Frauen-Proteste in Island: „Gleicher

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Frauen werden schlechter bezahlt als Männer. Laut Statistischem Bundesamt liegt die Einkommenskluft in Deutschland seit Jahren bei 23 Prozent. Die Statistiker haben sich diesen so genannten „Gender Pay Gap“ im Detail angesehen und setzen nun noch einen drauf: Selbst bei gleicher Beschäftigung, gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeit verdienen Frauen acht Prozent weniger als ihre Kollegen. Die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern sorgt nicht nur hierzulande für Unmut - allerdings sind die Unmutsbekundungen anderorts lauter. In Island haben am vergangenen Montag 50.000 Frauen um 14.25 Uhr ihre Arbeit niedergelegt und sind in der Hauptstadt Reykjavík auf die Strasse gegangen. EMMAonline berichtet aus Island.

Schneeregen und Sturmböen hielten 50.000 Frauen nicht davon ab, quer durch Reykjavíks Zentrum zu laufen. „Gleicher Lohn, gleiche Arbeit“ prangte in rosafarbenen und schwarzen Lettern auf ihren handgemalten Plakaten. Oder: „Wer ist verantwortlich für Lohnunterschiede?“ Der Grund für den Protest: Der Lohn der isländischen Frauen beträgt laut Global-Gender-Gap-Report 65,7 Prozent des Gesamteinkommens von Männer. Und das, obwohl Island im Report des „World Economic Forums“, der die Gleichstellung der Geschlechter in 134 Ländern analysiert, auf Platz eins steht (Deutschland: Platz 13).
Bei der Bezahlung in Island könnten Frauen also eigentlich schon um 14.25 nach Hause gehen - und nicht erst um 17 Uhr. Pünktlich um 14.25 Uhr haben die Demonstrantinnen deshalb am vergangenen Montag den „Kvennafrí“ (arbeitsfreier Tag) eingeläutet, und sind unter dem Motto „Já, ég Þori, get og vil“ (Ich traue mich, kann und will) gemeinsam auf die Straße gegangen. 50.000 Frauen – das ist bei einer Gesamtbevölkerung von 320.000 Menschen eine stolze Zahl.
„Zwar hat sich in den vergangenen Jahren vieles getan“, sagte Hildur Fridleifsdóttir, Direktorin der Hauptfiliale der Landsbanki in Reykjavík, gegenüber der Zeitung Iceland Review. „Bei Landsbanki verdienen Frauen und Männer das gleiche Geld, wenn sie die gleiche Arbeit leisten.“ Dennoch liege einiges im Argen – gerade seit der Wirtschaftskrise in Island im Jahr 2008. Der Streiktag sei deshalb wichtig, um das Bewusstsein für die Gehalts- und Lohnfragen von Frauen in der Gesellschaft zu erhöhen. „Außerdem zeigen wir Frauen so einen Zusammenhalt, der auch in anderen Ländern hilfreich wäre. Denn nur dadurch können wir etwas verändern", sagte auch Demonstrantin Karitas Häsler.
So mancher isländischer Mann unterstützt die Frauen in diesem Anliegen. Reykjaviks Bürgermeister Jón Gnarr hat die Mitarbeiterinnen der Stadt aufgerufen, an der Demonstration teilzunehmen.
Die Frauen protestierten kreativ. Einige überklebten Straßenschilder mit den verschiedenen isländischen Bezeichnungen für Mädchen und Frauen. Andere tanzten als Spiderman verkleidet oder in hautengen pinkfarbenen Ganzkörperanzügen zu Cindy Laupers „Girls just want to have fun“ und „Sisters are doin´ it for themselves“ von Aretha Franklin und Annie Lennox.
Der erste Streiktag dieser Art fand 1975 statt. Er markierte den Beginn der isländischen Frauenbewegung. 25.000 Isländerinnen gingen damals nicht zur Arbeit, ließen ihre Hausarbeit liegen – und legten so das komplette gesellschaftliche Leben auf der Insel lahm. Auch diesmal haben viele Geschäfte in der Innenstadt nachmittags geschlossen. Nur in einer Bankfiliale werden die Kunden noch bedient. In den städtischen Museen halten die männlichen Mitarbeiter am Empfang die Stellung.
Die DemonstrantInnen wollten mit ihrem Protest in diesem Jahr auf einen weiteren Missstand aufmerksam machen: männliche Gewalt gegen Frauen. Bereits am Sonntag hatte es dazu in Reykjavík eine Internationale Konferenz gegeben, mit etwa 500 TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt wie UN-Sonderberichterstatterin Rashida Manjoo aus Südafrika und Knut Storberget, norwegischer Justizminister und Mitglied im Netzwerk männlicher Führungskräfte im Kampf gegen männliche Gewalt. Manjoo erinnerte daran, dass die Gleichstellung per Gesetz nicht ausreiche.

Thema im Forum diskutieren

Obwohl Island mit Vigdís Finnborgadóttir von 1980 bis 1996 das weltweit erste demokratisch gewählte weibliche Staatsoberhaupt hatte und mit der aktuellen Regierungschefin Jóhanna Sigurðardóttir die weltweit erste, die sich offen als homosexuell erklärt, ist offenbar Gewalt gegen Frauen und deren Ahndung auch auf der Insel im Nordmeer ein Problem. Im Jahr 2009 sind von 130 wegen Vergewaltigung angeklagter Männern lediglich sieben verurteilt worden.

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