Schwarzer & die Medien

Störer sprangen auf die Bühne, Alice Schwarzer blieb ruhig. Foto: Doreen Blask
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Der Spiegel stellte fest: Schon vor Beginn der Lesung hatten vor dem Schauspielhaus mehr als hundert Menschen lautstark gegen die Veranstaltung protestiert und Banner gehalten. Die Protestierenden warfen Schwarzer transfeindlichen, rassistischen und ausgrenzenden „Radikalfeminismus“ vor. Es ist der Kern der aktuellen Schwarzer-Debatte: Die Frau, die für viele jahrzehntelang als Symbol einer westdeutschen Emanzipationsgeschichte galt, ist für andere längst zur Reizfigur geworden – nicht nur wegen ihrer Zuspitzungen, sondern wegen ihrer politischen Fixierungen. Die Einladung war vorab von 340 Theatermacherinnen und -machern in einem offenen Brief kritisiert worden. Sie hatten das Schauspielhaus aufgefordert, die Veranstaltung abzusagen. Sie warfen Schwarzer vor, dass sie „seit Jahren gegen Selbstbestimmung, Arbeitsrechte und soziale Teilhabe von trans Menschen und Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern“ kämpfe. Konkret hieß es im Brief, sie positioniere sich gegen das Selbstbestimmungsgesetz, beharre auf biologistischen Geschlechterbildern, diskreditiere Transidentität als „Trend“ oder „Freizeitvergnügen“ – und argumentiere teils „in AfD-Manier“, wenn sie vor angeblichen Gefahren für Kinder und Jugendliche warne. Im SPIEGEL-Spitzengespräch sah Schwarzer zuletzt sogar in einer möglichen Kanzlerschaft der AfD-Politikerin Alice Weidel ein „ermutigendes“ Zeichen für Frauen. Das Hamburger Theater hielt an der Lesung fest. „Seit 50 Jahren äußert sich Alice Schwarzer zu sehr vielen Themen – zu so vielen, dass wir es problematisch finden, sie auf eine ihrer Positionen zu reduzieren, so diskussionswürdig einige von ihnen sind“, teilte das Haus mit. Alice Schwarzer sei eine streitbare und streitfreudige Person. Vor allem eine, „die nicht nur die Debatte sucht, sondern sich Diskussionen auch stellt“. Manche Thesen Schwarzers spiegelten in der Gesellschaft kursierende Aussagen, „deshalb sollten sie diskutiert werden – und es kann ihnen auch widersprochen werden“. Meinungsvielfalt sei essenziell für die Demokratie. „Alice Schwarzer den Mund zu verbieten und ihr keine Möglichkeit zu geben, ihre Sicht der Dinge offen zu diskutieren, tragen wir nicht mit.“

Auch die dpa-Meldung zur Lesung wurde bundesweit von den Medien aufgenommen. Meinungsvielfalt sei essenziell für die Demokratie, schreibt die deutsche Presseagentur. "Alice Schwarzers Thesen spiegeln in der Gesellschaft kursierende Aussagen wieder und müssen diskutiert werden."

BILD betonte: „Die Feministin Schwarzer selbst blieb sitzen, beobachtete das Geschehen gelassen und wartete, bis sich die Lage beruhigte. Später sagte sie ins Publikum: „Wir sind da, um voneinander zu hören, uns auszutauschen. Wir müssen überhaupt nicht einer Meinung sein.“

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Das Online-Magazin Overton kommentierte auf X: „Wie hierzulande Intellektuelle ausgeschlossen und an den Pranger gestellt werden, nimmt Dimensionen an, die vieles aus der deutschen Geschichte fassbarer machen. Wenn das weiter so betrieben wird, wird Deutschland ein sehr sehr dummer Ort werden. Noch dümmer als es jetzt schon ist.

Erik Zielke von Nd kommentierte: Protest gegen Alice Schwarzer - Feindbildunschärfe! Gegen eine Lesung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg gab es in letzter Minute eine Protestnote mit 340 (in Anonymität verharrenden) Unterzeichnern. Als die erwartungsgemäß mediales, aber kein sonstiges Echo auslöste, stürmten einige Menschen kurzerhand die Bühne. Was ist passiert? Sollte etwa völkischen Nationalisten à la Björn Höcke das Wort erteilt werden? Oder wollte man den Profiteuren der derzeit wütenden Kriege eine Bühne geben? Es ist viel simpler: Alice Schwarzer hat ihr neues Buch vorgestellt. Wie jeder weiß, hat Schwarzer für die Frauenbewegung mehr als ein halbes Jahrhundert gekämpft: in ganz verschiedenen Fragen der sexuellen Selbstbestimmung. Wie ebenfalls jeder weiß, ist sie zuletzt durch krude Ansichten aufgefallen: etwa durch Unterstützung von Politikerinnen reaktionärer Parteien. Letzteres mag Kopfschütteln hervorrufen; zum Verstummen muss man Schwarzers Stimme allerdings nicht bringen. Das routinierte Wegcanceln gehört neuerdings zum aktivistischen Hauptgeschäft. Ein diskursives Armutszeugnis.

Die Berliner Zeitung schreibt: Das Hamburger Schauspielhaus steht schon wieder in der Kritik. Zuletzt war es ein Blackfacing-Vorwurf, jetzt geht es gegen Alice Schwarzer. Diesmal wehrt sich das Haus. (…) Das Schauspielhaus hielt dennoch an der Veranstaltung fest. Meinungsvielfalt gehöre zur Demokratie, erklärte das Theater im Vorfeld. Man wolle sich nicht daran beteiligen, Schwarzer „den Mund zu verbieten“ oder ihr die Möglichkeit zu nehmen, ihre Positionen öffentlich darzustellen.

"Am Weltfrauentag steht im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg eine Lesung von Alice Schwarzer auf dem Plan. Das finden nicht alle gut", schreibt der Stern

Die Süddeutsche betonte die Haltung des Schauspielhauses: Manche Thesen Schwarzers spiegelten in der Gesellschaft kursierende Aussagen, „deshalb sollten sie diskutiert werden – und es kann ihnen auch widersprochen werden“. Meinungsvielfalt sei essenziell für die Demokratie. „Alice Schwarzer den Mund zu verbieten und ihr keine Möglichkeit zu geben, ihre Sicht der Dinge offen zu diskutieren, tragen wir nicht mit.“

Thomas Thiel von FAZ kommentierte unter dem Titel „Hetzreden gegen Alice Schwarzer“ folgendermaßen:  Mit dem Schimpfnamen „alter weißer Mann“ muss Alice Schwarzer seit ein paar Jahren leben. In den Augen ihrer Kritiker hat sie ihn sich dadurch verdient, dass sie weiter an die Bedeutung biologischer Geschlechtsunterschiede glaubt, obwohl doch klar sei, dass Geschlecht performt werde. Diese Kritiker sprechen zwar weiter von alten weißen Männern, es ist für sie aber nur ein metaphorischer Ausdruck für „Klappe halten“. Wer auf körperliche Unterschiede hinweist, die anders als soziale Rollen nicht hinwegperformt werden können, der soll, wie Alice Schwarzer jetzt am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, mit Ausschluss bestraft werden. Unter dem Motto „Keine Bühne für Hetze“ hielt man ihr vor, Menschen die Selbstbestimmung über ihre Körper abzusprechen und in AfD-Manier davon zu reden, Minderjährigen werde der Geschlechtswechsel „verlockend leicht gemacht“. AfD! Das böse Wort stand im Raum und ließ alles erstarren. Nur hat in dieselbe Richtung wie Schwarzer kürzlich die nicht als AfD-nah bekannte American Society of Plastic Surgeons argumentiert, und der größte amerikanische Ärzteverband hat sich ihr angeschlossen. Den Verbänden war vorgehalten worden, wissenschaftliche Evidenz dem politischen Druck zu opfern. Nun schrieben sie in einem spektakulären Richtungswechsel, dass nicht klar sei, ob eine medizinische Geschlechtsangleichung bei Minderjährigen einen positiven Effekt habe, und empfahlen, mangels Langzeitkenntnissen über die Operation bis zum Erwachsenenalter zu warten. Fast zu gleicher Zeit sprach ein New Yorker Gericht erstmals in den Vereinigten Staaten einer Person, die ihre operative Geschlechtsangleichung bereute und zuvor schlecht beraten worden war, ein Schmerzensgeld in Millionenhöhe zu. Geschlecht hat eben doch eine physische Dimension; dass daraus eindeutige Kleider- oder Verhaltensvorschriften folgen, hat Alice Schwarzer gar nicht behauptet – es sei denn, man wollte ihr die eigene Eskalationsabsicht unterstellen. Anders als auf der Theaterbühne kann man die Rollen in der medizinischen Realität nicht folgenlos wechseln. Vielleicht können die Leute, die so sehr davon überzeugt sind, das Gute und Richtige zu tun, vor der nächsten Hetzaktion einmal darüber nachdenken.

Für die ZEIT hat Jana Simon mit Alice Schwarzer über den Vorfall in Hamburg und die heutige Debattenkultur gesprochen. Sie fragte, wohin die Kritik zielte? Schwarzer: "Die Woke-Bewegung erteilt ja schon lange Redeverbote. Und sie hat eine bestimmte Ideologie, die muss man zu 100 Prozent vertreten, sonst darf man weder reden noch veröffentlichen. Ich habe im Theater mehrfach versucht zu beruhigen und gesagt, dass es nach der Lesung ein Gespräch mit dem Publikum geben wird. Ich habe auch gesagt: Ihr dürft auch etwas anderes denken als ich. Natürlich! Aber ich darf bitte auch etwas anderes denken als ihr! Und diese trans Ideologie ist ja der Gipfel des Absurden, weil sie Ideologie über Realität stellt." Das ganze Interview hier.

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