Alice Schwarzer schreibt

Proteste gegen Schwarzer: "Halt die Schnauze!"

Trans-AktivistInnen stürmten die Bühne und versuchten, Alice Schwarzer niederzubrüllen. - Foto: Petra Fritz
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Jüngst sollte ich mal wieder daran gehindert werden, öffentlich zu reden. Ausgerechnet am 8. März, dem Internationalen Frauentag. Mehr noch: Ich sollte gar nicht eingeladen bzw. ausgeladen werden. Inzwischen braucht es tatsächlich Mut, mich einzuladen (obwohl die Säle immer ausverkauft und die Kassen gefüllt sind). Nicht alle haben noch diesen Mut. Ich denke da an ein renommiertes Schauspielhaus, in dem ich über Jahrzehnte immer wieder Lesungen und Themenabende gemacht habe. Diesmal haben sie mir abgesagt. Sie sind nett, wollen aber einfach keinen Ärger.

Die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses, Karin Beier, ist für ihren Mut als Regisseurin bekannt (so inszenierte sie, trotz der Proteste, zum Beispiel „Unterwerfung“ von Houellebecq mit dem großartigen Edgar Selge). Sie hat diesen Mut auch als Intendantin. Der Abend mit mir fand also statt. Und das, obwohl 340 „Theatermacher*innen“ in einem öffentlichen Brief die Intendantin aufgefordert hatten, mich wieder auszuladen. 340. Anonym.

340 "Theatermacher*innen" protestierten mit einem offenen Brief. Anonym.

Auch das Awareness-Team der Hamburger Schauspielschule schloss sich der Aufforderung an, mich wieder auszuladen. Anderenfalls erwäge man, die Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus abzubrechen, drohten die SchülerInnen. Doch immer noch wankte die Intendantin nicht.

Der Abend fand statt. Er wurde turbulent. Es wurde viel darüber berichtet. Beim Protest während meiner Lesung auf der Bühne war das Besondere an diesem Abend, dass Angestellte des Schauspielhauses aktiv an dem Versuch beteiligt waren, mich von der Bühne zu jagen. Aber das ist nochmal ein eigenes Kapitel.

Der Protest der Trans-Aktivisten vor dem Hamburger Schauspielhaus. - Foto: dpa
Der Protest der Trans-Aktivisten vor dem Hamburger Schauspielhaus. - Foto: dpa

Gehen wir nach draußen, zu den etwa hundert Menschen vor dem Schauspielhaus, die gegen meinen Auftritt protestierten. Wer sind sie? Und worum geht es ihnen? Sie sagen von sich, sie seien die „rebellische Jugend“. Aber beim näheren Hinsehen sind sie auch gerne schon mal Mitte 40, sollten also wissen, was sie tun.

Worum also geht es ihnen? Auf dem Hamburger Flugblatt mit dem Titel „Kritik an Alice Schwarzer“ schreiben sie, ich betriebe einen „transfeindlichen, rassistischen und ausgrenzenden Radikalfeminismus“ und diskriminiere außerdem „Sexarbeiter*innen“. Halten wir fest: Bei diesem Protest am Frauentag gegen eine Feministin ging es um Transsexualität und die Rechtfertigung der Existenz der Prostitution, nicht aber um Frauenrechte.

Im Text auf dem Hamburger Flugblatt ging es um einiges - aber nicht um Frauenrechte.

Und es geht weiter: Im Text wird über mich behauptet: „Sie verbreitet ein strikt binäres, biologisch festgelegtes Geschlechterbild, das jeglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Gender Studies und Biologie widerspricht“.

Beim Lesen dieser Passage musste ich nun doch herzlich lachen. Nicht im Ernst? Wissen diese Leute wirklich noch nicht einmal, dass ich 1975 mit dem „Kleinen Unterschied und seinen großen Folgen“ ein Schlüsselbuch gegen die Heteronormativität geschrieben habe, die ich damals „Zwangsheterosexualität“ nannte, und für eine totale Befreiung der Geschlechterrollen vom biologischen Geschlecht plädiert habe, also strikte Anti-Biologistin bin. Dass ich als Feministin also für exakt das Gegenteil stehe von dem, was sie mir da unterstellen? Das Buch wurde damals weltweit übersetzt: von Spanisch für Argentinien bis Japanisch.

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Kann es also sein, dass diese vorgeblich so Radikalen gegen ein Phantom kämpfen? Und kann es sein, dass sie immer noch nicht den Unterschied verstanden haben zwischen sex und gender, zwischen biologischem Geschlecht und kultureller Geschlechterrolle?

Haben sie sich denn in den Gender Studies alle so verblenden lassen von ihrem Guru Judith Butler, dass sie deren utopische Theorie, auch das biologische Geschlecht sei „performt“, also Darstellung und nicht Realität, dass sie auch im Leben Ideologie mit Realität verwechseln? Und wütet die einstige Diagnose „Transsexualität“, einmal losgelassen, jetzt so willkürlich durch die Welt, dass schon ein berechtigtes Unbehagen an der Geschlechterrolle für Transsexualität gehalten wird?

Wenn das so ist, müssen wir reden, liebe KritikerInnen. Aber nicht brüllen. Auch nicht niederbrüllen. Und schon gar nicht drohen.

Ende der Woche bin ich in Leipzig auf der Buchmesse. Dann könnten wir das schon mal üben.

ALICE SCHWARZER

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