Sonja Kowalewskaja: Das geniale Scheusal

Sie h├Ątte sich vermutlich dar├╝ber gefreut, da├č heute 40 Prozent aller Mathe-Studis Frauen sind (alte Bundesl├Ąnder). Und sie w├Ąre betr├╝bt, wenn sie w├╝├čte, da├č nur 21 Professorinnen (1,8 Prozent) auf Mathematik-Lehrst├╝hlen sitzen. ├ťber das Ergebnis des Naturwissenschaftlerinnen- Workshops in Br├╝ssel h├Ątte sie sich sicherlich so gewundert wie "Die Zeit": "Ihre Examina sind nicht schlechter als die ihrer m├Ąnnlichen Kollegen, sie brechen auch nicht h├Ąufiger ihr Studium ab, aber irgendwo zwischen Promotion und Professur tut sich f├╝r Frauen ein Bermudadreieck auf." Gestaunt h├Ątte sie ├╝ber die Soziologie-Professorin Sigrid Metz-Gockel, die von einer "F├╝nf-Prozent-Sperrklausel" f├╝r Frauen in den akademischen Chefetagen spricht. Und den Kopf gesch├╝ttelt h├Ątte sie ├╝ber den "Mangel an weiblichen Vorbildern", der in Br├╝ssel als "psychologische Barriere auf dem Weg nach oben" ausgemacht wurde. Sonja Kowalewskaja, die erste Mathe-Professorin Europas, hat alle Barrieren ├╝berwunden. Und das vor mehr als 100 Jahren.

Sonja, Sonja! Wo soll ich nur anfangen, deine Geschichte zu erz├Ąhlen? Die Geschichte einer Frau, die auszog, in einem M├Ąnnerberuf Karriere zu machen: in der Mathematik. Und die Geschichte einer Feministin, die dies ganz bewu├čt tat, um "Frauen einen neuen Berufsweg zu er├Âffnen", sich trotzdem mit Selbstzweifeln plagte und hin- und hergerissen war: zwischen Beruf und Familie, zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen Anpassung und Rebellion. Das klingt wie unsere Geschichte, Sonja Kowalewskaja, die Geschichte einer emanzipierten Frau von heute. Aber deine Geschichte spielt ├╝ber hundert Jahre vor unserer Zeit.

La├č mich anfangen mit meiner Lieblingsepisode aus deinem Leben: "Wie Wladimir aus der Frauen-WG ausziehen mu├čte". Einverstanden? Mitwirkende: Du, Sonja Kowalewskaja, 19 Jahre jung, Mathematikstudentin; deine Schwester Anjuta, 25, Jungliteratin; deine Freundin Julia, 23, angehende Chemikerin; sowie, gerade aus Ru├čland eingetroffen, Kusine Zanna, 26, Ausrei├čerin mit gro├čen Pl├Ąnen. Ach ja, und nicht zu vergessen: Wladimir, dein Ehemann, 27, verkrachter Verleger, derzeit Student der Geologie. Ort: Heidelberg, im Winter 1869. In der K├╝che der schw├Ąbischen Mietwohnung brodelt ein Samowar.

Kusine Zanna f├╝hrt das gro├če Wort. Erz├Ąhlt noch einmal, wie sie ihrem Verehrer, dem Gro├čf├╝rsten, den Laufpa├č gegeben, sich falsche Papiere besorgt hat, bei Nacht und Nebel ├╝ber die polnische Grenze geflohen ist, die Schergen des Zaren hinter ihr her... "Und wozu das alles?" poltert Zanna. "Etwa, um hier in Heidelberg mit einem Macker zusammenzuwohnen? Hast du dir das so gedacht mit deiner Ehe, Sonja? Eine spie├čige Zweierkiste wie bei den Alten daheim?"

Anjuta gibt ihr recht. "Eine Scheinehe ist eine Scheinehe", stellt sie klar. "Wladimir, du kennst die Spielregeln!" Wladimir nickt. Ja, es stimmt. Er hat dich, Sonja, geheiratet unter den Bedingungen, die unter euch Linken ├╝blich sind: kein Sex! Und volle Freiheit f├╝r die Frau! "Eine Scheinehe wird einzig und allein zu dem Zweck geschlossen, die Frau aus der Gewalt des Vaters zu befreien", so hat es Nikolai Tschernyschewski formuliert und in seinem ber├╝hmten Roman "Was tun?" beschrieben. Wladimir verehrt Tschernyschewski. Und er hat kapiert: Der Mann mu├č zur├╝ckstehen. Tausend Jahre Patriarchat sind genug!

Du schluckst ein bi├čchen, Sonja, sagst aber immer noch nichts. Nur Julia verteidigt Wladimir. "Er ist doch ein netter Kerl", bes├Ąnftigt sie. "Er mag Sonja wirklich. Warum nicht zusammenr├╝cken?" - "Aus Prinzip", beharren die anderen. Und Wladimir nickt. Morgen wird er sich ein Zimmer suchen.

So oder so ├Ąhnlich mu├č es gewesen sein, Sonja, damals im Winter 1869 in Heidelberg. So hast du gelebt, so radikal, so unkonventionell, vor mehr als 100 Jahren.

Sofia Wassiliewna Kowalewskaja: Geboren am 15. Januar 1850 in Moskau. Gestorben am 10. Februar 1891 in Stockholm. Dazwischen: Studiert, promoviert, Professorin geworden -die erste in Europa. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Ru├čland. Gelebt in Petersburg, Heidelberg, Berlin, Paris, Stockholm. Ber├╝hmt geworden. Viel gereist. Eine Tochter erzogen - allein, ohne Mann. Freundinnen, immer gute Freundinnen gehabt. Und ein paar echte Freunde. Die Hauptsache in deinem Leben: die Mathematik mit ihren "ewigen, unab├Ąnderlichen Gesetzen". Daneben aber auch stets Literatur: Romane, Theaterst├╝cke, Jugenderinnerungen hast du hinterlassen. So wissen wir viel ├╝ber dich, Sonja.

Zum Beispiel, wie du aufgewachsen bist: in einer Welt, in der Vater und Mutter nur Randfiguren waren. Auf Palibino, eurem Landsitz, wimmelte es nur so von K├Âchinnen, G├Ąrtnern, Stubenm├Ądchen, Kammerdienern, Kinderm├Ądchen, Gouvernanten und Hofmeistern. Die haben dich, Sonja, deine ├Ąltere Schwester Anjuta und den kleinen Fedja sicher st├Ąrker gepr├Ągt als dein Vater, der General Wassilij Korwin-Krukowski, und deine Mutter Elizaweta, die verhinderte Gesellschaftsdame. Die vertraut ihren Frust ├╝ber ihr langweiliges Leben lieber ihrem Tagebuch an als dir, der schwierigen Kleinen.

Es ist noch das "alte Ru├čland", das du in deinen Jugenderinnerungen so farbig beschreibst: Eure Domestiken sind Leibeigene ohne Rechte. Bei einer Dieberei werden sie eingesperrt und durchgepr├╝gelt. Erst 1861, da bist du elf, wird die Sklaverei in Ru├čland abgeschafft. Du beobachtest das alles sehr genau, Sonja, denn du bist ein aufgewecktes Kind. Mit vier kannst du lesen, mit f├╝nf schreibst du deine ersten Gedichte. Gern h├Ârst du deinem studierten Onkel Fjodor zu, wenn er dir Wunderdinge ├╝ber Am├Âben und Korallenriffe erz├Ąhlt.

Alles Naturwissenschaftliche zieht dich in seinen Bann. Oft stehst du an der Wand deines Kinderzimmers und studierst die Papiere, die dort statt einer Tapete angeklebt sind. Sie sind mit mathematischen Gleichungen bedeckt, die Mitschrift einer Universit├Ąts-Vorlesung. Begriffe wie "Asymptote" und "Grenzwert" werden dir vertraut, noch bevor du sie verstehen kannst. Sp├Ąter wirst du in den Privatstunden deines Vetters Michel die Ohren spitzen und physikalische Lehrb├╝cher verschlingen. Ganz beschaulich ist euer Leben in Palibino an der litauischen Grenze. Bis zu dem Moment, als auch in eurem abgeschiedenen Winkel die "neuen Ideen" auftauchen. "Man kann wohl sagen", schreibst du, "da├č in dieser Periode, vom Beginn der 60er bis zum Beginn der 70er Jahre, die Intelligenz der russischen Gesellschaft nur mit der einen Frage besch├Ąftigt war: mit dem Konflikt zwischen der alten und jungen Generation."

Das blieb nicht ohne Folgen: "Wie eine Epidemie erfa├čte damals die Jugend, namentlich die M├Ądchen, der Drang, aus dem Elternhause zu laufen. Bis jetzt war Gottseidank alles in unserer unmittelbaren N├Ąhe ruhig geblieben, aber aus anderen Orten kamen schon Ger├╝chte, da├č bald bei dem einen, bald bei dem anderen Gutsbesitzer die Tochter davongelaufen war, die eine ins Ausland um zu studieren, die andere nach Petersburg zu den 'Nihilisten'."

Nihilisten - so hat Ivan Turgenjew ("V├Ąter und S├Âhne") die jungen Rebellen getauft, die sich in der russischen Hauptstadt in "Kommunen" sammeln. Nihilisten, weil sie angeblich "an nichts glauben". Doch das stimmt nicht. Die "S├Âhne und T├Âchter der 60er Jahre" haben zwar mit fast allen Werten der alten Generation gebrochen, sie verfolgen jedoch ganz eigene Ideale. Sie k├Ąmpfen f├╝r Volksbildung, soziale Gerechtigkeit und die Emanzipation der Frauen. Und sie glauben fest an den Fortschritt, den der Wissenschaft und den der Gesellschaft.

Bald bist du selber mittendrin, Sonja. Den Winter 1867/68 verbringst du mit Schwester Anjuta in Petersburg. Sie ist 23 und schon eine erfolgreiche Schriftstellerin. In Dostojewskis Zeitschrift "Epoche" hat sie Kurzgeschichten ver├Âffentlicht. Du bist 17 und nimmst Privatstunden bei Strannoliubski, einem bekannten Mathematiker.

Die Universit├Ąt ist euch beiden versperrt. Vor vier Jahren hat der Zar das Frauenstudium offiziell verboten; die Frauen, die sich davor inoffiziell hatten einschleichen k├Ânnen, sind ins Ausland gegangen. Die erste, Nadeschda Suslowa, kehrt gerade irr Triumphzug aus Z├╝rich zur├╝ck als frischgebackene Doktorin der Medizin. Sie ist euer Vorbild, Sonja, das Vorbild der bildungshungrigen Frauen der 60er Generation.

"Ach, das┬á was so eine gl├╝ckliche Zeit!", hast du sp├Ąter oft geseufzt. "Wir waren von all den neuen Ideen so entz├╝ckt, so ├╝berzeugt, da├č der gegenw├Ąrtige gesellschaftliche Zustand nicht lange dauern k├Ânnte. Wir sahen die herrliche Zeit der Freiheit und allgemeinen Bildung so gewi├č vor uns! Und dann dieses Gef├╝hl der Zusammengeh├Ârigkeit!" Aus diesem politischen Rausch heraus mu├č auch die Schnapsidee deiner "Scheinehe" mit Wladimir geboren sein.

Deine Biographinnen sind sich einig, Sonja, da├č du erstens zum Heiraten noch viel zu jung warst, und da├č zweitens in deinem Fall zur "Befreiung" aus dem Elternhaus eine Ehe ├╝berhaupt nicht n├Âtig war. Hat nicht dein Vater, der General, noch vor jeder gewagten Idee seiner T├Âchter kapituliert? Er h├Ątte dich vermutlich freiwillig ins Ausland gehen lassen zum Studieren, wenn du ihn nur gefragt h├Ąttest. Nein, das Fr├Ąulein Korwin-Krukowski mu├čte seine "Scheinehe" haben, mit 18, schon um des Abenteuers willen.

Und so seid ihr nach einer ├╝berst├╝rzten Hochzeit nach Heidelberg gegangen, deine Schwester, dein Freundinnen-Clan, Wladimir und du. Anjuta hat es dann sehr schnell weitergezogen, nach Paris, zu den "richtigen Revolution├Ąren", die dann ja auch prompt im April 1871 die "Kommune" ausriefen. Einen davon hat sie geheiratet: Jaclard, einen ber├╝chtigten Frauenheld und miesen Typen, unter uns gesagt.

Da hast du es zun├Ąchst besser mit deinem Wladimir Kowalewski. Obwohl er doch nur dein Schein-Ehemann ist, wird er dir allm├Ąhlich zum Freund. In Heidelberg geht ihr zusammen spazieren, lernt gemeinsam. Er bewundert deinen Ehrgeiz, du l├Ą├čt dir seine Aufmerksamkeiten gefallen. Er kauft f├╝r dich ein, sogar Kleider, w├Ąhrend du dich - ganz Emanze - ├╝ber die B├╝cher beugst. Doch bald trennen sich eure Wege: Wladimir studiert in Jena weiter, du gehst mit Julia zusammen nach Berlin. Die "Frauenkommune" l├Âst sich auf.

Du hast es dir in den Kopf gesetzt, bei Karl Weierstra├č zu studieren, dem originellsten Kopf unter den deutschen Mathematikern. Als dir die sturen Preu├čen die Immatrikulation verweigern, sucht du den "Vater" der modernen Analysis pers├Ânlich auf. Erst tut er sehr besch├Ąftigt und versucht, dich mit ein paar besonders schweren Testaufgaben abzuwimmeln. Doch als du eine Woche sp├Ąter mit den L├Âsungen vor der T├╝r stehst, hast du bei Weierstra├č einen Stein im Brett. Bald lobt er dich als den "besten Sch├╝ler, den ich je hatte". Du wirst sogar in seine Familie aufgenommen. Einmal w├Âchentlich i├čt du bei dem fast 60j├Ąhrigen Junggesellen und seinen Schwestern zu Abend. Was nat├╝rlich zu Ger├╝chten f├╝hrt, die bis heute nicht verstummt sind!

Dabei hast du wahrlich kaum Frivoles im Sinn in diesen Berliner Jahren. Im Gegenteil: Wenn du nicht gerade mit Wladimir streitest (euer Verh├Ąltnis hat sich rapide verschlechtert), bist du v├Âllig von der Mathematik absorbiert. "Ihre F├Ąhigkeit, Stunde f├╝r Stunde bei der anstrengendsten Gedankenarbeit auszuhalten, ohne nur ein einziges Mal vom Schreibtisch aufzustehen, war wirklich etwas ganz Au├čerordentliches", wundert sich deine Freundin Julia r├╝ckblickend.

Heraus kommt nicht eine Doktorarbeit, sondern gleich drei: "├ťber die partiellen Differentialgleichungen", ein echter Meilenstein der theoretischen Mathematik. "├ťber die Anwendung Abelscher Funktionen auf elliptische Funktionen". Und dazu noch ein Thema aus der Astronomie: "├ťber die Gestalt der Saturnringe". F├╝r alle drei Arbeiten verleiht dir im August 1874 die - relativ frauenfreundliche - Universit├Ąt G├Âttingen den Doktortitel. Du bist die erste Doktorin der Mathematik im modernen Europa!

Zu Hause in Palibino feiert dich die ganze  Familie. Und in Petersburg triffst du die alten Bekannten wieder. Auch Wladmimir ist zurückgekehrt, als hoffnungsvoller Fossilienforscher und Doktor der Geologie. Er erscheint dir so nett wie nie zuvor.

Ihr macht zusammen Pl├Ąne: Es werden sich doch f├╝r zwei so begabte; junge Wissenschaftler gute Stellen an der heimischen Universit├Ąt finden! Doch so einfach geht das nicht: Wladimir steht seine deutsche Ausbildung im Weg (und seine undiplomatische Art, wie du bald merken wirst), dir, Sonja, dein Geschlecht. Au├čerdem hat man in Petersburg nicht vergessen, da├č ihr einmal gl├╝hende Nihilisten wart.

In einer seltsamen Mischung von Verzweiflung und Abenteuerlust st├╝rzt ihr euch stattdessen in Finanzspekulationen: Ihr kauft Grundst├╝cke, baut H├Ąuser, ja sogar eine Badeanstalt. Wladimir mit seiner Spielernatur ist die treibende Kraft bei diesen Unternehmungen. Nebenher bet├Ątigt er sich auch wieder als Verleger; mit anderen Ex-60ern gr├╝ndet er die "Neue Zeit", ein Alternativblatt, vergleichbar der "taz" in unseren Tagen. Darin schreibst du Artikel, Gedichte und Theaterkritiken.

Nichts gegen die journalistischen Ambitionen, Frau Doktor, aber - wo bleibt die Mathematik? Sie ist vergessen. Lange Zeit beantwortest Du nicht einmal die Briefe deines treuen Lehrers Weierstra├č, so da├č er schon schimpft: "So viele Jahre die wissenschaftliche Arbeit aufzugeben, wenn man eine solche geniale Begabung besitzt, das ist heller Wahnsinn!"

Es k├╝mmert dich nicht. Du hast dich ver├Ąndert, Sonja. Statt zu forschen, spielst du pl├Âtzlich die Gesellschaftsdame, gehst auf Partys und B├Ąlle und wirst schwanger. Ein Zeichen daf├╝r, da├č deine Scheinehe mit Wladimir keine rein platonische Angelegenheit geblieben ist. Im Oktober 1878, da bist du 28, kommt eure Tochter zur Welt. Sie hei├čt ebenfalls Sofia und wird "Fufa" genannt. Du liebst sie abg├Âttisch.

Aber das Familienidyll ist schon bald in Gefahr. Denn weder die Grundst├╝cks- noch die Zeitungsgesch├Ąfte gehen gut. Die Schulden wachsen euch ├╝ber den Kopf, ihr m├╝├čt Konkurs anmelden. Auch ein Umzug nach Moskau und Wladimirs Einstieg ins ├ľlgesch├Ąft bringen euch nicht weiter. Ein Trost ist nur deine alte Freundin Julia Lermontowa, die Julia aus der Heidelberger "Frauenkommune", sie ist Chemikerin geworden. Deinetwegen, Sonja, nimmt sie eine Laborantinnenstelle in Moskau an und zieht zusammen mit ihrer Schwester bei euch ein. Beide Frauen k├╝mmern sich r├╝hrend um die kleine Fufa. Deren erstes Wort ist ├╝brigens "appaliat" (Apparat); denn du bet├Ątigst dich mittlerweile als Erfinderin, um das Familieneinkommen aufzubessern. Und du besuchst wieder mathematische Kongresse, korrespondierst mit Weierstra├č.

Dennoch: Das ist auf die Dauer kein Leben f├╝r dich, Sonja. Dein Mann wird immer nerv├Âser, schwankt zwischen Euphorie und Depression und verstrickt sich immer mehr ins finanzielle Desaster. Und du hast keine richtige Aufgabe. "Nicht nur Frau Kowalewskaja, sondern auch ihre Tochter wird eine alte Frau sein, bevor Frauen an russischen Universit├Ąten unterrichten d├╝rfen", hat dir der zust├Ąndige Minister ausrichten lassen. Da hilft nur Flucht: Im M├Ąrz 1881, 31 Jahre alt, verl├Ą├čt du Heim und Mann. Du steigst in einen Zug Richtung Berlin. Mir dir reist T├Âchterchen Fufa, nach deinen Worten "das einzig Gute, was herauskam aus diesen Jahren, in denen ich im sanften Schleim einer b├╝rgerlichen Existenz zu versinken drohte".

Zweieinhalb Jahre wirst du nun ganz unb├╝rgerlich leben. Eine vagabundierende Mathematikerin, in Trennung lebend, mit Kind und Gouvernante unterwegs von Universit├Ąt zu Universit├Ąt, von Kongre├č zu Kongre├č. Du willst zun├Ąchst "eine m├Âglichst gro├če Zahl von mathematischen Arbeiten bringen, um wenigstens dadurch die Reputation von uns Frauen zu st├╝tzen". Doch insgeheim hoffst du auf mehr. Irgendwo in Europa m├╝ssen sich doch die T├╝ren einer Universit├Ąt ├Âffnen, nicht nur f├╝r die studierende, sondern auch f├╝r die lehrende Frau: "Es w├Ąre mir ein Herzensanliegen, Frauen einen neuen Berufsweg zu er├Âffnen".Vielleicht in Stockholm? Dort hast du im Kollegen G├Âsta Mittag-Leffler, einem Weierstra├č-Sch├╝ler, einen engagierten F├╝rsprecher. Er sch├Ątzt deine Intelligenz ebenso wie deinen Charme und will dich unbedingt an seine junge, fortschrittliche Uni holen. Allerdings, so fortschrittlich, da├č man dort als erste Professorin gleich┬á eine ber├╝chtigte Linke und Frauenrechtlerin nimmt, ist man auch in Schweden (noch) nicht. Du siedelst dich vorerst in Paris an und hast Anschlu├č an die mathematische Szene gefunden. Fufa ist inzwischen nicht mehr bei dir. Du hast sie nach Ru├čland zur├╝ckgeschickt, wo sie in der Familie von Wladimirs Bruder in gesicherten Verh├Ąltnissen lebt. Die Trennung von der Tochter ist dir nicht leicht gefallen, Sonja. Deine Briefe aus dieser Zeit zeugen davon, da├č du dich mit den gleichen Gewissensbissen herumqu├Ąlst wie viele berufst├Ątige M├╝tter heute.

Ansonsten aber f├╝hlst du dich wohl in Paris, im Kreise russischer, polnischer und deutscher Emigranten, darunter viele Sozialisten. Eine Liebesaff├Ąre bahnt sich an - da erreicht dich aus Moskau eine schreckliche Nachricht: Wladimir hat sich umgebracht! Sein Chef, der vermeintliche ├ľlmagnat, hat sich als Betr├╝ger herausgestellt. Wieder v├Âlliger Ruin, dazu die Schande, das hat dem Mann mit den ohnehin schwachen Nerven den Rest gegeben. Eines Nachts trinkt er eine ganze Flasche Chloroform.

Es ist ein harter Schlag f├╝r dich, Sonja. Du weinst, kannst tagelang nichts essen, machst dir schreckliche Vorw├╝rfe. Aber, seien wir ehrlich - du hast jetzt ein Problem weniger am Hals. Und dein neuer Status als Witwe kann f├╝r deine Karriere nur f├Ârderlich sein. Schon im Herbst kommt aus Stockholm die Nachricht, da├č du als Privatdozentin anfangen kannst. Der erste Schritt zur Professur!

Na, und du, Sonja? Statt zu jubeln, schreibst du an Mittag-Leffler: "Indessen glaube ich Ihnen nicht verschweigen zu d├╝rfen, da├č ich mich in mancher Hinsicht f├╝r die Pflichten eines Dozenten sehr wenig vorbereitet f├╝hle, und unter anderm zweifle ich an mir selbst in solchem Grade, da├č ich f├╝rchte, Sie werden jede Illusion verlieren, wenn Sie aus der N├Ąhe sehen, wozu ich tauge."

Da haben wir ihn, Sonja, den "Cinderella-Komplex", die weibliche Angst vor Erfolg, schon vor hundert Jahren! Deine Zeitgenossin und Kollegin Elizaweta Litwinowa kennt diese Gef├╝hle auch. "Diese Haltung", erkl├Ąrt sie, "ist exklusive Eigenschaft von Frauen, die v├Âllig neue Wege betreten. Die Vorurteile gegen├╝ber den intellektuellen F├Ąhigkeiten von Frauen und all die anderen Vorurteile, gegen die wir k├Ąmpfen, leben nicht nur in den Menschen um uns herum, sondern auch in uns selbst."

Wenn die Vorurteile von au├čen kommen, kannst du dich viel besser wehren, Sonja Kowalewskaja. In Schweden hast du rasch einen prominenten Weiberfeind gegen dich, den Dichter August Strindberg. Als du 1884 Professorin wirst, t├Ânt er ├Âffentlich herum: "Eine Frau als Mathematikprofessor ist eine sch├Ądliche und unangenehme Erscheinung, ja, man kann sie sogar ein Scheusal nennen. Die Einladung dieser Frau nach Schweden, das an und f├╝r sich m├Ąnnliche Professuren genug hat, die sie an Kenntnissen bei weitem ├╝bertreffen, ist nur durch die H├Âflichkeit der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegen├╝ber zu erkl├Ąren."

├ťber diesen Strindberg-Ergu├č sollst du "herzlich und viel" gelacht haben, berichtet deine Tochter, die du im Herbst 1886 wieder zu dir geholt hast. "Es kann wohl stimmen, da├č ich ein Scheusal bin", hast du gemeint. "Aber da├č Schweden so viele bessere Mathematiker hat - nein, wirklich nicht!

"Schauen wir uns also deine mathematischen Arbeiten etwas genauer an, Frau Professor Kowalewskaja: Schon in deiner Doktorarbeit ├╝ber die "partiellen Differentialgleichungen" hast du einen lange gesuchten Beweis gef├╝hrt, der f├╝r die L├Âsbarkeit dieser Gleichungen entscheidend ist. Er tr├Ągt ├╝brigens heute noch den Namen "Cauchy-Kowalewski-Theorem" (der Franzose Cauchy fand unabh├Ąngig von dir eine ├Ąhnliche L├Âsung).

Von 1883 bis 1888 arbeitest du an einem anderen klassischen Problem, diesmal aus der Mechanik: Du versuchst, die Rotation eines starren K├Ârpers um einen festen Punkt, zum Beispiel die Drehung eines Kreisels, vollst├Ąndig mathematisch zu beschreiben. Auch dieses Problem, an dem ein Euler, ein Weierstra├č gescheitert sind, l├Âst du mit Bravour. Daf├╝r verleiht dir im Dezember 1888 die Franz├Âsische Akademie der Wissenschaften den renommierten "Prix Bordin", so etwas wie den Nobelpreis f├╝r Mathematik.

Diese und andere wichtige mathematische Arbeiten sind nicht in einer stillen Studierstube a la Weierstra├č entstanden. Nein, du hast sie dir abgerungen, Sonja, zwischen Vorlesungen, Redaktionsarbeiten an der Fachzeitschrift "Acta mathematica", Schlittschuhpartien mit Fufa und literarischen Projekten, die dir immer wieder willkommene Abwechslung sind. Anna Carlotta Leffler, die Schwester deines Kollegen Mittag-Leffler, verleitet dich dazu. Die Schriftstellerin ist deine engste Freundin in Schweden. Ein Theaterst├╝ck schreibt ihr sogar gemeinsam.

Hinzu kommen deine st├Ąndigen Reisen. "Wie meine Urgro├čmutter, die Zigeunerin", so deine Worte, zieht es dich fort: nach Petersburg, nach Paris, nach Nizza, nach Berlin. Denn trotz der guten Freundschaften mit der Leffler-Familie, der Feministin Ellen Key und anderen progressiven Intellektuellen f├╝hlst du dich in Schweden nie richtig wohl. ├ťber Sprachprobleme (Schwedisch ist deine vierte Fremdsprache) klagst du gegen├╝ber Anna Carlotta: "Ich finde nie die exakten Ausdr├╝cke. Deshalb f├╝hle ich mich, wenn ich nach Ru├čland zur├╝ckkehre, wie befreit aus dem Gef├Ąngnis, in dem meine besten Gedanken gefangen sind." Du leidest unter Einsamkeit und Heimweh.

Und so kann es auch nur ein Russe sein, als du dich - vier Jahre nach Wladimirs Tod - zum ersten Mal wieder in einen Mann verliebst: Maxim hei├čt er, mit Nachnamen Kowalewski. Er ist ein entfernter Verwandter von Wladimir, ein Jahr j├╝nger als du und ebenfalls ein "Sohn der 60er". Von Beruf Soziologe und Historiker, aus ├ťberzeugung Feminist, schaut er bewundernd zu dir, der Mathematik-Professorin, auf. Den "dicken Maxim" nennst du ihn z├Ąrtlich: "Niemals ist man so versucht, Romane zu schreiben, als in der Gesellschaft des dicken Maxim."

Er ist bei deinem gro├čen Triumph dabei: als man dir am 14. Dezember 1888 in Paris den Prix Bordin verleiht. Aber er erlebt auch deine nachfolgende Depression, die so typisch ist f├╝r dich: "Von allen Seiten erhalte ich Gl├╝ckwunschschreiben, und verm├Âge einer wunderlichen Ironie des Geschicks habe ich mich nie in meinem Leben so ungl├╝cklich gef├╝hlt wie jetzt. Ungl├╝cklich wie ein Hund!" Diese Stimmung h├Ąlt diesmal lange an. Was geht in dir vor, Sonja? Der Dichter Jonas Lie meint nach einem Zusammentreffen: Im Innern seist du ja gar nicht die gro├če Mathematikerin Sofia Kowalewskaja, sondern immer noch die kleine, unverstandene Sonja aus den "Jugenderinnerungen".

Nat├╝rlich ist auch der "dicke Maxim" nicht die gro├če, absolute Liebe, nach der du dich laut Anna Carlotta so sehr gesehnt haben sollst. Er ist ein Mensch mit eigenen Zielen und Grenzen. Und, gib's zu, Sonja, nat├╝rlich ist eine Karrierefrau wie du auch keinesfalls leicht zu lieben. Kein Wunder, da├č es bald Streit gibt wie seinerzeit mit Wladimir, Mi├čverst├Ąndnisse, Trennungen, Vers├Âhnungen...

Alles in allem h├Ąttest du keinen Grund, so fr├╝h zu sterben! Und so will ich denn glauben, da├č es reiner Zufall war, da├č diese bl├Âde Lungenentz├╝ndung dich am 10. Februar 1891 dahinraffte. Eine verschleppte Erk├Ąltung, was sonst. Mit 41 Jahren! Nein, du wolltest noch nicht gehen, hattest den Kopf noch voller Pl├Ąne: ganz neue mathematische Probleme, ganz neue Roman-Ideen, ja sogar eine neue Ehe.

1883, acht Jahre vor deinem Tod, hast du geschrieben: "Ich hoffe, da├č in f├╝nf Jahren mehr als eine junge Frau in der Lage sein wird, meinen Platz hier zu ├╝bernehmen. Ich k├Ânnte mich dann beruhigt anderen Dingen zuwenden, zu denen mich meine Zigeuner-Natur dr├Ąngt." - 1891 ist keine in Sicht. Oder doch, eine? Sie macht sich gerade auf den Weg. Es ist Maria Sklodowska aus Polen, auch ein M├Ądchen aus progressiven Kreisen. Die nennen sich nun im Warschau der 80er Jahre "Positivisten" statt "Nihilisten", aber sie glauben genauso fest wie du und deinesgleichen an Gleichberechtigung und den Fortschritt der Wissenschaft und der Geschlechter.

Diese Maria Sklodowska geht 1891 von Warschau nach Paris, um Physik zu studieren. Als Marie Curie wird sie weltbekannt.

Werbung

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.