Mehr Kinder? So wird das nix!

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Ist das jetzt eigentlich eine gute oder eine schlechte Nachricht? Die Geburtenrate ist angestiegen, auf 1,5 Kinder. Allerdings nicht bei allen, sondern bei Frauen, die mit einem ausländischen Pass in Deutschland leben. Sie kommen aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Albanien oder dem Kosovo und müssen jetzt herhalten für die in Deutschland sehr leidlich geführte Demografie-Debatte. Bei deutschen Frauen liegt die Geburtenrate weiterhin bei 1,43, ganz ähnlich wie im Vorjahr. An der Tatsache, dass Deutschland eine der niedrigsten Geburtenraten Europas hat, hat sich also, was die deutschen Frauen anbelangt, nichts verändert. Und das, obwohl die Maßnahmen für Familien ständig ausgebaut werden. Die Soziologin Barbara Fulda erforscht für die Technische Universität Chemnitz die Gründe. Dafür ist sie aus dem rheinländischen Köln erst ins bayerische Fürth und dann nach Waldshut in Baden-Württemberg gezogen - zwecks Feldforschung. In Waldshut leben rund 168.000 EinwohnerInnen, das Durchschnittsalter ist 44, die Wirtschaft ist stabil, die Arbeitslosenzahl gering. Die Menschen heiraten öfter als anderorts und die meisten Frauen arbeiten in Mini-Jobs oder in Teilzeit. Waldshut hat jedoch folgendes Problem: Die Frauen bekommen weniger Kinder, als DemografInnen wie Fulda das erwarten würden. Im bayerischen Fürth leben rund 124.000 EinwohnerInnen, auch dort ist die Hälfte weiblich, und diese Frauen sind hier im größeren Umfang erwerbstätig als in Waldshut. Und sie bekommen auch mehr Kinder. Wie ist dieser Unterschied zu erklären? Barbara Fulda sagt: Wir haben in Sachen Demografie bisher die falschen Fragen gestellt.

Frau Fulda, war die bisherige Demografie-Forschung für die Katz?
Nein, wir müssen diese Art des Forschens nur um kulturelle Leitbilder ergänzen.

Was wird denn bisher gemessen?
Kindergartenplätze, Arbeitslosenquote, Altersstruktur. Oder auch: Welches Einkommen haben die Menschen? Wie ist ihr Bildungsgrad?

Aber das reicht nicht?
Nein. Weil wir trotz dieser Zahlen nicht erklären können, warum es in einigen Ecken von Deutschland zwar sehr viele Kindergartenplätze gibt - aber die Frauen trotzdem nicht besonders viele Kinder bekommen.

Ist das alles denn so wahnsinnig neu?
Nicht alles. In Schweden beobachten wir solche Entwicklungen ja schon lange. Bisher aber gingen Forscher auch hier meistens davon aus, dass die Rechnung lautet: skandinavisches Land, gute Betreuungsmöglichkeiten, viele Kinder! Aber die kulturellen Vorstellungen von Müttern sind mindestens so ausschlaggebend, wenn nicht sogar wichtiger. Wenn die sich nicht ändern, können wir so viele Kindergartenplätze schaffen, wie wir wollen. Wir sehen in Deutschland Muster, die sich seit über 100 Jahren halten.

Zum Beispiel?
Zu Beginn der Industrialisierung unterschied sich die Frauenerwerbstätigkeit stark von Region zu Region. Im Süden Deutschlands war die Heimarbeit, also die Erwerbstätigkeit zu Hause, für Frauen viel akzeptierter. Sie haben also zum Haushaltseinkommen beigetragen. In Norddeutschland war die Frauenerwerbstätigkeit geringer. Diese Verhältnisse in der Verteilung finden Sie bis heute.

Und was ist heute?
Solche Muster schwanken bis heute sogar innerhalb kurzer Distanzen stark. Das bekommt bisher viel zu wenig Beachtung. Wir müssen uns viel kleinräumigere soziale Kontexte anschauen.

Sie haben sich Waldshut und Fürth angesehen. Warum?
Weil dort die Fertilitätsraten konträr zu den strukturellen Voraussetzungen sind.

Zum Beispiel im Landkreis Waldshut: Was ist da los?
Da sind Rollenvorstellungen eher konservativ: Der Mann kümmert sich um die Erwerbsarbeit, die Frau um die Familienarbeit.

Bekommen die Menschen dort mehr Kinder als im fränkischen Fürth?
Nein, sie bekommen weniger Kinder. Und zwar: obwohl die Voraussetzungen ähnlich sind wie in Fürth! Die Altersstruktur stimmt, die Einkommenssituation ist gut und es gibt vergleichsweise genügend Kindergartenplätze. Aber in einer Region, in der ein traditionelles Frauenbild vorherrscht, entsteht für Frauen ein innerer Konflikt. Einerseits haben sie diese Bilder internalisiert. Andererseits hat die Frauenerwerbstätigkeit immer weiter zugenommen. Frauen sind heute viel besser ausgebildet als früher. Und das alles wollen sie natürlich nicht aufgeben. Dann bekommen sie ein schlechtes Gewissen und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. In einem solchen Klima ist es nicht leicht, sich für ein Kind zu entscheiden.

Und in Fürth?
Dort sind modernisierte Rollenvorstellungen verbreiteter. Die Mütter finden es okay, gleichzeitig arbeiten zu gehen. Männer sind eher dazu bereit, Pflichten im Haushalt zu übernehmen. Das macht es leichter, sich für Kinder zu entscheiden. Denn das ist ja die andere Seite der Medaille! Wir reden immer über Mütter ...

... aber die Haltung der Väter ist mindestens so wichtig?
Genau. Wenn Frauen weniger zur Hausarbeit beitragen, muss die ja irgendwer übernehmen! Und es sind dann natürlich die Männer! In Fürth nehmen sowohl die Frauen als auch das gesamte soziale Umfeld ein solches Verhalten lobend zur Kenntnis. In Waldshut denken Menschen eher: Richtiger wäre es aber schon, wenn das jetzt die Mutter machen würde! Was hinzukommt: Die Elternzeit ist zwar ein schönes Modell, aber wesentlich ist auch, was die Väter in dieser Zeit tun. Sagen sie: Ich kümmere mich um die Kinder und den Haushalt. Oder sagen sie: Ich reparier dann jetzt mal das Dach und ich putze das Auto. Und ansonsten bleibt bei uns zu Hause alles so, wie es ist. In Waldshut habe ich genau das beobachtet.

Wie sind Sie dann vorgegangen? 
Ich habe jeweils rund einen Monat in Waldshut gelebt, Interviews geführt und Protokolle geschrieben. Es ging mir von Anfang an nicht darum, nur mit Eltern zu sprechen. Das reicht ja nicht, um Rollenmuster zu begreifen. Also habe ich auch mit Erziehern gesprochen. Und der Stadtverwaltung. Und ich bin zu Vereinstreffen gegangen.

Sie sind zum Schützenverein gegangen und haben Protokoll geführt?
Nicht ganz. Mir ging es vor allem um Vereine, die familienrelevante Arbeit machen. In Fürth gibt viele Vereine, die Lesehilfen oder Hausaufgabenhilfen für Kinder anbieten. In einer Schule machen Ehrenamtliche jeden Morgen Frühstück. Aufgaben, die normalerweise Eltern übernehmen. In Fürth ist es also völlig okay, wenn Eltern es auch mal nicht packen, morgens ein Brot zu schmieren und nachmittags noch Lesehilfe zu geben.

Und in Waldshut?
Dort gibt es viele Trachtenvereine, die Brauchtumspflege betreiben. Die vertreten ja selbst oft ein traditionelles Rollenverständnis. Und weil in Waldshut die Überzeugung viel größer ist, dass die Familienarbeit Aufgabe der Mütter ist, kommen natürlich auch deutlich weniger Menschen auf die Idee, dass es eine Hausaufgabenhilfe geben sollte.

Haben Sie noch mehr Beispiele?
Kindergartenplatz ist nicht gleich Kindergartenplatz. In einer Region wie Waldshut gibt es seltener eine Übermittagsbetreuung oder eine Ganztagsbetreuung. Der Kindergarten geht bis um halb 12 und dann holt die Mutter das Kind ab und macht Essen. In Fürth ist es hingegen viel selbstverständlicher, dass die Kinder in der Kita bleiben. Deshalb ist so gut wie jeder Kita-Platz auch ein Ganztagsplatz.

Wie haben denn die Menschen, die Ihr Forschungsgegenstand waren, auf Sie reagiert?
Na ja, ich bin ja nicht dorthin gegangen und habe den Leuten das Gefühl gegeben: Ich komme aus der Stadt und weiß es eh besser! Mir ging es erst mal darum, ganz wertfrei zu fragen: Warum ist das so?

Das Gespräch führte Alexandra Eul.

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Schweiz: Väter-Initiative von gestern!

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Es ist cool, Papa zu sein. Auch in der Schweiz ist es Mode, sich samstags mit einem Buggy samt Inhalt zum Schaulaufen in die Shoppingmall zu stellen. Die öffentlich zur Schau gestellten Vatergefühle stehen für eine neue Männlichkeit. Nun soll dieses Feeling gar in ein Gesetz münden.

Müttern wird weiterhin die Verantwortung übertragen

In der Schweiz läuft eine Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative, die Vätern mehr Rechte geben will. Trägerschaft ist eine breite Koalition von Arbeitnehmer- und Familienorganisationen.

„Vaterschaftsurlaub jetzt!“, zwei Worte, ein Slogan, er soll möglichst viele glücklich machen. Alle unterstützen die Idee. Das Volk: Gemäß repräsentativen Umfragen befürworten 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Initiative. Frauen- wie Männerverbände, grüne wie rote PolitikerInnen: Väter sollen ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes das Recht auf 20 bezahlte, frei wählbare Urlaubstage haben.  

Kann daran also etwas falsch sein? Heute erhält der frisch gebackene Vater nach der Geburt eines Kindes genau so viel bezahlte freie Zeit, wie das Gesetz für einen Wohnungswechsel vorsieht -  einen einzigen Tag. Sind da 20 freie Tage, in Arbeitszeit gerechnet ein Monat, bei Zuwachs zur Familie nicht vorbildlich?

Ja, sie sind vorbildlich Schweizerisch. Der Durchschnitt des Vaterschaftsurlaubs liegt in den OECD-Ländern bei acht Wochen. Die geforderten 20 Tage sind davon lediglich die Hälfte, ein schweizerisch-fauler Kompromiss also.

Gemäßigt und vernünftig soll die Lösung sein, und auch das ist eine typisch helvetische Sichtweise. Man ist pragmatisch hierzulande. Bisher hat das Parlament den Vaterschaftsurlaub nicht weniger als 30 Mal abgelehnt. Mit der Volksinitiative soll nun die Bürgerin und der Bürger sein Unbehagen ausdrücken und einem Kompromiss zustimmen, der allerdings das große Ziel torpediert - die Elternzeit.

Kinder aufzuziehen ist eigentlich weder Mutter- noch Vatersache, es sollte die Sache von Eltern sein. Von Eltern jedweder Geschlechtszugehörigkeit. Genau wie die Mütter sollten also auch die Väter in eine 14-wöchige Elternzeit gehen können. Und ausbezahlt werden sollte das Elterngeld nur, wenn beide Elternteile nach der Geburt ihres Kindes wieder erwerbstätig sind.

Island kennt ein solches Modell und hat damit Erfolg. Die Erwerbsquote isländischer Mütter liegt weit über jener in der Schweiz. Doch wenn Mütter 14 Wochen nach der Geburt zuhause bleiben, während Väter lediglich vier Wochen bei ihrem Kind sind, aufgeteilt in einzelne Tage, ist das ein Zeichen. Und kein Gutes. Man akzeptiert eine Gesetzesregelung, die das traditionelle Rollenmuster bestärkt. Und das unter falschem Vorzeichen, die Initianten verkaufen ihr Anliegen als Fortschritt.

Bei 20 Tagen, die Papa stolzer Papa sein soll, wird der Mutter weiterhin der größte Teil der Verantwortung für das Kind übertragen. Und das dann sogar staatlich legitimiert. Sie wird nach der Geburt mit geringerer Wahrscheinlichkeit als der Vater wieder ins Erwerbsleben einsteigen, und sie wird mit Lohneinbußen und einem Karriereknick rechnen müssen. Denn auch in der Schweiz bestehen Lohnunterschiede weniger zwischen den Geschlechtern - sie sind in erster Linie zwischen Vätern und Müttern festzumachen.

Alles ist also falsch an dieser Volksinitiative. Diese Diskussion um einen Vaterschaftsurlaub führt in die falsche Richtung. Sie dreht das Rad der Geschlechtergleichheit zurück, zurück in die Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Und das dann sogar staatlich legitimiert

1971 haben Schweizer Frauen dank einer Volksabstimmung endlich das Stimm- und Wahlrecht erhalten und damit die gleichen Bürgerrechte wie der männliche Teil der Bevölkerung. Die Schweizerinnen waren die letzten in Europa – doch sie waren die ersten, die nicht an einem paternalistischem Parlament scheiterten, sondern an einem Volk von Brüdern ohne Schwestern. Wer dieser Volksinitiative am 24. November zustimmt, unterstützt, dass Frauen auch in Zukunft die Wahl treffen müssen zwischen Kind und Karriere.

Daniele Muscionico - Die Autorin lebt in Zürich und schreibt u.a. für NZZ und Weltwoche.

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