Physikerin: Maria Goeppert-Mayer

Sie galt als "das schönste MĂ€dchen von Göttingen" — die Physikstudentin Maria Goeppert, und als das klĂŒgste dazu. Maria Goeppert, verheiratete Mayer (1906-1972), profitierte wie viele Frauen ihrer Generation von den Errungenschaften der ersten deutschen Frauenbewegung. Daß sie einmal zu den Genies der Atomforschung zĂ€hlen und fĂŒr ihre Entdeckungen ĂŒber die Struktur des Atomkerns 1963 den Nobelpreis gewinnen wĂŒrde, ahnte damals, in den 20er Jahren, jedoch noch niemand. Nicht einmal ihr Vater, der modern denkende Kinderarzt Friedrich Goeppert, der allerdings nicht ganz unschuldig war an ihren spĂ€teren Erfolgen.
"Werde nie eine Frau, wenn du groß bist." Diesen Satz hatte Maria Goeppert oft gehört. Ihr Vater hatte ihn ihr verschwörerisch zugeraunt, auf gemeinsamen SpaziergĂ€ngen oder beim Gutenachtsagen. Als sie noch klein war, hatte Maria nicht gewußt, wie er das meinte: "keine Frau". NatĂŒrlich wĂŒrde sie eine Frau werden, sie war doch ein MĂ€dchen. Aber Papa, der Kinderarzt, hatte es ihr erklĂ€rt. Die meisten Frauen, hatte er gesagt, fĂŒhren ein langweiliges Leben, nur Kochen, Putzen, Einkaufen und KinderhĂŒten. Das ist bequem fĂŒr die MĂ€nner, sie lassen sich gerne bedienen. "Du wirst es anders machen", hatte er zu seiner Tochter gesagt. "Du wirst studieren und etwas Interessantes tun." Maria wollte nichts lieber als das.
"Werde nie eine Frau, wenn du groß bist." 50 Jahre spĂ€ter ging Maria Goeppert Mayer dieser Satz wieder durch den Kopf. Sie saß vor ihrem Schreibtisch in La Jolla, Kalifornien. Das schwedische Nobelpreiskomitee hatte geschrieben, sie brauchten fĂŒr die Presse eine kurze Lebensgeschichte der frischgebackenen NobelpreistrĂ€gerin fĂŒr Physik 1963. Die Aufgabe hatte sie ins GrĂŒbeln gebracht. Maria Goeppert Mayer wußte, worauf es der Presse ankam. Sie war die erste Frau mit einem Nobelpreis in theoretischer Physik. Sie war erst die zweite Physik-NobelpreistrĂ€gerin, nach 60 Jahren die zweite nach Marie Curie. Und jetzt wĂŒrden alle von ihr wissen wollen: "Wie sind Sie das geworden?"
Nein, eine zweite Marie Curie war sie nicht. Und eine KĂ€mpferin, eine Pionierin, eine Frauenrechtlerin war sie auch nie gewesen. Das einzig Besondere in ihrer Jugend war ihr Vater gewesen, der bekannte Kinderarzt Prof. Friedrich Goeppert. Er hatte nie einen Unterschied gemacht zwischen Jungen und MĂ€dchen, hatte sie auf BĂ€ume klettern lassen, raufen und wildsein wie ein Junge. Und er hatte sie zum Lernen ermutigt.
Maria Goeppert-Mayer nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette und schrieb an das Nobelpreis-Komitee: "VÀterlicherseits bin ich die siebte Generation von UniversitÀtsprofessoren in gerader Linie." Und unter Professoren ist sie auch aufgewachsen, in einer typischen deutschen UniversitÀtsstadt am Anfang des 20. Jahrhunderts.
Auf die Welt gekommen ist Maria am 28. Juni 1906 in Kattowitz. Als sie drei Jahre alt war, zogen Friedrich Goeppert und seine Frau, die Sprachlehrerin Maria Goeppert, geborene Wolff, mit ihrem einzigen Kind von Oberschlesien nach Göttingen. Die Stadt an der Leine hatte zu dieser Zeit rund 33.000 Einwohner, darunter 2.000 Studenten. In ihrer Jugend in Göttingen hÀtten "alle HÀuser GÀrten gehabt", erzÀhlte spÀter in Amerika die Physikerin Maria Goeppert-Mayer ihrer Biographin Joan Dash. Und tatsÀchlich, im stillen, gediegenen Ostviertel von Göttingen, wo die Goepperts wohnten, haben noch heute alle HÀuser GÀrten.
Besonders genau erinnerte sich Maria an den Garten ihres Nachbarn David Hilbert, des berĂŒhmten Mathematikers. Diesen Garten durchzog auf ganzer LĂ€nge eine Schiefertafel, darĂŒber spannte sich ein Dach. So konnte Professor Hilbert mit seinen Studenten auch bei Regen hin- und herflanieren und mathematische Gleichungen notieren. Dem kleinen Wildfang Maria, die ihn beobachtete, wenn Kopfschmerzen sie plagten, schien der grauhaarige Hilbert "der König von Göttingen" zu sein. In gewisser Weise war er das auch. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Göttingen unter Akademikern als "das mathematische Zentrum der Welt".
In diesem Göttingen beendete Maria Goeppert 1921 die Volksschule — mit guten Noten in Mathematik natĂŒrlich. "Es wurde nie diskutiert zwischen meinen Eltern und mir, es war irgendwie selbstverstĂ€ndlich, daß ich an die UniversitĂ€t gehen wĂŒrde", erinnert sie sich. "Aber zu jener Zeit war das nicht so ganz einfach fĂŒr ein MĂ€dchen."
Erst 1908 hatten nach vielen KĂ€mpfen Frauen in Preußen das Recht zu studieren erhalten. Wie sie zu dem dafĂŒr nötigen Abitur kamen, war aber ihre Sache. Die spĂ€tere NobelpreistrĂ€gerin Maria Goeppert hatte GlĂŒck. Ihre Heimatstadt Göttingen war nĂ€mlich in den 20er Jahren nicht nur eine Hochburg der Wissenschaft, sondern auch eine Stadt, in der es eine Frauenbewegung gab. Es gab dort eine kleine, von Frauenrechtlerinnen betriebene, private Schule, die MĂ€dchen aufs Abitur vorbereitete. Zwei Jahre lang besuchte Maria Goeppert ihre geliebte "Suffragetten-Schule", dann machte sie, gerade erst 17 Jahre alt, das Abitur. Die PrĂŒfungen legte sie im nahen Hannover ab, als "Externe" an einer Knabenschule.
Im FrĂŒhjahr 1924 schrieb sie sich an der UniversitĂ€t ihrer Heimatstadt ein, zunĂ€chst im Studienfach Mathematik. Diese FĂ€cherwahl war gar nicht so ungewöhnlich fĂŒr eine Vatertochter und fĂŒr eine Göttingerin: Denn bereits die erste Frau, die an der Göttinger UniversitĂ€t 1787 einen (außerordentlichen) Doktortitel erwarb, die vielseitig gebildete Dorothea Schlö-zer, war unter anderem eine hervorragende Mathematikerin. Erst 1874 verlieh die Philosophische FakultĂ€t Göttingens wieder einer Frau den Qoktorhut, und wieder war es eine Mathematikerin: die Russin Sonja Kowalewskaja. Ihr folgte 1895 die EnglĂ€nderin Grace Emily Chis-holm, ebenfalls im Fach Mathematik, 1907 die geniale Emmy Noether, Schöpferin der "Invariantentheorie".
Nach drei Studienjahren allerdings begann die Mathematik fĂŒr Maria Goeppert ihren Reiz zu verlieren, sie erschien ihr immer mehr "wie RĂ€tsellösen". Die Physik trat in Marias Leben ein. "Physik ist auch wie RĂ€tsellösen", sagte sie spĂ€ter. "Aber es sind RĂ€tsel, die die Natur geschaffen hat, nicht der menschliche Geist." Das RĂ€tsel, das die Physiker Ende der 20er Jahre am meisten beschĂ€ftigte, war der Bau der Atome. In ihren eigenen Worten beschrieb Maria das so: "Niemand hat jemals ein Atom gesehen noch wird wahrscheinlich jemals jemand eines sehen. Aber das hĂ€lt den Physiker nicht von dem Versuch ab, einen Plan des Atoms zu zeichnen, mit Hilfe der Hinweise auf seine Struktur, die er eben hat. (...) FĂŒr das Gesamt-Atom haben moderne Physiker ein nĂŒtzliches Modell entwickelt, das sich am Bau unseres Planetensystems orientiert: es besteht aus einem Kern in der Mitte, entsprechend der Sonne, und aus Elektronen, die sich wie Satelliten um den Kern bewegen, wie Planeten auf bestimmten, festgeschriebenen Bahnen. (...) Der Kern selber allerdings ist noch kaum verstanden." — Zum VerstĂ€ndnis dieses Kerns sollte spĂ€ter Maria Goeppert-Mayer einen großen Anteil beitragen.
Im Jahr 1927, als Maria Goeppert von der Mathematik zur Physik wechselte, starb ihr geliebter Vater, Friedrich Goeppert. FĂŒr Maria wurde sein Tod zum Ansporn, ihr Studium rasch und erfolgreich zum Ende zu fĂŒhren. Die Physik-Studentin galt in diesen Jahren als Schönheit ("Das schönste MĂ€dchen von Göttingen", wie an der Uni geflĂŒstert wurde), aber als kĂŒhl und unzugĂ€nglich. Umso ĂŒberraschter waren ihre Freundinnen, als sie 1930 heiratete. Maria hatte sich in einen angehenden Kollegen verliebt, den aus Amerika stammenden Chemiker Joseph Mayer, der im Haus ihrer verwitweten Mutter in Untermiete lebte.
Im Januar 1930 wurden Maria Goeppert und Joseph Mayer im Göttinger Rathaus getraut. Im Februar reichte die 24jĂ€hrige Maria Goeppert-Mayer ihre Dissertation ĂŒber "Doppel-Photonen-Prozesse" ein — nach den Worten von Eugene Wigner, Goepperts Mit-Nobel-preistrĂ€gers von 1963, "ein MeisterstĂŒck an Klarheit und Konkretheit". Und schon im MĂ€rz des gleichen Jahres bestieg das junge Ehepaar in Cherbourg den Ozeandampfer SS Europa mit Ziel New York. Von dort ging es nach Baltimore im nahen Maryland, wo Joe Mayer an der John Hopkins UniversitĂ€t seine erste akademische Stelle antrat, als außerordentlicher Professor der Chemie. Mit welchen beruflichen Erwartungen fuhr Maria nach Amerika?
Niemand hatte ihr dort einen Job angeboten; niemand kannte sie dort. Aber sie war optimistisch: "Ich war jung, ich war meiner selbst sicher, ich wußte, daß ich gut war." Im altmodischen Deutschland war es fĂŒr eine Frau noch immer nahezu unmöglich, Professorin zu werden. Aber vielleicht gelang ihr das im modernen, aufgeschlossenen Amerika?
Entsprechend groß war Marias EnttĂ€uschung, als sie schließlich in Johns Hopkins ankam. Die Lage der akademischen Frauen in den USA war zur Zeit der großen Wirtschafts-Depression katastrophal. Freilich, Frauen hatten in diesem Land frĂŒher Zugang zu Colleges und UniversitĂ€ten gefunden als in ganz Europa. Aber die Welt der Professoren und festangestellten Wissenschaftler war auch 1930, als Maria Goeppert nach Amerika kam, noch immer eine fast reine MĂ€nnerwelt, gerade in den Naturwissenschaften. Statt gleicher Zugangschancen zu akademischen Positionen hatten sich hier "Frauennischen" heraus gebildet, sogenannte "Assistentinnenstellen" in Laboratorien und Sternwarten beispielsweise, oder das wenig angesehene Feld der Haushaltswissenschaften. Andere junge Wissenschaftlerinnen hatten den Kampf um die knappen Stellen lĂ€ngst aufgegeben, einen Wissenschaftler geheiratet und begnĂŒgten sich damit, als kostenlos zuarbeitende Professorenfrauen der MĂ€nner-Wissenschaft zu dienen.
FĂŒr Maria Goeppert Mayer kam das nicht in Frage. Sie ergatterte einen Job als Deutschkorrespondentin eines Physikprofessors an Johns Hopkins. Von den paar hundert Dollar, die sie dafĂŒr erhielt, leistete sich das junge Ehepaar ein HausmĂ€dchen. Wichtiger noch war fĂŒr Maria das Recht, ein Dachzimmerchen im PhysikgebĂ€ude fĂŒr eigene Forschungen zu nutzen. Neun Jahre arbeitete sie dort auf verschiedenen Gebieten der Physik und der Chemie, veröffentlichte mehrere Artikel und bildete Studenten aus, ohne daß sich an ihrem Einkommen oder ihrer Position irgendetwas geĂ€ndert hĂ€tte.
Sie war nicht zufrieden, aber sie kĂ€mpfte auch nicht fĂŒr ihr Recht. "Ich will mich nicht aufregen", war ihr Motto. Vom FrĂŒhjahr 1933 an war Maria Goeppert-Mayer keine Deutsche mehr; sie nahm die Geburt ihrer Tochter Marianne zum Anlaß, Amerikanerin zu werden. In ihrem Heimatland regierten jetzt die Nazis. Viele jĂŒdische Kolleginnen mußten fliehen, kamen herĂŒber nach Amerika. Maria half vielen von ihnen, in den USA Fuß zu fassen.
Anfang 1939 lief Joe Mayers befristete Stelle in Baltimore aus. Maria wurde den Eindruck nicht los, daß sie daran "schuld" war, einen Professor, dessen Frau stĂ€ndig AnsprĂŒche auf eigene BeschĂ€ftigung stellte, wollte man offensichtlich in Johns Hopkins nicht lĂ€nger dulden. Joe nahm ein Angebot der Columbia UniversitĂ€t in New York an. Die Familie, zu der seit 1938 auch der Sohn Peter gehörte, zog nach Leonia, einen Stadtteil außerhalb von Manhattan.
Es war wieder einer dieser Akademiker-Vororte, in denen die "faculty wifes", die Professorenfrauen, verkĂŒmmerten: "Die Frauen sprachen alle ĂŒber ihre Babys und die MĂ€nner ĂŒber die Wissenschaft." Auch Maria hatte in den letzten Jahren immer mehr die Lust an der Wissenschaft verloren, vor allem wohl, weil ihr die Anerkennung fehlte. Sie war jetzt viel zu Hause und widmete sich den Kindern. Doch sie arbeitete daneben weiter in der Wissenschaft. Zusammen mit ihrem Mann Joe schrieb sie an einem Lehrbuch: "Statistische Mechanik". Es sollte ein Klassiker werden.
Am 8. Dezember 1941, einen Tag nach dem Überfall auf Pearl Harbour, erklĂ€rten die USA Japan den Krieg. Und wie in allen Kriegen rĂŒckten die Frauen auf die freigewordenen Posten der MĂ€nner. Auch Maria Goeppert-Mayer bekam jetzt ihre Chance. Sie ĂŒbernahm zunĂ€chst eine halbe Stelle als naturwissenschaftliche Lehrkraft am Frauen-College Sarah Lawrence in Bronxville, New York. Schon bald aber wurde sie, ebenso wie ihr Mann, ganz direkt in die Kriegsvorbereitungen hineingezogen.
WĂ€hrend Joe in einem Labor in Maryland sechs Tage in der Woche Schießgewehre und Sprengstoff testete, heuerten Chemiker der Columbia University Maria fĂŒr ein Projekt mit dem geheimnisvollen KĂŒrzel SAM an. Es handelte sich um Forschungen in direktem Zusammenhang mit der Atombombe. Ihre Haltung zur Bombe war zwiespĂ€ltig: Als Physikerin war ihr die Faszination an der wissenschaftlich-technischen Herausforderung nicht fremd; die Tests in der WĂŒste von Los Alamos verfolgte sie mit Spannung. Doch erschrak sie schließlich vor der Konsequenz, dem Einsatz der furchtbaren Waffe gegen Menschen. Zusammen mit anderen kritischen Wissenschaftlerinnen warnte sie öffentlich vor einem atomaren Krieg. Ihre Appelle kamen zu spĂ€t: Im August 1945 fielen die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.
In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde Chicago zum Kristallisationspunkt der Atomforschung in den USA. Dort hatte Enrico Fermi den ersten Atomreaktor und den ersten Teilchen-Beschleuniger gebaut. Und dort begann auch das Ehepaar Mayer im Jahre 1946 seine Arbeit. Wieder in der alten Konstellation, er mit fester Stelle und gutem Gehalt, sie als Institutsmitglied ohne Bezahlung. Die gleichberechtigten Kriegszeiten waren vorbei, und Maria hatte immer noch nicht gelernt, fĂŒr ihre Rechte zu kĂ€mpfen. Schließlich erkannte ein ehemaliger Student Marias aus New York, der Physiker Robert G. Sachs, die demĂŒtigende Situation seiner ehemaligen Lehrerin und bot ihr eine halbe, bezahlte Stelle am Argonne Laboratorium an, dem Sitz des neuen Beschleunigers außerhalb Chicagos.
Maria faßte wieder Fuß in der "reinen Wissenschaft", der einst so geliebten theoretischen Physik. Anfangs voller Selbstzweifel, dann immer mutiger arbeitete Sie sich in die Physik des Atomkerns ein, das neue "RĂ€tsel", das alle faszinierte. Da gab es ein paar chemische Elemente, Zinn zum Beispiel oder Blei, die besonders hĂ€ufig vorkamen. Man mußte also annehmen, daß sie außerordentlich stabile Kerne hatten. Aber warum? Geduldig und systematisch begann sie, alle verfĂŒgbaren Informationen ĂŒber diese seltsamen Kerne zu sammeln. Was war bisher bekannt? "Jeder Kern", so faßte sie es spĂ€ter zusammen, "lĂ€ĂŸt sich charakterisieren durch zwei Zahlen: die Zahl der Protonen (mit positiver elektrischer Ladung, d. Verf.) und die Zahl der Neutronen (elektrisch neutral, d. Verf.). Die Summe der beiden ergibt das Atomgewicht des Kerns. Die Zahl der Protonen bestimmt die Natur des Atoms; ein Kern mit zwei Protonen ist immer Helium, einer mit drei Protonen immer Lithium und so weiter. Eine feststehende Zahl von Protonen kann aber kombiniert sein mit einer wechselnden Anzahl von Neutronen, und so entstehen verschiedene Isotope desselben Elements. Einige Isotope sind stabil; andere zerfallen rasch durch RadioaktivitĂ€t."
Maria legte lange Listen mit Protonen- und Neutronenzahlen an." Und auf einmal kam heraus, daß in diesen (außergewöhnlich stabilen, Anm. d. Verf.) Kernen entweder die Zahl der Protonen oder die Zahl der Neutronen ganz besonders waren." Es waren die Zahlen 2, 8, 20, 28, 50, 82 und 126.
"Magische Zahlen" fĂŒr Maria Goeppert Mayer, real und doch völlig unerklĂ€rbar. Woher diese "Vorliebe" der Atomkerne fĂŒr bestimmte Zahlen? Erinnerte sie das nicht an etwas ganz anderes? An "magische Zahlen" in der AtomhĂŒlle, der Welt der Elektronen. An Elektronenkonstellationen, die bestimmten Elementen ebenfalls eine große StabilitĂ€t verliehen, eine chemische StabilitĂ€t. Sollten Ă€hnliche Gesetze fĂŒr den Kern gelten? Aber das hieße ja, daß auch der Kern keine diffuse Masse war, kein "Tröpfchen", wie bisher angenommen, sondern ein geschichtetes Gebilde. Eine Kugel mit verschiedenen Schalen vielleicht — wie eine Zwiebel?
Ihre Kinder Marianne und Peter, damals 15 und 10 Jahre alt, wunderten sich in diesen Tagen ĂŒber ihre Mutter. Hatte sie ihnen nicht versprochen, daß zu Hause ab fĂŒnf Uhr, der "Cocktailstunde", kein Wort mehr ĂŒber Physik fallen sollte? Und jetzt saß sie da, rauchte nervös, nippte an ihrem Martini-Glas und grĂŒbelte ĂŒber Dinge, die Vater Joe kaum verstand.
Was war das nun schon wieder: "Spin-Bahn-Kopplung"? "Denke an einen Raum voll tanzender Paare", erklĂ€rte Maria ihrer Tochter Marianne. "Stell dir vor, sie tanzen im Kreis, in mehreren Kreisen, einer umschlossen vom anderen. Genauso umkreisen die Elektronen den Atomkern, eine Schale umschlossen von der nĂ€chstgrĂ¶ĂŸeren. Dann stell dir vor, daß du in jede Schale zweimal so viele Tanzpaare hineinbekommst, wenn jeweils das eine Paar sich im Uhrzeigersinn, das andere gegen den Uhrzeigersinn bewegt. Dann denk dir noch was dazu. Alle Tanzpaare drehen sich um sich selbst wie Kreisel, wĂ€hrend sie im Raum zirkulieren; jedes Paar rotiert also um sich selbst und kreist gleichzeitig im Raum. Aber nur einige von denen, die im Uhrzeigersinn den Raum durchtanzen, rotieren auch im Uhrzeigersinn. Und nur manche, die gegen den Uhrzeigersinn tanzen, rotieren gleichzeitig gegen den Uhrzeigersinn. So machen es auch die Elektronen."
Dabei gibt es einen winzigen kleinen Unterschied bei der Energie, die ein Elektron braucht, je nachdem, ob es gegen oder mit der Drehrichtung rotiert. Das ist die "Spin-Bahn-Kopplung". Ein schwacher Effekt bei Elektronen, und vermutlich ein ebenso schwacher Effekt im Kern, grĂŒbelte Maria Goeppert-Mayer. Doch halt, warum? Warum nicht annehmen, der Effekt sei stark? Diese Frage schoß Maria Goepert-Mayer mitten in einer Diskussion mit Enrico Fermi durch den Kopf, ihrem wichtigsten GesprĂ€chspartner am Arbeitsplatz. "Das ist es, Enrico, das ist die Lösung!" Sie griff zu Stift und Papier. Aber die Rechnungen, die sie jetzt anstellte, die Bahnen, die sie zeichnete, waren nur noch nötig, um Fermi zu ĂŒberzeugen: "Schau, ĂŒberall kommen die magischen Zahlen heraus!" Sie selbst hatte es schon in dem Moment gewußt, als ihr die Idee durch den Kopf schoß. Die Idee, daß die Spin-Bahn-Kopplung im Atomkern sehr viel stĂ€rker sein könnte als in der HĂŒlle des Atoms — diese Idee war neu, erklĂ€rte die "magischen Zahlen" und brachte Maria Goeppert-Mayer den Nobelpreis ein.
Sie nahm ihn in Stockholm entgegen, am 10. Dezember 1963 aus der Hand des schwedischen Königs. Neben ihr standen ihre Mit-PreistrĂ€ger im Fach Physik, der deutsche Hans Jensen (mit ihm zusammen hatte sie 1951 ein Buch veröffentlicht) und der geborene Ungare Eugene Wigner (er hatte die theoretische Vorarbeit geleistet). Bei der Preisverleihung fĂŒhlte Maria Goeppert-Mayer sich recht allein. Denn wĂ€hrend der ganzen, mehrstĂŒndigen Zeremonie mußte sie im gleißenden Licht der Fernsehkameras auf einer erhöhten BĂŒhne sitzen und konnte ihren Mann Joe nicht sehen, der unten im Publikum mit den TrĂ€nen kĂ€mpfte. Ganz abgesehen davon, daß sie nicht rauchen durfte!
Nein, ein reines VergnĂŒgen war solch eine Nobelpreisfeier wahrhaftig nicht. Jedenfalls nicht zu vergleichen mit der Entdeckung selbst, fand Maria: "Zusehen, wie die Lösung herauskommt, das war der eigentliche Spaß." Und diesem "Spaß" der wissenschaftlichen Forschung konnte Maria Goeppert-Mayer noch einige Jahre nachgehen, bevor sie am 20. Februar 1972 an einer Herzattacke starb.
Nach dem Nobelpreis forschte, lehrte und publizierte sie weiter, genauso wie ihr Mann. Im Jahre 1960 waren sie mit ihren beiden Kindern nach Kalifornien gezogen. Die neue UniversitÀt in San Diego hatte erstmals beiden Ehepartnern eine Stelle angeboten, die ihren Qualifikationen entsprach: Joe eine Professur in Chemie, Maria eine in Physik.
Endlich konnte Maria Goeppert Mayer mit Fug und Recht sagen: "VÀterlicherseits bin ich die siebte Generation von UniversitÀtsprofessoren in gerader Linie".

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