In der aktuellen EMMA

Stimme der Frauen in Tschechien

FOTO: Isabella De Maddalena/IMAGO
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Bei einer Lesung in Deutschland 2011 fragte mich ein älterer Herr, wann Tschechien denn nun endlich die Deutschen entschädigen würde, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben worden waren. „Ich bin Schriftstellerin und keine Politikerin“, antwortete ich ihm damals. Er ließ nicht locker. Da sagte ich ihm, dass es mich viel mehr interessieren würde, wann denn all die Frauen entschädigt werden würden, die damals von den Soldaten aller Armeen vergewaltigt worden sind. Der Mann war schockiert und sagte spontan: „Aber sie wurden doch nur vergewaltigt.“

Ich kehrte mit dem Wort „nur“ wie mit einem Dolchstoß im Rücken nach Hause zurück. Ich konnte nicht schlafen. Es fühlte sich an, als hielte ich einen heißen Kieselstein in meiner Hand. Und ich hatte plötzlich kein Interesse mehr an den Podiumsdiskussionen. Ich fegte das, woran ich gerade geschrieben hatte, vom Tisch. Ich sagte zu mir selbst: „Nur“? Also, meine Lieben, dann lasst es uns mal richtig deutlich sagen. 

Ich erforschte das Wort „nur“ mithilfe eines Romans. Ich möchte das Wort „nur“ in diesem Zusammenhang im 21. Jahrhundert nie mehr hören. Dieses Wort war nur der Stein, der eine Lawine auslöste. Und ich dachte an all die Kinder und Frauen, die in jedem der Kriege massenhaft vergewaltigt wurden und werden.

Ich habe aufgezeigt, was Vergewaltigung für die Opfer bedeutet. In verschiedenen Ländern und auf allen Ebenen, insbesondere wenn sie vergewaltigt wurden und keine Gerechtigkeit erfuhren. Für mich ist Vergewaltigung mit Mord gleichzusetzen. Es geht nicht um Sex, sondern um Machtmissbrauch. Eine Art Demütigung, für die es keine Worte gibt. Schreiben ist ein Kampf um die Sprache. Deshalb musste ich eine neue Sprache finden. 

Literatur ist nicht dazu da, um vor etwas wegzulaufen. Geschweige denn vor uns selbst. Sie ist dazu da, um sich diesen Dingen direkt zu stellen, in dem Bewusstsein, dass selbst ein Buch auf unterschiedliche Weise gelesen werden kann, heute anders als morgen. 

Ich bin der Schmerz, nicht der Arzt. Eine Schriftstellerin darf keine Spuren verwischen, sie darf nichts vertuschen oder den Schmerz leugnen. Ich sehe eine national und religiös frustrierte Menschheit. 

Die tschechische Autorin Božena Němcová (1820 – 1862), wünschte sich im 19. Jahrhundert, in 200 Jahren wiedergeboren zu werden, wenn die Welt frei und schön werde. Sie wünschte, in zweihundert Jahren oder noch später wiederzukommen, denn sie war sich nicht sicher, ob bis dahin eine solche Welt existieren könne, in der sie mit Wonne leben mochte. 

Der Geist von Němcová schaut sich heute um; viel hat sich in der Welt nicht verändert. Und wenn, dann setzen Männer es rasch wieder aufs rechte Gleis. Sie sind zwar gegen Religionen, vertreten aber ebenfalls die Meinung, dass Frauen nicht Auto fahren sollten, wie der ehemalige tschechische Präsident Miloš Zeman. Wieder wuchern sexistische Anspielungen, wieder tauchen in Gerichtsverfahren Sprüche auf, die das Opfer belasten: Sie hat den Haushalt vernachlässigt, sie hat nicht geputzt, nicht gekocht. Man möchte am liebsten schreien. Sind Männer etwa so unmündig, dass sie keinen Herd, keine Waschmaschine bedienen können? 

In dem Land, in dem Němcová geboren war und von dem sie auch zugrunde gerichtet wurde, hatte man ihr wohlwollend erlaubt, über Mode oder über Beziehungen zu schreiben. Aber kaum hatte sie gezeigt, dass sie die Welt und ihre eigene Arbeit ernst nimmt, hat man sie ausgelacht und mundtot gemacht. Männer mögen Frauen nicht, die über ernsthafte Themen schreiben. Damit dringen sie in männliche Territorien ein. 

Aber trotzdem befinden wir uns auf dem Weg zur Gleichberechtigung, auch wenn er mühsam ist. Zum Glück kann uns heute niemand zum Schweigen bringen. Der Kampf um Unabhängigkeit und Freiheit endet nie. Wir haben Demokratie auf das Geschäft reduziert. Die Marktwirtschaft braucht nur egoistische und isolierte Individuen. Unter welchen Umständen und warum lässt die Menschheit bestimmte Gräueltaten zu? Warum werden diese Strukturen jahrhundertelang als Norm akzeptiert und toleriert, ohne dass jemand darüber nachdenkt? 

Unsere postsozialistischen osteuropäischen Länder haben angeblich die Zivilisationsnormen demokratischer Staaten übernommen, doch patriarchale Denk-und Verhaltensweisen sind weiterhin tief in uns verwurzelt. Es wird noch Generationen dauern, bis wir diese Last abwerfen können. Nicht nur in Osteuropa reagieren Männer oft so, wie einst die Sklavenhalter nach der Abschaffung der Sklaverei: Sie sind erstaunt darüber, dass ein Sklave ein Mensch ist, dass er denkt, dass er fühlt ... Insofern ist es Ziel und Anspruch meiner Romane, Frauen wahre Unabhängigkeit und unbestreitbare, unveräußerliche Würde zurückzugeben. Obwohl der zunehmende brutale Nationalismus in Osteuropa uns zurückhält. 

Der wichtigste Konflikt der Welt im 21. Jahrhundert wird kein Konflikt zwischen Klassen oder Religionen sein, sondern der zwischen den Geschlechtern. Die westliche und die östliche Gesellschaft schreiten auf eine Erneuerung traditioneller sexistischer Normen und des Chauvinismus zu. Ihre höchsten Werte sind Gewalt und die (irrige) Überzeugung ihrer eigenen Macht. Patriarchale Männer, heute noch in erdrückender Mehrheit vorhanden, kennen keine Selbstzweifel. Und sie haben eins gemeinsam: Die Überzeugung, eine Frau hat dem Mann zu dienen und sich in Gehorsam zu üben. 

Radka Denemarková auf der Frankfurter Buchmesse: 
Vernissage der Ausstellung „Mich zwingt nichts als die Liebe – Widerständige Literatur aus Tschechien von Božena Němcová bis Radka Denemarková“: Haus am Dom, 2.10; Lesung „Schokoladenblut“: Zentralbibliothek, 7.10, 19.30 Uhr; Premiere Dokumentarfilm über ihr Werk und Leben: 9.10., 18 Uhr, Arthouse Kinos 

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