Frau Merkel, sind Sie Feministin?

Königin Máxima, Moderatorin Miriam Meckel, Kanzlerin Merkel, IWF-Chefin Christine Lagarde, Tochter Ivanka Trump (v. re.).
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Eine Stunde schon lief die Debatte auf der Bühne des W20-Gipfels, wo sich in diesen Tagen die Vertreterinnen aus Wirtschaft und Politik aus den 20 weltweit wichtigsten Industrie- und Schwellenländern treffen.

Und die Themen waren so kompliziert wie umfassend. Die acht Topfrauen deklinierten unter Moderation von Miriam Meckel das Thema „Frauen in der Wirtschaft weltweit“ von A bis Z einmal durch: Von der Frauen-Quote in Deutschland und einem neuen Wirtschaftsfond für Entwicklungsländer, über die Rolle der Frauen in der Technologie-Entwicklung und dem Mikrokreditwesen in Afrika bis hin zu der jüngst angekündigten Initiative zur Förderung von Unternehmerinnen durch Trump & Trudeau.

Auf dem Podium: Kanzlerin Merkel, IWF-Chefin Christine Lagarde, die niederländische Königin Máxima, die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland, die kenianische Tech-Entwicklerin Juliana Rotich, Anne Finucane von der Bank of America sowie die Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller. Und - das hatte schon im Vorfeld für Diskussionsstoff gesorgt – „First Daughter“ Ivanka Trump. Die konnte selbst nicht so genau erklären, worin ihre offizielle Funktion auf der Bühne nun genau besteht – außer, dass sie möglichst vielen Menschen „zuhören“ und ihrem Vater „berichten“ wolle. Sie sei ja auch neu in dieser Rolle, so Tochter Trump.

"Es gibt Frauen, die haben richtig gekämpft.
Wie Alice Schwarzer."

Als Angela Merkel schließlich sowohl die Vätermonate als auch die Frauenquote lobte („Das Gesetz haben sich die Unternehmen selbst erarbeitet, durch Nichtstun!“), platzte Moderatorin Meckel mit der Gretchen-Frage in eine Redepause: „Frau Merkel, verstehen Sie sich eigentlich als Feministin?“

Pause. Ist das Irritation oder Zögern im Gesicht der Kanzlerin? Oder hat sie gar mit den Augen gerollt? IWF-Chefin Lagarde, die sich ohne jede Scheu und schon seit Jahren offen als Feministin bezeichnet, klatschte aufmunternd in die Hände.

Nun ja, es gebe da „Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede“ antwortete Merkel dann gedehnt. Weiter: „Ich möchte mich ja auch nicht mit einem Titel schmücken, den ich gar nicht habe.“ Denn: Es gebe Frauen, die hätten „richtig gekämpft, so wie Alice Schwarzer“. Und da will Merkel sich nicht „einfach draufsetzen und sagen: Ich bin auch eine Feministin“.

Nun ist anzunehmen, dass die derzeitige Popularität des Feminismus auch am Kanzleramt nicht ganz vorbeigegangen ist, schon mal gar nicht an der früheren Frauenministerin Merkel. Weswegen die diplomatisch bewanderte Pfarrerstochter aus dem Osten noch hinzufügte, dass es natürlich dem Publikum unbenommen sei, sie als Feministin zu sehen. Es könne gerne abgestimmt werden.

Wer ist Feministin? Christine Lagarde, IWF-Chefin, hob beherzt die Hand.
Wer ist Feministin? Christine Lagarde, IWF-Chefin, hob beherzt die Hand.

Dabei wollte es Miriam Meckel aber nicht beruhen lassen. Wer sich denn noch alles als Feministin verstehe, fragte sie in die Runde. Lagarde hob beherzt die Hand. Wie auch Außenministerin Freeland und Trump-Tochter Ivanka. Und auch Königin Máxima meldete sich zu Wort. Denn: Es gehe beim Feminismus doch um gleiche Rechte für Frauen und um Selbstbestimmung. In diesem Sinne „bin ich eine Feministin“, erklärte die niederländische Königin.

Das wiederum wollte die Kanzlerin nicht auf sich sitzen lassen. „Na, dann bin ich auch eine“, stimmte Merkel dann doch zu.

Na, dann hätten wir das wenigstens schon mal geklärt.

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Merkel 1993: Zur Macht greifen!

Angela Merkel über Susan Faludis Buch "Die Männer schlagen zurück". - © imago
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Susan Faludi beschreibt in ihrem Buch ,Backlash. Die Männer schlagen zurück' die 80er Jahre als eine Dekade der Stagnation in der Frauenpolitik und der Reaktion der Männer auf den Feminismus. Sieht es in Deutschland anders aus? Da haben wir zwar die rechtliche Gleichberechtigung garantiert, eine nüchterne Analyse der Teilhabe von Frauen im öffentlichen Leben aber zeigt ein eher erschreckendes Bild. Ich habe dieses Buch im Januar 1993 in Amerika gelesen, in einer Zeit, als nach Bill Clintons Wahlsieg Frauen im politischen Leben der Vereinigten Staaten wieder eine größere Rolle zugedacht wurde. In den Monaten danach haben wir aber erlebt, wie amerikanische designierte Ministerinnen abserviert wurden. Wer hat je einen Mann gefragt, woher sein Kindermädchen kommt?

Das Rollenbild wird immer noch von Männern vorgegeben 

Susan Faludi schildert, welche Erwartungen heute an Frauen gestellt werden und wie die Realität aussieht. Das Rollenbild wird immer noch von Männern vorgegeben, lautet die Botschaft von Susan Faludi. Sie erspart sich dabei nicht die Mühe, mit Fakten nachzuweisen, in welcher Weise Trends und Modeerscheinungen, die in der Realität weder relevant noch typisch sind, gemacht und schein-wissenschaftlich untermauert werden.

Wer sind die Trendsetter? Wer macht die Meinung? Wer bestimmt, wovon wir erfahren dürfen, was wir wollen und wohin wir gehen sollen? Faludis Antworten auf diese Frage zeigen, dass es auch in Amerika vor allem Männer sind. Mit Unterstützung von ein paar Alibi-Frauen vermitteln diese Männer uns ein Meinungsbild, das Frauen nicht gerade ermutigt.

Ich sehe das in Deutschland genauso. Denn ich merke, dass Frauen so lange schwer vorankommen, wie sie nicht im gleichen Maße teilhaben am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben. So lange sie nicht in den Führungspositionen der Medien, der politischen Parteien, der Interessenverbände, der Wirtschaft und der sozialen Bereiche vertreten sind; so lange sie nicht zu den Modeschöpfern und Spitzenköchen gehören; so lange werden Leitlinien eben von Männern festgelegt. Deshalb ist eine meiner Lehren aus diesem Buch und aus meinen Erfahrungen: Wir Frauen müssen weitergehen auf dem Marsch durch die Institutionen und teilhaben an der öffentlichen Macht! Ob dies auch die Botschaft von Susan Faludi ist, vermag ich nicht ganz zu erkunden. Ich glaube, dass die Frauenbewegung in dieser Frage unentschieden ist.

Durch Schuldgefühle kann man den Mut, den Aufbruchsgeist und den Willen zur Selbstgestaltung des Lebens bei Frauen am besten unterbinden, lautet die zweite Erkenntnis von Susan Faludi. Man muss nur den Frauen immer wieder statistische irrelevante Zahlen vorhalten und falsche Fragen in den Medien publizieren und diskutieren, um sie in arge Selbstzweifel zu stürzen. Welche Heiratschancen habe ich, wenn ich eine führende Position bekleide? Wie hoch ist die Gefahr einer Fehlgeburt? Was leiden meine Kinder, wenn ich versuche, Beruf und Familie zu vereinbaren? Diese Fragen werden immer wieder an für Frauen entmutigenden Negativ-Beispielen diskutiert. Es ist der Versuch der Männer, sich in den von ihnen besetzten Positionen zu halten oder zumindest die einsteigenden Frauen mit einem schlechten Gewissen zu deckeln.

Wir Frauen müssen teil-haben an der öffentlichen Macht!

Susan Faludi zeigt an unglaublichen Beispielen, wie bestimmte wissenschaftliche Tatsachen so oder so ausgelegt werden können, und wie Statistik genutzt wird, um ein scheinbar unumstößliches Glaubensbekenntnis zu untermauern.

So stieg die Frauenerwerbsquote Anfang der 80er Jahre in den USA erstmals auf über 50 Prozent. Prompt behauptete Präsident Reagan, die berufstätigen Frauen seien ,schuld' an der Arbeitslosigkeit. In Wahrheit war es die der Rezession. Die Frauen profitierten nämlich in Reagans Amtszeit von jährlichen Stellenzuwachs so wenig wie zu Eisenhowers Zeiten. Und ein Drittel der neuen Frauenjobs lag unter dem Existenzminimum. Faludi: "Das waren keine Stellen, die Frauen den Männern wegnahmen; das waren Dreckjobs, die Männer ablehnten und Frauen aus Verzweiflung annahmen- um ihre Familie zu ernähren, wenn der Mann abwesend, arbeitslos oder unterbeschäftigt war."

Was lässt sich hieraus lernen? Zunächst muss die Frage beantwortet werden: Wer tut die Arbeit, die Frauen heute leisten, wenn sie stärker und richtigerweise am öffentlichen Leben beteiligt werden? Diese Arbeit kann nur von den Vätern und Großvätern, den Männern also geleistet werden. Das müssen Frauen immer wieder auf den Tisch bringen, auch wenn es unendlich viel Kraft braucht.

Wir müssen wegkommen von den stereotypen Rollenvorstellungen und neue Leitbilder propagieren: Der Mann, der sich um die Nachbarn kümmert; der Mann, der nachmittags in der Theatergruppe der Schule mitmacht; der Mann, der spült und das Klo putzt. Denn das habe ich der DDR gelernt: Wenn Frauen nur zusätzlich zu all den Arbeiten, die sie zu erledigen haben, noch die Erwerbstätigkeit oder die Teilhabe an öffentlichen Ämtern ausüben, dann schwindet die Kraft, sich über die eigene Lebensgestaltung klar zu werden, gar in sie zu investieren.

Leider gibt Susan Faludi keine Antwort auf die Frage, wie diese Änderung des Rollenverständnisses von Männern bewirkt werden kann. Die gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen und privaten Leben ist ja keineswegs allein durch Gesetze und Verordnungen zu verwirklichen. Der Kampf um die Gleichberechtigung ist nach Susan Faludi eine spiralförmige Entwicklung, immer wieder verbunden mit Rückschritten, die sich nur langsam an die eigentliche Gleichberechtigung herantastet. Wie diese eigentliche Gleichberechtigung letztendlich aussieht, bleibt in dem Buch an vielen Stellen im Dunkeln.

Ich verstehe unter Gleichberechtigung das gleiche Recht für Frauen auf Gestaltung des eigenen Lebens und die gleichmäßige Verteilung aller Pflichten, die für das Gesamtwohl unserer Gesellschaft unerlässlich sind. Individualisierung allein wird uns nicht voranbringen. Susan Faludi zeigt, dass Frauen ihre Anliegen selbst artikulieren müssen, und dies kontinuierlich. Das Unwissen nachwachsender Frauengenerationen über die Forderungen ihrer Vorkämpferinnen hat immer wieder zu Brüchen in der feministischen Entwicklung der USA geführt. In Deutschland wird es nicht anders sein. Faludi zeigt, dass Frauen sich selber auf den Weg machen müssen, wenn sie für sich etwas erreichen wollen.

Gleiches Recht für Frauen auf Gestaltung des eigenen Lebens

Faludi argumentiert nicht, und das macht den Reiz dieses Buches aus, auf emotionaler Ebene. Sie bedient sich wissenschaftlicher Methoden, um zu beweisen, dass so mancher Trend oder Skandal mehr System hat, als auf den ersten Blick erkennbar ist.

Mitte der 80er Jahre erschienen in der amerikanischen Presse eine Fülle von Trendstories über Mütter, die angeblich Angst hatten, ihre Kinder in Horte zu geben. 1988 taucht dieser Trend dann erstmals in einer nationalen Erhebung auf: 40 % der Mütter sprachen nun von dieser Angst', das Vertrauen in die Horte sank von 76 Prozent im Vorjahr auf 64 Prozent. In den 80er Jahren wurde von den Medien ebenso hartnäckig behauptet, immer mehr Frauen gäben ihren Beruf auf, um bessere Mütter zu sein. Tatsächlich aber sank die Frauenerwerbsquote in dieser Zeit bei Frauen zwischen 20 und 44 nur um 0,5 Prozent.

Faludi: "Die Frauen-Trendstories der 80er Jahre, die nur so taten, als brächten sie Fakten, dienten einem politischen Programm, obwohl sie den Frauen weismachten, was mit ihnen geschehe, habe nichts mit Politik oder gesellschaftlichen Zwängen zu tun."

Für mich eröffnet Susan Faludis Buch eine völlig neue Sichtweise auf die Entwicklung der letzten zehn bis 15 Jahre in Amerika. Es zeigt aber vor allem uns in Deutschland, die wir zur Zeit in einem Prozess der Annäherung von sehr verschiedenen Biographien in Ost und West sind, aufweiche Gefahren Frauen stoßen werden.

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