"Dass man mich wirklich zum Schweigen bringen will, das ist neu"
DIE ZEIT: Frau Schwarzer, Sie sind am Sonntag im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg aufgetreten und sollten von der Bühne gejagt werden. Was war da los?
Alice Schwarzer: Die Theaterleitung war zuvor schon in einem offenen Brief aufgefordert worden, mich wieder auszuladen. Und dem hat das Theater würdevoll widerstanden, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber in heutigen Zeiten in der Tat nicht mehr so selbstverständlich ist. Es gibt durchaus Theater, die mich und andere gar nicht mehr einladen oder ihre Einladung aus Furcht vor Tumulten zurückziehen. Gut, mir kann natürlich so eine Folklore keinen Schrecken einjagen.
ZEIT: Sie meinen mit Folklore, dass gegen Sie protestiert wird?
Schwarzer: Ja, das geht schon seit ein paar Jahren so. Ich gehe davon aus, dass es Menschen gibt oder Institutionen, die gar nicht mehr erwägen, mich einzuladen. Und viele schweigen, weil sie beschämt und erschrocken sind.
ZEIT: Was genau ist denn dann an dem Abend auf der Bühne passiert?
Schwarzer: Kurz vor der Veranstaltung hatte ich mit der Schauspielerin Nina Gummich und dem Dramaturgen, der mich vorgestellt hat, geredet, wie wir die Veranstaltung angehen. Ich habe zu dem Dramaturgen gesagt: Ich bitte Sie, wenn Menschen im Raum sind und die Veranstaltung massiv stören, mit Trillerpfeifen oder so, die Personen umgehend rauszubefördern. Oh je, oh je, da hatte ich aber ein Anliegen! Ich hatte das Gefühl, ich hätte gesagt, man solle die Protestierenden köpfen. Der Dramaturg antwortete auf meine Bitte mit versteinertem Gesicht: Nein, auf keinen Fall! Da gäbe es die Anweisung von oben, die Protestierenden nicht aus dem Haus zu werfen. Ich fragte ihn: Wie wollen Sie die Veranstaltung weiterführen, wenn da ein Höllenlärm losbricht? Von ihm kam nur ein Schulterzucken. Aber mein Verlag hatte mir zwei Bodyguards beigestellt.
Ich hatte zwei Bodyguards. Gott sei Dank bin ich ein angstfreier Mensch
ZEIT: Sie brauchen Bodyguards?
Schwarzer: Ja, neuerdings. Eigentlich wäre es meine Art, dass ich rausgehe, um mit den Leuten zu reden. Aber das mache ich inzwischen nicht mehr. Zum einen, weil ich gelernt habe, dass sie so schreien, dass gar kein Gespräch möglich ist. Zum anderen, weil ich gelernt habe, dass das missbraucht wird. Zum Beispiel in einem Fall bei einer Konferenz an der Uni Frankfurt über Islamismus. Ich war der einzige Trottel, der rausgegangen ist, um mit den Protestierenden zu reden. Da habe ich beim Gespräch den Arm einer Diskutantin angefasst. Das haben die gefilmt und missbräuchlich zusammengeschnitten. Und daraus wurde dann ein Skandalvideo. Als ob ich die Diskutantin schubsen würde. Nun ja, nach diesen Erfahrungen schlendere ich nicht mehr zu Protestierenden.
ZEIT: Gab es in Hamburg keine Moderation?
Schwarzer: Ich hatte Nina Gummich an meiner Seite. Sie hat mich in dem TV-Film Alice gespielt. Mit ihr wollte ich über mein Buch Feminismus pur – 99 Worte reden. Sie saß in der ersten Reihe, es war verabredet, dass sie am Ende meiner Lesung auf die Bühne käme. Und Nina Gummich kam dann.
ZEIT: Doch die Bühne wurde gestürmt?
Schwarzer: Ja, das ist eben der Wahnsinn. Hinten im Saal hatte sich schon eine ganze Reihe von Kritikern postiert und machte so raketenartig, alle fünf Minuten, Lärm. Ich konnte nicht durchdringen und habe meine Lesung unterbrochen. Dann hat Nina Gummich einen meiner Texte aus dem Buch gelesen. Der heißt Lebensfreude. Und der widersprach nun völlig dem Esprit, den die Protestierenden an dem Abend verbreiteten. Das war eigentlich sehr schön. Ich dachte, mit etwas Offenheit und Humor wäre vielleicht doch noch ein Dialog möglich.
ZEIT: Dazu kam es aber nicht.
Schwarzer: Nein. Gott sei Dank bin ich ein angstfreier Mensch. Denn die Protestierenden drangen auch auf die Bühne. Sie hatten zum Teil Kostüme an. Und ich wurde plötzlich von hinten angefasst. Aber das war einer meiner Bodyguards, der legte die Hand auf meine Schulter und sagte mit seiner Bodyguard-Stimme: Sie sind in Sicherheit! Auf der Bühne erkannte ich die Bühnenmeisterin des Theaters.
ZEIT: Auch Angestellte des Theaters protestierten also gegen Sie?
Schwarzer: Ja. Wir hatten die Bühnenmeisterin vorher kennengelernt, da hatte sie nichts Kritisches gesagt. Und nun stand sie auf der Bühne. In einem Einhorn-Kostüm. Also, ich habe in meinem Leben schon eine Menge erlebt, aber dass die Leute aus dem eigenen Haus, also aus dem Veranstalterteam, bei so etwas mitmachen …
ZEIT: Was war denn das Ziel des Protestes?
Schwarzer: Sie versuchten, mich von der Bühne zu jagen.
Die alten weißen Männer und Frauen sollten jetzt den Mund aufmachen
ZEIT: Und wie hat das Theater darauf reagiert?
Schwarzer: Ganz ehrlich, die Theaterleitung tut mir leid. Das ist auch alles nicht ohne Komik. Vor meinem Auftritt hat das Awareness-Team der Hamburger Schauspielschule gedroht, die Zusammenarbeit mit dem Theater aufzukündigen, falls ich auftreten sollte. Das muss man sich einmal vorstellen! Wahnsinn! Denn damit schadet die Schule doch vor allem sich selbst.
ZEIT: Vor Ihrer Lesung hatten 340 Beschäftigte von Theatern in besagtem offenen Brief gefordert, Sie auszuladen, weil Sie seit Jahren gegen die Selbstbestimmung von trans Personen und Sexarbeiterinnen kämpfen würden. Zielte die Kritik bei der Lesung auch in diese Richtung?
Schwarzer: Ja, um diese Themen ging es. Die Woke-Bewegung erteilt ja schon lange Redeverbote. Und sie hat eine bestimmte Ideologie, die muss man zu 100 Prozent vertreten, sonst darf man weder reden noch veröffentlichen. Ich habe im Theater mehrfach versucht zu beruhigen und gesagt, dass es nach der Lesung ein Gespräch mit dem Publikum geben wird. Ich habe auch gesagt: Ihr dürft auch etwas anderes denken als ich. Natürlich! Aber ich darf bitte auch etwas anderes denken als ihr! Und diese trans Ideologie ist ja der Gipfel des Absurden, weil sie Ideologie über Realität stellt. Sie behauptet unter anderem, es gäbe mehr als zwei biologische Geschlechter. Bei dieser Debatte werden das biologische Geschlecht und das kulturelle Geschlecht durcheinandergebracht. Es gibt eben nur zwei biologische Geschlechter, daran ist nicht zu rütteln, aber sehr viele Geschlechterrollen.
ZEIT: Viele vertreten dazu und zum Thema Transsexualität allgemein tatsächlich eine ganz andere Meinung als Sie und werfen Ihnen Menschenfeindlichkeit vor. Sie haben angeboten, Sie wollten sich darüber austauschen. Das wollte die andere Seite offenbar nicht?
Schwarzer: Das ist das Dramatische für unsere Debattenkultur. Ich glaube, dass die diskussionswillige Mehrheit jetzt mal die Klappe aufmachen muss. Die lassen diese Woken rumtoben und sind eingeschüchtert. Die Protestierenden behaupten, sie wären "die Jugend". Und die anderen wären die alten weißen Männer und die alten weißen Frauen. Die alten weißen Männer und Frauen sollten jetzt den Mund aufmachen. Und der Teil der Jugend, der anderer Meinung ist, ebenso!
ZEIT: Sie sagten einmal, Sie hätten sich schon sehr früh für die Rechte von trans Personen eingesetzt?
Schwarzer: Ja, für die Rechte der Transsexuellen habe ich mich seit 1983 öffentlich eingesetzt. Und bin übrigens damals von der Frauenbewegung dafür gescholten worden. Irgendjemand ist immer nicht mit dem zufrieden, was ich sage. Aber das war etwas ganz anderes als die seit einigen Jahren in der gesamten westlichen Welt grassierende Transideologie. Wegen meiner Meinung dazu sollte ich in Hamburg erst ausgeladen werden. Dann wurde ich niedergeschrien, und schließlich hat man versucht, mich körperlich von der Bühne zu vertreiben.
ZEIT: Was meinen Sie mit körperlich?
Schwarzer: Die Protestierenden wollten mich schlicht rausjagen. Ich habe versucht, ein paar beruhigende Bemerkungen zu machen, die gingen im Lärm unter. Ich bin einfach auf der Bühne sitzen geblieben, zusammen mit der ebenfalls gelassenen Nina Gummich. Irgendwann haben sich doch ein paar Menschen gefunden, die meinten, so geht es nicht, und die haben es schließlich geschafft, die Schreihälse rauszubringen. Und dann ging unsere Veranstaltung weiter. Also, ich bin sehr wohlgemut jetzt, weil ich glaube, dieses Ereignis könnte ein Wendepunkt sein. Es gibt heute nicht nur zu viel Lärm auf solchen Veranstaltungen. Es gibt auch zu viel Schweigen. Und ich hoffe, dass diese Veranstaltung in ihrer Absurdität das ändert. Ausgerechnet am 8. März will man Alice Schwarzer von der Bühne vertreiben.
ZEIT: Am Internationalen Frauentag – das birgt eine gewisse Ironie.
Schwarzer: Ja, wir Frauen sollen wieder den Mund halten.
ZEIT: Sie wurden über die Jahre schon oft sehr heftig angegriffen. Ist diese Art von Protest jetzt anders?
Schwarzer: Ja. Früher ging es eher um Kritik an der Sache und um Antifeminismus. Dass man mich wirklich persönlich zum Schweigen bringen will, das ist neu. Aber ich mache selbstverständlich weiter, wie gehabt. Nur für meinen Verlag bedeutet es, dass er mir nun immer zwei Bodyguards an die Seite stellen muss.
Das Interview erschien zuerst auf ZEIT-Online am 9.3.2026

