Sexualität: Die potente Frau

K√∂nnen Frauen sogar eine Ejakulation haben? Das fragt sich die √Ąrztin und Sexualwissenschaftlerin Sabine zur Nieden, die hier die Geschichte der Klitoris erz√§hlt. Mit ihr erz√§hlt sie die Geschichte der weiblichen Potenz, ihrer Verst√ľmmelung und ihrer Wiederentdeckung.

Vor einiger Zeit erz√§hlte mir eine Freundin etwas versch√§mt, dass sie beim Orgasmus einen lustvollen Fl√ľssigkeitserguss h√§tte, der ganz anders sei als das Feuchtwerden der Vagina bei der Erregung. Manchmal sei es richtig viel, so dass sie am Morgen die Bettw√§sche wechseln m√ľsse. Zuerst h√§tte sie geglaubt, es sei Urin - aber diese Fl√ľssigkeit sei ganz anders: "Eher wie Parf√ľm, das verfliegt".

Ich suchte in meinen sexualmedizinischen und gyn√§kologischen B√ľchern und fand nichts, was diese Beobachtung erkl√§ren k√∂nnte. Monate sp√§ter las ich in einer Fachzeitschrift eine kurze Notiz von amerikanischen Sexualmedizinern, die √ľber die "weibliche Ejakulation" forschten.

Ejakulation hei√üt Samenerguss. Samen konnte es nicht sein, denn der wird in den m√§nnlichen Hoden produziert, und die haben Frauen nicht. Allerdings: die Samenf√§den selbst machen nur ein Prozent des m√§nnlichen Samenergusses aus. Der gr√∂√üte Teil der Fl√ľssigkeit, die beim m√§nnlichen Orgasmus ausgesto√üen wird, wird von den Samenblasen und der Prostata, der Vorsteherdr√ľse, produziert. Gibt es also eine weibliche Prostata?

Gibt es also eine weibliche Prostata?

Trotz Medizinstudium und Anatomiekurs hatte ich nie etwas von einer weiblichen Prostata geh√∂rt oder gelesen. Je mehr ich aber nachforschte, desto klarer wurde mir, wie reduziert und einseitig die medizinische Darstellung und das heutige Wissen √ľber die weiblichen Sexualorgane sind. Die Strukturen der Klitoris sind viel ausgedehnter, als die meisten ahnen.
Doch gerade in der Beschreibung der Sexualit√§t gibt es in der Medizin einen geschlechtsspezifischen Sprachgebrauch, der Begriffe wie "Potenz", "Erektion" und "Ejakulation" allein dem Manne vorbeh√§lt; "Frigidit√§t" und "Orgasmusst√∂rungen" daf√ľr den Frauen. Hinzu kommt, dass die m√§nnerbeherrschte Wissenschaft allgemein dazu tendiert, das Weibliche als das verk√ľmmerte, unvollst√§ndig M√§nnliche zu definieren.

Dieser Blick, getr√ľbt von der m√§nnlichen Sicht, hat uns Frauen unsere Potenz geraubt und uns glauben gemacht, wir seien sexuell weniger reaktionsf√§hig als die M√§nner. Er hat uns den Freudschen Penisneid und nicht enden wollende, fruchtlose Diskussionen √ľber den "vaginalen Orgasmus" beschert. Wir mussten k√§mpfen, um wenigstens die Spitze der Klitoris als unser eigentliches, empfindsames Organ zu rehabilitieren. Was wir erreichten, war das reduzierte Wissen um ein winziges, erogenes Kn√∂pfchen.

Um verständlich zu machen, wie ähnlich die Sexualorgane von Frauen und Männern sind, und wie ausgedehnt (und durchaus dem Penis vergleichbar) die körperlichen Strukturen der Klitoris sind, muss ich zuerst einmal die Entwicklungsgeschichte der Sexualorgane darstellen:

Nach der von Ovid √ľberlieferten Sage verliebte sich Hermaphroditos, der Sohn von Hermes und Aphrodite, unsterblich in die Quellnymphe Salmakis. Diese lockte ihn ins Wasser. Um nie wieder von ihm getrennt zu werden, bat sie die G√∂tter um Vereinigung mit ihm zu einem doppelgeschlechtlichen Wesen.

Dieser Mythos erscheint n√§her an der Realit√§t der Geschlechterentwicklung als die uns bisher √ľberlieferte Vorstellung. Gerade in der Sexualit√§t schien bis vor einigen Jahren das Gegensatzpaar m√§nnlich/weiblich biologisch unanzweifelbar festgelegt. Von der √Ėffentlichkeit wenig beachtet haben sich in der Embryologie jedoch neue Erkenntnisse durchgesetzt.

Es war kein Zufall, dass die Sexualit√§t von Frauen Anfang der 70er Jahre zum Thema wurde. Feministinnen brachen das Schweigen, und Millionen Frauen folgten ihnen. Sie begannen, √ľber ihre √Ąngste und Frustrationen zu sprechen, √ľber ihre Hoffnungen und Begierden. Und es war auch kein Zufall, dass in dieser Zeit das Buch von Mary Jane Sherfey erschien: "Die Potenz der Frau".

Die amerikanische √Ąrztin und Psychoanalytikerin r√§umt darin mit der k√∂rperlichen Unterlegenheit der Frauen im sexuellen Bereich auf. Sie fasst die heutigen Erkenntnisse der Medizin, Sexualwissenschaft und Embryologie zusammen und beweist, dass der sogenannte "sexuelle Apparat" (also die Genitalien und alles, was dazu geh√∂rt) und die Abl√§ufe sexueller Erregung und orgiastischer Entladung bei M√§nnern und Frauen keineswegs unterschiedlich, sondern sehr, sehr √§hnlich sind.

Feministinnen in der ganzen Welt griffen ihre Arbeit auf. i Alice Schwarzer zitiert Sherfey breit in "Der kleine Unterschied und seine gro√üen Folgen", kritisiert allerdings ihre Behauptung, Frauen seien von Natur aus M√§nnern sexuell nicht nur gleich, sondern sogar √ľberlegen: sie h√§tten, im Gegensatz zum Mann, eine unersch√∂pfliche orgiastische Potenz (dieses, so Schwarzer, sei weniger ein nat√ľrliches, sondern eher ein kulturelles Ph√§nomen).

Eines stimmt in der Tat: Rein entwicklungsgeschichtlich wurde nicht Eva aus Adams Rippe gemacht, sondern Adam aus Evas Rippe. Denn am Anfang war die Frau.

Denn am Anfang war die Frau.

Die inneren und äußeren Geschlechtsorgane bei Mann und Frau entwickeln sich aus einer primär weiblichen, bipotenten Anlage. Jeder Mensch trägt potentiell die Möglichkeit in sich, beide Geschlechter zu entwickeln, differenziert aber nur eines aus. Besonders erstaunt waren die Forscher, als sie experimentell feststellten, dass sich der Embryo - gleich welcher genetischer Information - ohne jeglichen Hormoneinfluss immer weiblich entwickelt. Die äußeren Geschlechtsorgane bei Mann und Frau entwickeln sich aus ein und derselben, primär weiblichen Grundform. Unter dem Einfluss von männlichen Hormonen machen die Geschlechtsorgane eine Umwandlung von der weiblichen in die männliche Anatomie durch.

Die sexuelle Reaktion - die vermehrte Durchblutung bei Erregung, die Muskelkontraktionen beim Orgasmus - ist bei Frauen und M√§nnern in den sich entsprechenden Organteilen sehr √§hnlich. Die Unterschiede in der erotischen Ansprechbarkeit und Reaktion, die Frauen und M√§nnern heute zugeschrieben werden, haben nicht etwa k√∂rperliche Gr√ľnde, sondern rein seelische und soziale.

Die meisten Frauen wissen sehr wenig √ľber die Anatomie ihrer Sexualorgane. Schon von Kind auf werden wir dazu erzogen, uns in diesem Bereich nicht anzufassen, anzuschauen und schon gar nicht dar√ľber zu sprechen. Unsere Sprache ist arm und unbeholfen, wenn es darum geht, z√§rtliche und sch√∂ne Worte f√ľr unsere Sexualorgane zu finden. Die meisten Worte sind von frauenfeindlichem und pornographischem Missbrauch zerst√∂rt oder wissenschaftlich kalt und unerotisch.

Erst die neuen Feministinnen machten es m√∂glich, auch √ľber die Lust von Frauen zu reden. Ich selbst verwende in diesem Artikel die Worte Kitzler und Klitoris; statt Schamlippen (was ja impliziert, dass wir uns sch√§men m√ľssen) den feministischen Begriff Venuslippen. Au√üerdem benutze ich den Begriff Vagina, obwohl er auch nichts anderes bedeutet als "Scheide". Doch der lateinische Ausdruck erinnert zumindest nicht so penetrant an die m√§nnliche Sexualphantasie, die den weiblichen Sex auf das passive Aufnehmen reduziert und zudem noch, wenig ritterlich, aus der mittelalterlichen Aufr√ľstung entliehen zu sein scheint: der Penis, der wie ein Schwert in die "Scheide" der Frau eindringt ...

Im Fremdw√∂rterlexikon finden wir unter Klitoris: "Aufrichtbarer, dem Penis entsprechender Teil der weiblichen Geschlechtsorgane am oberen Zusammensto√ü der kleinen Schamlippen."¬†¬† Sprachlich verborgen bleiben die ausgepr√§gteren, nicht unmittelbar sichtbaren Teile, die zur Klitoris geh√∂ren. Als "Klitoris" nur ihre √§u√üerste Spitze zu bezeichnen, ist, wie wenn man beim Mann nur die Eichel als Penis bezeichnen w√ľrde.

Die gesamte Klitoris besteht aus der au√üen sichtbaren Glans (der Spitze), die wie eine kleine Perle unter der Vorhaut verborgen liegt, dem Klitoris-Schaft und den Schenkeln der Klitoris: zwei Schwellk√∂rpern, die sich, von einer Bindegewebsmembran umschlossen, zum Rand des Sitz- und Schambeinsziehen. Da sie von , zwei Muskeln bedeckt sind, ; sind die Schenkel √§u√üerlich ; nicht sichtbar und f√ľhlbar.

Die medizinischen Lehrb√ľcher bezeichnen die Klitoris mit Schaft und Schenkeln unmissverst√§ndlich als das entsprechende, homologe Organ zum Penis. Demnach kennen nur wenige Frauen das Ausma√ü ihres eigenen Sexualorgans! Und schauen wir uns die embryonale Entwicklung pr√§ziser an, wird klar, dass das Homolog zum m√§nnlichen Penis noch weitaus mehr Organstrukturen umfasst.

Parallel zum männlichen Sexualorgan haben Frauen zusätzlich zur Klitoris noch die kleinen Venuslippen, den Scheidenvorhof, die beiden Schwellkörper (die den Eingang der Vagina umgeben), den unteren Anteil der Vagina und die weibliche Harnröhre ist mit den sie umgebenden Schwellkörpern: Rein entwicklungsgeschichtlich ist der Vaginaleingang mit seinen empfindsamen und aktiven Strukturen ein Teil der Klitoris.

Masters und Johnson, ein amerikanisches Forscherpaar, (inzwischen verehelichte Masters und Masters), waren die ersten, die 1954 eine wirklich fundierte Forschung √ľber die sexuelle Reaktion von Mann und Frau begannen. Sie untersuchten und beobachteten im Labor Hunderte von Frauen und M√§nnern. Sie zeichneten deren Reaktionen bei der Selbstbefriedigung, beim Sex miteinander, bei der Erregung und beim Orgasmus auf. Sie waren die allerersten, die mit einer eigens daf√ľr konstruierten Kamera das Innere der Vagina bei der Erregung filmten. Und sie r√§umten mit dem Vorurteil auf, dass Frauen ein geringeres sexuelles Empfinden haben.

Ganz im Gegenteil: Masters und Johnson stellten fest, dass manche Frauen weitaus mehr Orgasmen als M√§nner haben k√∂nnen. Die Sexualforscher widersprachen der psychoanalytischen Theorie vom "vaginalen Orgasmus" und best√§tigten, was Frauen l√§ngst wussten: Dass nicht die Tiefe der Vagina, sondern die Klitoris und ihre Umgebung f√ľr die erotische Empfindsamkeit und die Ausl√∂sung des Orgasmus am wichtigsten ist. Gleich zeitig aber stellte das forschende Paar eine erstaunliche √Ąhnlichkeit der sexuellen Reizreaktionen bei Mann und Frau fest.

Die wichtigste Voraussetzung f√ľr die sexuelle Erregung ist, dass man/frau jemanden k√∂rperlich und seelisch anziehend findet. Je st√§rker die emotionale Tiefe, desto intensiver ist die sexuelle Reaktion, in die der ganze K√∂rper miteinbezogen ist. Jede Stelle des K√∂rpers kann so zu einer erogenen Zone werden. Es gibt Frauen und M√§nner, die allein √ľber die Phantasie, die Stimulation des Ohrl√§ppchens, der Brustwarzen oder irgendeines erotisch besetzten K√∂rperteils zum Orgasmus kommen k√∂nnen.

Bei der sexuellen Erregung w√§chst √ľberall die Muskelspannung und Durchblutung an. Der Herzschlag, die Atmung, der Blutdruck erh√∂hen sich. Die Brustwarzen werden st√§rker durchblutet, stellen sich auf, die Brust nimmt an Gr√∂√üe zu. Es kommt, besonders in den Sexualorganen, zu einem explosionsartigen Blutandrang.

Beim Mann f√ľhrt das zur Erektion des Penis, bei der Frau f√ľllen sich die Klitoris und ihre Schwellk√∂rper. Auch die Blutgef√§√ünetze, die die Vagina umspinnen, f√ľllen sich auf, die Farbe der W√§nde wird dunkler. Durch die pralle Blutf√ľllung treten an den W√§nden der Vagina winzige Fl√ľssigkeitstr√∂pfchen aus, die bei zunehmender Erregung zu einem Fl√ľssigkeitsfilm zusammenflie√üen und als erstes, deutliches Zeichen der Erregung das Feuchtwerden des Innern der Vagina, der kleinen Venuslippen und des Eingangs zur Vagina bewirken.

Auch die gro√üen und kleinen Venuslippen f√ľllen sich mit Blut und nehmen bis zum Zwei- bis Dreifachen an Gr√∂√üe und Dicke zu. Auch die Spitze des Kitzlers vergr√∂√üert sich, wird aber bei zunehmender Erregung von den Schenkeln unter die Vorhaut zur√ľckgezogen. Durch die Blutf√ľlle der Schwellk√∂rper verengt sich das untere Drittel der Vagina zur sogenannten orgiastischen Manschette. Die oberen zwei Drittel erweitern sich, da sich die Geb√§rmutter, deren Venengeflecht sich auch mit Blut f√ľllt, aufstellt und so das hintere und vordere Vaginalgew√∂lbe entfaltet.

Wird jetzt der K√∂rper der Klitoris oder das umgebende Gewebe, der Eingang zur Vagina oder die kleinen Venuslippen weiter stimuliert, w√§chst die Muskelspannung immer st√§rker an, bis zum H√∂hepunkt. Danach kommt es zu einem explosionsartigen, rhythmischen, kr√§ftigen Zusammenziehen der Muskeln, die vom Scham- und Stei√übein und um den Eingang zur Vagina √ľber die Schwellk√∂rper ziehen. Die Kontraktion dieser Muskeln f√ľhrt zum rhythmischen, lustvollen Zusammenziehen der orgiastischen Manschette, der Harnr√∂hre und des Darmausgangs.

Bei manchen Menschen kommt es bei der sexuellen Erregung zu Anspannungen der Muskeln des ganzen K√∂rpers, besonders der Hand- und Fu√ümuskeln, einige verlieren sogar f√ľr einen kleinen Moment das Bewusstsein.

Das orgiastische Zusammenziehen der Muskeln √ľber den Schwellk√∂rpern stoppt eine weitere Blutzufuhr. Das Gewebe schwillt ab, die Gef√§√ügeflechte entleeren sich. Nach einigen Sekunden werden die orgiastischen Kontraktionen schw√§cher, die Spannung l√§sst nach, und der K√∂rper entspannt sich. Beim Mann sind die orgiastischen Kontraktionen in der Regel mit der Aussto√üung der Samenfl√ľssigkeit aus der Harnr√∂hre verbunden.

Geht die k√∂rperlich sexuelle √Ąhnlichkeit von Frau und Mann soweit, dass Frauen auch so einen Erguss, ohne Samen, haben? Vielleicht. Anzeichen daf√ľr gibt es. Eine steigende Anzahl von Frauen berichtet, sie habe auf der H√∂he der Lust einen zus√§tzlichen Fl√ľssigkeitserguss, der aus der Harnr√∂hre (die sich im Eingang der Vagina verbirgt) ausgesto√üen wird. Es handelt sich dabei anscheinend oft um gr√∂√üere Mengen, die feuchte Flecken in der Bettw√§sche hinterlassen. Manche Frauen sch√§men sich, dar√ľber zu sprechen, weil sie denken, es sei Urin. Die meisten aber, die sich daraufhin genauer beobachtet haben, sagen, dass diese Fl√ľssigkeit ganz anders als Urin sei.

Die gro√üen sexualmedizinischen Untersuchungen verweisen heute eine weibliche Ejakulation in das Reich der Mythen. Der Streit um die weibliche Ejakulation ist allerdings schon Jahrhunderte alt. In den fr√ľhen historischen Quellen werden die Begriffe "m√§nnlicher" und "weiblicher Samen", teilweise auch in Unkenntnis des tats√§chlichen Befruchtungsvorgangs, noch gleichgesetzt mit der Aussto√üung von Fl√ľssigkeiten bei M√§nnern und Frauen w√§hrend des Sexes.

Im laufe der Zeit, als man die Funktion des m√§nnlichen Samens verstand, wurde¬† der Begriff "Ejakulation" zunehmend dem m√§nnlichen Geschlecht vorbehalten. Bis schlie√ülich das Wissen um einen vergleichbaren weiblichen Vorgang v√∂llig verloren ging, weil es schlie√ülich noch nicht einmal ein Wort daf√ľr gab. Was nicht benannt wird, existiert nicht.

Das war nicht immer so. Bereits im Talmud und in der altindischen Liebeslehre wird die weibliche Ejakulation erw√§hnt. Der altgriechische Arzt Hippokrates glaubte, wie auch sein Kollege Galen, dass die Befruchtung √ľber die Vermischung von m√§nnlichem und weiblichem Samen zustande k√§me. Der griechische Philosoph und Naturforscher (und Frauenfeind!) Aristoteles sprach wiederum der Frau jeglichen Nachkommen schaffenden Samen ab. Die Frau war seiner Meinung nach nur das Gef√§√ü, die H√ľlle.

Diese Kontroverse √ľber die befruchtende Funktion der weiblichen Sexualfl√ľssigkeiten zog sich bis ins 18. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert entdeckte der holl√§ndische Naturforscher Leeuwenoeck unter dem Mikroskop die m√§nnlichen Samenf√§den. Ungef√§hr zur selben Zeit beschrieb De Graaf zum ersten Mal die weiblichen Eier in den Eierst√∂cken.

Eine groteske Theorie jagte in den folgenden zwei Jahrhunderten die n√§chste. Die Entdeckung der sogenannten "Samentierchen" wertete den m√§nnlichen Samen erneut auf. Man sah darin teilweise den vom Manne allein produzierten, bereits fertigen, kleinen Menschen, bereit, sich auf den m√ľhevollen Marsch in die passiv n√§hrende Geb√§rmutter zu machen.

Erst im 19. Jahrhundert beobachtete man unter dem Mikroskop erstmals den Befruchtungsvorgang. Damit war eigentlich die Gleichwertigkeit des m√ľtterlichen und v√§terlichen Anteils rein wissenschaftlich gekl√§rt. Doch irgendwo auf diesem verschlungenen Weg ging im Patriarchat das Wissen um die der m√§nnlichen Ejakulation vergleichbare weibliche Fl√ľssigkeit verloren. √úber Jahrhunderte also hatte man beiden Geschlechtern die F√§higkeit zur Ejakulation zugesprochen.

Erst im "aufgekl√§rten" 20. Jahrhundert wird der Begriff rein m√§nnlich. Die semantische Geschichte des Wortes Samen zeigt, wie stark Sprache und Kultur die Wahrnehmung beeinflussen: Was uns bleibt, ist der rein m√§nnliche Begriff Samen f√ľr die m√§nnlichen Geschlechtszellen, der noch an die aristotelische Behauptung von der m√§nnlichen Omnipotenz anzukn√ľpfen scheint. Der "Same" einer Pflanze enth√§lt n√§mlich alle Anlagen f√ľr die wachsende Pflanze. Er wird in die (Mutter) Erde ges√§t, die nur noch passiv die N√§hrstoffe liefert ...

Mit der Entdeckung der Samenf√§den allerdings ging das Wissen √ľber die weibliche Ejakulation noch nicht ganz verloren. De Graaf schrieb und zeichnete als erster eine pr√§zise Beschreibung der weiblichen Anatomie. In dem 672 (!) erschienenen Buch mit sehr sch√∂nen Stichen, die die weibliche Anatomie vollst√§ndiger darstellen als viele moderne B√ľcher, beschreibt und zeichnet er die weibliche Prostata und erw√§hnt einen lustvollen Fl√ľssigkeitserguss. Und bis zum Anfang unseres Jahrhunderts, ob in der viktorianischen Pornographie, bei de Sade oder in den alten sexualmedizinischen Abhandlungen, wird der weibliche Erguss fast immer erw√§hnt.

Erst die modernen Sexualwissenschaftler bestreiten seine Existenz. Masters und Johnson betonen sogar, dass sich die sexuelle Reaktion bei Männern und Frauen zwar in fast jedem Detail ähneln, die Ejakulation jedoch sei eine Ausnahme, sie sei ein einzigartiges Phänomen des männlichen Orgasmus.

Zu Unrecht wird √ľbrigens fast √ľberall, auch in der Fachliteratur, die m√§nnliche Ejakulation unhinterfragt mit dem Orgasmus gleichgesetzt. Durch das undifferenzierte Gleichsetzen von Abspritzen mit Orgasmus wird vertuscht, wie h√§ufig auch bei M√§nnern Frigidit√§t vorkommt.

Es ist kein Zufall, denke ich, dass die Beschreibung einer weiblichen Ejakulation zum ersten Mal wieder in der Frauenselbsthilfe in Los Angeles beschrieben wurde. Diese Frauen berichteten dar√ľber zwei Sexualmedizinern. Nach einer Fernsehsendung zu dem Thema weibliche Ejakulation schickten √ľber 5.000 Frauen Schilderungen entsprechender Erlebnisse. Von einer Frau wurde die ausgesto√üene Fl√ľssigkeit im Labor untersucht. Es wurde eine hohe Konzentration an saurer Prostataphosphatase gefunden: ein Stoff, den man haupts√§chlich vom m√§nnlichen Prostatasekret kennt.

Der gr√∂√üte Teil der heutigen Lehrbucher erw√§hnt auch die weibliche Prostata nicht. Aber auch hier√ľber existiert ein historisches Wissen. Schon De Graaf beschrieb sie, und auch der bekannte Pathologe Virchow nennt die Dr√ľsen um die weibliche Harnr√∂hre Prostata. Beim menschlichen Embryo ist die Prostata bei beiden Geschlechtern fast identisch aufgebaut. Erst in der Pubert√§t bekommt die m√§nnliche Prostata ihr typisches Aussehen. Ungeheuer viele Untersuchungen √ľber die m√§nnliche Prostata liegen vor, die weibliche findet h√∂chstens als sogenannte "Skenesche Dr√ľsen" Erw√§hnung, die keine Funktion haben sollen (au√üer der, sich gelegentlich zu entz√ľnden).

Einige wenige Untersuchungen zeigen, dass diese Skeneschen Dr√ľsen oft viel ausgedehnter sind, als bisher vermutet wurde. Allerdings scheint das sehr unterschiedlich zu sein. Bei einigen Frauen sind sie ganz gering, bei anderen sehr stark ausgepr√§gt. Dies k√∂nnte eine Erkl√§rung daf√ľr sein, warum nur ein kleiner Prozentsatz von Frauen die eigene Ejakulation kennt.

Die amerikanischen Forscher zogen aus ihren Untersuchungen allerdings Schl√ľsse, mit denen die Frauen des Frauengesundheitszentrums wohl kaum sehr gl√ľcklich waren. Sie ver√∂ffentlichten ein Buch: "Der G-Punkt", und seither geistert erneut die Diskussion um den sogenannten "vaginalen Orgasmus" durch die Medien. Wichtig, so meinten sie, sei es, das kleine Ausl√∂sekn√∂pfchen in der Vagina zu entdecken: den sogenannten "G-Point". Dieses Kn√∂pfchen soll sowohl den "vaginalen Orgasmus" wie auch die weibliche Ejakulation ausl√∂sen.

Allerdings: Was da so marktschreierisch als Schaltkn√∂pfchen f√ľr den vaginalen Orgasmus durch die Medien getragen wurde, ist nichts anders als der Schwellk√∂rper, der zusammen mit der weiblichen Prostata die Harnr√∂hre umgibt. Also ein tiefer liegender Teil des klitorialen Systems.

In der Tat existiert ein sexuell sehr empfindsamer Bereich im vorderen Anteil der Vagina. Wenn frau mit dem Finger in die Vagina eindringt und in Richtung Bauch dr√ľckt, ist dieser sensible Bereich leicht zu entdecken. Im ersten Moment irritiert vielleicht das Gef√ľhl, dass die Blase mitgereizt wird, viele Frauen empfinden jedoch eine weitere Stimulation als sehr lustvoll.

Es ist durchaus kein Widerspruch, wenn manche Frauen eine direkte Liebkosung des Klitoriskörpers bevorzugen, andere am Vaginaleingang und den kleinen Venuslippen empfindsamer sind, und wiederum andere ein tiefes Eindringen besonders mögen. Die Vagina selbst ist zwar weitgehend unempfindsam, ihr Eingang jedoch ist als Teil der Klitoris sehr empfindlich, und die Venengeflechte um Harnröhre und Vagina sind ebenfalls Teil dieses aktiven, erogenen Systems.

In der f√ľr Frauen sehr stressigen Debatte um den sogenannten "vaginalen" Orgasmus, in der nur Frauen als reif angesehen wurden, die durch das Eindringen des Penis (und nicht durch die Reizung der Klitoris) zum Orgasmus kamen, versteckte sich die Rechtfertigung m√§nnlichen Sexualgehabes, das weiblichen Bed√ľrfnissen nicht gerecht wird. Die Vorstellung, dass nur die begl√ľckend erlebte Penetration eine reife Sexualit√§t sei, hat viel mit m√§nnlicher Machtanma√üung √ľber den weiblichen K√∂rper zu tun und wenig mit seiner Kenntnis.

Nur ein kleiner Anteil der Frauen erreicht einen Orgasmus durch das alleinige Eindringen des Penis in die Vagina, und auch hierbei wird der Orgasmus durch die indirekte Reizung der Klitoris ausgelöst. Jede Frau hat verschiedene Vorlieben und Techniken, zum Orgasmus zu kommen. Kaum eine Frau befriedigt sich wie die andere. Es gibt unendlich viele Variationsmöglichkeiten. Ein Orgasmus ist ein Erlebnis, das - herzlos physiologisch gesprochen - primär im Zentralnervensystem, im Gehirn also wahrgenommen wird, egal ob der Orgasmus vom Ohrläppchen, von der Spitze der Klitoris oder vom "G-Punkt" ausgelöst wird. Das sexuell empfindsamste Organ bei der Frau aber ist und bleibt die Klitoris.

Wir haben uns im Patriarchat viel √ľber den Unterschied anh√∂ren m√ľssen. √úber den Unterschied im Beruf und in der Politik, √ľber den Unterschied im Haushalt und im Bett. Zu Beruf, Haushalt und Politik haben wir Frauen bereits einige Anmerkungen gemacht in den letzten zehn, zwanzig Jahren. Zum Bett ebenfalls.

Und nun gibt es rein k√∂rperlich dies noch hinzuzuf√ľgen: Der Mythos von der nat√ľrlichen Passivit√§t und Hingabebereitschaft der Frauen einerseits und der nat√ľrlichen Aktivit√§t und Potenz der M√§nner andererseits ist eine L√ľge des Patriarchats. Frauen sind rein k√∂rperlich auch im sexuellen Bereich den M√§nnern gleich. Und rein seelisch werden sie es mehr und mehr sein. Sie werden selbst bestimmen, wie ihnen gerade zumute ist: Mal unten und mal oben, mal passiv und mal aktiv, mal hingegeben und mal potent.

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Kommentare

Es ist sooo krass, dass das keine/r weiß! Jedenfalls wurde zu meiner Zeit im Sexualkundeunterricht in der Schule NICHTS von den Ausmaßen der Klitoris erwähnt. Immer nur diese Vulva- Zeichnungen mit der Spitze der Klitoris. Ich war total hin und weg, als ich, nachdem ich diesen Artikel gelesen habe, mal "Klitoris" gegoogelt habe und auf Bilder davon gestoßen bin. Endlich ein Totschlag- Argument gegen diesen männlichen Peniswahn! :D DANKE DANKE DANKE! Ich kann die Gelegenheit kaum abwarten, Leute damit zu konfrontieren.

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