Dem Frausein entkommen?

Page heute: Endlich Aladdin sein dürfen... - Foto: Chris Young/Zuma Press/IMAGO
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Ellen Page – diese Person gibt es nicht mehr. Und dann hat sie, wenn man die Regeln für Geschlechtsidentität besonders streng anwendet, auch nie existiert. Sie wurde berühmt auf dem Höhepunkt einer außergewöhnlich düsteren Ära in Sachen junge Frauen und Ruhm. Im Jahr 2007 rasierte sich Britney Spears den Kopf, Paris Hilton kam ins Gefängnis und Lindsay Lohan wurde zum ersten Mal verhaftet. Im selben Jahr wurde die 20-jährige Page, Titelheldin in dem Film „Juno“, bekannt: Sie spielt eine 16-Jährige, die schwanger wird und sich entscheidet, das Kind zu bekommen.

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Die KritikerInnen bewunderten Pages Präsenz. „Juno“ brachte ihr eine Oscar-Nominierung als beste Schauspielerin ein. Aber es war nicht nur ihr Können, das Page so anziehend machte. Es war auch etwas an ihr als Person - als Mädchen. In einer Zeit, in der Frauen vornehmlich mit Katastrophen und Selbstzerstörung Furore machten, war Page anders. Sie war großäugig und zart, aber sie ging nicht auf Partys. Sie wechselte nicht ständig ihre Freunde. Sie fuhr nicht betrunken Auto. Man sah sie nie aus einem Club heraustorkeln - oder wie sie sich ihrer Kleider entledigte.

Pages Kolleginnen wurden über ihr Sexleben und ihre Skandale ausgefragt. Page jedoch sprach über Politik und Feminismus. "Ich denke, dass Männer in Filmen oft Rollen bekommen, in denen sie ihr eigenes Schicksal gestalten und Frauen nur ihre Werkzeuge sind“, sagte sie. Oder: „Als Mädchen soll man Dornröschen lieben. Ich meine, wer findet Dornröschen gut, wenn man Aladdin sein kann?"

Ellen Page fragte: "Wer findet Dornröschen gut, wenn man Aladdin sein kann?"

Dennoch blieb Page von der Klatschmaschinerie nicht verschont. Allein die Tatsache, dass sie keine Dates machte und sich wie ein Wildfang kleidete, warf eine ganze Reihe von Fragen auf: War sie etwa (flüster, flüster) lesbisch? "Ist Juno eine Du-weißt-schon-was?", fragte ein Artikel in der Village Voice.

2007 kam der Film "Juno" heraus - ein Mädchen, das mehr als ein Objekt der Begierde sein durfte. - Foto: Imago
2007 kam der Film "Juno" heraus. Page spielte eine schwangere 16-Jährige und durfte mehr sein als ein Objekt der Begierde. - Foto: Imago

Ellen DeGeneres hatte 1997 erfolgreich ihr Coming-out verhandelt, allerdings war sie da schon beliebte Hauptdarstellerin in einer erfolgreichen Sitcom. Page hatte sich gerade erst etabliert, und ihre Vorliebe für Flanellhemden passte einfach nicht zu der Rolle des aufstrebenden Starlets.

Es dauerte bis 2014 – da war Page 26 Jahre alt -, bis sie sich öffentlich zu ihrer Sexualität bekannte. "Ich bin es leid, durch Unterlassung zu lügen", sagte sie in einer Rede vor dem Kongress der „Human Rights Campaign“. Sie erzählte den ZuhörerInnen, dass eine Website kurz zuvor Fotos von ihr in Jogginghosen veröffentlicht hatte mit der Frage: "Warum besteht diese zierliche Schönheit darauf, sich wie ein baumstarker Mann zu kleiden?" Mit hörbarer Verärgerung gab sie selbst die Antwort: "Weil ich es gerne bequem habe."

Page schien eine Zeit lang glücklich zu sein. Auf dem roten Teppich trug sie Anzüge: eine entzückende Baby-Butch. Im Jahr 2018 heiratete sie die Choreografin Emma Portner. Und dann, im Jahr 2020, outete Page sich erneut - dieses Mal als „transsexuell". Sich „wie ein Mann“ zu kleiden, hatte offenbar nicht nur mit Bequemlichkeit zu tun: Es ging ihr darum, tatsächlich ein Mann zu sein.

Ihre Vorliebe für Flanellhemden passte nicht zu einem aufstrebenden Star in Hollywood

Page ließ sich operieren - eine doppelte Mastektomie. In einem Interview mit der Time bezeichnete Page diese Operation als "nicht nur lebensverändernd, sondern lebensrettend". Und sie beschrieb sie als Heilmittel gegen die "totale Hölle" der Pubertät. Die öffentlichen Reaktionen waren sehr positiv: Netflix kündigte sofort an, den Abspann der Serie „The Umbrella Academy“, in der Page die Hauptrolle spielt, mit dem von Page gewählten Namen zu aktualisieren. Ellen Page verschwand. Stattdessen tauchte Elliot Page auf.

In dem Time-Interview sagte Page auch, dass ihr Weg bis zur Identifikation als transsexuell mit der Lektüre der Memoiren von transsexuellen Menschen begann, insbesondere mit dem Buch „Becoming a Man“ von P. Carl. Durch die Identifikation mit Carl "war ich endlich in der Lage, mein transsexuelles Dasein zu akzeptieren", sagt Page, "und mich ganz zu dem zu machen, was ich bin". Daher ist es nur logisch, dass Page nun mit ihrer Autobiografie einen eigenen Beitrag zu diesem Genre beisteuert: „Pageboy“ erschien pünktlich zum Pride-Monat 2023. Es sei "eine Ode daran, sich auf den Weg zu machen zu dem, was wir wirklich sind, mit Entschlossenheit, Kraft und Freude", heißt es im Klappentext.

Aber „Pageboy“ liest sich nicht entschlossen, stark oder freudig. Es liest sich traurig: Es ist die Geschichte eines verletzlichen Mädchens, das im Alter von zehn Jahren in die Unterhaltungsbranche geworfen wurde; das von seiner Familie nicht beschützt wurde; das mit Essstörungen zu kämpfen hatte; das ihre sexuelle Orientierung verbarg und durch die beiläufige Homophobie Hollywoods immer wieder daran erinnert wurde, dies auch weiterhin zu tun; und das sexuellen Übergriffen und Belästigungen durch Menschen ausgesetzt war, die eigentlich vertrauenswürdige Kollegen hätten sein sollen.

Der Kollege sagte: "Ich werd dich ficken, damit du merkst, dass du nicht lesbisch bist!"

In ihren Memoiren sagt Page: "An manchen Stellen habe ich über mich selbst mit meinem früheren Namen und Pronomen geschrieben. Das ist eine Entscheidung, die sich für mich gelegentlich richtig anfühlt, wenn ich über mein früheres Ich spreche, aber es ist keine Aufforderung an andere, das Gleiche zu tun." Doch es ist unsinnig, über Pages Vergangenheit zu sprechen, als ob sie einem Jungen widerfahren wäre: Ellens Erfahrungen sind mit ihrer Weiblichkeit verknüpft, und mehr noch mit ihrem Lesbischsein.

Nicht, dass Page die eigene Sexualität vor dem Übergang als "lesbisch" bezeichnet hätte: Das Wort "queer" wird bevorzugt, und wenn das Wort "lesbisch" fällt, wird es von anderen, wenn auch nicht von Page, als etwas Verächtliches angesehen. An einer Stelle benennt Page selbst Lesbischsein als eine "widerwärtige" Eigenschaft, die Regisseure auf dem Bildschirm nicht dulden können.

2007 - das Jahr, als „Juno“ herauskam - war auch das Jahr, in dem die transsexuelle Schriftstellerin Julia Serano "Whipping Girl" veröffentlichte, den wohl einflussreichsten Text zur Theorie einer Geschlechtsidentität. Darin argumentiert Serano, dass "weiblicher verbaler und ästhetischer Ausdruck" durch "intrinsische und tiefsitzende Neigungen angetrieben werden, die wahrscheinlich das Ergebnis der Biologie sind". Mit anderen Worten: Wenn man sich nicht "mädchenhaft" verhält oder kleidet, dann ist man vielleicht gar kein Mädchen, unabhängig vom tatsächlichen Geschlecht.

Der Raum für Mädchencharaktere, die Page spielte, wurde in Hollywood immer enger

Gleichzeitig mit der intellektuellen Durchsetzung dieser Idee wurden die Anforderungen an die Weiblichkeit in der Populärkultur immer strenger. Der Raum für die Art von Mädchencharakteren, die Page spielte - Mädchen, die nicht nur Objekte der Begierde sind -, wurde immer kleiner.

Hollywood verstärkte dabei nur die Botschaften, die Page von ihrer eigenen Familie gehört hatte. Pages Mutter teilt ihrer Tochter zwar mit, dass sie "alles tun kann, was ein Junge tun kann", aber aus Pages Sicht war dies nie aufrichtig. Denn die Mutter übte ständig Druck auf Page aus, mädchenhafter zu sein, und lehnte die Vorstellung, dass sie homosexuell sein könnte, absolut ab. Als Page sich zum ersten Mal vor ihrer Mutter als lesbisch outet, schreit die sie an: "So etwas gibt es nicht!"

Die Tatsache, dass sie ein „Trans-Mann" geworden ist, bewahrt Page nicht vor Verurteilung und Ablehnung. Aber das Problem, lesbisch zu sein, ist damit gelöst: Zumindest scheint Pages Mutter besser in der Lage zu sein, ein transsexuelles Kind zu akzeptieren als eine lesbische Tochter. "Sie liebt ihren Sohn unendlich", schreibt Page.

Die Transition macht auch Pages Körper, der verletzt und bedroht wurde, sicherer

Die Transition macht auch Pages Körper sicherer – diesen Körper, der wiederholt verletzt und bedroht wurde. Page erwähnt einen "Bekannten", der - nachdem sie sich zum ersten Mal geoutet hatte – zu ihr sagte: "Ich werde dich ficken, damit du merkst, dass du nicht lesbisch bist." Es gibt auch einen männlichen Regisseur, der sie belästigt, ein männliches Crewmitglied bei einem frühen Film, das sie zum Oralsex zwingt, und ein weibliches Crewmitglied bei einem anderen Film, das ihr gegenüber sexuell übergriffig wird, und das Page als eine einvernehmliche Beziehung einredet. Immer wieder macht Page die Erfahrung von Gewalt und dass ihr weiblicher Körper nicht ihr selbst gehört.

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Auch hier verstärkt Hollywood das, was in Pages Kindheit begann. Ihre feindselige Beziehung zu ihrem Körper zeigt sich in ihrer Reaktion auf die Kochkünste ihrer Stiefmutter. Wenn sie essen soll, hört Page eine "innere Stimme", die sagt: "Nein, das darf nicht in dich hineingehen" und die ihr Angst macht: Panik vor dem Erwachsenwerden, vor Kontrollverlust. In der Pubertät verstärkt sich dies unweigerlich. Page beschreibt das Alter von elf Jahren als "das Alter, in dem ich spürte, dass ich ohne meine Zustimmung vom Jungen zum Mädchen wurde".

Das ist, glaube ich, eine häufige Empfindung für Mädchen: Die Pubertät beendet eine Zeit des unkomplizierten, glücklichen Umgangs mit dem Körper und bringt dich in eine Welt, in der dein Körper gegen deinen Willen gefährliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen scheint. Das ist jedoch kein Wechsel vom „Jungen“ zum „Mädchen“, sondern ein Wechsel von einer "Person" zu einem "Ding". Wie Hilary Mantel schrieb, wollen manche Mädchen aus diesem Prozess aussteigen. Sie hungern sich heraus aus den weiblichen Körperformen oder bestrafen ihren Körper. Und jetzt haben sie dank der Trans-Ideologie die Möglichkeit, ihr Geschlecht ganz zu verleugnen.

Trauma ist ein häufiges Thema in den Autobiografien von Transmännern

Trauma ist ein häufiges Thema in Trans-Autobiografien oder, besser gesagt, in den Memoiren von Trans-Männern. Die Memoiren von Transfrauen sind zumeist überschwängliche Erzählungen der Selbstverwirklichung (wenn auch meist mit einer gewissen Homophobie im Hintergrund, ähnlich wie bei Pages Mutter). Die Memoiren von Trans-Männern hingegen sind oft erschütternde Berichte über Vergewaltigungen und Selbstverletzungen, die in irreversiblen Körperveränderungen gipfeln.

So enthält auch das Buch „Man Alive“ von Thomas Page McBee eine erschütternde Beschreibung des Autors, wie er als zehnjähriges Mädchen vom Vater sexuell genötigt wurde (der Missbrauch begann, als McBee vier Jahre alt war). Dies löste eine "Spaltung" zwischen dem Selbst und dem Körper aus. „Ich fühlte mich wie eine Marionette, jenseitig und hölzern“, schreibt McBee, der jedoch seine Identifikation als Mann nicht mit der durch den Missbrauch verursachten Depersonalisierung verbindet.

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Auch Carl berichtet in dem Buch, das Page inspiriert hat, dass er im Alter von elf oder zwölf Jahren sexuell missbraucht wurde, ebenfalls von seinem Vater: "Du wirst eine Frau. Deine Brüste kommen langsam zum Vorschein. Ich sehe gerne zu, wie du dich veränderst", erinnert sich Carl an die Worte des Vaters. Später ist der erste Schritt in Carls Transition eine doppelte Mastektomie. „Ich fühle eine feurige Wut ... auf das, was Männer mir angetan haben“, schreibt Carl, bevor er hinzufügt: „Ich fühle so viel Freude, im Körper eines Mannes zu leben.“

Britney Spears rasierte sich den Kopf, Ellen Page entfernte ihre Brüste; beide schnitten weg, was sie als „weiblich“ auswies.

Bis dahin war es eine weite, traurige Strecke - von der Frau, die einst auf ihrem Recht bestand, das zu tragen, was sie "bequem" findet; und noch weiter von dem Mädchen, das während der Promo für den Film „Juno“ für das Recht eintrat, als Frau im Mittelpunkt ihrer eigenen Geschichte zu stehen.

Britney Spears rasierte sich den Kopf, Ellen Page entfernte ihre Brüste

Als "Trans-Kerl" kann Page endlich Aladdin sein: Die Hauptfigur, die in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, die die Realität beeinflussen. Kein Druck mehr, ein Kleid zu tragen oder eine Prinzessin zu spielen. Aber das Märchen, an das mich „Pageboy“ am meisten erinnert, ist die kleine Meerjungfrau. Im Original von Hans Christian Andersen kann die Meerjungfrau die Bedingungen ihres Frauseins nicht erfüllen. Ihr Leiden endet erst, als sie in eine der "Töchter der Lüfte" verwandelt wird: Endlich körperlos, gelingt ihr eine unmögliche, phantastische Flucht aus ihrem betrügerischen/unzulänglichen Körper.

Oberflächlich betrachtet ist „Pageboy“ ein euphorischer Bericht über die "Selbstfindung" von Page: die Mustererzählung einer Trans-Biografie. Das Happy End besteht darin, dass Page in einem Krankenhausbett aufwacht, ohne Brüste.

Zwischen den Zeilen gibt es jedoch noch eine andere Geschichte: Die eines sich selbst hassenden Mädchens, das entschlossen ist, aus ihrer Weiblichkeit zu flüchten.

Schauen wir heute zurück, so ist es fast schon Pflicht, von der Grausamkeit der Kultur der Nullerjahre schockiert zu sein. Ich frage mich jedoch: Wann werden wir die noch größere Grausamkeit erkennen, die darin besteht, Frauen und Mädchen zu suggerieren, es sei in Ordnung, ihre Körperteile gegen Selbstbestimmung einzutauschen?

SARAH DITUM - Der Text erschien zuerst auf UnHerd.
 

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Von der Autorin erscheint im Oktober auf Englisch: “Toxic – Women, Fame and the Noughties“ (Fleet/Little, Brown Book Group). Sie porträtiert darin neun berühmte Frauen der Nuller-Jahre.

 

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