Um Himmels willen, Spätzchen!

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Im Jahr 1977, das Jahr, in dem die EMMA gegründet wurde, war ich 15. In den Sommerferien hatte ich einen vierwöchigen Bürojob in der Kundenbuchhaltung eines Großversandhauses, wo der Verdienst wöchentlich in einer Lohntüte aus Papier an der Kasse abzuholen war. Mit dem dort verdienten Geld finanzierte ich mir meinen kurzen Urlaub. In dem Großversandhaus gab es damals keine Gleitzeit, sondern man begann täglich pünktlich um 8 Uhr mit der Arbeit, um ebenso pünktlich um 17 Uhr alles fallenzulassen.

Jeden Morgen verließ ich das Haus meiner Eltern um 7.30 Uhr und ging die halbe Stunde Weg zu Fuß. Und jeden Morgen kam ich – da ein anderer Weg einen Riesenumweg bedeutet hätte – an einem Betrieb vorbei, vor dem ein Grüppchen ganz normaler Männer mittleren Alters herumstand, vor Bürobeginn noch eine rauchte und mir beim Vorübergehen unverhohlen das entgegenzischte und hinterher rief, was man "anzügliche Bemerkungen" nennt. Ich weiß nicht mehr, ob es an der Obszönität des allmorgendlich Wiederholten lag oder daran, dass ich diesem verbalen Angriff so schutzlos ausgeliefert war, aber ich erschien jeden Tag mit einer unbändigen Wut im Leib und zugleich zutiefst gedemütigt bei der Arbeit. Meine schlechte Stimmung hellte sich meist erst gegen die Mittagszeit auf. Am nächsten Tag begann dann alles von vorne. Den Riesenumweg habe ich nahezu nie auf mich genommen, nur an zwei Tagen, an denen mich schon nach den ersten Schritten die Kraft verließ in der Erwartung dessen, was mir bevorstand.

Wenn ich mich heute frage, warum ich mich nicht ein einziges Mal in vier Wochen, also an immerhin 20 einzelnen Tagen, zur Wehr gesetzt habe, warum ich nicht ein einziges Mal einfach zu diesem Grüppchen hingegangen bin, um den dort versammelten Männern, die sicher auch Ehemänner und Familienväter waren, gründlich eins vor den Bug zu knallen – wie ich es heute zweifellos täte –, dann weiß ich, dass die Antwort darauf ist, dass ich damals mit meinen 15 Jahren dachte, das muss so sein und als Mädchen muss man das ertragen. Weder mir noch meinen Freundinnen hatte man je etwas anderes beigebracht.

Junge Frauen, die um das Jahr 1977 herum erst auf die Welt gekommen sind, reagieren sehr unterschiedlich auf diese Geschichte. Manche meinen, sie wären zur Vermeidung der Situation freiwillig jeden Tag den Riesenumweg gegangen. Die meisten jedoch sagen – glaubwürdig und völlig zu Recht –, dass sie sich so etwas kein zweites Mal hätten bieten lassen. Dass man das in der Tat nicht muss und dass man sich auf viele Arten wehren kann, das habe ich erst nach und nach begriffen. Dass überhaupt bei mir ein Umdenken einsetzte, war das Verdienst der EMMA und all der Frauen, die angesteckt wurden von dem, was von der EMMA ausging.

Alice Schwarzer und die EMMA brachten damals nicht nur uns, sondern auch unsere noch gänzlich anders sozialisierten Mütter, Tanten und Lehrerinnen zum Nachdenken – und zum Handeln. Dass man heute nicht mehr mit der allergrößten Selbstverständ- lichkeit als 15-Jährige in der Öffentlichkeit und vor aller Augen und Ohren aufs Brutalste obszön angemacht wird, ist einem generellen Wandel zu verdanken, und natürlich ist es unmöglich zu sagen, wie groß der Anteil ist, den Feminismus, Emanzipationsbewegung oder die EMMA daran hatten. Für mich und mein späteres Leben war dieser Anteil mit Sicherheit groß.

Übergriffe und Angriffe verbaler und tätlicher Art sind natürlich nicht aus der Welt verschwunden, aber es ist doch offensichtlich, dass dank der EMMA das weibliche Selbstbewusstsein eine Richtung fand und auch viele Männer mit der Zeit einiges begriffen haben, nicht zuletzt weil die jüngeren unter ihnen von einer Generation EMMA-lesender Mütter erzogen wurden. Es kam also durch Alice Schwarzer und die EMMA eine Haltung zu solchen Themen ins öffentliche Bewusstsein, die es so vorher schlicht nicht gegeben hatte und die durch ihre gesellschaftliche Durchdringung bis heute Gültigkeit und Bestand hat.

Auf der soliden Basis genau dieser damals mühsam erkämpften Haltung und mit dem selbstverständlichen Selbstbewusstsein, das sich meine Generation erst noch unter Schmerzen zusammenbasteln musste, melden sich derzeit gleich mehrere junge Frauen zu Wort, um die Belange des Feminismus und der Frauenemanzipation neu zu verhandeln. Recht schnell stellt man jedoch fest, dass diese Bücher in Wirklichkeit Frauenrollen entwerfen, die uns kein Stück weiterbringen werden, ganz im Gegenteil. Was passiert hier?

"Wir Alphamädchen" von Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidel sei mit "einer guten Portion Wut geschrieben", so die Verfasserinnen im Vorwort. Davon merkt man nichts. In einem gut gelaunten Pfadfinderinnenstil spart das Buch alles Politische weitestgehend aus und erklärt den jungen Frauen von heute unter anderem, dass sie niemand zum Sex zwingen kann, Gewalt gegen Frauen keine Lappalie ist und die Parole von einst "Mein Bauch gehört mir" noch immer gilt. Das ist natürlich richtig, aber alles andere als neu, übersetzt es doch nur, was seit über 30 Jahren in der EMMA steht, in eine jugendkompatiblere Sprache. Vielleicht ist das fürs erste sogar ganz in Ordnung: Emanzipation beginnt ja tatsächlich mit dem eigenen Körper, in den eigenen vier Wänden und dem eigenen Lebensglück. Sie sollte aber dort nicht aufhören.

Warum sich dieses Buch explizit an Alice Schwarzer abzuarbeiten versucht, wo es doch den Großteil seiner Inhalte direkt und oft sogar wortwörtlich von ihr übernimmt, bleibt indes unklar. "Wir haben uns die Arbeit gemacht, die Idee des Feminismus, nämlich Gleichberechtigung beider Geschlechter, auf das Leben junger Frauen zu übertragen", sagte Susanne Klingner im April 2008 bei einem Interview mit satt.org. Genau, "Übertragung" ist hier das richtige Stichwort. Neue Themen besetzt Wir Alphamädchen indes nicht; es lehnt nur etliche ab. Das wäre sein gutes Recht, wenn es sich dabei selbst nicht gleichzeitig so ernst nähme.

Die große in den Raum gestellte Frage, was ein neuer Feminismus heute leisten könnte, beantwortet dieses Buch noch nicht einmal ansatzweise, da es die dazu notwendigen Fragen nicht stellt. Und das liegt vielleicht schon am Ansatz. Was wollen Frauen, die sich als "Alphamädchen" bezeichnen – soziologischer "alpha girls" – Begriff hin und Wortspiel "Alphamännchen/ Alphamädchen" her? Ganz sicher keine gesellschaftlich oder politisch relevanten Einlassungen. Und weil Mädchen dann doch primär nett sind, können wir uns noch nicht einmal erhoffen, dass diese Frauen die wichtige Rolle der "Nervensäge" spielen, wie Susanne Gaschke sie jüngst im Zeit Magazin charakterisiert hat.

Ist es nicht das wirklich Großartige am Älterwerden (und ja, auch wenn man erst 25 ist, ist man bereits älter geworden, man ist dann nämlich beispielsweise keine 18 mehr), dass man die Mädchenzeit ein für allemal hinter sich lassen kann und endlich eine Frau sein? Vorausgesetzt man weiß, was das heißt und wie es geht.

Die Verlängerung der Kindheit bis weit ins Erwachsenenalter hinein, mit der sich junge Frauen heute möglichst lange aus jeder Unsicherheit, Selbstständigkeit und Verantwortung rauszuhalten suchen, lag meiner Generation noch fern. Auch wenn die Zukunft für uns oft angstbesetzt war, so konnte es uns doch mit dem Erwachsenwerden gar nicht schnell genug gehen. Daher finde ich es befremdlich, wenn erwachsene Frauen, die in den 70er Jahren geboren wurden, sich nicht bloß dem Zeitgeist geschuldet als "Mädchen" bezeichnen, sondern offenbar die Bambi-Attitüde der ewigen Hilflosigkeit verinnerlich haben und in allen Konse- quenzen tatsächlich leben wollen.

"Nichts fällt mir schwerer, als zu akzeptieren, dass meine Kindheit vorüber ist", schreibt Jana Hensel in "Neue deutsche Mädchen". Vielleicht ist das der Grund, warum man so viel über die Kinder- welten und die kindlichen Erlebnisse, Vorstellungen, Werte, Ängste der beiden Protagonistinnen erfährt und so wenig darüber "wie es ist, heute eine Frau zu sein", wie uns doch der Klappentext des Buches verspricht – und was im übrigen wirklich ein super Thema gewesen wäre. So aber erfahren wir unter dem wahrhaft bekloppten Titel "Neue deutsche Mädchen" viel Intimes über die beiden Autorinnen, das wir gar nicht wissen wollten.

Lesen tut man es trotzdem – und zwar aus einem schieren, ungläubigen Staunen heraus. Seite um Seite entblättert sich in diesem Buch ein Selbstbild, ein Männerbild und ein Weltbild, das die Leserin ratlos hoffen lässt, dass die beiden Protagonistinnen nicht stellvertretend für ihre Generation stehen, sondern ausschließlich für sich selbst sprechen.

Eigentlich dachte ich, wir seien irgendwie weiter und "Männer" sei nicht mehr das einzige Thema, das uns umtreibt, aber wie man es auch dreht und wendet, um nichts anderes geht es in diesem Buch. Während es so tut, als ob es die ganz großen Fragen einer jungen Frauengeneration neu denkt, umkreist es im Prinzessinnenwahn die eine Frage: Wo finde ich ihn, und wie stelle ich es an, damit er bleibt?

In einer Szene zu Anfang des Buches sieht eine der Protago- nistinnen Alice Schwarzer in einem Laden in Hamburg beim Kleider- und Schuhekaufen: "Ich", so Elisabeth Raether, "habe nichts gekauft, weil ich mir davon nichts mehr leisten kann, seit ich meinen reichen Freund verlassen habe."

Später im Buch erfährt die Leserin mehr. Die Protagonistin hat während ihrer Zeit in Paris einen mehr als doppelt so alten Liebhaber, einen Rechtsanwalt, von dessen Kreditkarte sie reichlich Gebrauch macht. "Geld. Über Unsicherheit" heißt das Kapitel, und es spart in einer riesigen Leerstelle sein eigentliches Thema aus: Sex. Denn das wird es wohl gewesen sein, was die junge Heldin für die Kreditkartenbenutzung und die vielen teuren Abendessen als Gegenleistung geboten hat. "Spricht man über Geld, spricht man immer über etwas anderes. Geld ist ein Symbol", schreibt Elisabeth Raether. Wie wahr. Soll das charakteristisch für die "neuen deutschen Mädchen" sein, dass sie sich prostituieren oder – wem das zu hart ist – dass sie versorgt werden wollen und sich deshalb für die Liebe bezahlen lassen?

Ganz am Ende des Buchs, also schon nach der bahnbrechenden Erkenntnis, dass man auch eine Jeans von H&M tragen kann (weil einem der reiche Freund als Financier einer Markenjeans abhanden kam, siehe oben), kauft sich die Heldin einen Ring von ihrem eigenen Geld. "Es wird nämlich so sein", schreibt Elisabeth Raether, "dass die meisten Frauen sich ihre Wünsche selbst erfüllen: Sie bitten den Mann, der sie zum Juwelier begleitet, um seine Meinung und zahlen am Ende ihren Schmuck selbst."

Hey! Wirklich? Und das ist nun der neue deutsche Feminismus? Dann würde ich aber lieber den alten behalten wollen, denn dort ging es wenigstens noch um etwas gesellschaftlich Relevantes und im engeren wie weiteren Sinne Politisches. War es nicht gerade auch eines der vielen Verdienste der Emanzipations- bewegung der ersten Stunden, den Frauen klarzumachen, dass sie auch auf eigenen Beinen stehen konnten? Schlägt das Pendel nun so weit zurück, dass sich junge Frauen aus der Mittelschicht, die gut ausgebildet und intelligent sind, freiwillig in solche Abhängigkeitsbeziehungen begeben und Schmuckkauf aus der eigenen Tasche ernsthaft als Errungenschaft feiern?

In einer schön erzählten Szene hält die Ich-Erzählerin mit ihrer Bildung und ihrem Wissen hinterm Berg, damit ihr Liebhaber ihr etwas erklären und sich gut dabei fühlen kann: "… ich sagte nichts, denn ich mochte die Idee, dass Alain mir die Dinge erklärte, seine Geste, mir etwas beibringen zu wollen." An diesem Punkt waren wir das letzte Mal in den fünfziger und sechziger Jahren steckengeblieben. Frauen strebten die "gute Partie" an, und sie gaben sich absichtlich dümmer, als sie waren, um nicht blaustrümpfig zu wirken und einen potenziellen Ehemann nicht in die Flucht zu schlagen.

In "Wenn du lächelst, bist du schöner" interviewt Ulrike Speckmann Frauen, die in den fünfziger und sechziger Jahren aufwuchsen. Eine von ihnen sagt: "Die jungen Männer meines Alters wollten sich nicht von einem Mädchen irritieren lassen, das anscheinend etwas besser wusste als sie. Ein Mädchen sollte hübsch sein, lächeln, schweigen und sich anpassen. (…) Eine Frau, die zielstrebig ihre Interessen verfolgt, wurde als kalt und berechnend abgelehnt. Ein Mädchen sollte aufgeweckt und fleißig sein, aber nicht zu viel Initiative entwickeln." Sind die "neuen deutschen Mädchen" am Ende rückschrittlicher als es unsere Mütter und Großmütter waren, die oftmals tatsächlich keine Alternative zur Versorgerehe sahen?

Mit Verve wird gleich im einleitenden Kapitel der Neuen deutschen Mädchen Alice Schwarzer der Krieg erklärt: "Alice Schwarzer wirkt oft so, als wolle sie mit aller Kraft verhindern, dass man ihr die Deutungsmacht aus den Hand nimmt. Aber für uns (…) und andere Frauen in unserem Alter, ist die Gleichheit der Geschlechter nicht mehr ein fernes, in der Zukunft zu erreichen- des Ziel." Right on, denkt man erst noch, wird dann aber sehr schnell sehr traurig, wenn nämlich im Kapitel "Spielverderber. Über Mann und Frau auf Arbeit" Jana Hensel zu folgendem Schluss kommt: "Es ist nun an den jungen Frauen, an den Mädchen unserer Generation, die Bedingungen einer Teilhabe am Berufsleben ebenso neu zu formulieren wie den Verzicht auf Karriere."

Im folgenden wartet man vergeblich auf die "neu formulierten Bedingungen", sondern liest stattdessen über die jungen Frauen – ach nein, die Mädchen – von heute: "Sie resignieren vor der Wirklichkeit, vor der Arbeitswelt, wie sie sich ihnen im Moment darstellt. Vielleicht weil sie eher bemerken, dass eine erfolgreiche Karriere nicht unbedingt voraussetzt, die Klügste, Beste und Fleißigste zu sein; dass es selten um fairen Wettkampf geht, sondern dass es oft darauf ankommt, sich in Machtspielen zu behaupten. Und dass sie darauf keine Lust haben."

Um Himmels willen, Spätzchen! Wann ging es denn bei "der Arbeitswelt" und "der Karriere" je um etwas anderes als um Selbstbehauptung und Selbstermächtigung? Natürlich kommt nicht die "Klügste, Beste und Fleißigste" weiter und kriegt am Ende des Tages ein Bienchen ins Fleißkärtchen gemalt, denn wir sind halt nicht mehr in der Grundschule, sondern erwachsen. Aber man wäre ja kein Mädchen, wenn man sich nicht in trotziger Kleinkindmanier auf den Boden werfen würde, um sein "keine Lust" der Leserin entgegenzurufen. Ein bisschen goldig schmollen, Kulleraugen machen und dann nichts wie raus aus der Verantwortung: Das wird die Arbeitswelt bestimmt revolutionieren.

Hier ein Gegenvorschlag, denn grundsätzlich einverstanden bin ich mit den "neu formulierten Bedingungen" und auch mit der postulierten Rolle des Spielverderbers. Allerdings gehört zum Spielverderben dazu, dass man das Spiel durchschaut, um es dann von innen heraus neu zu definieren und nach und nach die Spielregeln umzuschreiben. Nur so wird sich nämlich etwas ändern – und auch nur, wenn es möglichst viele Frauen in möglichst vielen Branchen und auf allen Hierarchieebenen gleichzeitig tun. Also rein in die Betriebe, Firmen, Büros und rauf auf die Chefsessel. Wenn wir das Spiel nicht mitspielen, um es allmählich zu verändern, wird sich nämlich garantiert gar nichts ändern.

Die große Kampfansage der "neuen deutschen Mädchen" an den "alten Feminismus" lautet, dass junge Frauen von heute "eine selbstverständliche Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen wollen und zu leben versuchen". Klingt gut! Leider verstehe ich dann aber den Rest des Buchs nicht: "Selbstver- ständliche Gleichberechtigung" heißt im folgenden, dass der Mann das Geld verdient und die Kreditkarte an Frauchen rüberreicht, während sie "keine Lust" auf Arbeit hat und zu Hause bleibt? Aha. Zum Glück waren wir in der Hinsicht auch schon mal weiter.

Sich die eigene Erfolglosigkeit in absichtlichen Karriereverzicht umzudeuten und versorgt werden zu wollen, wirft uns doch zurück in eine Zeit, bevor Alice Schwarzer und "ihre Frauen" uns schwungvoll ein neues Weltbild an die Wand genagelt haben. "Die Zeit hat sie eingeholt, ihre Rhetorik ist oll, Alice Schwarzer und ihre Frauen sind Historie geworden", formuliert Jana Hensel im ersten Kapitel als Grund, warum sie ihr Buch schreibt. Die Kritik nehme ich gerne stellvertretend für die EMMA entgegen: Lieber olle Rhetorik als olle Ansichten, und lieber Historie als gar keine Geschichte.

"Warum Feminismus das Leben schöner macht" lautet der Claim der Alphamädchen, den sich die EMMA so auch schon seit langem auf die Fahnen geschrieben hat, nur dass wir wohl eher "besser und gerechter" sagen würden. Etwas einfach nur verschönern wollen ist vom Verzieren und noch schnell ein putziges Schleifchen dranbinden nicht so arg weit entfernt. Dabei hätten die Autorinnen doch – wenn sie schon einen neuen Feminismus ausrufen wollen – einfach mal alles fordern können. Alice Schwarzer und die EMMA wollen schon seit 30 Jahren mehr, als einfach nur etwas schöner machen und Spaß haben.

Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn eine neue Generation von jungen Frauen das Themenspektrum gerne erweitert sähe, denn – soweit völlig d'accord – natürlich haben Frauen längst nicht alles erreicht, und an jeder Ecke tut sich eine neue Baustelle auf.

Warum man sich dabei aber auf diesen Kleinmäd- chenquatsch zurückziehen muss, bleibt ein Mysterium. Vielleicht weil man dann sagen kann, war doch gar nicht so gemeint und Ich-will-doch-nur-spielen?

Der Weg der Frauen zu der jüngst von Susanne Mayer in "Unsere Glamourgirls" geforderten Deutungshoheit wird noch weit und steinig werden, wenn man vor alles, was man will, die entschuldigende Vorsilbe "Mädchen" hängt, womit sich doch im Kopf anderer Menschen – und ja, vor allem der Männer – sofort das gesamte Sortiment der manipulativen Mätzchen und hysterischen Verhaltensweisen verbindet. Ernst genommen wird man damit so schnell sicher nicht. Aber vielleicht haben die Mädchen auf Deutungshoheit ja auch einfach "keine Lust". Könnte nämlich Arbeit machen und am Ende Schelte bringen, was in die rosarote Barbiewelt vom Fürs-Fleißigsein-gelobt-
werden-wollen dann nicht mehr so recht passt.

"Ich mag es (das Wort "Feminismus"), ehrlich gesagt nicht besonders", gab Jana Hensel im April 2008 bei satt.org zu Protokoll. "Es klingt nach Bewegung, Kampf, schlechtem Gewissen und Besserwisserei. Ich vermeide es, so oft es geht." Schade eigentlich, dass der Backlash nun offenbar schon da angekommen ist, wo man vor kurzem noch interessiert hinguckte, weil man sich von dort ein paar neue Impulse erhoffte.

Zuletzt erschien von der Autorin: Raus aus der Mädchenfalle (2006 bei Bloomsbury Berlin). Anton ist Programmleiterin des Campus Verlags in Frankfurt.

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