Die dritte Welle?

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Nein, schreibt Lisa Jervis in Ms., der amerikanischen EMMA: Lisa ist selber eine Aktivistin der so genannten „Dritten Welle“. Diese (geistigen wie leiblichen) Töchter der Pionierinnen der 70er Jahre meldeten sich in den 90er Jahren erstmals zu Wort: mal poppig mal analytisch, mal übermütig mal betroffen – ganz wie ihre Vorgängerinnen. Und auch sie sind sich keineswegs alle einig, das sind die ÖkologistInnen, BürgerrechtlerInnen oder SozialistInnen ja auch nicht. Eines aber ist klar für Lisa & Sisters: Das mit der Kluft zwischen den Generationen ist nichts als heiße Luft. Denn 1. ist die dritte Welle die logische Fortsetzung der zweiten, 2. gibt es in allen Generationen solche und solche, und 3. war die Spaltung der Generationen immer schon eine der schärfsten Waffen gegen Frauen – und ist es das Gegenteil von Feminismus, diese Jung/Alt-Spaltung auch noch selber zu betreiben.

Wenn man von der einfachsten und klarsten Definition ausgeht, gehöre ich unstrittig zur dritten Welle: Ich bin Jahrgang 1972, also mitten in die demografische Gruppe hineingeboren, an die die Leute denken, wenn sie von der „dritten Welle“ reden. Aber bei den so genannten „Wellen“ geht es nur nominell um demografische Gruppen. Die Metapher packt alles Mögliche zusammen: Alter, Ideologie, Strategie und Stil, und tut so, als wäre es unwichtig, da genauer hinzugucken.

Selbst in differenzierteren Diskussionen über Feministinnen der dritten Welle erscheinen diese (oder sollte ich in Anbetracht meines Geburtsjahres sagen „wir“) oft als sexbesessene junge Dinger mit einem Hang zu Lipgloss und einer überheblichen Gleichgültigkeit gegenüber der jüngeren Geschichte oder aber als hochakademische Identitätspolitikerinnen, die die veralteten Themen ihrer Vorgängerinnen längst hinter sich gelassen haben.

Die Leier geht etwa so: Die älteren Frauen haben die Sexualität völlig aus ihrer Bewegung verbannt, die jüngeren sind auf unkritische Art sexualisiert. Ältere Frauen erkennen die Wichtigkeit der Popkultur nicht an, jüngere sind geradezu zwanghaft besessen von Medienrepräsentanz. Ältere Frauen haben eine zu enge Definition von feministischen Themen, die jüngeren verzetteln sich und wissen nicht, was wichtig ist.

Altbacken versus leichtlebig. Verkniffen versus verwöhnt und ignorant.

Nichts davon stimmt wirklich – doch weil dieser angeblich so große Generationsunterschied aus höchst oberflächlichem, aber leicht zugänglichem Material konstruiert wurde, hält sich die Vorstellung trotz aller gegenteiligen Beweise.

Es ist einfach so viel leichter, sich die spielerischen, kulturellen Elemente der dritten Welle herauszugreifen und sie mit der Harte-Kernpunkte-Agenda – und den beeindruckenden Errungenschaften – der zweiten Welle zu kontrastieren: Das ist zum Mantra des feministischen Fortschritts (oder, wie es manche sehen, Rückschritts) geworden.

Aber wann war es je ratsam, einer gebetsmühlenartigen Wiederholung zu trauen? Schließlich ist die unter selbstdefinierten Feministinnen der dritten Welle weitverbreitete Ansicht, die als „hoffnungslos zweite Welle“ etikettierten Frauen hätten etwas gegen Humor, Mode, Sex und überhaupt alles, was Spaß machen könnte, nur eine sehr geringfügig modifizierte Version des Bildes von der verhärteten Männerhasserin mit den haarigen Beinen. Ein Klischee, das ja bekanntlich ein von der sexistischen Kultur hervorgebrachter Mythos ist, der von konservativen, antifeministischen und/oder schlicht ahnungslosen JournalistInnen und MeinungsmacherInnen kultiviert und verbreitet wurde und wird.

Das Bild der leichtlebigen, jungen Pseudofeministin stammt aus denselben Quellen. Man nehme nur einmal die infame Titelgeschichte des Time Magazine vom 29. Juni 1998: „Ist der Feminismus tot?“ Indem sie jungen Frauen unterstellt, sie seien mehr an Prominenz interessiert als am Problem der ungleichen Löhne und hielten Vibratoren für wichtiger als Proteste, ignoriert die Verfasserin nicht nur die sich just zu jener Zeit an allen Universitäten ausbreitende Anti-Sweatshop-Bewegung, sondern auch Organisationen wie die Third Wave Foundation, feminist.com, SOUL, Home Alive und viele andere von jüngeren Frauen gegründete und getragene Projekte.

Wie wir alle wissen, umfasste Feminismus immer schon eine Vielzahl ideologischer Ansätze, Strategien und Prioritäten. Die beiden derzeitigen Generationen der Bewegung werden als in sich monolithisch dargestellt, sind aber jeweils so vielfältig wie der Feminismus selbst – was nur logisch ist, denn sie sind der Feminismus.

In beiden feministischen Wellen gibt es spielerische Elemente und solche, die die Popkultur als ihr Medium und ihr Thema betrachten: Die Proteste bei der Miss-Amerika-Wahl von 1968 markierten ja den Beginn der zweiten Welle, und in ihrer Nachfolge stehen Guerilla-Theatergruppen wie die Ladies Against Women der 80er Jahre und die Radical Cheerleaders heute.

In beiden gibt es auch Elemente, die – zu Recht – sehr ernst sind: Der Kampf gegen Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe war vor 35 Jahren ein zentrales Thema und ist es bis heute geblieben. Ausreichende, erschwingliche Kinderbetreuung ist heute ein ebenso wichtiges Anliegen wie in den 70er Jahren.

Publikationen der dritten Welle wie „Feminista!“ teilen ihre inhaltlichen Anliegen in Sachen Pornografie und Sexarbeit mit Catharine MacKinnon und Andrea Dworkin. Die in den frühen 90er Jahren überall aus dem Boden geschossenen Riot-Grrls-Gruppen haben eindeutige Bezüge zu den Consciousness-Raising-Groups. Der enorm erfolgreiche und inspirierende March for Women’s Lives im April 2003 war von der Planung wie von den Teilnehmerinnen her generationenübergreifend.

Gewiss fehlt es innerhalb des Feminismus nicht an Meinungsverschiedenheiten, kleinen wie großen. Es gibt die Feministinnen, die „männliche Werte“ als Normen unserer Gesellschaft gern durch „weibliche“ ersetzt sähen, und jene, die schon bestreiten, dass solchen Werten überhaupt etwas Geschlechtsspezifisches innewohnt, was ihnen nicht von der sexistischen Kultur zugewiesen worden wäre. Es gibt die Feministinnen, die Gender als den alles übergreifenden Faktor sehen, der die Unterdrückung der Frauen prägt, und es gibt jene, die glauben, dass eine Erhöhung des Mindestlohns mehr bewirken würde als irgendetwas anderes.

Die Themen, die beide Seiten im Geschlechterkampf der 80er Jahre bewegten, sind großenteils immer noch aktuell. Auch wenn manche Ansichten in der einen Generation verbreiteter sein mögen als in der anderen, handelt es sich dabei im Kern doch um ideologische Unterschiede – die aber nicht produktiv diskutiert werden können, solange sie sich als Generationsunterschiede verkleiden. Diese Verschleierung lenkt uns von den wahren Aufgaben ab, die heute vor der Frauenbewegung liegen. Die Frauen um die zwanzig und dreißig, die ihre Anliegen nicht im Feminismus der Älteren gespiegelt sehen, wissen nichts von Geschichte. Die über Fünfzigjährigen, die glauben, dass junge Frauen nicht politisch aktiv sind – oder nicht aktiv genug oder nicht aktiv an den richtigen Fronten – wissen nicht, wo sie hinschauen müssen. Wir wollen doch alle dasselbe. Um Bell Hooks zu zitieren: Wir wollen Gender-Gerechtigkeit.

Wir mögen uns nicht alle einig sein, was das ist und wie man es erreicht. Aber wir sollten auch nicht von uns erwarten, immer einer Meinung zu sein. Der Feminismus hat von jeher von internen Debatten und Meinungsverschiedenheiten profitiert und sich dadurch weiterentwickelt. Unsere vielen verschiedenen und oft gegensätzlichen Sichtweisen sind es, die uns vorwärtstreiben, die unsere Theorien präziser machen, unsere Strategien verfeinern, uns zu einer gründlicheren Demontage des rassistisch-kapitalistischen Patriarchats (Hooks) führen. Ich will, dass diese internen Meinungsverschiedenheiten fortbestehen. Ich will, dass um diese Positionen gerungen wird wie eh und je. Aber ich will, dass sie präzise formuliert werden. Und das bedeutet, die Generationskluft als das wahrzunehmen, was sie ist – heiße Luft.

Die Autorin, 36, ist Mitbegründerin und Herausgeberin des Magazins Bitch: Feminist Response to Pop Culture.

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