Zu Besuch bei den Berufsemanzen

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Wenn man die Frauenbeauftragte Roswitha Bocklage in ihrem Büro im Wuppertaler Rathaus besucht, gilt es zunächst, ein paar Missverständnisse zu klären. Erstens: Ros­witha Bocklage ist gar keine Frauenbeauftragte. Ihr offizieller Titel lautet „Leiterin der Gleichstellungsstelle für Frau und Mann“. Zwar sind Namen eigentlich Schall und Rauch, in diesem Fall jedoch macht die Frage der exakten Bezeichnung nicht nur einen kleinen Unterschied. Sie bedeutet nämlich, wie der Name schon sagt, dass Bocklage und ihre drei Mitarbeiterinnen auch für die Gleichstellung von Männern zuständig sind.

Was uns zum zweiten Punkt führt, den viele Menschen gern missverstehen, manche nicht ganz unabsichtlich: „Zu mir können auch Männer kommen. Und die kommen auch!“ Zum Beispiel, wenn ein Vater gern Teilzeit arbeiten würde, um sich um seinen Nachwuchs zu kümmern, und mit dieser gleichstellungspolitisch ziemlich guten Idee bei seinem Arbeit­geber auf Granit beißt. Dann schaltet sich Roswitha Bocklage ein. Sie berät, tele­foniert und würde den Mann auch zum ­Gespräch mit dem Arbeitgeber begleiten. Bisher war das noch nicht nötig, weil sie es immer ohne Aufstand vor Ort hin­gekriegt hat.

Die Gleichstellungsbeauftragte sieht es so: „Ich bin Berufsemanze. Ich werde dafür bezahlt, dass Menschen sich emanzipieren.“ Auch männliche. „Und das finde ich gut.“ Und schließlich, Missverständnis Num­mer drei: „Ich trage keine Latzhose. Und ich bin auch nicht verbittert.“

Dass man mit einer Gleichstellungs­beauftragten zumindest kurz über die Latzhosenfrage reden muss – und währenddessen ihre grasgrüne Design-Tunika und die schicken Lederstiefel bewundern kann – ist nicht weiter verwunderlich. Das Walküren-Klischee scheint in Beton gegossen, seit deutsche Städte und Gemeinden Mitte der 1990er Jahre qua Landesgleichstellungsgesetz dazu verdonnert wur­den, ihre Aktivitäten von einer Frauenbeauftragten beobachten und beeinflussen zu lassen. Im Jahr 2000 richtete die damalige Frauenministerin Christine Bergmann (SPD) den kommunalen Frauen­beauftragten gar eine eigene Geschäftsstelle in der Hauptstadt ein und finanzierte sie drei Jahre lang als Modellprojekt.

Seither wurde die Frauenbeauftragte in zahllosen Filmen und Glossen lächerlich gemacht: unattraktiv, verspannt, verbissen, hysterisch, spaßfrei. Das geht jetzt seit zwanzig Jahren so und bedarf deshalb nur noch einer kurzen, routinemäßigen Richtigstellung. Keine Latzhose. Nicht verbissen. Fertig.
Dass man mit einer Gleichstellungsbeauftragten zunächst ausgiebig über Männer reden muss, ist hingegen ein neues Phänomen. Das liegt daran, dass sich Ros­witha Bocklage und ihre rund 1600 Kolleginnen seit einiger Zeit nicht nur das Walküren-Klischee um die Ohren hauen lassen müssen, sondern Attacken ganz anderen Kalibers gegen sie gefahren werden. Tenor: Für Frauen ist genug getan, jetzt sind mal die armen Männer dran!

Da war zum Beispiel die Diskussion um Markus Theunert, den ersten Männerbeauftragten der Schweiz. Als der nach wenigen Wochen seinen Job in der Zürcher Stadtverwaltung wieder hinschmiss, hieß es: Mobbing! Die Frauenbeauftragten hätten einfach nicht ertragen, dass da jetzt einer endlich mal was für die Männer tun wollte.

„Dagegen hat überhaupt niemand was. Im Gegenteil“, sagt Roswitha Bocklage und verdreht die Augen. Gerade haben die Frauenbeauftragten bei einem Treffen mit dem „Bundesforum Männer“ über gemeinsame Strategien und gegenseitige Unterstützungsmöglichkeiten beraten. Im Fall Theunert habe man sich lediglich darüber gewundert, dass so getan wurde, als habe dieser das Rad neu erfunden. „Wir arbeiten doch seit 20 Jahren an diesen Themen: Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Männer, Jungen­arbeit, ­andere Rollenbilder.“ Erst kürzlich hat Bocklage, selbst Mutter eines 18-jährigen Sohnes, zum Beispiel die Ausstellung „Väter-Vorbilder“ organisiert. Einen „Männer-Gesundheitstag“ gibt es in Wuppertal inzwischen auch. „Aber sobald das ein Mann macht, kriegt der Schlag­zeilen bis nach Australien.“
Theunerts Abgang war in Wahrheit der Tatsache geschuldet, dass sein ­Verband männer.ch ein fragwürdiges Posi­tions­papier zur Legalisierung von Gewalt­pornografie und Prostitution veröffentlicht hatte. Als der Männerbeauftragte dafür scharf kritisiert wurde, trat er zurück.

Dann war da der Skandal um die Entlassung der Goslaer Gleich­stellungs­be­­­auf­tragten Monika Ebeling. Auch hier ­posaunte die Presse: Die Gleichstellungsbeauftragte sei rausgeschmissen worden, weil sie „auch etwas für Männer machen wollte“. Fakt ist: Ebeling war Mitglied in der maskulistischen Organisation AGENS und Referentin auf dem „Antifeministischen Männerkongress“ in der Schweiz. Für die Wuppertalerin Bocklage ist der Fall klar: „Eine Frauenbeauftragte sollte nicht mit Männerrechtlern kooperieren. Punkt.“

A propos Männerrechtler. Diese Herren, die ihren Biologismus und Frauenhass nicht nur in dubiosen Internet-Foren ausleben, sondern auch in so mancher Redaktion angesehener Leitmedien, haben es ­natürlich auf die Frauenbeauftragten abgesehen. Den Anfang machte Volker Zastrow, heute Leiter des Politikressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 2006 in der FAZ mit einer wirren Attacke auf das „Gender Mainstreaming“. In seinem Generalangriff auf die Gleichstellungspolitik spielten die Frauenbeauftragten als Agentinnen einer lesbisch-feministischen Weltverschwörung eine tragende Rolle.

Seither haben zahlreiche Zastrow-Epigonen das Gender Mainstreaming unter Dauerbeschuss genommen. Dabei meint das Wortmonster ein ebenso einfaches wie sinnvolles Prinzip: Alle Maßnahmen, die zum Beispiel eine Kommune ergreift, sollen zuvor auf ihre Auswirkung auf Männer und Frauen abgeklopft werden. Das Gender Mainstreaming ist folglich die Grundlage, auf der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte arbeiten.

Wenn Roswitha Bocklage mit diesem geschärften Geschlechterblick auf Wupper­tal schaut, sieht sie sehr viele Bereiche, in denen Frauen die überwältigende Mehrheit stellen: Alleinerziehende. Gewalt­opfer. Prostituierte. Minijobber. Ess­gestörte. Pflegende. Zwangsverheiratete. Geringverdiener. Ihr Job ist es, die Angebote für diese Gruppen zu unterstützen. Selten mit Geld, denn davon ist nicht allzu viel da, sondern mit Dienstleistungen. „Zum Beispiel übernehmen wir für Beratungsstellen wie das ‚Forum Essstörungen‘ die Pflege ihrer Internetpräsenz.“ Oder die Gleichstellungsbeauftragte nutzt ihre guten Kontakte, um einem Projekt wie dem ­„Arbeitskreis gegen Frauenhandel und Zwangspros­titution“ einen Weg in die Politik zu ­bahnen.

Das funktioniert in der Regel gut, denn der schwarz-rot regierte Stadtrat hat einen Gleichstellungsausschuss, so dass Gleichstellungspolitik dort nicht unter „Gedöns“ firmiert. Hinzu kommt: Bocklage ist Mitglied im Verwaltungsvorstand, Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) ist also ihr direkter Chef. Entsprechend kurz sind die Wege. „Es gibt in Verwaltung und Politik viel Akzeptanz für unsere ­Arbeit, weil alle wissen, was wir tun“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. „Es gibt ein ein Agreement, dass Gleichstellungspolitik wichtig ist.“

Außerdem berät Bocklages Team Initiativen in Gründung. Zum Beispiel den „Wupperpride“, der seit Sommer 2010 auch in Wuppertal den Christopher-Street-Day veranstaltet. „Da haben wir uns zusammengesetzt und überlegt: Wie kann die Stadt unterstützen?“, erzählt Bocklage. „Wir sind nämlich Profis im Eventmanagement.“
Manchmal gibt es auch eine kleine ­Finanzspritze aus dem Etat der Gleichstellungsstelle. Zum Beispiel 350 Euro für die Plakatierung der Waggons der berühmten Schwebebahn am 25. November, dem „Internationalen Tag gegen ­Gewalt gegen Frauen“. Das Hauptding ist aber die Vernetzung, zum Beispiel am Runden Tisch gegen Häusliche Gewalt, an dem Roswitha Bocklage selbstverständlich sitzt.

So läuft es in Wuppertal. Aber nicht alle Gleichstellungsbeauftragten residieren in einem ganzen Trakt des Rathauses, wie Roswitha Bocklage und ihr Team, zu dem auch noch die fünf Mitarbeiterinnen des landesgeförderten „Kompetenzzentrums Frau und Beruf Bergisches Städtedreieck“ gehören. In anderen Städten ist der Job mühseliger. Nämlich dann, wenn es keine Frauenberatungsstelle, kein „Forum Essstörungen“ und keinen „Arbeitskreis Zwangsheirat“ gibt. Dann landen alle Hilfesuchenden direkt im Büro der Gleichstellungsbeauftragten, die nun selbst Erste Hilfe leisten muss, oft allein auf weiter Flur. „Es gibt viele Gleichstellungsbeauftragte, die Einzelkämpferinnen sind, nur eine Teilzeitstelle haben oder gar ehrenamtlich arbeiten“, erzählt Roswitha Bocklage. Sie weiß das, weil sie seit 2006 eine von sieben Sprecherinnen der „Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbeauftragten und Gleichstellungsstellen“ ist. Und als solche kennt sie die Bestimmungen der Bundesländer, die die Gleichstellungsbeauftragten-Frage auf 16 verschiedene Weisen regeln. Während zum Beispiel laut Kommunalverfassung in NRW seit 1994 alle Kommunen ab 10000 EinwohnerInnen eine hauptamt­liche Gleichstellungsbeauftragte haben müssen, „empfiehlt“ Baden-Württemberg bisher seinen Städten lediglich, einen ­solchen Posten zu schaffen.

Als Roswitha Bocklage im August 1993 in Wuppertal anfing, kam sie frisch von der Münsteraner Fachhochschule für Sozialarbeit. Schon dort hatte sie sich im „Frauen- und Lesbenreferat“ engagiert, für die Beseitigung von „Angsträumen“ und die Einrichtung der Fachhochschul-Frauenbeauftragten gekämpft. Ihre Diplom­arbeit schrieb sie praktischerweise über die Frage, welche Bedingungen Gleichstellungsbeauftragte brauchen, um effizient zu arbeiten. Dann suchte sie nach einer Gleichstellungsstelle, um dort ihr Anerkennungsjahr zu machen. Sie fand Wuppertal. „Ich habe das sozusagen von der Pieke auf gelernt.“

19 Jahre später ist Bocklage an der Spitze angekommen. Als Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft wird ihre Stimme nicht nur in Wuppertal gehört, sondern im ganzen Land. Zum Beispiel im Berliner Frauenministerium. Nachdem Kristina Schröders Buch „Danke, emanzipiert sind wir selber!“ erschienen war, antwortete die irritierte Bundesarbeitsgemeinschaft mit einem Offenen Brief: „Sehr geehrte Frau Ministerin, wir, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, brauchen für unsere Arbeit Unterstützung durch die Politik und von Ihnen als ­zuständige Frauenministerin!“ forderten sie. „Leider hat Frau Schröder bisher nicht geantwortet“, bedauert Bocklage. „Sie müsste von Amts wegen ja eigentlich auch eine Berufsemanze sein.“ Dabei ­arbeite man mit der Gleichstellungsabteilung des Ministeriums seit Jahren gut ­zusammen.

Dennoch ignorierte Schröder den Gleichstellungsbericht, den neun renommierte WissenschaftlerInnen im Auftrag ihrer Vorgängerin Ursula von der Leyen erstellt hatten. Dabei war dieser Bericht ­eigentlich das Beste, was einer Frauenministerin passieren kann. Mit präzisem Blick benannte das ­interdisziplinäre Team, wo der Staat widersprüchliche Signale in Sachen Gleich­stellung setzt. Wieso, fragten sie zum Beispiel, drängt einerseits das novellierte ­Unterhaltsrecht Frauen zu durchgängiger ­Erwerbstätigkeit, während andererseits das Ehegattensplitting gleichzeitig die Hausfrauenehe subventioniert? Warum erkennt man das Problem der weiblichen Alters­armut, fördert aber gleichzeitig Minijobs? Schröder schickte zur Annahme des ­Berichts ihren Staatssekretär und erklärte in ihrer Stellungnahme lapidar: Sie „teile nicht alle Schlussfolgerungen, die aus dem Bericht erwachsen“.

Die Frauenbeauftragten schäumten. Und veröffentlichten eine Stellungnahme: „Die Sachverständigenkommission hat der Bundesregierung mit ihrem Gutachten eine Steilvorlage geboten. Keine der Empfehlungen hat sie in ihrer Stellungnahme konkret aufgegriffen. Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Frauen und Männer in Deutschland, die auf einen Paradigmenwechsel in der Gleichstellungspolitik hoffen konnten.“ Aber der Theorie folgt nun auch die Praxis: „Wir organisieren Präsentationen des Berichts in den Kommunen, damit der Bericht nicht in der Schublade verschwindet“, ­erklärt Bocklage resolut.

Auch wenn sich der Unmut der Frauenbeauftragten in diesem Fall gegen eine konservative Ministerin richtet, hat Ros­witha Bocklage im Laufe von fast zwei Jahrzehnten die Erfahrung gemacht, „dass bei Frauenbeauftragten das Parteibuch egal ist. Sie stoßen überall auf die gleichen Widerstände.“
Die Widerstände sind einerseits größer geworden. „Natürlich haben wir es mit einem Backlash zu tun.“ Aber selbst dem Gezeter der Männerrechtler kann die Gleichstellungsbeauftragte etwas Positives abgewinnen. „Scheinbar machen ihnen die Veränderungen, die wir erreicht haben, so viel Angst, dass sie da so reinhauen müssen. Aber ich denke, das gehört dazu – Veränderungen kriegt man nicht ohne Widerspruch.“
Und so sind es eben genau diese Veränderungen, die dafür sorgen, dass Roswitha Bocklage immer noch „sehr viel Spaß“ an ihrem Job hat. „Es fällt inzwischen auf, wenn in einem Gremium nur eine Frau sitzt. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass es so viel Gewalt gegen Frauen gibt. Es ist nicht okay, dass Medikamente nur an Männer getestet werden.“

Und es ist im Wuppertaler Rathaus, dessen Grundstein 1913 gelegt wurde, auch aufgefallen, dass man im Foyer mit den löwenverzierten Sandsteinsäulen auf einer Steintafel zunächst nur der „für das Vaterland gefallenen Beamten und Angestellten“ gedacht hatte. Wendet man sich nun nach links, dann entdeckt man dort eine zweite Tafel: „In Erinnerung an die Trümmerfrauen, die mit ihrem Einsatz halfen, nach 1945 unsere zerstörte Stadt wieder aufzubauen.“ Das ist Gender Mainstreaming.

Mehr zum Thema
www.frauenbeauftragte.de

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