Risiko & Nebenwirkung

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Vor ein paar Tagen erreichte mich der Newsletter eines Fitness-Studios mit der Botschaft, jetzt stehe endlich „Pole Fitness“ auf dem Kursplan. Für alle, die das (wie ich) bisher nicht kannten: „Pole Fitness“ steht neudeutsch für Stangentanz. Etwas, was man bisher eher vom Striptease kannte. Frauen winden sich mit gespreizten Beinen um eine Stange rum.

In meinem Newsletter klingt das natürlich alles ganz anders. Es handele sich beim Pole Fitness um ein „ganzheitliches Körpertraining“; einen Weg, sich endlich „selbstbewusster“ und „eleganter“ zu fühlen. Die Info, dass ich dafür idealer Weise in knappen Hot-Pants und kurzem Top an der Stange hänge, spart der Newsletter aus. „Wir können uns dann besser halten“, erklärte eine Pole-Dance-Trainerin in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf die Frage, warum die Frauen beim Training so gut wie nichts anhaben.

Yoga, Pilates, Pole Fitness – ist doch alles dasselbe, oder? Nein, ist es nicht! Selbst wenn ich mich zwinge, nicht an St. Pauli, an lilarotes Licht, Bierdunst und gaffende Männer auf Junggesellenabschieden zu denken, auch dann haben  „ganzheitliches Körpertraining“ und Pole Dance einfach gar nichts miteinander zu tun. Dass manche Frauen jetzt auch noch selbst davon überzeugt sind, dass sie sich damit was Gutes tun, ist der Sieg der Sexy-Diktatur. „Der Geschlechterkampf ist vorbei. Wir haben gewonnen, und zwar in dem Moment, als die Frauen Stangentanz als Fitnessprogramm entdeckt haben“, trumpft der Obermacho Jacob (Ryan Gosling) in der Liebesschnulze „Crazy, Stupid, Love“ vor seinen Jungs im Fitnessstudio auf. So ist das.

Warum also preisen jetzt Sportvereine und Fitness-Studios Stangentanz an, als handele es sich um den neuesten Wellness-Tipp aus einem Kurhotel am Timmendorfer Strand?

Weil es in Amerika total angesagt ist? „Inzwischen gibt es in den USA an den Kiosken schon so viele Hochglanzmaga­zine zu Pole Dance, wie in Deutschland Fachlektüre übers Angeln“, jubelt Spiegel Online. „Heute gibt es mehr als 500 Elemente an der Stange!“ begeistert sich die FAS. Kate Hudson, Cindy Crawford, ­Nicole Kidman und sogar Disney-Star Miley Cyrus „schwören auf das Workout“, berichtete die Zeit.

Geschrieben werden solche Lobeshymnen übrigens in der Regel von Männern, die ja ohnehin als begeisterte Anhänger dieser Sportart gelten. Allerdings eher als Zuschauer.

Oder bin ich zu verklemmt? Müsste ich mich diesem ganzheitlichen Erlebnis Körper-Stange-Geist einfach mal hingeben? Meinen vom stressigen Berufsalltag verspannten Körper in seine „natürliche“ S-Form entlassen, wie die US-Schauspielerin und Pole-Dance-Vermarkterin Sheila Kelly in ihrem Buch „Pole Dancing für jede Frau“ erklärt. Brust raus, Po raus, Rücken durchdrücken, Hüften kreisen … Dazu die guten Ratschläge aus Frauenzeitschriften. Stil: „Entdecken Sie Ihr erotisches Ich“. Oder: „Flaute im Bett? Tun sie doch mal etwas Ungewöhnliches, um die Stimmung im Schlafzimmer anzuheizen. Lernen Sie Pole Dance!“
Vor einiger Zeit gestand die Ex-Stripperin Jennifer Hayashi Danns im Guardian, dass sie noch nie eine Frau getroffen habe, die zum Pole Dance nüchtern auf die Bühne geht. Die meisten Mädchen trinken oder koksen, sagt sie. Sie selbst habe auf dem Höhepunkt ihrer zweijährigen Sexdance-Karriere grundsätzlich drei Flasche Wein pro Auftritt geleert. Eine davor, eine währenddessen und eine danach. „Wie sonst hätten wir uns dazu überwinden sollen, auf wildfremde Männer zuzugehen und sie zu fragen, ob wir für sie unsere Klamotten ausziehen sollen?“ Männer, die den Tänzerinnen dann trotz Verbot in den Schritt packen. Oder zum Masturbieren auffordern, für ein kleines Trinkgeld. Die Behauptung, dass Table-Dance Frauen „empowere“, bezeichnet Jennifer schlicht als „Schwachsinn“.

Daniela Schaaf, Kommunikationswissenschaftlerin an der Sporthochschule Köln, hat kürzlich ein Buch über die „Sexualisierung des Sports in den Medien“ herausgegeben. Darin analysiert sie die fünf Stufen der Pornofizierung von Sportarten. Pole Dance rangiert auf Stufe vier: „Adaption von Riten aus der Rotlichtbranche als neue Sportart.“ Nur noch getoppt von Rang fünf: dem Sport-Porno.

Einen gibt es allerdings, der sich über den ganzen Rummel um den Stangentanz freut: der Deutsche Pole Sport Verband. „Unser Ziel ist es, kleine Pole-Sport-Veranstaltungen und Projekte für Kinder und ­Jugendliche zu fördern“, vermeldet er auf seiner Internetseite. Pole Dance als Alternative zum Schwimmunterricht? Oder wöchentliche Pole-Dance-AGs in Schulen? Selbst der Tigerenten Club bejubelte Pole Dance jüngst als „jungen Trendsport“. Die Internationale Pole Dance Association möchte den Stangentanz im Rahmenprogramm der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro präsentieren.

Längerfristiges Ziel: Pole Dance als olympische Disziplin. Und was kommt als nächstes? Vagina-Fit – damit da unten alles schön straff bleibt? Oder walken auf dem Straßenstrich? Ich bin dann mal beim Boxen …                         

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