Good Bye, Gloria Steinem
Ich bin ihr das erste Mal in Paris begegnet. In Saint Germain, 1973. Die schon da legendäre Gloria Steinem war eingeladen worden, im kleinen Kreis die von ihr 1971 gegründete Ms. vorzustellen, das erste unabhängige feministische Magazin weltweit. Das tat sie temperamentvoll und mitreißend. Da war Steinem schon eine in den USA bekannte Journalistin und hatte u.a. eine Under-Cover-Reportage als Bunny im New Yorker Playboy-Club veröffentlicht. Sie sollte Hefner und diese ganze korrupte Porno-Industrie in den Folgejahren weiter in aller Schärfe bekämpfen.
An diesem Abend in Saint Germain war ich zusammen mit Simone de Beauvoir zu dem unter Feministinnen angekündigten Vortrag von Steinem gegangen. Und ich erinnere mich noch gut an den rührenden Kontrast zwischen der formellen Grande Dame des Feminismus, die auf zusammengeschobenen Knien mit beiden Händen ihre Handtasche festhielt, und der Sister, die vorne ihre Mähne schüttelte, Stil wildes College-Mädchen. Beide waren wir beeindruckt von den kräftigen schwarzen weiblichen Bodyguards rechts und links von Gloria. So etwas kannten wir in Paris nicht.
Nach dem Vortrag sprach ich Gloria an. Ich wolle auch so ein Magazin machen, welchen Rat sie denn da für mich hätte? Sie lächelte freundlich. Oder war da auch Mitleid in ihrem Lächeln? Vor allem eines müsse mir klar sein, sagte sie: „Niemand wird dir einen Penny dafür geben.“ Sie sollte recht behalten.
Gloria war gewohnt, ganz wie ich, selber Geld zu beschaffen. Die Eltern waren geschieden, die Mutter war „psychisch angeschlagen“, Gloria sorgte schon als Kind mit für den Unterhalt der Familie. Später studierte sie an dem renommierten Smith-Frauencollege, wo die brillante Schülerin ein Stipendium bekam. Dass ihre Großmutter mütterlicherseits eine aktive Suffragette gewesen war, erfuhr die Feministin erst im hohen Alter, durch eine Frauenforscherin.
1969 gab Gloria ihr feministisches Debüt durch einen Artikel mit dem Titel: „After Black Power, Women’s Liberation! “ Auslöser war der beginnende Kampf der Frauen gegen das Abtreibungsverbot. Gloria Steinem gründete Ms. mit 38 Jahren, wenig später gingen die innerfeministischen Querelen los. Kate Millett, die Autorin von „Sexual Politics“ („Sexus und Herrschaft“), hat darüber geschrieben, sie wäre fast daran zerbrochen. Shulamith Firestone, die Autorin von „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“, landete in der Psychiatrie. Und auch Phyllis Chesler, Autorin von „Women and Madness“ (Frauen, das verrückte Geschlecht?) wusste ein Lied davon zu singen. Gloria Steinem zog sich partiell zurück. Ihr war vorgeworfen worden, dass sie als 24-Jährige für eine Jugendorganisation gearbeitet habe, die vom CIA finanziert worden war.
1987 wurde Ms. verkauft, an den australischen Medienkonzern Fairfax. Die bekannte Feministin Robin Morgan („Sisterhood is Powerful“) verantwortete eine Zeitlang das Blatt. Heute ist Ms. kein Publikumsmagazin mehr, nur noch im Abonnement erhältlich und eine Art Vereinszeitschrift für Unverbesserliche.
Gloria Steinem, die als „workaholic“ galt, blieb als Journalistin und Aktivistin unermüdlich aktiv in den klassischen feministischen Domänen: Das Recht auf Abtreibung! Der Kampf gegen Gewalt und Pornographie! Gleiche Rechte! Sie heiratete mit 66 zum ersten Mal. Ihr Mann starb drei Jahre später. Gloria Steinem blieb als feministische Pionierin im öffentlichen Gedächtnis, „verehrt und verhasst“ und die „Verkörperung der Frauenbewegung“ (New York Times).
2013 verlieh ihr Präsident Obama den hohen Orden „Presidential Medal of Freedom". Da war Steinem 79 Jahre alt und hatte immer noch etwas von dem wilden College-Girl, dem ich 1973 begegnet war. Sie starb jetzt im Alter von 92 Jahren in New York.
ALICE SCHWARZER
Der Text erschien zuerst in der Zeit.

