Pascha des Monats

Pascha: Playboy, Männermagazin

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Lieber Playboy! Zugegeben, wir tun es nicht gern. Denn eigentlich haben wir längst Mitleid mit dir. Schließlich sind deine neckischen Nackedeis harmlos gegen das, was so in der Welt der neuen Medien kursiert. Aber wir müssen dich trotzdem noch einmal zum „Pascha des Monats“ küren. Und zwar wg. Einfalt. Gerade hat dein großer Bruder, der US-Playboy, angekündigt, demnächst ganz ohne „ganz nackte Frauen“ auskommen zu wollen. Und was machst du? Dein Chefredakteur Florian Boitin besteht für den deutschen Playboy auch zukünftig auf „nackten Brüsten“. Kann es sein, dass du die Zeichen der Zeit nicht begriffen hast? Denn das Bedürfnis deiner wohl eher älteren Leser mit dem „junggesellenhaften Lebensstil“ (SZ) ist längst nicht mehr ein Maximal-aufgegeilt-Werden. Das Bedürfnis des Mannes unserer Zeit ist eher, in Sachen Sex endlich in Ruhe gelassen zu werden. Denn die Mischung von a. Reizüberflutung und b. Emanzen-Offensive ermattet ihn, seinen besten Freund. Bei seinem Männermagazin will er also nicht schon wieder potent sein müssen. Das, liebe Kollegen, wird auch die Zukunft des deutschen Playboy sein.

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Die Bunnys sind da!

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Die Spannung steigt. Noch ist der rote Teppich verwaist, aber jeder, der versehentlich einen Fuß darauf setzt, wird von den Herren der Security dringlich darauf hingewiesen, dies zu unterlassen. „Nicht auf den roten Teppich!“ zischen die Männer mit den breiten Schultern in den dunklen Sakkos.

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Die Journalisten warten. Zwar hat sich vor der Sperre zum roten Teppich schon eine kleine Menschentraube gebildet, aber es dauert, bis die drei Damen an der Absperrung in den Tiefen ihrer Laptops die Erlaubnis des jeweiligen Gastes gefunden haben, das Gelände betreten zu dürfen. Das ist verständlich, immerhin stehen 600 Menschen auf der Gästeliste.

Die Journalisten werden langsam ungeduldig, die Journalistinnen auch. Die Kollegin von der WDR-Lokalzeit, die das Event live überträgt, trägt lila Lidschatten, passend zu den Streifen in ihrem schwarzen Mini-Strickkleid. Die Reporterin von Pro7 steht sich die Beine in sehr spitzen Pumps aus Schlangenlederimitat in den Bauch. Die Kollegen tragen Jeans.

Wo sind eigentlich die Bunnys? Keine Puschelschwänze weit und breit, auch Hasenohren sind keiner der anwesenden Frauen gewachsen. Lediglich neben dem Clubeingang ragt ein etwa zwei Meter großes silbernes Ohrenpaar aus dem Boden. Der Catering-Service allerdings heißt Hase und die Veranstaltungstechnik Löffler, aber das ist sicher Zufall.

„Mädels, werdet Bunny im Kölner Playboy-Club!“ hatte die Kölner Bild im Frühjahr 2012 aufgerufen und zur „heißesten Hasenjagd des Jahres“ geblasen. 300 potenzielle Häsinnen bewarben sich laut Bild, die das Bunny-Casting als Medienpartner begleitete, 14 blieben übrig. Zum Beispiel Einzelhandelskauffrau Florence (25, 1,58 Meter, 45 Kilo), die sich „sehr für Literatur und Kunst interessiert“. Oder Liv (21, 1,70 Meter, 55 Kilo), die Marketing-Psychologie studiert und eine Gesangsausbildung hat. Sie alle wurden vier Wochen lang von einem eigens eingeflogenen Team aus Los Angeles geschult und bekamen schließlich von Geschäftsführer Jörn Schäfer (28, Maße unbekannt) ihre „Bunny-Urkunde“ überreicht. Diese berechtigt sie, in dem Club mit dem „exclusiven Ambiente“ zum Bedienen im Hasenkostüm. Denn, so heißt es auf der Playboy-Club-Website: „Das Kostüm ist keine Uniform, sondern eine Berufung.“

„Dochdoch, die Bunnys kommen noch“, beruhigt ein Mann von der Presseagentur. Ob man dann auch mit ihnen sprechen könne? „Dafür haben wir die Presse-Bunnys.“ Presse-Bunnys? Genau. Die Presse-Bunnys seien für Gespräche mit den Medien speziell geschult. Keine Sorge, sie kommen gleich.

Bis es soweit ist, führt der Geschäftsführer die Presseleute durch den Club. Jörn Schäfer sieht aus wie ein Versicherungsvertreter im ersten Berufsjahr, er trägt Pausbäckchen unter seiner schwarzen Brille und ist, im Gegensatz zu Versicherungsvertretern, etwas mundfaul.

„Gehnwermalos“, nuschelt er die Journalistengruppe an, die ihm ins Gebäude folgt. Schäfer habe, so heißt es, in Las Vegas einen Playboy-Club besucht und sei derart begeistert gewesen, dass er nach seiner Rückkehr sogleich Verhandlungen mit dem Playboy und der Stadt Köln aufnahm. Erfolgreich.

Deshalb gibt es jetzt, in einer schicken Immobilie des exklusiven Rheinauhafens, zwischen Sport- und Schokoladenmuseum, den ersten Playboy-Club auf dem europäischen Festland. Köln wird also künftig in einem Atemzug genannt mit: Las Vegas. Chicago. Cancun. Macau. London. Jedenfalls ist das der Plan. Und solche Pläne schätzt man in der Stadt am Rhein, die nach der Abwanderung hipper Events wie der Popkomm nach Berlin ähnlich schwächelt wie der Playboy, dem wiederum die einschlägig interessierten Leser ins Internet abwandern.

Die Metropole am Rhein hat die Herausforderung der Hauptstadt an der Spree nicht verstanden. Und so ist sie, die in den 1960/70er Jahren Weltavantgarde in Kunst und Musik war, heute auf dem besten Weg in die Provinzialität. Da war das Versinken des 2000 Jahre bergenden Stadtarchivs im U-Bahn-Loch nur noch ein symbolhaftes Menetekel. Im Jahr 2012 wird Köln rot-grün regiert und Barbara Moritz, Fraktionsvorsitzende der Grünen, lobt das „sehr gehobene und dienstleistungsgeprägte Angebot“ des Playboy-Clubs. Der habe in einer Großstadt wie Köln „genauso eine Daseinsberechtigung wie ein autonomes Zentrum“.

Das findet auch der Herr mit dem gepflegten weißen Dreitagebart und dem feinen Nadelstreifenanzug. Er ist der Vertreter von Köln-Tourismus und hält den Club für „einen Pluspunkt für Köln“. „Da hammer wat, wat die anderen nit han“, sagt er. „Da müssen die Touristen sagen: Playboy-Club? Da muss ich hin!“ Oder noch besser: „Da fahren die nicht nach London, sondern nach Köln!“ Und die Bunnys? „Wat meinen Sie?“ Naja, sind Frauen mit Hasenohren und Puschelschwänzchen nicht ein bisschen, nun ja, peinlich? Die kleingewachsene Ehefrau des Herrn, die die Veranstaltung mit grimmig-genervtem Gesichtsausdruck verfolgt, nickt stumm. Ja, ein bisschen retro seien die schon, sagt der. „Aber die jungen Leute sind doch damit aufjewachsen. Für die iss dat doch ganz normal.“ Und weil die Stadt so stolz ist, dass die große weite Playboy-Welt jetzt in Köln residiert, war sie natürlich entgegenkommend. Zum Beispiel die Zufahrt zum Club. Eigentlich ist die historische Hängebrücke am Schokoladenmuseum ja für Autos verboten, aber für Playboy-Gäste dürfte sich doch da was machen lassen …

Nun hat also Jörn Schäfer, Jahrgang 1984, die 1960er nach Köln gebracht, in denen, zumindest bevor in den USA die Women’s Liberation loslegte, die „Mad Men“-Welt noch in Ordnung war. Das ist sie nun auch auf diesen 1400 Quadratmetern im Kölner Rheinauhafen, wo Schnörkelsessel auf dunklem Holzboden stehen; wo ein Vorhang aus goldenen Ketten in die „Zigarrenlounge“ samt Humidor führt. Wo die Decke des Restaurants mit den Playboy-Interviews bedeutender Herren von John Wayne bis Michael Moore tapeziert ist und an den Wänden historische Bunnys in Bilderrahmen, das größte auf allen Vieren, den Speisenden (Mindestverzehr bei Tisch­reservierung: 800 Euro) das Essen mit einem Lächeln versüßen.

1500 Euro kostet die Jahres-Mitgliedschaft im Club, man muss in Köln aber, anders als zum Beispiel in London, kein „Member“ sein, um die beiden Etagen betreten zu dürfen. Nur muss man dann eben Annehmlichkeiten wie den Shuttle-Service selbst bezahlen, der einen nach dem Besuch noch an andere Orte transportiert. Womöglich auch an solche, wo die Dienstleistungen der Damen mehr umfassen als den Bar-Service.

Da! Ein Bunny. Allerdings scheint es ein britisches zu sein. Jedenfalls trägt die Frau die britische Nationalflagge in Badeanzugform. Ohren und Puschelschwanz sind blau. „Hi, I’m Bunny Sara“, sagt sie. Bunny Sara arbeitet tatsächlich im Playboy-Club London und ist „so excited“, hier zu sein. Bunny Sara erzählt, sie studiere Psychologie und habe Geld für ihr Studium gebraucht, als sie vor einem Jahr die Annonce entdeckte: „The Bunnys are back!“ Das fand Sara super, denn sie findet Bunnysein „empowering“. „It shows, what it means being a woman in society.“ „Entschuldigen Sie“, fragt ein Kollege von der WAZ, der eifrig mitgeschrieben hat. „Dürfte ich bitte Ihren Namen haben?“ – „Bunny Sara“, antwortet Bunny Sara. „Ich meinte Ihren Nachnamen.“ – „We don’t have that“, sagt Bunny Sara. „We just say: Bunny Sara.“

Jetzt kommen die deutschen Bunnys. Es sind sechs, ihre Badeanzüge sind weiß, bis auf die schwarz-rot-goldene Applikation an der Taille. Und die Plakette mit dem jeweiligen Vornamen. Es handelt sich um die Presse-Bunnys, denn die anderen Bunnys, die nun drinnen mit dem Service beginnen, tragen rot. Die Presse-Bunnys stehen im Blitzlichtgewitter, machen Kussmünder und wackeln mit ihren Puschelschwänzen. Ein Mann mit angegrauten Minipli-Löckchen und Sektglas applaudiert mit erhobenen Händen. Das fällt auf, weil er der einzige ist. Ansonsten fällt er nicht weiter aus dem Rahmen, denn Herren Ü 60 sind etliche hier, gern mit Damen U 25 in Heels Ü 12.

Abgang Presse-Bunnys. Die sechs Damen postieren sich auf der Bühne. Ihr Job besteht nun darin, diejenigen, die über den roten Teppich schreiten, der zur Bühne führt, in ihre Mitte zu nehmen und für die Kameras zu lächeln. Auf dem roten Teppich erscheint eine sehr blonde Frau. Ratlose Blicke zwischen den Presseleuten. Wer mag das sein? Es folgt eine Asiatin, deren quietschgelbes Kleid knapp ihre Brüste bedeckt. „Hat jemand die Gästeliste?“ fragt ein Journalist. Einer hat zumindest eine Idee: „Ist das nicht das Playmate von 2009?“ Ein sehr junger Mann hat nun je ein Presse-Bunny im Arm. „Wer ist denn der Schönjeföhnte?“ will ein Journalist wissen. „Ist das nicht ein Millionär?“, antwortet ein anderer. Schon wieder kommt eine sehr blonde Frau, die der von vorhin recht ähnlich sieht. „Ist das nicht die Linda von DSDS?“

Die kleine Frau im engen Schwarzen mit ampelroten Lippen, die eine organisatorische Funktion zu haben scheint, weiß es auch nicht. Aber: „Wir haben hier die Plakate gemacht. Die haben Sie bestimmt gesehen.“ In der Tat. Die „PanOHRama“-Plakate, die die Hasenohren in die Kölner Skyline eingebaut haben, sind seit zwei Wochen in der Stadt unübersehbar. „Und haben Sie auch unsere City-Cards gesehen? Die mit dem Spruch: ‚Der Playboy-Club – jedes mal gerammelt voll!‘ Die waren echt lustig!“

Endlich kommt jemand, den man kennt: Bei dem Mann im goldenen Anzug handelt es sich um Schlagersänger Michael Wendler, der sich „Der Wendler“ nennt, aber eigentlich Skowronek heißt und eine „Ranch“ in Dinslaken hat. Passenderweise hatte der Wendler mal einen Hit namens „Häschenparty“, außerdem gehört ihm das Tanzlokal „Nina“ in Bottrop. Mit dabei Wendlers Frau Claudia, die ein schwarzes Spitzenkorsett trägt, das glänzend zum Satinanzug ihres Mannes passt. Wen er gern mal im Playboy sehen würde, wird der Wendler gefragt. „Meine Frau natürlich!“ antwortet der.

Der Star des Abends aber ist Micaela Schäfer. Das einschlägige Fernsehpublikum kennt die hochgewachsene „Miss Ostdeutschland“ vor allem weitgehend unbekleidet, denn so machte sie den vierten Platz beim Dschungelcamp. Außerdem wurde sie 2006 achte bei Germany’s Next Top Model. Bei Big Brother war sie auch mal dabei. Micaela trägt heute ein pinkglänzendes Kleid mit Schluppen an Schulter und Hüfte am Körper – und ein echtes weißes Kaninchen mit blauen Augen auf dem Arm. Eine ebenso hochgewachsene Frau in Hotpants und goldenem Pailletten-Top nähert sich Micaela Schäfer. Es ist eine Reporterin des Internetsenders „Nightlive TV“. Kamera läuft. „Warum bist du hier?“ – „Ich bin hier, weil ich eingeladen bin. Und weil ich auch schon mal im Playboy war.“ – „Aha.“ – Ja, und ich kenne echt viele, die den Playboy lesen und ich lese ihn selbst auch.“ – „Echt?“ – „Ja, und ich hab in meinem Bekanntenkreis echt viele, die sich auch für den Playboy ausgezogen haben.“ Das weiße Kaninchen mümmelt vor sich hin.

Die roten Bunnys dürfen keine Interviews geben. „Das dürfen nur die Presse-Bunnys, tut uns echt leid.“ Die Presse-Bunnys aber sind immer noch nicht abkömmlich. Nach drei Stunden Dauer-Cheese ist ihr Lächeln leicht eingefroren, aber sie halten tapfer durch und weiter die illustren Gäste vom roten Teppich im Arm.

500 Meter weiter könnte man sich jetzt im Brauhaus Malzmühle von einem sperrigen Köbes ein Kölsch auf den Tisch knallen lassen. Da wäre vielleicht noch ein schwaches Pochen des ehemals so kräftig schlagenden Herzens von Köln zu vernehmen.               

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