In der aktuellen EMMA

Tschechische Autorinnen

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RADKA DENEMARKOVÁ
"Du suchst eine helfende Hand? Du findest sie am Ende deines Arms.“ Das ist eine der Weisheiten für Frauen in Radka Denemarkovás neuem Roman „Schokoladenblut“. Darin verwebt die Tschechin die Lebenswege der bei uns wenig bekannten tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová, der berühmten Französin George Sand und des Erdölgiganten John D. Rockefeller. Es geht um die Ursprünge von Kapitalismus, Nationalismus und Sexismus im 19. Jahrhundert. Und darum, wie Frauen als Schriftstellerinnen systematisch verhindert wurden. Denemarková: „Intelligenz und Klugheit von Frauen waren nicht willkommen. Sind sie es heute?“ 

Radka Denemarkova. - Foto: Carel Cudlín
Radka Denemarkova. - Foto: Carel Cudlín

„Wann hat das angefangen, diese Abwertung des weiblichen Geistes? Wann ist dieser Hass auf Frauen entstanden?“ fragt sie in allen ihrer Werke. Am deutlichsten wohl in ihrem 2014 erschienenen und sogleich verfilmtem Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“. Auf den ersten Blick ist es eine wilde Erzählung um drei ältere Frauen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, weltweit Rache an Vergewaltigern zu nehmen. Besonders gern sind sie in Prag unterwegs und helfen Männern schon mal beim Sich-Erhängen. In einer Villa haben die drei ein gigantisches Archiv zur Dokumentation von sexueller Gewalt in aller Welt angelegt. Die universelle Gewalt gegen Frauen legt sich über die Einzelfälle; von Naziverbrechen in Polen bis zu Massenvergewaltigungen in Indien bis zur Zwangsprostitution von Minderjährigen in Tschechien. Das Buch ist ein feministisches Manifest. In „Ein herrlicher Flecken Erde“ (2006) hingegen zeigt Denemarková die Nachkriegsgeschichte Tschechiens auf und schreibt über die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung, der böhmischen und mährischen Deutschen. In Tschechien ein absolutes Tabuthema. Eine Jüdin wird in dem Roman zur doppelt Verfolgten. Von Deutschen wird sie ins KZ deportiert. Als sie heimkehrt, wird sie von den Tschechen als Deutsche vertrieben. Ihren Landsleuten hielt Denemarková damit selbstgefälligen Nationalstolz unter die Nase, demaskierte die „unschuldige Opferrolle“ Tschechiens. Radka Denemarková wurde 1968 in Kutná Hora geboren (Kuttenberg), in Mittelböhmen, östlich von Prag. Sie ist die Tochter einer Köchin und eines Grundschulleiters. Deutsch betrachtet sie als ihre zweite Muttersprache. Heute lebt sie als freie Autorin, Essayistin und Übersetzerin in Prag. Ihre Romane wurden in 20 Sprachen übersetzt. 2024 wurde sie mit der „Verdienstmedaille 1. Grades“ ausgezeichnet, gleich vier Mal erhielt sie den höchsten tschechischen Literaturpreis „Magnesia Litera“. Auf der Frankfurter Buchmesse wird sie mehrfach lesen und als Weltpremiere wird der Dokumentarfilm „Ich bürge für ein Wort mit meinem Leben“ von ihr zu sehen sein. 

Radka Denemarková: „Schokoladenblut“; „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“, beide übersetzt von Eva Profousová (Hoffmann & Campe, 34/24 €)

 

KRISTINA HAMPLOVÁ
Die 1997 Geborene schreibt viel über Musik und Popkultur, hat dazu auch einen Podcast. Der Blick auf die jungen Frauen der Gen Z ist ihr Thema. 

Kristina Hamplová. - Foto: Martin Spelda
Kristina Hamplová. - Foto: Martin Spelda

Bekannt ist sie in Tschechien außerdem für ihren Aktivismus gegen die „Kohlebarone“, Milliardäre, die ihr Vermögen mit dem Abbau von Kohle gemacht haben – auf Kosten der Umwelt. Noch dazu ist sie Gymnasiallehrerin.

Auf der Buchmesse stellt Hamplová ihren Debutroman „Lover/Fighter“ vor, der in Tschechien groß einschlug. Sie erzählt darin die Geschichte eines Mädchens aus Prag, das an der Gesellschaft verzweifelt und sich in Jugendbanden radikalisiert. Die Mädchen- und Frauenfiguren in Hamplovás Roman brechen mit den traditionellen Rollenbildern des postsowjetischen Prags. Wie die Männer greifen die Frauen zu Gewalt. Liebesbeziehungen zwischen Frauen werden nicht romantisiert.

Hamplová wird dafür gelobt, dass sie sich gegen den aktuellen Trend der weinerlichen oder rein selbstreferenziellen Frauenliteratur stellt. Tenor: Hamplovás Frauen klagen nicht, sie handeln!

Kristina Hamplová: Lover/Fighter. Ü: Kathrin Janka (Zeitkind, 23 €) 

 

JARKA KUBSOVA
Sie gilt als eine der aktuell angesagtesten feministischen Autorinnen und stellt auf der Frankfurter Buchmesse ihren neuen Roman „Im Licht des neuen Tages“ vor. Darin verschränken sich tief im böhmischen Wald die Schicksale zweier mutiger Frauen.

Jarka Kubsova. - Foto: Gaby Gerster
Jarka Kubsova. - Foto: Gaby Gerster

Protagonistin Elli zieht sich zum Arbeiten in ein einsames Haus zurück. In der Stille kehren ihre Kindheitserinnerungen zurück – besonders die an die Geschichten ihrer Großmutter, die immerzu von Viktoria erzählte.

Viktoria war eine Frau, die vom Dorf als „wahnsinnig“ abgestempelt wurde und wild im Wald lebte. Elli spürt Viktorias Geschichte nach. Der „Wahnsinn“ von Viktoria hat Gründe. Elli wird zur Ermittlerin und dabei von ihrer eigenen, traumatischen Vergangenheit eingeholt.

Wie schon in ihrem vorherigen Erfolgsroman „Marschlande“ gibt Kubsova Frauen eine Stimme, die aus der öffentlichen Erinnerung verschwinden sollten. Ihre Romane verknüpfen historische Recherchen mit realen Lebensgeschichten.

Jarka Kubsova: Im Licht des neuen Tages (Fischer, 24 €) 

 

ALICE HORÁČKOVÁ
Die Schriftstellerin und Journalistin macht sich in ihrem jüngsten Buch „Geteiltes Haus“ auf den Weg ins Sudetenland: nach Benecko. Es ist ein Ort ihrer Kindheit. Seine Dramatik versteht sie erst als Erwachsene.

Alice Horáčková. - Foto: Richard Klicnik
Alice Horáčková. - Foto: Richard Klicnik

Benecko war einst das höchstgelegene tschechische Dorf im Riesengebirge, alle höheren waren deutsch. Nach der Besetzung des Sudetenlandes 1938 wurde Benecko in zwei Hälften geteilt: Der obere Teil fiel dem Deutschen Reich zu, der untere ging an die Tschechoslowakische Republik. Nachbarn wurden zu erbitterten Feinden.

Alice Horáčková erzählt die Geschichte am Beispiel zweier Frauen: der Tschechin Zdenka und der Deutschen Anezka. Beide Frauen verlieren im Krieg so ziemlich alles – nur ihre Freundschaft nicht. Aufgrund ihrer Machtlosigkeit einerseits und ihrer Widerstandskraft andererseits wachsen die Frauen zusammen. Sie müssen das tägliche Überleben sichern, und bewahren trotzdem die Menschlichkeit im Ort. Alice Horáčková lebt in Prag. Auf der Frankfurter Buchmesse wird sie mehrfach aus „Geteiltes Haus“ lesen.

Alice Horáčková: Geteiltes Haus. Ü: Sophia Marzolff (Diogenes, 28 €) 

 

LENKA REINEROVÁ
Obwohl sie 2008 gestorben ist, nimmt Lenka Reinerová einen Ehrenplatz ein. Als deutsch-jüdische Pragerin war sie das letzte lebende Bindeglied zur weltberühmten Epoche der deutschsprachigen Literatur in Prag an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Lenka Reinerová.
Lenka Reinerová.

Ihr Vater wurde bei der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei deportiert, die Mutter im Ghetto Theresienstadt ermordet, die Schwester, eine Widerstandskämpferin, von der Gestapo ermordet. Trotzdem vermittelte Reinerová zeitlebens im Geiste der Versöhnung zwischen Tschechen und Deutschen.

Was sie am Leben festhalten ließ: die Solidarität unter Frauen. Ob im KZ, in Internierungslagern oder in der harten Nachkriegszeit, in den Werken Reinerovás halten die Frauen als Überlebenskünstlerinnen zusammen. Sie ehrt ihre Tapferkeit, ihren Mut und den beispiellosen Beistand untereinander. 2006 erhielt sie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Zu ihren bedeutendsten Werken gehören: Es begann in der Melantrichgasse (1985); Das Traumcafé einer Pragerin (1996); Alle Farben der Sonne und der Nacht (2003, alle Aufbau Verlag). 

 

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