Fall Edathy: Reden wir ĂĽber die Kinder!

Seit Tagen ist der Fall Edathy der Aufmacher jeder Nachrichtensendung und füllt die Schlagzeilen auf jeder Seite 1. Die Frage ist nur: Womit? Mit den Streitigkeiten der Großen Koalition. Sicher, die Frage, wer wem was wann gesagt hat - und damit eventuell Dienstgeheimnisse verletzt hat -  ist wichtig. Nur ist über den Machtspielchen der Parteien, die auch vom Kommunalwahlkampf der CSU befeuert werden, eine Frage verloren gegangen: Was ist eigentlich mit den Kindern auf den Bildern, die sich der 44-jährige Sebastian Edathy unbestritten aus Kanada bestellt hat?

Von denen spricht gerade niemand. Schon gar nicht Herr Edathy. „Eindeutig legal“ seien die Bilder gewesen, sagt der langjährige Vorsitzende des Innenausschusses über die Bilder von neun- bis 14-jährigen Jungen. Er spricht auch gar nicht von „Jungen“. Er sagt „Material“.

Was für ein „Material“ ist das? Es kam zum Beispiel aus Rumänien, schreibt Tanjev Schulz in der Süddeutschen Zeitung. Der Journalist (der auch über den systematischen sexuellen Missbrauch an der Odenwald-Schule berichtet hatte und 2012 mit dem EMMA-JournalistInnen-Preis ausgezeichnet wurde) stellt die entscheidende Frage, die ansonsten niemand stellt.

Einer der Zulieferer der kanadischen Firma Azov-Films, bei der auch rund 800 Deutsche ihre Bilder bestellten, sei Markus R. gewesen. Nachdem er in Deutschland wegen eines Sexualdelikts verurteilt worden war, sei er nach Rumänien gezogen. Dort habe er kostenlos Karatekurse für Jungen angeboten und ihnen Eis und Pizza spendiert. Rund vier Euro hätten die Jungen bekommen, wenn sie in Unterhose vor der Kamera posierten, und acht, wenn sie die Hose auszogen. Rund 150.000 Euro verdiente Markus R. mit seinen Filmen. Bis er im August 2010 festgenommen und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Ein anderer Zulieferer für Azov-Films sei ein ukrainischer Dozent gewesen, der eine Jugendgruppe leitete. Mit dieser Jugendgruppe sei er auf die Krim in „eine Art Ferienlager für Pädophile“ gefahren.

Das sind die Verhältnisse, in denen die „eindeutig legalen“ Bilder zustande kamen. Justizminister Heiko Maas (SPD) hat gerade angekündigt, er wolle „prüfen“, ob die Definition jener Kinderbilder, die in Deutschland ungestraft gekauft werden dürfen, nicht verschärft werden müsse. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, ist dafür. Denn: „Hinter jedem Bild verbirgt sich auch ein Schicksal. Wir müssen alles daran setzen, damit Kinder nicht zu Opfern und teilweise schwerst traumatisiert werden.“

Währenddessen berichten die Medien weiterhin über: Friedrichs Rücktritt, Seehofers Drohkulisse, Oppermanns Pressemitteilung. Und über die Dienstaufsichtsbeschwerde von Edathy gegen die Hannoveraner Staatsanwaltschaft und dass man ihm offenbar keinen Vorwurf im strafrechtlichen Bereich machen könne. Christoph Hickmann von der SZ findet daher, das von Sigmar Gabriel angeregte Parteiausschlussverfahren für Edathy ginge „zu weit“. Denn: „Noch wird ermittelt, aber die SPD geht schon gegen einen Mann vor, der ohnehin fürs Leben gestraft ist und außer der Politik offenbar nicht viel hatte. Das ist einer Partei nicht würdig, die sich für die Mühseligen und Beladenen einsetzt.“

Mühselige und Beladene? Die rumänischen Kinder meint Hickmann damit ganz offensichtlich nicht.

Weiterlesen
Auf dem Spielplatz des Abnormen, SĂĽddeutsche Zeitung, 18.2.2014

 

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Kommentare

Einst sagte ich "Männer sind nun einmal gewalttätig und Frauen sind dafür hinterfotzig". Scheint nicht zu stimmen. Ich bin fassungslos.

Ich finde es so gut, dass endlich jemand davon spricht und nicht der Augenwischerei der Legalität Vorschub leistet.... Sehr gut

Profilfoto von Gan-Chan

Mein Medienkonsum im patriarchalen Mainstream ist nicht sehr gross (weil es einfach nur frustrierend ist). Aber was ich zu diesem Fall bisher gehört und gelesen habe ging immer in die Richtung, dass die Bilder doch eigentlich irgendwie "legal" wären. Die Hintergründe wurden erst gar nicht weiter beleuchtet. Ausser von Euch. Es war doch aber klar, dass es Hintergründe geben muss. Auch bei Edathy, denn wieso sollte sich jemand wie er 'nur' solche scheinbar legalen Bilder bestellen?

Ansonsten ist es doch so, dass Kinderpornographie für die meisten Politiker nur als Begründung für ausufernde Überwachungsmassnahmen oder um Wählerinnenstimmen zu requirieren. Da gäbe es effizientere Methoden als diese Nebelkerzen. Aber bei diesem Thema die Opfer, die Kinder im Focus zu haben ist im Patriarchat scheinbar nicht vorgesehen. Das lehrt uns jedenfalls die Geschichte. Noch nicht; bis jetzt; das wird sich aber nun ändern, bin ich überzeugt.

Profilfoto von Violine

Gut zu wissen, dass Ihr liebe EMMAs die Kinder nie vergesst! Klasse Artikel!
Aus traumatisierten Kindern wird „Material“ und aus einem Unterstützer(Edathy) pädophiler Machenschaften wird ein „fürs Leben gestrafter“, der „außer Politik nicht viel hatte“.
Was es da noch zu prüfen gibt seitens des Justizministeriums entzieht sich mir. Scheint mal wieder eines dieser altbekannten Schlupflöcher zu sein, wie das mit den Verjährungsfristen. Die Kinder bleiben auf der Strecke. Frag mich wirklich manchmal ob diese Schludrigkeit gewollt ist... LG Violine

Profilfoto von Éowyn

Meine erste Reaktion zu dem Thema war: WAS?! Bilder von nackten Kindern zu kaufen ist legal?! Ja, wo simmer denn?!
Dieses ganze Geschwätz von legalen Bildern ist so widerlich! Ob vom "armen Opfer" Edathy oder auch so manchen Medien, die die ganze Zeit betonen, wie "gesetzlich unbedenklich" die Bilder der Kinder sind... HALLO?! Jemand kauft Fotos nackter Jungen - als wäre nicht klar, was er damit vorhat und was in ihm wohl vorgeht... So zu tun als wäre da überhaupt nichts dabei ist echt zum Kotzen!

Profilfoto von Éowyn

Es haben wohl schon einige Mitglieder verschiedenster Parteien angekündigt, sich für eine Gesetzesänderung einzusetzen und den An- und Verkauf solcher Bilder zu verbieten - ich hoffe, das Vorhaben gelingt!
Es wird aber wohl eine Weile dauern, bis es soweit ist. Eine solche Gesetzesänderung dürfte nämlich zu einigen offenen Fragen führen. Z.B. was ist mit Filmen (keine ekelhaften "Privatvideos" sondern Spielfilme)? Wird dann auch verboten, darin nackte Kinder zu zeigen? Ich denke nicht, dass etwas dagegen spricht - vor allem weil auch kleine SchauspielerInnen die Tragweite ihrer nackten Körper auf DVD nicht abschätzen können... aber dann geht die Frage weiter, wie mit bereits veröffentlichten Filmen in denen nackte Kinder zu sehen sind (z.B. "Ronja Räubertochter") umzugehen ist. Die entsprechenden Szenen rausschneiden? Die inzwischen erwachsenen SchauspielerInnen fragen, was sie wünschen?

Profilfoto von Éowyn

Wie gesagt: Ich denke bis all diese Fragen geklärt sind, dürfte es eine Weile dauern - und wir dürfen erst auf sehr lange Sicht auf ein entsprechendes Gesetz hoffen!

Ich möchte darauf hinweisen, dass der Gesetzgeber hier ganz bewusst eine (noch legale) Lücke im Gesetz gelassen hat, durch welche es Pädophilen gelingt, auf legale Weise hindurchzuschlüpfen. Warum auch immer der Gesetzgeber dies getan hat. Und egal, ob Edathy nun pädophil oder sonst was ist oder vielleicht auch nicht.
Er hat sich gegen Geld viele Bilder besorgen wollen, obwohl auf diesen Bildern (Videos) auf hinterfotzigste und schamloseste Art und Weise die nackte Unbekümmertheit von Kindern ausgenützt wurde. Die SZ scheibt ganz Locker vom Hocker: „[...] die SPD geht schon gegen einen Mann vor, der ohnehin fürs Leben gestraft ist und außer der Politik offenbar nicht viel hatte. Das ist einer Partei nicht würdig, die sich für die Mühseligen und Beladenen einsetzt.“ Also derjenige, der mit seinem Geld, dieses hinterhältige und hinterfotzige Vorgehen untersützte ist laut SZ also mühselig und beladen. Jetzt bin ich wieder fassungslos.

ein einfacher, aber hilfreicher Schritt wäre es glaube ich, den Handel mit Nacktbildern von Kindern zu verbieten. Also nur den Handel. Urlaubsfotos vom FKK-Strand in Privatbesitz sind dann raus, man erfasst aber gleichzeitig den ganzen ekligen Handel. Was die Situation von Edathy angeht, ist es sein Recht auf seine juristische Unschuld zu pochen. Zu Recht haben wir ja einen § 1 des Strafgesetzbuches. Es gilt natürlich auch für alle TäterInnen, dass die formale Legalität nicht davor schützt, dass sich die Menschen ein eigenes, moralisches Urteil bilden. Man kann nicht in einem Fall eine Diskussion abwürgen wollen, indem man das Formaljuristische zum Maßstab erklärt und dann Edathy angreifen, der juristisch auch unschuldig ist.

@LinEma
"Einst sagte ich "Männer sind nun einmal gewalttätig und Frauen sind dafür hinterfotzig". Scheint nicht zu stimmen."
es stimmt beides nicht. Beides nur ignorante Verallgemeinerungen. Ich fĂĽrchte aber, dass dies nicht das ist, was du ausdrĂĽcken wolltest.

Nachdem diese Verallgemeinerungen sicher niemals stimmen können, ist eine solche Aussage immer sinngemäß und niemals wörtlich zu interpretieren. Genauer sagte ich, dass ich bestimmte hinterfo***ge Verhaltensweisen bei Frauen kennengelernt habe, die ich so bei einem Mann noch nie erlebt habe. Das hat sich nun mit dem Fall Ethany erledigt. Das überbietet alles bei weitem.

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