In Ravensbrück ging meine Jugend zu

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EMMA November/Dezember 1995

Neus Català war eine von über 100.000 Internierten im Frauen-KZ Ravensbrück. Sie war eine sogenannte „Politische“, 1943 verhaftet in Spanien als Sozialistin im Widerstand gegen den spanischen Faschismus. „An uns erinnert sich niemand!“ stellte Neus Català ein halbes Jahrhundert später fest und handelte. Sie befragte ihre Mithäftlinge und legte selbst Zeugnis ab. Nachfolgend Auszüge.

Bei einer Temperatur von 22 Grad unter Null kamen wir, tausend Frauen aus allen Gefängnissen und Lagern in Frankreich, am 3. Februar 1944 um drei Uhr morgens in Ravensbrück an. Es war der „Transport der 27.000er“, wie er von den Deportierten genannt wurde und heute noch bekannt ist. Ich erinnere mich, daß unter diesen tausend Frauen Tschechinnen und Polinnen waren, die in Frankreich lebten oder dorthin geflohen waren, und eine Gruppe von Spanierinnen.
Mit zehn SS-Männern mit ihren zehn Maschinenpistolen, zehn Aufseherinnen mit zehn Pferdepeitschen, mit zehn Wolfshunden, bereit, uns zu zerfleischen, hielten wir, bestialisch angetrieben, unseren triumphalen Einzug in die Welt der Toten.
Was mochte jede einzelne dieser tausend Mitkämpferinnen der „Armee der Schatten“ jetzt denken, erschöpft, wie sie waren, von den Aufgaben in der Résistance, von den vielen Monaten im Gefängnis, von den Folterungen bei den schrecklichen Verhören? In einigen Minuten würde sich der Höllenschlund von Ravensbrück schließen und sich mit seinem mörderischen Getriebe der heroischen Frauen bemächtigen, die schon bald zu Schatten werden sollten. In Ravensbrück ging am 3. Februar 1944 meine Jugend zu Ende. Ich war die Nr. 27534.
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Zwischen drei und vier Uhr morgens heulte zweimal die Sirene. Das erste Mal zum Aufstehen, das zweite Mal zum Antreten auf dem Appellplatz. Wir passierten das Lagertor in Fünferreihen, vor den neuen Folterknechten, die weit über das Glaubhafte hinaus blutdürstig und grausam waren.
Mitten in der Nacht, erleuchtet von den starken Scheinwerfern der Wachtürme, betraten wir schwarzglänzenden Boden, von Lichtern übersät, die nicht weiß waren: es waren Nadeln aus Eis, die ein schwarzes Licht gaben. Zwischen zwei Reihen von Baracken, die eine Gasse bildeten, gingen wir bis zum Block weiter, wie die Baracken genannt wurden; er war am Ende des Lagers, für 500 von uns; die anderen 500 kamen in den Block 32, deklariert als „Nacht und Nebel“. (Politisch „Verdächtige“, die bei Nacht und Nebel verhaftet und verschleppt worden waren.)
Augen beobachteten uns eingehend, von Kopf bis Fuß, durch die Fenster. Nur Augen, einziges Lebenszeichen in den Skeletten, Totenschädeln von Frauen, die bestürzt den Vorbeimarsch betrachteten. Wir sahen diese Gesichter, die ohne Zweifel einmal schöne Gesichter gewesen waren, und sahen sie, voller Schrecken, durch die Entbehrungen, den Hunger und den Tod gezeichnet.
Baracke 22, links die verstopften Klosetts; rechts der Raum der „Blokowa“, die polnische Bezeichnung für die Blockälteste. Davor der Waschraum, mit oder ohne Wasser, in jedem Falle mit Typhus oder Ruhr verseucht. Die Kloaken des Lagers, oder besser gesagt: die Gruben unter offenem Himmel waren auf der gleichen Höhe wie die Wasserzufuhr, und auf jeder Seite lagen ein Aufenthaltsraum und ein Schlafraum, die für 100 Personen vorgesehen waren. Auf der B-Seite waren wir ungefähr zu 300 im Aufenthaltsraum. Wir wurden dort ohnmächtig vor Schwäche, aber wir konnten nicht hinfallen: es gab keinen freien Millimeter, wir bildeten eine geschlossene menschliche Wand!
Doch wir waren von Kämpfen und Aktionen geprägt angekommen, und spontan ergab sich unser erster Akt der Rebellion: 500 Kehlen schleuderten ein beeindruckendes „Non!“ heraus. Die, die vorne standen, bekamen den ersten heftigen Angriff der „Kapos“ und der Aufseherinnen ab, aber wir ließen sie hinter die zweite Reihe schlüpfen. Unter den Schlägen unserer Henker, und wir drei vorneweg, belegten wir den Auf-enthaltsraum A. Das bewahrte uns vor dem Ersticken, denn die Fenster und Türen waren hermetisch verschlossen.
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Die Baracke war am Tag vorher von einer Gruppe von osteuropäischen Zigeunerinnen leergeräumt worden. Welchem Schicksal gingen sie entgegen? Der erste Rauchschleier machte ein Nachforschen unnötig: wir verstanden es sofort.
Unsere Baracke war nicht desinfiziert, sie war voller Läuse. Unsere elenden Lager hatten Sägemehl statt Stroh als Unterlage, was Entzündungen der Luftröhre hervorrief; das Dach war kaputt, an einigen Stellen zerstört. Wir schliefen zu zweit in einem Bett, wenn man das Bett nennen konnte, in drei Stockwerken übereinander. In unserem Bett mußten wir zwei weitere Kameradinnen mit zudecken, weil deren Bett zugeschneit war. Achtzig Zentimeter für vier Frauen, Kopf und Fuß gegeneinander gelegt... Nächte mit Wachträumen, Nächte ohne Schlaf, Nächte des Entsetzens. Schau nicht aus dem Fenster, steh nicht auf!...
Welchen Tod starben jene Frauen, die mit herzzerreißenden Schreien des Entsetzens und des Schmerzes für Minuten, für nicht enden wollende halbe Stunden die Totenstille der Straßen in Ravensbrück durchbrachen? Was machten die Wolfshunde mit ihnen, deren Gebell und Geknurre dem von Raubtieren beim Verschlingen von Fleisch glich?...
Während der Nacht konnten wir nicht zum Klo gehen. Die Tür der Baracke blieb ständig offen. Wehe denjenigen, die in genau dem Moment von einem SS-Mann und seinem Hund entdeckt wurden: sie sollten nicht mehr in den Schlafraum zurückkehren. Manchmal passierte es, daß die Gefangene Zeit hatte, sich im Innern einzuschließen und auf die Kloschüssel zu klettern, damit ihr der Wolfshund nicht die Füße zerreißen konnte. Halbtot vor Hunger und Müdigkeit mußte sie lange Stunden ausharren, den Ekel und die Erniedrigung aushalten, ihren Körper über ihren eigenen Beinen vergehen zu fühlen.
Wenn man sich waschen wollte, falls es Wasser gab, mußte man auf die Leichen derer treten, die auf der Suche nach frischer Luft in den Waschräumen gestorben waren. So begann in Ravensbrück das sogenannte Leben im „Chateau“. Das waren die Tage der Quarantäne, in denen wir stufenweise zu weiteren Sklaven gemacht werden sollten. Alle uniformiert, alle krank, alle häßlich und körperlich schon ruiniert.
Die „Blokowa“ sowie die beiden „Stubo-was“ (die polnische Bezeichnung für die Stubenälteste, die Helferinnen der „Blokowa“) und wir Deportierten schlossen einen Pakt: Akzeptanz einer eisenharten Disziplin und ihres Geschreis in Anwesenheit der SS, bei deren Abwesenheit aber die Erleichterung, vor jeder Gefahr geschützt und bewacht zu sein. Alles weitere aber, das nicht von ihrem Willen abhing, war die erste Stufe zur Hölle.
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In den ersten acht Tagen, und ohne daß wir auf die Straßen des Lagers hinaus-gekommen waren, sah ich mehr als acht Freundinnen sterben. Meine großen Freundinnen aus dem Gefängnis waren Luisa und Teresa Menot, die ich „Titi“ taufte; sie war zehn Jahre jünger als ich. Ich liebte sie wie eine Tochter. Sie nahm auch an allen Aktionen im Gefängnis teil, und durch mich trat sie der Kommunistischen Partei bei.
In Ravensbrück war auch eine französische Baronin von 69 Jahren. Diese alte Frau, schwarz gekleidet, nicht aus Trauer, sondern weil sie den brennenden Wunsch hatte, einfacher Dorfpfarrer zu sein, war eine einzigartige Erscheinung. Eine Adlernase, die ausgeprägter war als die der Heiligen Teresa, schwarze glänzende Augen voll ewiger Jugend; sie war von außerordentlicher Intelligenz und exquisitem Benehmen und Auftreten. Sie war nur eine kurze, aber untrennbare Freundin meiner ersten Wochen in Ravensbrück.
Nach 20 Tagen kamen wir dann hinaus, zum Zählappell. Wir sahen die Gruppen, die für ein Arbeitskommando eingeteilt waren, zum Ausgang hinmarschieren, grotesk herausgeputzt, völlig schwach, mit ihren Spitzhacken und Spaten und „Halli-hallo“ singend. Die Ältesten gingen in Richtung Betrieb (Werkstätten), um Strümpfe herzustellen. Sie waren unnütze Esser, sie produzierten nicht genug. Wenn sie nicht vergast wurden, wurden sie mit Knüppeln erschlagen.
Gegenüber unserer Gruppe formierte man die jüdischen Mütter und Kinder. Babys, die in den Armen ihrer Mütter schluchzten; die, die laufen konnten, klammerten sich fest an ihre Röcke. Sie weinten schweigend: es waren Kinder, aber schon vergreist, sie kannten die Gefahr der glänzenden Stiefel und der langen schwarzen Umhänge der SS.
Von vier Uhr morgens bis um neun auf den Beinen, bei 22 Grad unter Null, sah ich, wie zwei Kapos, mit schwarzem Dreieck, eine Tote herbeischleiften, die nicht zum Zählappell herausgekommen war. Eine wilde SS-Frau, eine Aufseherin, beschimpfte und schlug sie mit der Peitsche. Sie führte sich auf wie eine Bestie. Von da an fünf Stunden unbeweglich, unter Vermeidung tiefen Einatmens: die Nase fror wegen des Frosts fest; ohne zu weinen: Tränen froren ebenfalls und konnten dich blind machen.
Du sahst bedauernswerte Frauengestalten, die zur Strafe oder weil sie Pech hatten, der „Scheißkolonne“ zugewiesen waren. Das war immerhin besser denn als „Verfügbare“ übrigzubleiben, wo du zum Aufhängen anderer Gefangener benutzt worden wärst. Das war meine ständige Angst. Das hätte ich niemals gemacht. Eher die Folter. Das hatten wir uns alle in unserer Baracke geschworen.
Blanca Ferón hatte eine Frau gefunden, die im Elektrozaun gestorben war (viele konnten es nicht länger ertragen und begingen so Selbstmord, in Ravensbrück wie in anderen Lagern). „Geh nicht gerade diese Straße lang“, sagte sie mir, aber ich war zu neugierig und trotz des Risikos, entdeckt und mit dem Bunker bestraft zu werden, war ich hinter diesem neuen Schrecken her. Alles wollte ich in meinem Gedächtnis eingegraben haben, falls ich lebendig herauskäme.
Warum habe ich gezögert, das in alle Winde herauszuschreien? Sie ließen die Gefangene zwei Tage liegen, um die  Angst zu vergrößern. Ich sah jenen Körper meiner Schwester; steif, die Hände erstarrt wegen des schrecklichen Kampfes, einen Faden geronnenen Blutes in der Nase und in den Mundwinkeln, gab sie mir ein Bild davon, was sein würde, würde ich eines Tages benannt, Gefangene zu erhängen. Tausendmal eher jenen Tod, als Henker zu sein. Ich sah diese Leiche, zu Boden gestreckt, aber ruhig. Sie litt nicht – was erwartete mich?
Es gab ein Orchester im Lager, mit lauter Violinen; die Musikerinnen waren wie wir gekleidet, aber sauber und mit einem weißen Tuch. Sie mußten im Schnee und in der Kälte, die von der Ostsee herüberkam, spielen. Die Leiterin dirigierte und weinte. Hinter ihrem Rücken stand die Aufsicht, eine Kapo, und eine SS-Frau. Gegenüber die Schornsteine des Krematoriums, immer in Betrieb; die Asche der Körper diente als Dünger oder wurde in die See geworfen. Das wenige Fett, das in einer besonderen Rinne gewonnen wurde, diente als Schmierfett für die Maschinen, und es war, so der Meister von Holleischen, das beste für diesen Zweck. Auch wurde Schuhcreme hergestellt.
Es gab viele sowjetische Soldatinnen. Wie sehr die Nazis die Russen haßten! Ich sehe den Aufruhr und die Mithilfe der anderen Gefangenen, um eine sowjetische Frau zu retten, die von einer Kapo verfolgt wurde. Titi bemerkte das, öffnete ihr Fenster und ließ sie auf der gegenüberliegenden Seite heraus. Unterdessen waren wir zu mehreren verzweifelt am Tanzen, um jede Bewegung der Kapo unmöglich zu machen. An diesem Tag wurde die sowjetische Soldatin gerettet. Sie waren so tapfer und solidarisch, und von solcher Würde!
Ein Kübel, der sich über den schwarzen Boden von Ravensbrück ergießt. Die Häftlinge, die ihn trugen, waren vor Erschöpfung hingefallen. Die Gruppe von Häftlingen, Skelette, sie warfen sich auf den Boden und leckten die Suppe auf. Die Stockschläge fielen unterschiedslos. Wieviele kamen mit dem Leben davon? Daß uns ja niemand entdeckte, wie wir durch die Fensterscheiben sahen; die ganze Baracke wäre mit einem Strafstehen über 12 oder 24 Stunden im Schnee bestraft worden.
Ich habe eine Straßenwalze von 900 Kilo gesehen – man kann sie heute noch in Ravensbrück sehen – von sechs Frauen gezogen, die dem Tode nahe waren. Dies nannte man „Planierung“. Unsere unvergessene Carmen Buatell mußte diese Arbeit machen. Viele Häftlinge starben, zerquetscht durch die Steinwalze. Das war zum Wahnsinnigwerden, ich habe es mit eigenen Augen gesehen.
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Die Tage vergingen weiter, in gleicher Weise oder noch schlechter. Alles, was uns umgab, war Terror. Dieser Geruch nach verbranntem Fleisch oder nach Verwesung, und das unablässige Gewirr von Stimmen, ein unnachahmliches Geräusch, eine Mischung von Jammern, Gemurmel, Geheul, Klagen, Schreien, Zungenschnalzen, Keuchen, Gebell und den tausendundeins Flüchen jenes Turms von Babel. Und die Öfen im Krematorium arbeiteten unaufhörlich Tag und Nacht, bis sie auch die verschlangen, die sie sonst mit Menschenfleisch füttern mußten. Mit Toten und mit Lebendigen wie Sofía Litman, einer jungen spanischen Mutter. Und die Raben immer am Krächzen, die Beerdigungsmusik. Wenn der Ofen es nicht schaffte, wurden Gruben ausgehoben, mit Benzin wurden sie in Brand gesteckt.
Auf diese Weise verschwand eine große Zahl von jüdischen Kindern und Zigeunerkindern. Die SS ließ sie in mit Benzin besprengte Gruben hinabsteigen, und unter dem zynischen Vorwand, sie vor Bombenangriffen zu schützen, mit einem Bonbon in der Hand, wurden sie in Brand gesteckt. Einmal machten sie es so nahe am Lager, daß ihre Mütter ihre Schreie hörten und vor Schmerz verrückt wurden. Sie schrien so sehr, die armen Mütter, daß sie in einer Baracke ohne Essen und Trinken eingesperrt wurden, ohne Decke und ohne Toiletten, bis sie sich, wirklich verrückt geworden, gegenseitig zerrissen. Halbtot brachte man
sie nach „Mittweida“, ein fiktives Lager, einen Ort der direkten Vernichtung.
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Acht Tage nach unserer Ankunft fand ich die erste Laus bei mir, so groß und häßlich, daß ich mich übergeben mußte. Meine Kameradinnen machten sich lustig über mich. „Gut, wetten, daß wir alle Läuse haben, warum kratzen wir uns wohl so oft. Sucht nur, sucht, und ihr werdet die Antwort finden.“ Es gab sie zu Dutzenden, zu Hunderten. Diese verfluchten Tiere brachten mir die Totalrasur ein, als man uns zur Kleiderkammer brachte, um aus uns einen Teil der formlosen, ungestalteten Welt zu machen.
Nach einer mehrfach nacheinander abwechselnd kochend heißen oder eiskalten Dusche, die uns zu grotesken Verrenkungen veranlaßte, warfen sie uns ein Hemd und Hosen zu, die wie die Unterhosen der alten Bauern in der Ribera d’Ebre aussahen, einen Kittel und eine Jacke, halb aus Werg und halb aus dem Haar derer, die vor mir geschoren worden waren, mit blauen und schmutziggrauen vertikalen Streifen, und einer Kapuze, die dazu diente, das Haar zu bedecken und uns zu verunstalten, nicht, uns zu schützen.
Bei der Rückkehr in die Baracke sah ich mich mit meinem abrasierten Kopf in der Fensterscheibe an: „Wie ähnelst du dem ‘morito Mordejai’!“ Das Kleid war lang, ebenso wie die Jacke und die „Unterwäsche“, sie paßten mir. Die Strümpfe, die aus Wolle sein sollten, ohne Strumpfhalter, und die Schuhe mit einer Holzsohle und aus bunten Segeltuchstücken, Größe 42: sie waren mehr ein Witz. Dort verstand ich, warum die Frauen der Kleidung eine solche Bedeutung beimessen.
Nach der Entlausung und der Einkleidung kam die Personenaufnahme in der Kommandantur. Zurück in der Baracke, fast schon im Dunkeln, schnell eine Speckkartoffel und 60 Gramm Schwarzbrot, das mit Sägemehl vermischt war, runterschlingen, und dann deinen Teil des „Bettes“ finden – nur, wie es finden in völliger Dunkelheit?
Um drei Uhr morgens zeigte die Sirene das Ende des Terrors der Nächte an. Die einen waren am husten; andere weinten und schrien im Schlaf, wenn sie ihre Folterungen in den Verhören noch einmal durchlebten; andere brachen in Gelächter aus. Glücklich die, die einen unbeschwerten Schlaf hatten; ihr Erwachen war hart, aber sie hatten einige menschenwürdige Momente gehabt. Für uns, die wir nicht geschlafen, die wir einen erschöpfenden Husten unterdrückt hatten, für die, die überempfindlich alle Arten mysteriöser Geräusche gehört hatten, bedeutete die Sirene auch ein Leiden, aber eins im Tageslicht.
Vom Revier, der Krankenstation dieser Hölle, bewahre ich eine genaue Erinnerung an den Terror und die Schande, die wir erlitten. Junge und Alte, Erwachsene, Nonnen wie Schwester Maria und Mutter Elisabeth – alle mußten wir nackt und ohne hygienischen Schutz, wie ich ihn an jenem Tag brauchte, vor „Ärzten“ der SS und nazistischen „Krankenschwestern“ vorbeidefilieren. Sie schauten uns in den Mund. Wehe der, die Zahnersatz aus Gold hatte! Ihr Name wurde mit rotem Stift in dem Register markiert. Auch bei mir, die ich gerade anfing, zum Skelett zu werden, wurde der Name rot. Sie glaubten, daß ich Tuberkulose hätte.
Für jene, die Goldzähne hatten, für die zu alten, für die, die eine chronische oder unheilbare Krankheit hatten, sollte die Selektion sehr schnell kommen; man mußte Kosten sparen und das Zahngold bekommen. Acht Tage später wurde ich zur Röntgenuntersuchung wieder in den Krankenbau gerufen, aus dem nur wenige Kranke wieder herauskamen, es sei denn als Rauch durch den Schornstein. Während ich darauf wartete, an die Reihe zu kommen, betrachtete ich eine andere Deportierte. War es möglich, daß ein menschlicher Körper, an dem man alle Knochen sah, an der Stelle seiner Brüste zwei leere Höhlungen hatte und bei dem man hinter der Haut des Bauches die Eingeweide erkennen konnte, sich noch auf den Beinen halten konnte? Ihre angstvollen Augen beobachteten die Reaktion der Krankenschwester. „Gut arbeiten?“, fragte sie. „Nein!“, antwortete man ihr brutal, und sie ging und weinte über ihren Tod.
Ich betrachtete meinen entblößten Körper. Nein, ich habe keine Tuberkulose, ich hatte Hoffnung. Als ich zur Baracke kam (sie hatten „gut arbeiten“ gesagt), umarmten mich alle vor Freude. Auf jeden Fall hatten sie vorgesorgt und eine andere Nummer bereitgehalten, damit ich der Selektion entgehen konnte. Auf diese Weise wurde – dank der deutschen Antifaschistinnen, den ersten Bewohnerinnen des Lagers, und einer Gruppe Französinnen – meine Freundin Tony Lehr aus Österreich gerettet, die verurteilt worden war, geköpft zu werden.
Erneut der Weg in den Krankenbau, zur Vaginaluntersuchung unter so schandvollen wie erniedrigenden Bedingungen. Mit dem gleichen Instrument wurden ohne Desinfektion die Abstriche von allen genommen. Welcher Ekel und welche Angst! Dies war eine zusätzliche Tortur, die auf uns als Frauen angelegt war. Alle kamen wir voller Wut und niedergeschlagen heraus.
Wenn eine schön war, konnte sie für ein Bordell bestimmt werden, wie es einer Sängerin der Oper und der Frau eines sozialistischen Abgeordneten aus Belgien passierte. Wie viele andere begingen sie Selbstmord. Die Bordelle waren generell für die Kapos und für die nach dem Strafrecht Verurteilten, also die Kriminellen reinsten Wassers, vorgesehen. Zumindest war es in Ravensbrück so.
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So, zwischen widerwärtigen und schrecklichen Szenen, lernten wir unsere „Aufgabe“ als Deportierte, deren erste Verpflichtung es war zu sterben. Einige hatten schnell den Schwarzhandel gelernt, für das Bruchstück eines Kammes voller Nissen gleich 60 Gramm Brot, und das waren die guten Zeiten. Am Morgen ein Fünftel Liter schmutziges und lauwarmes Wasser als Kaffee. Zum Mittag zwei Scheiben Rüben in einem Teller voller Wasser ohne Fett, auf dem Grund fanden sich manchmal kleine Fasern von Knochenhaut. Die Veteraninnen des Lagers, völlig ausgehungert, sagten uns, es sei Fleisch von Jüdinnen, und in den ersten Tagen, als „Rekrutinnen“, haben wir es nicht kapiert und haben ihnen unsere Ration überlassen. Am Abend: eine Kartoffel und 15 Gramm Käse, der aus fermentierten Kartoffeln gemacht war.
Wie konnte eine, die sich verspätet hatte, ihren Platz in diesem Labyrinth finden? Sie mußte die ganze Nacht vor Kälte zitternd auf dem Fußboden bleiben. Und wiederum setzte uns die Sirene wie eine Triebfeder in Gang; du mußt deine Kleidung und deine Schuhe anziehen, das Bett richtig rechteckig geordnet hinterlassen, rechteckig wie die Köpfe der Nazis; den „Kaffee“ trinken, dann der Zählappell vor der Baracke um Punkt vier, das synchrone „Zapzap“ unserer zu Tausenden zählenden Holzschuhe auf dem Weg zum Appellplatz.
Im Viereck aufgestellt erwarteten wir voller Schrecken, was das erste Verbrechen des Tages sein würde. Wir durchlitten eine solche Härte, daß wir jeden Morgen Leichname auf einem schrecklichen Feld der Ehre zurückließen. Jene Ärzte und Krankenschwestern, die selbst Deportierte waren, zerrissen sich, konnten aber wenig machen. Sie hatten keine Medikamente. Sie konnten in der Agonie nur ihre moralische Unterstützung geben. Im Krankenbau fehlte alles, und doch gab es einen Operationssaal, der mit den modernsten Instrumenten ausgestattet war.
Antonina Nikiforova, sowjetische Ärztin und eine bewundernswerte Frau, berichtet in ihrem Buch „Plus jamais Ravensbrück“ (Niemals mehr Ravensbrück) erschreckende Dinge. Unter anderem erwähnt sie den Fall eines zwölfjährigen Zigeunermädchens aus Osteuropa, an dem man eine Totaloperation der Gebärmutter vorgenommen hatte und das man mit offenem Bauch, ohne Verband, sterbend liegen ließ. Dieses Mädchen schrie schrecklich, ohne Unterbrechung, bis es starb, bei lebendigem Leibe verfault. Den Müttern, die in dieser Zeit ein Kind zur Welt gebracht hatten, wurde das Baby in einem Wasserbottich ertränkt, während die Mütter fast am Kindbettfieber starben. Zuvor nahm man die Neugeborenen am Kopf und an den Füßen und riß sie mit einem Ruck auseinander.
In Ravensbrück starb man, wie in anderen Lagern, auf tausenderlei Arten eines „natürlichen Todes“: durch Typhus, Durchfall, Hunger, Folter, Benzineinspritzungen ins Herz oder in die Venen, die schrecklichste Schmerzen hervorriefen; durch weiße Pülverchen, die dich für immer einschläferten; durch Erschießungen, von den Hunden zerrissen, aufgehängt, durch Knüppel, zerquetscht von Güterwagen oder von der Straßenwalze, erstickt in den Latrinen.
Der Operationssaal war gut ausgestattet, aber er diente fast ausschließlich für Experimente. Den größten Teil führte der SS-Arzt Gebhardt durch. Für diese Experimente war eine Gruppe junger polnischer Mädchen ausgesucht, „Kaninchen“ genannt. Aus ihren Gliedmaßen wurden Nerven, Muskeln und Knochen entnommen. Mit ihren schrecklichen Verstümmelungen sahen wir sie, gut genährt, im Lager umhergehen. Man erfuhr, daß sie umgebracht würden, um keine Spuren von den an ihnen verübten Verbrechen zu hinter-lassen. Es war die Solidarität anderer Gefangener, die es ermöglichte, daß einige gerettet wurden.
Um uns ganz zu „Untermenschen“ zu machen, begann man, uns in Gruppen von 40, in Fünferreihen, aus dem Lager zu holen. Mit riesigen Schaufeln auf dem Rücken mußten wir Fürstenberg durchqueren: kleine Häuser mit weißen Gardinen, Blumen zwischen den Doppelfenstern, Häuser aus roten Ziegeln. Gefängnis und Lager hatten einen Teil unserer Erinnerung ausgelöscht.  So schön ist die Erde!
An einem freien Gelände angekommen, mußten wir einen riesigen Berg Erde von der rechten Seite zur linken und wieder zurück bewegen. Auf den ersten Pfiff setzte sich die erste Schaufel in Bewegung, und nach weniger als einer Minute waren alle vierzig Schaufeln in Bewegung.
Soweit wir noch einen Sinn für Komik oder Spaß hatten, imitierten wir Chaplin aus „Moderne Zeiten“, aber nach einer Stunde spürten wir die Wirkung der irrationalen Arbeit. Diese Irrationalität paßte völlig in die Logik der Nazis. Tod durch Erschöpfung.
Wenn wir aus Unvorsichtigkeit die Position der Schaufel veränderten, blieb die Haut von unseren Händen  kleben; von diesem Augenblick zweifelte ich nicht mehr daran, daß jene schönen Häuschen mit Blut gebaut waren: „An jedem Ziegelstein ein Tropfen vom Blut eines deutschen Antifaschisten“, war uns gesagt worden. Es waren Wohnungen für die SS-Leute und ihre Familien, kleine Kinder, die uns mit Steinen bewarfen.
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Eine andere Arbeit meiner Gruppe war es, das Sumpfland trockenzulegen. Knöcheltief im eiskalten Wasser mußten wir Bewässerungsgräben ausheben. Aber Vorsicht, verschwendet wurde dort nichts; mit bloßen Händen, ohne Schnur und ohne Form mußten wir perfekte Lehmziegel herstellen und sie höher auftürmen als wir selbst groß waren. Zwölf Stunden täglich diese
Arbeit, und nach 20 Tagen warst du so fertig, daß du reif für den Schlachthof warst.
Auf dem Rückweg zum Lager mußten wir direkt am Hundezwinger vorbeilaufen; 200 Wolfshunde, die von unserem Geruch wild wurden. Ich passierte die Strecke immer, ohne Luft zu holen; eine tödliche Angst paralysierte mich: wenn plötzlich die Tore aufgingen... Erschossen zu werden war ein schrecklicher Gedanke – aber von einem Hund zerrissen zu werden?
Ich habe gesagt, daß es in Ravensbrück niemals einen Augenblick der Stille gab. Plötzlich, eines Morgens Ende März 1944, war eine totale Stille entstanden, wie durch Zauberhand. Was sahen wir plötzlich vor unserer Baracke? Himmler höchstpersönlich, den Chef der Gestapo und aller Vernichtungslager, mit seinem Stab. Welch unheimliches Einherstolzieren! Wozu ist er nach Ravensbrück gekommen? Sein Besuch sollte das Vorspiel massiver Gemetzel sein...
Die Ereignisse überstürzten sich; wir sabotierten weiter, und sie mähten weiterhin Leben nieder. Sie waren irrsinnig und grausam bis zum letzten Moment. Bei einem der Appelle erschlug der SS-Chef des Lagers mit dem Stock eine Kameradin zu meiner Rechten. Dies war ein Lager von Verrückten. Die Nazis und wir schienen wie in einer Tretmühle, in einem Schöpfrad ohne Eimer eingespannt.
Die Bombardements und das Maschinengewehrfeuer der Alliierten verstärkten sich, die Bestrafungen und der Hunger noch mehr. Wir aßen Kartoffelschalen und verfaulte Rüben. Ich habe rohe Schnecken gegessen, Kleeblätter, Kiefernsprossen. Man konnte uns nicht mal mehr nach Flossenbürg überführen, um uns dort im Gas zu töten. Sie setzten uns zu Trümmerarbeiten ein, und so kamen einige ums Leben. Manchmal kamen wir alleine zum Lager zurück.
In der Ferne hörten wir den Lärm der Kämpfe an der sowjetischen Front. Im Westen ergaben sich die Deutschen ohne Widerstand den Amerikanern. Am 3. Mai, um 11 Uhr nachts, sahen wir von Prag her kommend, 80 Kilometer von Holleischen entfernt, eine mehrere Kilometer lange ununterbrochene Feuerfront.
Wie wunderbar! Würden sie rechtzeitig kommen?
Glücklich waren wir, wenn wir, querfeldein in Bombentrichter springend oder fallend, Gras fanden. Unsere Beine knickten um, ein Windhauch warf uns zu Boden. Ach Westfront! Vorwärts, vorwärts, hin zu denen, die am Sterben sind, aber leben wollen. Aufgeregt und voller Sehnsucht erwarteten wir den Schlußakt unserer Tragödie.
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Am Morgen des 5. Mai verschlossen sie unsere Baracken mit Vorhängeschlössern und schweren Eisenstangen. Was hatten sie mit uns vor? Für den Fall, daß die SS bis auf 10 Kilometer eingeschlossen war, wußten wir, daß sie den Befehl hatten, alles zu zerstören.
Sie sollten keine Spuren ihrer schrecklichen Verbrechen zurücklassen. Wir aßen das Stück Brot, das sie uns gegeben hatten, die höchste Befriedigung des Verurteilten. Um halb zwölf vormittags befreite uns eine Gruppe Guerrilla-kämpfer. Uff! Das Lager war vermint und sollte um Punkt zwölf in die Luft fliegen.
Den Kommandanten unseres Lagers, den dritten und schlechtesten von allen, zwangen sie, die teuflische Maschinerie zu entschärfen, und erschossen ihn ohne weitere Umstände in einem Straßengraben, 50 Meter vom Lager entfernt. „Ihr könnt ihn euch ansehen“, sagten uns die Befreier. Ich war verblüfft. Ich fühlte keinen Haß und keine Freude. Nichts, nichts!
Ich war frei, und erstmals weinte ich nicht Tränen der Wut, sondern der Rührung. Was war mit Albert, meinem Mann (der nicht mehr aus den Lagern zurückkehrte)? Mit den Meinen? Mit denen aus der Résistance in Frankreich und Spanien?
Ich wollte das Lager nicht verlassen; die Freiheit zog mich nicht an, ich hatte Angst vor der Rückkehr. Ich hatte sie in den Wochen, Tagen und Stunden vor der Befreiung schon in Träumen durchlebt. Das Wissen darum, daß die Feinde vernichtend geschlagen waren, gab mir eine solche Energie, daß ich nicht an den Tod dachte. Wir hatten, unter immensen Gefahren, Teil am Sieg, und das war das Wichtigste.
Neus Català

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