weil sie keiner ist. Und die Tunte, der feminin inszenierte Mann, muss verstärkt die Frau spielen, weil er keine ist. Gleichzeitig allerdings – und das schreiben Sie ja auch – sind die Chancen, dass eine homosexuelle Beziehung gleichberechtigter ist als eine heterosexuelle, groß, weil es da nicht den gesellschaftlichen Unterschied gibt wie zwischen Mann und Frau. 
Ja, davon bin ich überzeugt. In homo­sexuellen Beziehungen gibt es eine größere Chance auf Gleichheit.

Lassen Sie uns nochmal zu den normalen Verhältnissen zurückkehren, so es die gibt. Sie sprechen von einer neuen „seriellen Monogamie“. Wie funktioniert die?
Wir kennen das ja auch aus der Politik und an prominenten Beispielen. Ich frage mich nur, warum manche immer gleich heiraten müssen … Gesamt gesehen ist ­aller­dings für die Älteren, die über 60- und 70-Jährigen, noch die so genannte Kontinuitätsbiografie die Regel: Also Mitte 20 findet man den Partner, man heiratet, hat meistens Kinder, ist mit 60 noch zusammen und will das auch bleiben. So wie Stoiber sagt: Ich lass mir doch nicht vorwerfen, dass ich seit 40 Jahren verheiratet bin und drei Kinder mit der gleichen Frau habe! Das ist das, was wir von Eltern und Großeltern vorgelebt ­bekommen haben. Neben diese Kontinuitätsbiografie tritt nun die Kettenbiografie, die vermutlich bald gleich stark sein wird. Das sind Menschen, deren Lebenslauf von mehreren relevanten, festen Beziehungen geprägt ist, mit oder ohne Kinder. Das gilt vor allem in den Großstädten.

„Serielle 
Monogamie“:
Wie funktioniert die?

Und wann hat das als Massenphänomen eingesetzt?
Ich denke, in den 1970ern. Aber es wird erst jetzt als Trend sichtbar. Interessant ist, dass dabei beide mit ihrem Modell zufrieden sind. Sowohl die mit der Kontinuitätsbiografie als auch die mit der Kettenbiografie sagen: Das war in Ordnung so. Es gibt nur eine Ausnahme: die älteren Frauen aus dem Westen. Die klagen darüber, dass sie schlecht ausgebildet sind und kaum oder gar nicht berufstätig waren – und darüber, dass sie zu wenig sexuelle Erfahrungen ­gesammelt haben. Männer und Frauen aus dem Osten sagen das ganz selten.

Weil sie öfter was gemacht haben?
Nicht so häufig, wie man denkt. Diese Kettenbiografien haben ihre Wurzel in der Liberalisierung und im Feminismus. Es sind vor allem die Frauen, die gehen. Was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass sie häufiger ein eigenes Einkommen haben als früher. Aber ob jemand sexuell aktiv ist im Alter, das ist fast überhaupt keine Frage mehr des Geschlechts. Abgesehen von der Masturbation, die ist bei Männern verbreiteter. Es hängt einfach davon ab, ob ­jemand in einer Beziehung lebt – die ohne haben seltener Sex – und wie lange. Heute kann man sagen: Eine Frau von 60 in einer zweijährigen Beziehung ist sexuell aktiver als ein 30-jähriger Mann, der in einer zehnjährigen Beziehung lebt.

Womit wir bei der interessanten Frage wären nach der Haltbarkeit der sexuellen Begierde in langjährigen Beziehungen! Welche Umstände gäben Ihrer Meinung nach einem Paar die Chance für eine langlebige Lust aufeinander?
(Denkt nach) Nicht zu viel Harmonie. ­Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Die Akzeptanz, ohne beleidigt zu sein, dass es Phasen von weniger Lust gibt, denen dann wieder Phasen von mehr Lust folgen können. Und: die Entrümpelung der Sexualität von symbolischer Überfrachtung. Also, nicht jeder Sexakt muss intensiv, leidenschaftlich und orgastisch sein. Es ist auch völlig legitim, mal Sex zu haben, weil man sich gerade nichts zu erzählen hat. Oder weil man sich trösten will. Es geht eher um körperliche Intimität. Die kann dann in Sexualität enden oder auch nicht.

Also nach der Entdramatisierung der ­Sexualität nach außen jetzt die Entdramatisierung der Sexualität nach innen. Heute haben die Menschen an die Qualität des sexuellen Aktes hohe, Sie fürchten zu hohe Ansprüche. Was natürlich nicht ­zuletzt durch die ganzen Lügen über Sex in Medien, Film, Literatur etc. bedingt ist.
Genau. Das fängt an beim ersten ­Geschlechtsverkehr. Wenn Sie mal einen Blick in Bravo werfen, da steht in jeder Ausgabe was über Das-erste-Mal. Sehr überhöht, sehr stereotyp. Aber wenn man die Mädchen oder auch die Jungs mal ­selber erzählen lässt, dann ist es etwas ganz Untheatralisches für die meisten. Und die Jugendlichen selbst nehmen den Sex sehr gelassen.

Und die Alten?
Für die gilt dasselbe. Aber man muss sagen: Es gibt auch gute Gründe, sich von Sexualität zu verabschieden. Es gibt einfach Menschen, die wollen damit nicht mehr behelligt werden. Und das ist ihr gutes Recht.

Ich möchte nochmal auf ein anderes ­Extrem zu sprechen kommen. Vor allem im Internet ist immer wieder von sadomasochistischem Sex die Rede. Und wer das so liest, hat den Eindruck, SM sei ein ­Massenphänomen.
Man muss unterscheiden zwischen den Gelegenheits-Sadomasochisten, die ihre Samtfesseln im Nachttisch liegen haben – und dem harten Kern, bei dem die SM-Praktiken die Sexualität eindeutig dominieren. Letzteres ist ein absolutes Minderheitenphänomen. Eine Prozentzahl hinterm Komma.

Wie erklären Sie sich dann, dass SM so einen Raum in den Medien einnimmt?
Weil alles, was besonders ist, medial interessant ist. Ganz wie die Pädophilie. Oder die Transsexuellen. 

Apropos Transsexualismus: Operieren wir heute zu schnell?
Nein, nicht in Deutschland. Man sollte allerdings überlegen, ob die Operation wirklich nötig ist für den Wechsel der Identität.

Eine amerikanische Feministin hat mal gefordert, so wenig wie im Pass steht, ob man weiß oder schwarz ist, sollte eigentlich darin stehen, ob ein Mensch biologisch weiblich oder männlich ist.
Ja, das wäre gut! Oder, wie es ein Soziologe mal vorgeschlagen hat: Wir schaffen eine Behörde für Vornamen, wo man hingehen und seinen Vornamen ändern kann, unabhängig vom biologischen Geschlecht. Damit würden sich natürlich manche Transsexuelle nicht begnügen wollen. Es wäre allerdings interessant zu sehen, ob das das Problem entschärfen würde.

Zuletzt nochmal eine ganz andere Frage, Herr Schmidt. In den 1970er Jahren sind, unter dem Einfluss der Frauenbewegung, die traditionellen Sexualpraktiken infrage gestellt worden. Vor allem, da sie für die Frauen in Sachen Lust wenig Sinn machen: Das sexuelle Zentrum der Frau ist bekann­termaßen die Klitoris und nicht die Vagina. Damals erweiterten auch viele hetero­sexuelle Paare ihre Sexualpraktiken: Es wurde nicht mehr nur und zwingend penetriert, sondern man und frau ließen sich so einiges einfallen. Das scheint heute vollständig vergessen zu sein: Heterosexualität gleich Koitus. Könnte es sein, dass die Aids-Debatte – und die damit verbundene Propaganda zum Schutz durch Präserva­tive – der Befreiung der Sexualpraktiken sozusagen ein Kondom übergestülpt hat?
Das ist ein interessanter Gedanke. Man könnte in der Tat sagen: Aids hat die ­Penetration gerettet. Nach dem Motto: Ihr dürft es machen, aber macht es mit Kondom. Bei unseren Befragungen stellt sich heraus, dass Sex für 95 Prozent auch der jüngeren Paare heute immer auch ­Penetration ist. Die Sexualpraktiken wurden zwar erweitert – aber die Penetration ist als Teil der Sexualität wieder unhinterfragt. Doch als wir in den 1990er Jahren Jugendliche befragt haben, hatten die West-Mädchen – im Gegensatz zu den Ost-Mädchen – noch ganz deutlich die Haltung: Das muss nicht immer sein. Da habe ich gar keine Lust drauf. Und ist auch gar nicht so schön … Die waren von Ihnen gut geschult. (lacht)

Und die gute Schulung ist wieder vollkommen perdu?
Ja. Auch ich finde das sehr problematisch. Die Jugendlichen von heute ziehen nicht-koitale Praktiken gar nicht mehr in ­Betracht, wenn sie mal keine Präservative dabei haben. Lieber machen sie nichts oder gehen das Risiko ein. Auch den ­Sexualpädagogen ist es völlig aus dem Blick geraten, dass das eine Möglichkeit ist. 

Oder diese Jugendlichen machen Analverkehr?
Eher selten. Es wird öfter mal ausprobiert als früher. Aber Analverkehr ist unter ­Heterosexuellen keine häufige Praktik.

Darf ich Sie fragen, mit welcher Entwicklung Sie in den nächsten zehn Jahren rechnen? Ich weiß, es ist eine saublöde Frage, ich stelle sie trotzdem.
(Denkt nach) Ich glaube, ich kann sagen, was uns beschäftigen wird. Der Einfluss des Internets, einschließlich der Porno­grafie, auf die sexuelle Sozialisation. Dass man sich jederzeit durch einen Klick in ­irgendwelche erotische Welten beamen kann, hässliche wie auch schönere. Dazu läuft gerade bei uns eine Studie, die im Sommer 2010 abgeschlossen sein wird. Die zweite Frage ist, wie schon erwähnt: Wie wird die zunehmende soziale Verelendung das Geschlechterverhältnis verändern und damit auch die Sexualität? ­Interessant wird auch sein, ob die Fami­lien-Arrangements sich noch weiter ­ändern. Werden wir vernünftige Modelle finden, mit wechselnden Beziehungen umzugehen, wenn da auch Kinder sind? Ich denke, als Liebespaar kann man sich trennen, aber als Eltern bleiben beide ­verantwortlich.

Aber das würde eine relative Gleichheit der Geschlechter voraussetzen: Dann dürfen Männer nicht mehr so gewalttätig und Frauen nicht mehr so abhängig sein.
Absolut.

Eine letzte Frage, Herr Schmidt: Sie ­arbeiten ja nicht nur als Sexualforscher, sondern auch als Sexualtherapeut. Das heißt, zu Ihnen kommen Frauen und Männer, die sexuelle Probleme haben. In wie viel Prozent der Zeit reden Ihre Patien­tInnen dann eigentlich tatsächlich über Sex mit Ihnen?
(Überlegt) So 40 Prozent der Zeit. Beim Rest geht es um den Beruf, die Familie, die Kinder, die Biografie. Eben alles, was die Sexualität so prägt.

 

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Dossier Sexualität (2/2010)

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